Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
CAREER_LEARNINGS

Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #14 Kathrin Hamm

Kathrin Hamm, Gründerin & CEO Bearaby. Foto: Stefanie Urban
Kathrin Hamm gründete 2018 ihre Firma Bearaby, welche u.a. Gewichtsdecken herstellt. Foto: Stefanie Urban

Heute: Kathrin Hamm
Gründerin & CEO Bearaby

Learning 1: Lieber auf ein Produkt fokussieren und das richtig gut zu machen, als auf viele, aber keins davon richtig!

Learning 2: Es braucht eine Supportkette: Tausche dich mit Menschen aus, die vor dir liegen, die auf dem gleichen Level sind und die dir nachfolgen!

Learning 3: Erfolg ist ein Langzeitprojekt! Wenn man nicht bereit ist, zehn Jahre für etwas zu brennen, ist Gründen vielleicht nicht das Richtige!

Jule Gölsdorf: Bist du als Gründerin von Bearaby – eines Unternehmens, das u. a. Gewichtsdecken herstellt, die unseren Schlaf verbessern können – jetzt selbst die perfekte Schläferin?

Kathrin Hamm: Perfekt nicht! Vielleicht habt ihr schon mal von Bryan Johnson gehört – dem „Don´t die“-Unternehmer, der niemals sterben will? Der hatte ja acht Monate am Stück den 100-Prozent-Sleep-Score. Der geht allerdings um 20:30 Uhr ins Bett – so gut bin ich nicht! Aber ich liege fünfmal die Woche im 90er-Prozent-Bereich.

JG: Warum schläft man unter Gewichtsdecken besser? Können die nicht auch einengen?

KH: Die Decken sollen schon schwer sein, das gleichmäßige Gewicht auf dem Körper tut gut. Studienbelegen, dass dadurch das Nighttime-Cortisol abgebaut wird, wodurch man tiefer schläft und auch einen höheren Melatonin-Wert hat. Diese Decken kommen aus dem psychiatrischen Bereich, weil Gewicht Menschen mit Angstzuständen hilft. Später wurden sie auch bei Kindern mit ADHS eingesetzt. Die herkömmlichen Gewichtsdecken sind aber mit Plastikkügelchen gefüllt, darunter konnte ich nie schlafen, weil mir das zu warm wurde. Meine Idee war, die Decken luftdurchlässig zu gestalten und nur schweres Baumwolle-Garn zu benutzen. Dann engen die Decken nicht so ein und sehen auch schöner aus. Wir hatten auch viele Farben, die gut ins Home-Dekor gepasst haben. Das hat uns geholfen, den Durchbruch in diesem Markt zu schaffen.

JG: War das auch Teil des Business-Plans, nicht so therapeutisch rüberzukommen?

KH: Ja. Ich war damals bei der Weltbank.Vorher habe ich lange  studiert und meine Eltern waren froh, dass ich diesenJob gefunden hatte – und dann kam ich mit der Idee um die Ecke, eigene Gewichtsdecken auf den Markt zu bringen. Ich war für den Job bei der Weltbank unter anderem in Indien stationiert und habe durch die vielen berufsbedingten Reisen und häufigen Jetlags Schlafprobleme entwickelt.  In dieser Zeit bin ich in einer Apotheke auf die Gewichtsdecken gestoßen.. Der Vibe rund um diese Decken war aber sehr medizinisch und vermittelte den Eindruck: „something is wrong with you“. Das waren eher Decken, die man versteckt hat, wenn jemand zu Besuch kam. Als wir unsere Brand dann näher definiert haben, war mir wichtig, dass wir in die komplett andere Richtung gehen: Also richtig farbenfroh, zum Beispiel ink und babyblau. Mittlerweile haben wir uns etwas angepasst, machen eher dezentere Farben, zum Beispiel woll-weiß – was halt gerade so im Trend ist.

JG: Mittlerweile habt ihr mehrere Produkte, ihr seid aber mit einem gestartet, nämlich der Gewichtsdecke. Macht es Gründen leichter, wenn man sich auf ein Produkt fokussieren kann?

KH: Wir haben die ersten 4 Jahre nur Gewichtsdecken gemacht und das war auch wichtig! Wir haben gebootstrapped, also auf eine externe Finanzierung verzichtet. Wir hatten zwar schon ein Patent angemeldet, aber das dauert ja, bis du es bekommst. So lange blieb ich erst mal vogelfrei, hatte wenig Geld und ich wusste, wenn jemand in den Markt kommt, der größer ist und mehr Geld hat, dann sind wir weg vom Fenster! Wir hatten also wenig Ressourcen, wenig Geld für digitales Marketing und haben eher kreative Wege gesucht. Wir wollten zeigen, dass wir die ersten am Markt waren, weil über den zweiten wird schon weniger berichtet. Deshalb haben wir Samples verteilt, uns für Innovationspreise beworben. Wir wollten nicht nur die Kategorie Home-Wellness ausbauen, sondern auch unsere Brand. Jetzt sagt jeder: „Bearaby, das sind die mit den Gewichtsdecken!“, dadurch ist es schwieriger, wieder aus der Schublade rauszukommen. Natürlich machen wir jetzt auch andere Sachen! Aber für den Beginn war es richtig, sich auf ein Produkt zu konzentrieren und das richtig gut zu machen und damit bekannt zu werden. Ich würde das wieder so machen!

JG: Du hast ja gesagt: Ich gebe mir genau ein Jahr, um zu sehen, ob die Idee funktioniert. Gab es viele Momente der Angst? Und wann war der Moment, an dem du wusstest, das wird was?

KH: Ich habe mir für die Gründung meinen Rentenfonds über 120.000 Dollar auszahlen lassen und hatte keinen Marketing-Background. Und ich hatte eine Crowdfunding-Kampagne managen lassen, für die ich im Vorfeld 30.000Dollar bezahlt hatte. Die wollten ein Video drehen – und das ist komplett schief gegangen! Da waren zwei nackte Darsteller unter der Decke, mit schmutzigen Füßen, also ganz schlimm! Und nach der Kritik ist die Agentur vom Erdboden verschwunden, mit meinem Geld! Danach saß ich auf der Couch und habe nur geheult! Im Nachhinein denke ich: Wie blöd kann man sein!? Dann siehst du parallel Freunde in deinem Alter, die Partner in Anwaltskanzleien werden und du verpulverst dein Geld. Und alle fragen: „Wie läuft es denn?“ Da habe ich mich gefühlt wie ein Versager! Da hat es geholfen, dass ich mir diese Ein-jahr-Frist gesetzt habe – sonst wäre ich zurückgegangen zur Weltbank und hätte das als schlechte Erfahrung verbucht Aber zum Glück konnte ich alle Rückschläge hinter mir lassen und nur nach vorn blicken. Und zum Glück folgten dann die ersehnten Erfolgsmomente. Nach dem Launch 2018 waren wir extrem schnell ausverkauft. Die ersten 800 Decken sollten für drei Monate ausreichen und waren innerhalb von zwei Wochen weg. Zudem war das Feedback der Kunden sehr gut, wir hatten eine Warteliste und schnell auch Anfragen von Retailern.

JG: Wenn es läuft, muss man dann auch liefern. Erzeugt das auch wieder Druck?

KH: Ja! Ich hatte aber eine tolle Mentorin, Sarah Kauss, die Gründerin von S´well-Bottles. Die war, als sie 100 Millionen Umsatz erreicht hatte, auf dem Cover eines Magazins und damals hab ich gedacht: Wenn man 100 Millionen hat, dann muss doch alles laufen! Aber ihr Rat war: „Wenn du bei 100 Millionen bist, dann wird alles nur noch komplexer.“ Und stimmt, auch im Rückblick betrachtet – wenn ich heute was falsch mache, dann sind gleich mehrere Millionen verloren, damals waren es eher 20.000 Dollar. Es wird alles      komplexer, ich mache jetzt nicht mehr die Anfängerfehler von damals. Wir haben expandiert, daher stellen sich nun andere Fragen: Welche neuen Produkte launchen wir? Und das Risiko steigt.

Klar, ich wurde routinierter. Ich wache nicht mehr nachts auf, wenn mal was mit einem Patent nicht läuft, da muss schon mehr passieren. Man entwickelt als Unternehmerin irgendwann einen iron belly, es braucht härtere Schläge, um mich umzuhauen! Aber die Schläge werden eben auch stärker, wenn man unternehmerisch wächst.

JG: Und was sind die Anfängerfehler, vor denen du warnen würdest?

KH: Nicht alleine kämpfen! Lieber schnell in Gründernetzwerke gehen, nicht scheu sein und Leute ansprechen, um sich Tipps und Empfehlungen geben zu lassen. Lasst euch Schritt für Schritt begleiten! Das hätte ich auch früher machen sollen. Jetzt habe ich Mentoren, die schon 2-3 Jahre weiter sind als ich. Und es ist genauso wichtig, Leute zu kennen, die an der gleichen Stelle sind, wie man selbst, um über aktuelle Challenges zu sprechen. Und man kann für die, die 3 Jahre hinter einem sind, den Weg ebnen. Es braucht die ganze Support-Kette. Und da entwickeln sich auch wertvolleFreundschaften.

JG: Gab es Stolpersteine, weil du eine Frau bist? Gab es Vorurteile?

KH: In den USA ist man da schon weiter als in Deutschland, dort gibt es starke Frauennetzwerke. Auch was das Funding angeht, hatte ich schon das Gefühl, auf Augenhöhe zu sprechen. Aber man muss natürlich zu einer gewissen Größe kommen. Als ich am Anfang die Crowdfunding-Kampagne hatte und mit Investoren gesprochen habe, da hieß es dann: „Komm mal wieder, wenn du fünf Millionen hast.“ Da gab es schon Situationen, wo Leute sich nicht mal die Idee anhören wollten, da ging es ums Geld, eine gewisse finanzielle Benchmark. Ich weiß nicht, ob das einem Mann auch so gegangen wäre. Ich hab zumindest männliche Unternehmer getroffen, die nach einer Powerpoint-Präsentation direkt 5 Millionen bekommen haben. Und bei mir hieß es, obwohl ich schon eine Million hatte, ich solle mal wieder kommen, wenn ich fünf hätte. Ich weiß aber nicht, ob es nur war, weil ich eine Frau bin, oder auch, weil ich ein „Firsttime-Founder“ohne Erfahrung war. Wäre interessant zu sehen, was wäre, wenn ich jetzt mit einer neuen Idee kommen würde. Vermutlich wäre es leichter!

JG: Wonach entscheidet ihr, ob ihr neue Produkte rausbringt?

KH: Das erste Ziel war, Marktführer bei den Gewichtsdecken zu werden. Das sind wir in den USA, das wollen wir auch in Europa und weltweit. Dann haben wir angefangen, Produkte zu launchen, zum Beispiel Körperkissen oder Wärmehelden, die auch nah an unserem Hero-Produkt liegen. Jetzt ist das Ziel, eine Marke zu werden, die ganzheitlichhilft, besser zu schlafen. Da geht es um alle Produkte     , die dazu passen. Mittlerweile haben wir eine Markengröße, die es möglich macht, dass die Kunden auch offen sind     , Neues auszuprobieren. Neben der Internationalisierung sind neue Produkte ein wichtiges Ziel für 2025.

JG: Würdest du es generell empfehlen, zu gründen?

KH: Man muss sich fragen: Was wäre gewesen, wenn? Für mich wiegt der Gedanke schwerer, dass etwas hätte funktionieren können, als das Risiko, zu scheitern! Aber das ist eine Typsache. Und: Erfolg ist ein Langzeitprojekt! Wenn man nicht bereit ist, zehn Jahre für etwas zu brennen und alles dafür zu geben, dann sollte man gut darüber nachdenken, ob das der richtige Weg ist. Wenn man etwas aufbauen will, das längerfristig besteht, dann geht das nicht in ein oder zwei Jahren.

JG: Macht es heute noch einen Unterschied, ob man eine Frau ist oder ein Mann?

KH: Ich glaube, es ist egal. Wenn du die richtige Motivation, den richtigen Biss mitbringst, macht es keinen Unterschied. Auch wenn die Statistiken noch gegen mich sprechen: Es gibt weniger Venture-Capital-Frauen, weniger Gründerinnenund weniger als 2 Prozent der Frauen halten Patente. vielleicht ist es auch eine Mindset-Sache, Frauen hinterfragen zu viel, anstatt einfach etwas auszuprobieren.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

KH: Bootstrapping war der ultimative Test: Mit wenig Geld ein Unternehmen aufzubauen, hat mich definitiv an meine Grenzen gebracht. Gleichzeitig habe ich dadurch aber auch einiges gelernt und bin persönlich viel gewachsen. Das größte Geschenk im Leben ist die Familie. Was Strafen betrifft, werden im Business Fehlentscheidungen schneller bestraft, als man schauen kann, und es gibt viele Dinge, die ich hätte anders machen können. Die wahre Strafe ist aus meiner Sicht aber, denselben Fehler zweimal zu machen.

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions