Heute: Anna Pütz
Head of Marketing DACH Rituals Cosmetics
Learning 1: Play to win and love to care! Erfolg ist wichtig, aber gleichzeitig sollte man aufeinander achtgeben. Kein Erfolg um jeden Preis!
Learning 2: Aufgaben abzugeben, ist Empowerment! Wenn man dem Team früh Verantwortung überträgt, kann es daran wachsen.
Learning 3: Bleibe immer nah am Kunden, arbeite auf der Fläche, unabhängig von der Rolle und der Funktion. So baut man Kundennähe und -bindung auf.
Jule Gölsdorf: Du hast dich selbst als Female Leader mit Herz bezeichnet, was willst du damit aussagen?
Anna Pütz: Meine Aufgabe ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der mein Team sich wohlfühlt und seine Leistung erbringen kann. Denn wenn man sich nicht wohlfühlt und das Vertrauen fehlt, kann man nicht in die volle Leistung kommen. Und ich muss das in den täglichen Alltag bringen, der ja sehr schnelllebig ist. Wir müssen gemeinsam Herausforderungen meistern und ich muss den Weg dafür ebnen, sodass mein Team den eigenen Weg finden kann. Unsere Haltung ist: Play to win and love to care. Natürlich wollen wir erfolgreich sein, aber eben gemeinsam und indem wir aufeinander achtgeben – also kein Erfolg um jeden Preis!
JG: Welche Führungsqualitäten würdest du dir selbst zuschreiben? Management hat sich ja im Laufe der Zeit verändert?
AP: Ja, die Top-Down-Führung ist vorbei und das schon seit einer Weile! Mir geht es mehr darum, die Teams in die Prozesse zu involvieren und mitzunehmen. Man sagt nicht mehr: Mach einfach. Ich teile meine Gedankengänge, so kann man das Business besser verstehen. Bei mir geht es immer darum, dass die beste Idee am Tisch gewinnt, es geht nicht um die Person und den Titel. Wir sind der Sache gewidmet und nicht der Person. Bei uns sitzen auch Praktikanten mit am Tisch – jeder hat eine andere Sicht und das ist auch wichtig. Insgesamt geht es als Leader darum, die richtigen Leute zu finden, ihnen Vertrauen zu schenken, sie herauszufordern, im Austausch zu sein und dann irgendwann loszulassen und zu sagen: Ihr findet den Weg selbst.
JG: Hast du eine besondere Stärke, vielleicht auch, weil du eine Frau bist?
AP: Nicht unbedingt, weil ich eine Frau bin, aber meine Stärke ist, dass ich eine „Can-do“-Mentalität mitbringe. Ich bin grundsätzlich positiv, zuversichtlich, denke in Chancen und Lösungen und finden den Weg schon – auch, wenn er nicht immer gerade ist. Das gibt dem Team auch Sicherheit. Ich bin nach wie vor neugierig und möchte Neues lernen, ich glaube, das ist wichtig heutzutage. Mir macht das Spaß und es gibt mir Energie strategisches Denken mit Markenverständnis zu kombinieren. Ich kann nicht lange in der Theorie verweilen, das langweilt mich irgendwann, ich muss machen, ausprobieren. Und wenn es nicht klappt, wird der Kunde uns das schon signalisieren, dann können wir adaptieren.
JG: Gibt es auch Schwächen, die dir Mitarbeiter signalisieren? Oder welche, die du selber kennst und die du gerne überwinden möchtest?
AP: Na, klar. Weil ich neugierig bin, bringe ich immer neue Impulse rein und manchmal ist es dann für mein Team eine Herausforderung: Was machen wir jetzt? Da challenge ich sie unbewusst – das wurde mir schon vom Team gespiegelt. Wir Frauen versuchen immer, perfekt zu sein, wir haben eine feste Vorstellung davon, wie ein Job funktionieren soll, wie man auftritt – und ich habe gelernt: Das gibt es gar nicht, man muss den Wunsch ablegen, perfekt sein zu wollen. Das ist nicht so einfach, aber es ist ein Learning!
JG: Zu deinem Job gehört es auch, das Potential der Mitarbeiter zu erkennen. Manche schaffen es, ihre Fähigkeiten direkt zu zeigen, andere sind introvertierter, wie schaffst du es, zu erkennen, was jemand kann?
AP: Das war ein Prozess. Ich versuche herauszufinden, was Menschen motiviert. Was gibt dir Energie, was treibt dich an? Daraus kann ich mehr ablesen, als jetzt konkret nach Rückschlägen zu fragen. Da hat mir meine systemische Ausbildung geholfen, da lernt man, die richtigen Fragen zu stellen und sich selbst zurückzunehmen. Es gehört zur Rolle, Fragen zu stellen, keine Ratschläge zu geben und Raum für Antworten zu lassen.
JG: Diese Ausbildung zum systemischen Coach ist interessant, hast du das gemacht, weil dich das persönlich interessiert oder wolltest du das auch im Job anwenden?
AP: Im ersten Schritt war das persönlich, man lernt da sehr viel über sich selbst, wer du bist, wie du funktionierst, was dir wichtig ist und was deine Werte sind. Das hat mich gereizt, um daraus ins Fragen zu kommen. Mir hat das sehr viel gebracht, es ist immer gut neugierig zu sein und sich weiterzubilden. Das kann über eine Weiterbildung sein, über Bücher, Kurse, Podcasts, es gibt so viel Wissen da draußen. Aber natürlich auch durch Gespräche mit anderen Menschen aus anderen Branchen oder auch der eigenen.
JG: Als Führungskraft muss man auch in der Lage sein, Aufgaben abzugeben. Jetzt machst du ein Sabbatical – das passt dazu ganz gut?
AP: Ob ich das wirklich gut kann, wird sich zeigen, mein Gefühl sagt mir aber, dass ich das ganz gut gelernt habe. Auch abschalten kann ich mittlerweile – das war am Anfang schwer, weil ich meinen Job sehr liebe. Aber es ist auch schön zu sehen, wie ein Team seinen eigenen Weg findet. Abgeben bedeutet für mich auch Empowerment. Wenn man die richtigen Teams hat und ihnen früh Verantwortung überträgt, dann können sie daran wachsen. Das Sabbatical ist also ein Win-Win – für mein Team, weil sie jetzt Entscheidungen selbst treffen müssen– das ist doch das beste Leadership-Programm – und für mich auch, weil ich mehr abgebe, als ich das normalerweise in meinem Joballtag machen würde. Es ist toll, dass ich das machen kann – und es ist ja auch spannend für das Unternehmen zu sehen: Wie gut sind die Teams hinter der Führung?
JG: War diese Entscheidung für dein Unternehmen überraschend?
AP: Wir haben offiziell die Möglichkeit, ein Sabbatical zu nehmen, und dafür bin ich auch sehr dankbar! Ich habe meinen Wunsch intern im vergangenen Sommer angekündigt, die Vorbereitung lief also eine ganze Weile. Aber es ist ja eh immer die Frage: Who is the next you? Wer kann deinen Job machen, wenn du nicht da sein kannst oder willst? Ich möchte herangezogen werden, wenn mich jemand braucht, klar, aber eigentlich soll es auch ohne mich funktionieren – dann kann ich mich anderen Themen widmen und mich weiterentwickeln. Unser Business stagniert ja nicht, sondern wächst, da kommen sowieso immer neue Aufgaben, es geht immer weiter.
JG: Was versprichst du dir persönlich von dem Sabbatical? Eine Auszeit? Willst du etwas ganz Neues machen?
AP: Mich haben die meisten gefragt: Wo wirst du hinreisen? Jeder denkt, sie geht jetzt ein paar Monate irgendwohin. Ich habe ja aber meine Familie hier und will gar nicht weg. Ich möchte hier sein und den Dingen Zeit widmen, die im Alltag zu kurz kommen: Familie, Freunde, ein Buch in Ruhe zu lesen, einfach aus dem Job-Modus auszusteigen. Loszulassen wird die Aufgabe sein – außerdem beschäftigt mich auch die Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht in meiner Rolle bin? Ich würde mich da gerne ausprobieren – und es gibt schon eine Sache, die ich gerne machen möchte: Mal ein paar Tage alleine zu reisen. Das habe ich noch nie gemacht.
JG: Das heißt, du wirst wirklich nicht erreichbar sein für die Firma?
AP: Nein, ich habe zum Glück zwei Handys, ich kann das Firmenhandy und den Firmenlaptop weglegen. Ich werde aber auch nicht ständig darüber nachdenken, was passiert sein könnte, weil ich wirklich starkes Vertrauen in das Team habe, da bin ich positiv. Aber was soll auch passieren? Wir operieren ja nicht am offenen Herzen – von daher gibt mir das auch die Sicherheit, loslassen zu können.
JG: Du hast Rituals zu einer führenden Marke auf dem Kosmetikmarkt gemacht, das Unternehmen ist gut aufgestellt. Was waren gute, was waren falsche Entscheidungen?
AP: Erstmal ist das ein Team-Erfolg, ich habe das nicht alleine gemacht. Wir haben ein starkes Team in Amsterdam, eine Strategie und eine Vision, hinter der wir alle stehen, und lokal für unsere Märkte übersetzen. Eine Sache, die wir sehr früh lernen ist es, immer konsequent am Kunden zu bleiben – und das auch unabhängig von Rolle und Funktion. Wir gehen alle regelmäßig in die Stores und verkaufen auf der Fläche – Weihnachten und Ostern zum Beispiel. So schaffen wir es wirklich, eine Nähe zu den Kunden aufzubauen und eine Bindung herzustellen, die wichtig ist. Wir vertrauen darauf, konsistent auf unsere Markenphilosophie zu setzen, gleichzeitig aber am Zeitgeist zu bleiben und uns weiterzuentwickeln. Das besonderes Store-Erlebnis steht für Rituals im Vordergrund und ist ein großer Hebel. Wir wollen Menschen dazu inspirieren, sich im Alltag Zeit für sich zu nehmen – das steht in jedem Store an der Wand!
JG: Hast du auch Fehler gemacht, aus denen du gelernt hast?
AP: Klar, ich hatte auch schon Ideen, von denen ich dachte, die funktionieren total gut, und die sind beim Kunden gar nicht gelaufen. Oder jemand aus meinem Team hat mir gespiegelt – du hast da doch etwas vergessen. Manche Dinge funktionieren, manche nicht. Wir hatten auch Produkte, die hatten wir nur zur Probe, wie unsere Autoparfums, und dann haben diese plötzlich super funktioniert. Man muss sich ausprobieren, sich trauen. Da trifft dann die holländische auf die deutsche Mentalität. Die Holländer sind oft schneller, wir Deutschen denken viel in der Theorie, in Marktforschung, in Risiko und Nebenwirkungen, wir müssen uns da in der Mitte treffen. Ein Fehler könnten auch sein, das ich immer perfekt sein wollte. Ich habe nicht immer klar kommuniziert, was ich wirklich will. Was mir geholfen hat – das würde ich auch jedem empfehlen, der neu im Job ist – sucht die Herausforderung und wartet nicht.
JG: Preissteigerungen sind ein großes Thema für Kunden gerade, alles wird teurer, viele müssen den Gürtel enger schnallen, wir geht ihr als Premiummarke damit um?
AP: Wir merken im Konsumverhalten, dass wir uns da in unserer Positionierung klar unterscheiden, und das hilft uns sehr. Rituals ist vom Look & Feel und von der Produktqualität Premium, aber wir sind von der Positionierung im Bereich Accessible Luxury. Wir sind nicht im Drogeriemarkt, aber auch nicht Premium von der Positionierung, wir sind genau in der Mitte. Das hilft, weil wir für Kunden von beiden Seiten interessant sind, durch schöne, hochwertige Produkte, zu einem zugänglichen Preisniveau. Durch diese Preispositionierung können wir sagen, das ist der kleine Luxus im Alltag, den ich mir immer noch gönnen kann, wenn ich will.
JG: War dein Weg, Führungskraft zu werden, schon immer in deinem Kopf?
AP: Nein, ich habe mir auch nicht viel darunter vorgestellt, als ich noch jünger war. Für mich ging es eher darum, immer den nächsten Schritt zu machen. Und ich habe lange geglaubt, dass gute Leistung automatisch sichtbar macht – heute weiß ich, dass es oft mehr braucht, um wirklich wahrgenommen zu werden. Mir hat es geholfen, proaktiver zu sein, sichtbar zu werden. Das ist auch ein Teil von Leadership, klar, es gehört auch Glück dazu, aber eben auch, sich mit seinen Stärken zu zeigen und diese auch zu kommunizieren. Ich hatte lange keinen Mentor, der mir dabei geholfen hat, das kam erst bei Rituals dazu. Es ist wichtig, sich aus der eigenen Comfort-Zone herauszubewegen. Die Lernkurve findet nicht in der eigenen Comfort-Zone statt! Man lernt, wenn man rausgeht und etwas Neues macht – dann wird man selbst besser! Und es ist immer wichtig, nicht aufzugeben und Dinge nicht persönlich zu nehmen. Manchmal passt es einfach nicht, mach einfach weiter, dann wird die Zeit kommen! Ein Weg geht selten geradeaus.
JG: Hat es für dich einen Unterschied gemacht, dass du eine Frau bist, hattest du mit Vorurteilen zu kämpfen?
AP: Wir sind ja in einer Branche, in der es viele Frauen gibt. Das kam mir zugute. Ich hatte nie das Gefühl, benachteiligt zu sein oder nicht gehört zu werden, weil ich eine Frau bin. Ich weiß aber vom Austausch von anderen Frauen, dass es das gibt. Aber ich glaube daran, dass wir als Frauen nur stärker werden können, wenn wir für uns selbst und für uns gegenseitig einstehen. Ich glaube, dass das am besten geht wenn wir die Männer da auch einbeziehen. Fronten aufzubauen fühlt sich ungesund an, es geht nur gemeinsam.
JG: Wie wichtig sind Netzwerke für dich?
AP: Für mich geht es beim Networking mehr um die Gespräche, um aus der eigenen Bubble rauszukommen und einen Perspektivwechsel hat. Muss das sein? Nicht unbedingt, ist sicher typabhängig. Das muss jeder für sich selbst herausfinden, das kann funktionieren, aber es kann ja auch einfach Spaß machen, gemeinsam Zeit zu verbringen.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
AP: Ein Geschenk ist natürlich meine Familie und die Möglichkeit, meinen eigenen Weg zu gehen und dabei unterstützt zu werden. Auch von meinem Mann, der auch mal zurückgetreten ist, damit ich Vollgas geben konnte. Jetzt habe ich die Pause und er kann Gas geben. Ein Test waren Momente, bei denen ich mich neu sortieren musste. Ich bin halt sehr neugierig, habe Interessen in alle Richtungen – da ist es ein Test, mir nur eine Sache vorzunehmen und nicht 300 Sachen gleichzeitig. Das musste ich lernen, ich muss mich da konditionieren. Eine Strafe ist für mich, an Dingen festzuhalten, die sich nicht mehr richtig anfühlen. Dieses: Ich muss Dinge so machen, weil sie eben so sind. Und es gibt keinen Weg daran vorbei. Das ist für mich sinnbefreiend. Ich frage immer: Warum soll ich das machen? Wenn ich nicht verstehe, wofür ich etwas mache, ist das für mich eine Strafe.
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