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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #12 Nancy Faeser

Nancy Faeser ist seit 2021 die erste Frau im Amt al Bundesministerin des Innern und für Heimat der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Henning Schacht
Nancy Faeser ist seit 2021 die erste Frau im Amt als Bundesministerin des Innern und für Heimat der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Henning Schacht

Heute: Nancy Faeser
Bundesministerin des Innern | SPD-Mitglied | Rechtsanwältin

Learning 1: Frauen sind zwar gleichqualifiziert, brauchen aber trotzdem Förderung, weil viele an den eigenen Kompetenzen zweifeln. Mentoringprogramme und auch eine Quote, gerade in der Politik, sind noch nötig und richtig

Learning 2: Frauen sollten nicht immer nur auf die klassisch weiblichen Themen setzen, es braucht auch Frauen in der Innen- oder Finanzpolitik

Learning 3: Die Arbeit als Spitzenpolitikerin lässt sich mit dem Muttersein vereinbaren, auch wenn es manchmal schwierig ist. Man sollte die wichtigen Termine für die Kinder einhalten

Jule Gölsdorf: Sie sind Innenministerin und damit die erste Frau im Amt – bedeutet Ihnen das etwas?

Nancy Faeser: Es bedeutet mir persönlich viel, weil ich leidenschaftliche Innenpolitikerin bin und in diesem Amt auch Akzente setzen kann bei Themen, die vorher weniger im Vordergrund standen. Mir geht es um Härte gegen Straftäter und Extremisten, aber auch um mehr Empathie für die Opfer. Und eigentlich fand ich es schlimm, dass ich im Jahr 2021, als ich ins Amt kam, tatsächlich die erste Frau war. Es sollte doch längst selbstverständlich sein, dass auch in der Innenpolitik Frauen an der Spitze stehen.

JG: Glauben Sie denn, Sie haben das Amt anders ausgeführt, weil Sie eine Frau sind?

NF: Ja, ich glaube, dass ich eine andere Art habe zu führen. Ein Unterschied ist sicher, dass ich als Innenministerin das Thema Gewalt gegen Frauen in den Mittelpunkt gerückt habe. Dabei geht es mir ganz konkret darum, wie man diese Gewalt stärker bekämpfen und Frauen besser schützen kann. Dafür habe ich zum Beispiel eine rund um die Uhr erreichbare Anlaufstelle der Bundespolizei am Berliner Ostbahnhof eingerichtet, wo speziell geschulte Beamtinnen Frauen zur Seite stehen. Mir ist aber zugleich wichtig, dass wir begreifen, dass Gewalt gegen Frauen kein Problem von Frauen ist oder nur in bestimmten Schichten auftritt. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und kommt überall vor. Das muss noch viel stärker diskutiert werden.

Ich war kürzlich bei der Vorstellung des Films „Bis zur Wahrheit“ mit Maria Furtwängler. In dem Film geht es um sexualisierte Gewalt und die Regel, die immer gelten muss: Nein heißt nein. Oder nehmen Sie den Film „Die Macht der Frauen“ mit Natalia Wörner, die dort als Anwältin Opfer häuslicher Gewalt vertritt. Solche Filme sind wichtig, denn sie holen das Thema in die breite Öffentlichkeit. Auch sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist ein Thema, das ich in den Fokus genommen habe. Und – auch als Frau und Mutter – habe ich einen Blick darauf, wie wichtig Sicherheit im öffentlichen Raum ist, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln.

JG: Gab es Vorurteile, denen Sie ausgesetzt waren, weil Sie eine Frau sind?

NF: Gerade zu Beginn meiner Amtszeit wurde ich oft gefragt, ob ich mir das als Frau wirklich zutraue, ein so großes Ministerium mit 19 Behörden und über 85.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu führen. Das fand ich für das Jahr 2021 schon erstaunlich – und es zeigte, welchen Weg wir hier noch vor uns haben. Im Innenministerium haben sich dagegen viele gefreut, dass wieder eine Juristin an der Spitze steht.

JG: Sie haben sich früh in der Politik engagiert, sind mit 18 in die SPD eingetreten und waren 8 Jahre später schon Vorsitzende der SPD Schwalbach im Taunus. Das klingt so, als seien Sie früh karrierebewusst gewesen?

NF: Nein, ich habe mich vor allem ehrenamtlich engagiert, das war mein Antrieb. Ich habe das aber auch von zu Hause mitbekommen, mein Vater war Bürgermeister. Mir war es immer sehr wichtig, mich für andere einzusetzen und ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und gleichzeitig wollte ich auf eigenen Beinen stehen und habe meine Karriere als Anwältin gemacht, bis ich zur Bundesinnenministerin ernannt wurde.

JG: Ein Job, in dem man als Frau unter vielen Männern ist, oder?

NF: Ja, ein Thema als Anwältin war immer die Frage, was passiert, wenn man Kinder bekommt. Ist dann die Karriere zu Ende oder nicht? Da gab es aber ein paar starke Frauen als Vorbilder, die bewiesen haben, dass das nicht das Karriere-Ende sein muss. Dabei kommt es aber maßgeblich auf Rahmenbedingungen wie eine gute Kinderbetreuung an. Die Kanzlei, in der ich gearbeitet habe, hat das angeboten.

JG: Wie war es denn als junge Frau in der SPD?

NF: Für mich war der Einstieg schwierig, weil ich bei uns im Ort immer die Tochter meines Vaters war. Ich habe eine Weile gebraucht, als eigene politische Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Ich war wie viele andere junge Frauen damals skeptisch, wenn es um Frauenquoten ging. Ich hatte Jura studiert und wollte, dass ich aufgrund meiner Qualifikation weiterkomme in der Politik. Aber die gläsernen Decken gab es natürlich. Deshalb sind Quoten leider nötig. Und ich habe auch noch Zeiten erlebt, in denen man als Frau häufig zu viele peinliche Komplimente, zu viel unangemessene Annäherung erlebt hat.

JG: Wie sind Sie damit umgegangen?

NF: Ich hatte ein recht starkes Selbstbewusstsein, mich da drüber hinwegzusetzen. Aber vielleicht hätte es manchmal klarerer Worte bedurft, auch um andere davor zu bewahren.

JG: Wenn Sie heute junge Frauen erleben, in der SPD, oder in der Politik generell, was raten Sie denen?

NF: Ich würde immer den Rat geben, sich nicht nur typischen Frauenthemen anzunehmen, sondern allen Themen. Es sind immer noch viel zu wenig Frauen beispielsweise in der Innenpolitik oder der Finanzpolitik unterwegs.

JG: Frauenförderung ist ein großes Thema. Würden Sie sagen, dass Sie jemand sind, der Frauen fördert und wenn ja – wie?

NF: Ja, das mache ich gezielt. Ich habe viele Spitzenpositionen mit hochqualifizierten Frauen besetzt, die vorher von Männern besetzt waren. Gerade diskutiere ich mit unserem Personalrat die Frage nach einem Mentoringprogramm für Frauen im Bundesinnenministerium. Häufig schlägt mir entgegen: Frauen sind gleich qualifiziert, die brauchen keine besondere Förderung. Das teile ich nicht! Meine Erfahrung in der Politik ist, dass Frauen sich manche Führungspositionen nicht zutrauen und anders als manche Männer nicht im richtigen Moment zugreifen. Deswegen glaube ich, dass Mentoring, Begleitung und Unterstützung bis in Führungspositionen hinein wichtig ist. Das fehlt oft.

JG: Jetzt gibt es viele erfolgreiche Karrierestationen, interessant sind aber auch Misserfolge, weil man aus ihnen lernen kann, beispielsweise die Landtagswahlen, da haben Sie verloren. Können Sie gut mit Misserfolgen umgehen?

NF: Ich habe immer versucht zu reflektieren, mich selbst zu hinterfragen, zu schauen, was ich falsch gemacht habe. Wichtig ist, aus Fehlern zu lernen und mit neuer Stärke weiterzumachen.

JG: Was machen Sie dann, wenn Sie zuhause sind? Ablenken, zur Ruhe kommen?

NF: Sport macht mir den Kopf frei, Joggen ist wichtig. Und ich reite. Das ist das Beste, um den Kopf frei zu bekommen! Diese Auszeiten sind enorm wichtig. Jetzt ist mein Ausgleich natürlich auch mein Sohn, der 9 ist, da komme ich sofort auf andere Gedanken. Ein Kind erdet unwahrscheinlich und gibt einen anderen Blick auf die Welt.

JG: War es je eine Frage, sich zwischen Kind und Karriere zu entscheiden?

NF: Für mich war klar, dass beides gehen muss. Aber ich habe zugunsten meines Kindes auch schon einmal auf ein Amt verzichtet. Damals sollte ich schon mal nach Berlin wechseln, da war mein Sohn gerade zur Welt gekommen. Mein Mann und ich haben uns früh entschieden, dass unser Kind bei uns in Hessen in der Schule bleibt, wir wollten ihm keinen Wechsel zumuten. Das war eine gute Entscheidung. Und ich hoffe, dass ich für andere Frauen auch ein Vorbild sein kann, solche Wege zu gehen.

JG: Welchen Ratschlag haben Sie für Frauen mit Kind in der Politik?

NF: Das geht auch mit kleineren Kindern. Man kann das vereinbaren. Klar, man muss sich eingestehen, dass es nicht immer leicht ist. Und man muss die wirklich wichtigen Termine für die Kinder einhalten, also wenn es drauf ankommt, für sie da sein.

JG: Ist Ihre Bekanntheit ein Thema für Ihren Sohn? Gerade bei negativer Presse und Anfeindungen?

NF: Nein, da haben wir ihn gut geschützt. Was für meinen Sohn ein Thema ist, sind die Sicherheitskräfte um mich herum. Die sind unglaublich toll im Umgang mit ihm. Außerdem sieht er Fotos von Mama in den Zeitungen oder Berichte im Fernsehen, aber damit kann er gut umgehen.

JG: Ihr Sohn ist Einzelkind, Sie sind es auch, wie hat sich das bemerkbar gemacht?

NF: Ich war so ein Einzelkind, das immer Freunde gesammelt hat, das fand ich schön. Und ich mag es auch heute, viel Familie um mich zu haben. Einmal im Jahr fahren mein Mann und ich gemeinsam mit meinem Schwager, meiner Schwägerin und deren Familie in den Urlaub. Dieses Familienbewusstsein versuche ich auch meinem Sohn mitzugeben.

JG: Würden Sie ihm empfehlen, in die Politik zu gehen?

NF: Ja, na klar, sich jedenfalls einzusetzen für unsere Gesellschaft!

JG: Ich habe ja mein journalistisches Handwerkszeug bei den Kindernachrichten „logo!“ gelernt – da ist Ihr Sohn voll in der Zielgruppe von Kindern zwischen 8 und 12. Spielt denn Politik für ihn schon eine Rolle?

NF: Schon, er kriegt ja auch viel mit, trifft auch mal Kollegen von mir. Er schaut regelmäßig „logo!“, aber wir lassen ihn auch die Tagesschau mitgucken. Da ist es gut, miteinander zu diskutieren und zu erklären, ohne ihn zu politisieren, aber ihn eben am Weltgeschehen teilhaben zu lassen.

JG: Was wünscht er sich denn für Ihre Karriere – möchte er, dass sie wieder häufiger zu Hause sind?

NF: Er möchte, dass ich weitermachen kann. Aber er will natürlich auch, dass ich mehr Zeit mit ihm verbringe.

JG: Würden Sie denn sagen, sie haben alles erreicht in der Politik?

NF: Ich bin sehr gerne und mit ganzer Leidenschaft Bundesinnenministerin. Dieses Amt ist eine große Ehre. Aber ich ruhe mich nie auf Erreichtem aus, sondern möchte weiter gestalten und verbessern. Ich habe in dem Amt wichtige Weichenstellungen für unsere Sicherheit und für mehr Kontrolle und Steuerung in der Migration treffen können. Genau da möchte ich gerne weitermachen. Das Gleiche gilt für den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen. Dort haben wir wichtige Impulse gesetzt, die wir jetzt zu Gesetzen machen müssen. Dazu gehört die elektronische Fußfessel für Täter und verpflichtende Anti-Gewalt-Trainings für Täter. Da würde ich gerne noch einiges umsetzen!

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