Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #13 Clara Gruitrooy

Clara Gruitrooy ist Gründerin von OWYO GmbH und seit 2017 Secretary General von EMA e.V.
Clara Gruitrooy ist Gründerin von OWYO GmbH und seit 2017 Secretary General von EMA e.V.

Heute: Clara Gruitrooy

Gründerin OWYO GmbH | Gründerin & Secretary General, EMA e.V. | Vorstandsvorsitzende Working Moms e.V.

Learning 1: Wenn man den inneren Impuls verspürt, einer neuen Aufgabe nachgehen zu müssen, sollte man den Sprung ins Ungewisse wagen!

Learning 2: Um Innovationen hervorzubringen, muss man Dinge ausprobieren, auch wenn man Gefahr läuft, zu scheitern!

Learning 3: Frauen sollten sich nicht nur darüber Gedanken machen, ob die Arbeit sie persönlich ausfüllt, sondern auch darüber, ob sie langfristig absichert, um sich vor Altersarmut zu schützen.

Jule Gölsdorf: Du hast OWYO – owe yourself a future – mitgegründet, einen Campus in Dresden, auf dem internationale Arbeitnehmer und Geflüchtete mit Schulungen, Praktika, Sprachkursen usw. dabei unterstützt werden, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Migrationspolitik ist ein brandaktuelles Thema so kurz vor der Bundestagswahl, wie nimmst du die Stimmung wahr?

Clara Gruitrooy: Gemischt. Wenn ich mit Unternehmen oder den Menschen in Dresden spreche, erfahre ich auf der einen Seite großen Zuspruch und Unterstützung für das Projekt, auf der anderen Seite spüre ich Vorbehalte wie ‚Wir müssen die Belegschaft mitnehmen, wir haben nicht so gute Erfahrungen gemacht, die Deutsch-Kenntnisse reichen nicht. Aber ich glaube fest daran, dass wir das gemeinsam schaffen.‘

JG: Wie bist du auf die Idee gekommen, OWYO zu gründen?

CG: Nach 15 Jahren Dienstjubiläum habe ich mich gefragt, was die nächste Herausforderung sein könnte. Ich habe mich vorher schon mit internationaler Zusammenarbeit beschäftigt, habe viel in Nordafrika und im Nahen Osten gearbeitet und mein Geschäftspartner kam aus der Immobilienentwicklung, dann gab es hier eine denkmalgeschützte Fabrikhalle – und schon war die Idee geboren:  Jetzt bieten wir seit einem halben Jahr neue Werkstätten und Lernmöglichkeiten dort an – Lernen, leben, arbeiten!  Wir arbeiten eng mit einer Geflüchteten-Unterkunft zusammen, um die Menschen schnell in den Arbeitsmarkt zu bringen. Gerade nach Solingen gab es ja die Debatte darum, Geflüchtete nur noch nach dem „Brot-Bett-Seife“-Prinzip zu unterstützen, anstatt die Potentiale und die internationalen Talente zu sehen. Wir haben einen großen Bedarf an Arbeitskräften – auf allen Ebenen. Da geht es nicht nur um Top-Ingenieure, wir brauchen in jeder Branche und auf jedem Level Mitarbeiter. Da setzen wir an und arbeiten mit den Behörden, etablierten Trägern und der Wirtschaft zusammen.

JG: Wie sind die Reaktionen und ersten Erfahrungen?

CG: Das Projekt wird positiv aufgenommen, aber es ist auch nicht immer leicht. Menschen, die seit Monaten oder Jahren auf der Flucht, die von einer Unterkunft in die nächste gewechselt sind, haben ihr Päckchen zu tragen. Sie vertrauen nicht so leicht und bei uns lernen sie, dass es gut ist, zusammenzuarbeiten. Das Wichtigste ist die deutsche Sprache, da bestehen auch die Unternehmen drauf, teilweise warten die Menschen aber monatelang auf ihren Kurs und man lernt Deutsch auch nicht in ein paar Tagen. Deshalb haben wir eigene Deutsch-Lernprogramme entwickelt, damit das schneller und besser funktioniert. Es ist interessant zu sehen, was die Geflüchteten an Erfahrungen aus den Herkunftsländern mitbringen und wo sie hinwollen. Viele sagen mir, dass sie nie gefragt wurden, in welchem Bereich sie arbeiten möchten. Da geht es nicht um überzogene Idealvorstellungen, sondern ganz pragmatische Ansätze. Da hat jemand vorher in einem Malereibetrieb gearbeitet und würde das gerne hier fortsetzen. Da liegen große Potentiale, die zum Teil bislang nicht gesehen werden. Zudem wird noch häufig strikt getrennt zwischen internationalen Fachkräften und Geflüchteten, dabei haben doch alle Fähigkeiten, die wir nutzen können. Wir wollen einfach, dass alle gefördert werden.

JG: Es ist auf jeden Fall ein spannendes Projekt! Was waren denn die größten Herausforderungen und Hindernisse bei der Neugründung?

CG: Die Herausforderung, ein Unternehmen zu gründen, kannte ich ja schon. Die größte Hürde war, sich für etwas Neues zu entscheiden. Den Schritt wieder ins Ungewisse zu gehen und das Alte loszulassen. Und auch die Komfortzone zu verlassen. Ich habe mit meinen Kindern in Berlin gelebt, da funktionierte alles, der Job, das soziale Umfeld. Und dann zu sagen: Wir wagen jetzt einen Neustart, gehen in eine Stadt, zu der wir keinerlei Verbindungen hatten. Ich bin alleinerziehend, musste die Kinder überzeugen, das war schon ein Sprung ins Ungewisse!

JG: Einige stehen vor der Frage, ob sich die Entscheidung für etwas Neues lohnt. Wann sollte man „springen“?

CG: Man kann natürlich nicht jedem dazu raten, aber es gibt diesen inneren Impuls, dass man einer anderen Aufgabe nachgehen möchte, eine Inspiration, die einen erfüllt. Und wenn man diesen Impuls spürt, sollte man zugreifen. Meine Kinder haben zu mir gesagt, Mama, wenn du von diesem Projekt erzählst, leuchten deine Augen. Wir kommen mit, wir sind dabei! Das waren natürlich perfekte Voraussetzungen.

JG: Hattest du trotzdem Ängste kurz bevor es losging?

CG: Natürlich! Es war schwierig, aus der Ferne eine Wohnung zu finden, einen Schulplatz in einem komplett anderen Schulsystem und so einen kompletten Haushalt parallel zwischen zwei ineinander übergehende Jobs umzuziehen, war eine echte Herausforderung. Aber auch in den neuen Job zu starten, von 0 auf 100 alles gleichzeitig aufzubauen: Teams, Netzwerke, Programme – man muss darauf vertrauen, dass sich das Puzzle am Ende zusammensetzt. Das kann ich nach den ersten Monaten zum Glück bestätigen. Man muss durch den Sturm durch! Meine Lernkurve war steil!

JG: Welche neuen Erfahrungen hast du im Vergleich zur ersten Gründung gemacht?

CG: Wir sind ja ein Gründungs-Duo, wir mussten erstmal unsere Visionen zusammenbringen, das hat aber gut geklappt. Dann war es für mich wichtig, mich als Neu-Dresdnerin hier zurechtzufinden, ein neues Team aufzubauen, mit flachen Hierarchien. Wir haben einfach losgelegt, durchaus auch mal experimentiert und sind alle miteinander daran gewachsen. 

JG: Was Frauen in Führungspositionen angeht, herrscht immer noch teilweise die Auffassung, Frauen müssten so sein wie Männer, um Erfolg zu haben. Kennst du das?

CG: Ja, ich kenne den Spruch natürlich. Ich persönlich bin immer gut mit gemischten, diversen Teams gefahren. Aber es ist noch viel zu tun. Im Vergleich zu Berlin ist in meinem neuen Umfeld noch viel zu tun. Gendergerechte Sprache ist vielfach noch nicht in den Institutionen angekommen, viele Panels sind noch rein männlich besetzt.Hier herrscht noch eine andere Führungskultur. Aber mich spornt das eher an – ich spreche ja mit vielen Menschen hier, um zu schauen, wie die Unternehmen funktionieren und versuche einfach authentisch zu sein.

JG: Du setzt aber voll auf flache Hierarchien und diverse Teams?

CG: Ja, weil wir unterschiedliche Kompetenzen einbringen und so stärker sind. Ich setze besonders auf den Mut, Dinge auszuprobieren. Das ist wichtig, um Innovationen hervorzubringen. Das würde ich jedem Unternehmen raten. Auch denen, die vielleicht einmal schlechte Erfahrungen mit einer internationalen Fachkraft gemacht haben. Ich sage dann: Lass es uns nochmal probieren und anders machen! Wir müssen den Mut für Innovationen aufbringen – auch auf die Gefahr hin zu scheitern!

JG: Kann man als Mutter gut gründen?

CG: Als Unternehmerin hat man natürlich nie Feierabend, man muss schon drauf achten, auch mal freizumachen, den Kopf abzuschalten. Das kann ich dank meiner Kinder besonders gut, weil es ihnen immer gelingt, mich sofort ins hier und jetzt zurückzuholen. Aber die beiden haben schon nach ein paar Wochen bemängelt, wie wenig ich abends zuhause war. Ich hatte sehr viele Einladungen, Netzwerk-Empfänge, die ich auch mitnehmen wollte, um Leute kennenzulernen. Ich habe viel gearbeitet, da muss man lernen, die Balance zu halten.

JG: War es für dich denn immer klar, neben dem Muttersein auch eine Karriere zu machen?

CG: Ja! Ich habe meine Kinder parallel zum Aufbau meiner ersten Gründung bekommen, habe aber keine Elternzeit genommen, ich habe die Kinder einfach mitgenommen – ins Büro, auf Reisen. Das hat für mich sehr gut funktioniert, weil ich mir alles selbst einteilen konnte. Aber ich sage nicht, dass es nicht anstrengend war. Aber es ist ja auch wichtig, dass Frauen in Arbeit – in vollzeitnahe Arbeit kommen. Natürlich muss nicht jede Frau immer Vollzeit arbeiten, das ist eine individuelle Entscheidung, aber im Hinblick auf die erschreckenden Zahlen zur Altersarmut sind insbesondere Frauen davon betroffen, die nur Teilzeit oder als Hausfrauen beschäftigt waren. Es ist wichtig, sich darüber frühzeitig Gedanken zu machen. Nicht nur darüber, was mir die Arbeit ganz persönlich gibt, sondern wie sie mich auch langfristig absichert und eine Karriere ermöglicht.

JG: Was würdest du jungen Frauen mit auf den Weg geben?

CG: Ich weiß, es klingt abgedroschen, wenn ich sage: Vernetzt euch! Aber ich bin ja in meinem Ehrenamt Vorsitzende bei „Working Moms e.V.“, da geht es um Mütter in Führungspositionen. Dieses Netzwerk ist – neben vielen anderen tollen Verbänden – wirklich besonders, weil man ausschließlich sparring partner hat, die alle auf ihre Weise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie meistern und man sich nicht rechtfertigen muss, dass man gerne arbeiten geht.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

CG: Für mich ist jeder Tag auf dieser Erde ein Geschenk, ich freue mich über jedes Jahr, das ich älter werden und auf mein ereignisreiches Leben zurückblicken darf. In einem viel früheren Lebensabschnitt habe ich einmal Jura studiert. Ich habe mich dort sehr schwer getan mit der Begrifflichkeit von „Schuld“ und „Strafe“. Ich versuche stattdessen immer wieder, in Lösungen zu denken und nach vorne zu schauen. Genau dieser „Test“, ob mir das auch wirklich gelingt, ist mir leider in diesem ohnehin schon sehr komplexen Jahr widerfahren. Nämlich als mein Vater nach schwerer Krankheit verstarb. Ich hatte für alle meiner Wirkungsbereiche ein gewisses Kontingent an Kraft reserviert, und auf einmal stand die Welt Kopf. In den Monaten der begleitenden Pflege und der Trauerarbeit innerhalb der Familie ist mir bewusst geworden, wie fragil alles ist und wie hoch der Mental Load für pflegende Angehörige.

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