CAREER_LEARNINGS

Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #27 Deborah Rothe

Deborah Rothe auf marieclaire.de zu ihren Career Learnings.
Deborah Rothe steht seit 2023 an der Spitze der Internationalen Tourismus Börse Berlin

Heute: Deborah Rothe
Director ITB Berlin

Learning 1: Routinen und eine gute Vorbereitung helfen, sich in einem neuen beruflichen Umfeld sicher zu fühlen.

Learning 2: Frauen dürfen eine eigene Meinung haben und selbstbewusst sein. Man sollte das eigene Können im Blick haben, aber auch die eigenen Grenzen kennen.

Learning 3: Niemand macht gerne Fehler, aber es ist wichtig, sie sich einzugestehen und dann daraus zu lernen.

Jule Gölsdorf: Als Chefin einer Reisemesse – können Sie noch unvoreingenommen Urlaub machen oder betrachten Sie alles mit einem professionellen Blick?

Deborah Rothe: Ich kann noch gut reisen, ich war gerade im Mai unterwegs. Mein Blick hat sich im positiven Sinne erweitert, ich achte mehr auf Details, mit Blick auf Service und Hospitality fallen mir vor allem die schönen Dinge auf, nicht nur die Negativen.

JG: Was sind denn aktuelle Trends, was das Reisen angeht? Man bekommt den Eindruck, Reisen sei teurer geworden?

DR: Das kommt darauf an, was man sucht, es gibt auch günstige Ziele. Aber die klassischen, Italien, Spanien, Griechenland, das europäische Umfeld, sind teurer geworden, das liegt an Standortkosten, aber auch daran, dass nachhaltige Lösungen gesucht werden. Grundsätzlich ist die Reiselust ungebrochen. In Deutschland hat der Inlandstourismus zugenommen, die Menschen reisen gerne im eigenen Land. Das Flugzeug ist nach wie vor eines der am meisten gefragten Verkehrsmittel und man sieht da eine Entwicklung. Die Lufthansa, aber auch Emirates, arbeiten intensiv an nachhaltigen Kraftstoffen, da ist Bewegung drin! Ich bin ein Freund von Weiterentwicklungen und Lösungen, statt auf Verbote zu setzen.

JG: Also glauben Sie daran, dass der Massentourismus überleben wird? Oder werden wir künftig virtuell reisen?

DR: Ich glaube daran, dass Menschen reisen wollen, aber wir brauchen eine andere Verteilung der Touristen in den Ballungsgebieten, wir müssen ländliche Regionen mehr nutzen. Neue Technologien sind eher eine Ergänzung. Ich kann mir vorstellen, dass Reisebüros mit virtuellen Reisen arbeiten, um das Erlebnis im Vorfeld klarer darzustellen. In Beratungsgesprächen kann das bestimmt helfen. Aber das wahre Reiseerlebnis besteht doch in der echten Begegnung mit dem Land und der Kultur. Es geht ja auch darum, Menschen miteinander zu verbinden, das funktioniert nur, wenn man sich persönlich trifft.

JG: Die alleinige Verantwortung für die ITB zu übernehmen, war sicher eine spannende Herausforderung, Sie sind jetzt im dritten Jahr, wie fühlt es sich an?

DR: Die ITB ist eine tolle Veranstaltung innerhalb einer spannenden Branche, ich fülle diese Rolle gerne aus! Ich musste mich ja offiziell bewerben und habe mich vorher auch lange damit beschäftigt, weil ich neben der Koordinierung einer Messe auch die Verantwortung sehe. Man steht im Mittelpunkt, muss Haltung beziehen zu gewissen Themen. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, ob ich das möchte und habe mich dann dafür entschieden. Ich glaube an Chancen im Leben, an Schicksal, das war eine Tür, durch die ich gehen wollte. Die größte Herausforderung war aber nicht nur, eine Meinung haben zu müssen, sondern auch die Führungsrolle an sich. Führung ist für mich keine Bühne, sondern ein Raum, den man betritt, in dem andere Menschen gemeinsam wachsen, denen man Inspiration und Vertrauen schenkt.

JG: Gab es trotzdem Momente, in denen Sie Angst vor der Aufgabe hatten?

DR: Man gerät ja immer wieder in Situationen, vor denen man vielleicht keine Angst hat, aber großen Respekt. Ich musste natürlich in die Rolle reinwachsen, man trifft Tourismus-Manager der ganzen Welt, internationale Persönlichkeiten. Ich setze auf Routinen und Vorbereitung. Und man lernt natürlich auch, indem man Sachen ausprobiert. Ich bin sehr strukturiert, brauche meine Routinen, den Kaffee am Morgen, meine Zeitung, die ich lese, ein Podcast auf dem Weg zur Arbeit. Es gibt mir eine gewisse Sicherheit, zu wissen, was in der Welt passiert.

JG: Wann gilt eine Reisemesse als besonders erfolgreich und wie würde ihre perfekte Messe aussehen, wenn es keine Budgetgrenzen gäbe?

DR: Wir waren erfolgreich, wenn wir es geschafft haben, der Welt eine Bühne zu geben, die Menschen zu erreichen, wenn wir Trends gezeigt haben und daraus ein Geschäft entstehen kann. Wir versuchen immer, über den Tellerrand hinauszuschauen, gerade mit Blick auf die künstliche Intelligenz haben wir uns gefragt, wie könnte die Reisemesse der Zukunft aussehen? Das ging von einem Around-the-World-Festival – also mit B-to-C-Bezug und damit dem Reisenden selbst, bis hin zu Matching-Rooms – wo man fragen kann: Was interessiert mich? Wen möchte ich treffen? Wofür brenne ich?

JG: Viele Branchen sind in der Führung männerdominiert, wie ist das in der Reisebranche? Und spielte es je eine Rolle, dass sie eine weibliche Führungskraft sind?

DR: Wir haben ein sehr ausgeglichenes Verhältnis und auch einen starken Aufschwung im Bereich weibliche Mitarbeiterinnen – auch in Führungspositionen. Ich werde häufig nach meiner Rolle als Frau gefragt, im Alltag ist das aber gar kein Thema. Mir wird der gleiche Respekt, die gleiche Neugier, das gleiche Interesse entgegengebracht. Aber die Tourismusbranche ist auch eine sehr vorausschauende, entwickelte Branche, die von Begegnungen lebt. Auch in der Messebranchen ist das Verhältnis Mann-Frau ausgeglichen, teilweise gibt es sogar mehr Frauen.

JG: Was bedeutet Führung denn für Sie persönlich und welche Herausforderungen gibt es für Frauen?

DR: Für mich ist Führung Vertrauen statt Kontrolle, Klarheit statt Mikromanagement, eben eher ein Raum und weniger ein Podest. Ich möchte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbinden in die Entscheidungen, gleichzeitig bin ich immer bereit dazu, sie zu treffen. Man muss Haltung beziehen, sich nicht klein machen, man darf sich als Frau auch groß fühlen. Wir sollten eine eigene Meinung haben, selbstbewusst sein! Das Wichtigste ist – generell, nicht nur als Frau – dass man sich selbst ernst nimmt, der eigenen Intuition folgt, dass man sein Können, aber auch die Grenzen kennt – und man sich traut, auch zu sagen, wenn man etwas nicht weiß. Man darf sagen: Das ist nicht meine Bühne, da kenne ich mich nicht aus, aber ich weiß, wen ich fragen kann.

JG: Wie stehen Sie zu Fehlern?

DR: Ich bin für eine offene Fehlerkultur, natürlich möchte niemand gerne Fehler machen, aber es ist wichtig, sie sich einzugestehen und daraus zu lernen. Nur so kann man besser werden.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

DR: Ein Geschenk ist, dass ich Menschen um mich herumhabe, sowohl privat als auch beruflich, die immer an mich glauben, die darauf vertrauen, was ich kann und die mich bestärken, meinen Weg weiterzugehen. Manchmal ist der Perfektionismus eine Strafe, ich will immer alles bis ins letzte Detail durchdringen, bevor ich mir eine Meinung bilde oder Entscheidungen treffe. Das macht starr und unbeweglich – da braucht es eher Leichtigkeit und Pragmatismus. Ein Test war eine berufliche Entscheidung – da war die Frage: Rückzug oder Haltung – und wir mussten uns für Haltung Entscheidung. Dabei ging es um die Corona-Zeit und die Frage, ob die ITB Berlin stattfindet oder abgesagt werden muss. Die größten Delegationen waren schon da, es wurde bereits aufgebaut. Wir mussten uns dann dafür entscheiden, abzusagen, weil wir nicht garantieren konnten, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Das war ein heftiger Test!

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