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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #30 Johanna Krämer

Johanna Krämer auf marieclaire.de zu ihren Career Learnings.
Seit 2013 berichtet Johanna Krämer für DER AKTIONÄR TV

Heute: Johanna Krämer
Chefkorrespondentin und Moderatorin DER AKTIONÄR TV

Learning 1: Jeder darf und sollte an der Börse investieren – auch mit kleinem Vermögen kann man etwas erreichen, dabei reichen 20 Euro im Monat.

Learning 2: Macht euch nicht bei jeder Entscheidung verrückt. Die meisten Probleme lösen sich von allein und haben in ein paar Jahren keine Relevanz mehr.

Learning 3: Bleibt offen für neue Anlageformen, sonst verpasst ihr Trends! An KI und Kryptowährungen zum Beispiel kommt niemand mehr vorbei.

Jule Gölsdorf: Frauen investieren weniger an der Börse als Männer – wie erklärst du dir das? 

Johanna Krämer: Ich habe das Gefühl, dass sich der Frauenanteil erhöht, aber sicher rührt es aus früheren Zeiten her, als Finanzen ein Männerthema waren. Aber das ändert sich, Frauen wollen auf eigenen Beinen stehen und den Überblick über die finanzielle Lage haben. Und es gibt natürlich auch viele Möglichkeiten, wie man an der Börse investieren kann, mit neuen Anlageformen tut sich einiges! Und es sind auch nicht nur junge Frauen, die sich interessieren, sondern auch einige jenseits der 60, die viele Fragen haben und Interesse zeigen. Wir müssen die Frauen einfach noch ein bisschen mehr unterstützen und ermutigen, dann wird das schon!

JG: Es wird ja oft auch eher mit Jungs über Geld gesprochen als mit Mädchen?

JK: Ich habe ja beides, einen Jungen und ein Mädchen. Sie wissen, wo ich arbeite, aber verstehen noch nicht wirklich, was ich da mache. Meine Kleine sagt immer: „Mama ist bei Bulle und Bär.“ Aber bei den Girls’ Days sehe ich, dass sich gar nicht mal nur die Mädchen, deren Eltern im Bereich Finanzen arbeiten, für den Job interessieren, sondern viele finden das spannend. Ich finde es so schade, dass das ganze Thema Aktien, Finanzen, Steuern im Lehrplan so stiefmütterlich behandelt wird. Wenn Familien ihren Kindern das nicht beibringen, wissen sie gar nichts darüber. Da gibt es Nachholbedarf!

JG: Es gibt Studien, dass Frauen – wenn sie investieren – sogar erfolgreicher sind. Warum?

JK: Da muss man unterscheiden. Der Anteil der Händlerinnen ist immer noch gering und da gibt es das Klischee, dass sie konservativer sind, weniger risikofreudig, das kann ich nicht bestätigen. Es ist natürlich ein Unterschied, ob man für ein Unternehmen handelt oder mit dem Privatvermögen, aber trotzdem. Nicht nur Männer sind Risikobullen! Das ist eher eine Charakterfrage und keine geschlechtsspezifische.

JG: Wie sollte man denn investieren? Sollte man auch einfach nach eigenem Interesse gehen, weil das auch mehr Spaß macht?

JK: Als Laie ist es ja nicht so leicht zu erkennen, welche Trends es gerade gibt, die ändern sich auch schnell, KI ist ein Thema, Kryptowährungen. Aber um sich heranzutasten, ist es sicher gut, sich Themen zu suchen, die leicht verständlich sind, die einen interessieren. Schulklassen zum Beispiel finden die Disney-Aktien super! Da kann man die Marktlage auch ein bisschen einschätzen, wenn zum Beispiel kurz vor Weihnachten wieder ein großer Film mit dickem Merchandise rausgebracht wird. Da geht die Aktie nach oben – ebenso die Deutsche Post im vierten Quartal, weil jeder Weihnachtspakete verschickt. Aber klar, wenn man fürs Alter vorsorgen oder spekulieren will, muss man sich dann schon etwas tiefer gehend mit Aktien beschäftigen. Aber generell würde ich jedem raten: Stell dich breit auf und nutze nur einen kleinen Teil des Investments für spekulative Aktien – dann klappt es auch mit der Vorsorge.

JG: Frauen neigen ja dazu, sich nicht genügend zuzutrauen, erlebst du das auch an der Börse?

JK: Von den Frauen, die das hier hauptberuflich machen, eher nicht. Die sind so lange im Geschäft, die wissen schon, mit welcher Strategie sie was erreichen. Unter den Frauen, die sich einfach für das Thema interessieren, höre ich häufiger: „Ach toll, dass Sie das so gut erklären, man traut sich oft gar nicht nachzufragen, weil man dann dumm dasteht.“ Ich denke generell: Börse muss verständlich sein, egal wie trocken das auf den ersten Blick aussieht. Und dann trauen sich die Menschen auch nachzufragen. Was ich schön an der jungen Generation finde: Da stellt sich nicht mehr die Frage, ob Mädchen auch Raketenforscherinnen werden können. Das ist für die völlig klar und normal.

JG: Ab wann sollte man an der Börse einsteigen und wie viel Kapital braucht man?

JK: Man kann mit jeglicher Summe einsteigen, Eltern können auch schon ein Depot für die Kinder anlegen! Jeder muss sich halt fragen: Wie viel Geld habe ich dafür zur Verfügung und was möchte ich erwirtschaften?! Ganz wichtig: Die Gier darf nicht zu groß werden, sonst zahlt man am Ende ein hohes Lehrgeld! Aber ab dem Zeitpunkt, ab dem man ein bisschen Geld übrig hat, vielleicht sogar schon im Studium, kann man anfangen. Man kann 20 Euro im Monat in ein Produkt investieren.

JG: Wie bist du denn an die Börse gekommen, gab es eine Initialzündung?

JK: Ich habe mal meinen Mathelehrer getroffen, dem hatte eine Freundin erzählt, dass ich jetzt an der Börse bin. Seine Reaktion: Ach du liebe Zeit! (lacht) Für mich war das lange ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe vorher Tagesnachrichten gemacht und bin dann zur Börsenmedien AG gewechselt. Und erst dachte ich, das ist doch so trocken und antiquiert – dann habe ich aber verstanden, wie viel damit zusammenhängt. Das hat dann die Lust des Verstehens geweckt. Ob das ein Disney-Film ist, der Goldpreis, Weltkrisen, man sieht an einzelnen Unternehmen, wie es um die Wirtschaft steht. Trends, die vorher bei Wirtschaft und Börse gespielt werden, kommen früher oder später in unserem Leben an – und das geht auch immer schneller. KI hat man vor drei Jahren noch belächelt, jetzt benutzt es schon fast jeder.

JG: Die Börse ist immer noch männlich geprägt, wie war das zu Beginn deiner Karriere in der Finanzwelt?

JK: Ich bin ja eine Frau mit einem relativ losen Mundwerk und bin selten auf Widerstand gestoßen im Sinne von „das kleine Blondchen“ da. Ich hatte überwiegend das Gefühl, ernst genommen zu werden. Ich habe gefragt, wenn ich was verstehen wollte und gesagt, was ich denke. Lieber dreimal gefragt – ob Mann oder Frau – wenn man Interesse zeigt, bekommt man auch Antworten. Meine Neugier wurde immer positiv gewertet. Ich beobachte mit Sorge, dass die Anonymität von Zuschauern oder Lesern zunehmend dazu beiträgt, dass Benehmen und Anstand in den Hintergrund geraten. Ich habe zum Beispiel bei beiden Kindern bis kurz vor der Geburt gearbeitet. Das war völlig selbstverständlich, hat an der Börse nie eine Rolle gespielt. Zuschauer hingegen haben dann geschrieben: Muss die hochschwanger noch vor die Kamera? Verdient ihr Mann nicht genügend Geld? Aber hier vor Ort wurde ich wenig mit Vorurteilen konfrontiert. Wer austeilt, sollte auch damit rechnen, etwas einstecken zu müssen – und das gilt selbstverständlich in beide Richtungen.

JG: Würdest du irgendetwas anders machen in der Rückschau? Hast du Tipps für junge Frauen in der Finanzwelt?

JK: Ich würde die Dinge ausbauen, von denen man weiß, dass man sie gut kann. Und man sollte sich nicht verstellen. Wenn man ein loses Mundwerk hat – nutze es! Und, ich würde mich bei manchen Sachen nicht so verrückt machen! Man kann sich immer fragen: Hat diese Entscheidung in einem oder fünf Jahren noch Relevanz? Meistens ist das nicht der Fall. Ganz viele Probleme, die im Kopf riesengroß sind, erledigen sich in naher Zukunft von allein. Ein weiterer Tipp: Immer nachfragen! Hol dir Expertise von denjenigen, die schon lange dabei sind. Also, um Hilfe bitten und diese auch annehmen. Die Börsen- und Finanzwelt ist klein – es ist also wichtig, sich gut zu vernetzen und auch gut miteinander umzugehen. Und seid offen für neue Anlagemöglichkeiten, z. B. KI, Kryptowährungen, um beides kommt niemand mehr herum! Man sollte die großen Trends nicht verpassen.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

JK: Ein Test war die Furcht zu verlieren, on air und live etwas Falsches zu sagen. Heute denke ich: Sei einfach du und rede – und wenn du nicht weiterweißt, sei menschlich! Diesen Test musste ich ein paar Mal machen. Das haben Zuschauer vielleicht nicht gemerkt, ich aber schon! Eine Strafe war sicherlich, Leuten einen Vertrauensvorschuss zu geben, der dann schamlos ausgenutzt wurde. Also es hilft, sich die Menschen genauer anzuschauen, die man pusht oder die man einfach machen lässt. Ein Geschenk ist es, dass ich und auch andere Frauen sich aussuchen können, was sie tun, worüber sie berichten, und dass mir die Freiheit von meinem Unternehmen gegeben wird, den Fokus so zu legen, wie ich es für angebracht erachte.

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