Part 13 – Beauty with Intention: Was Amy Jackson über Schönheit, Nachhaltigkeit und die Freiheit vom Perfektsein weiß

 Der August hat seine ganz eigene Vorstellung von Schönheit

Anna x Amy. Foto: Lea Grimm

Foto: Lea Grimm

Make-up hält nicht mehr ganz so diszipliniert, wie wir es morgens aufgetragen haben. Die Haare werden von Sonne, Wind und Salzwasser verändert. Sommersprossen treten deutlicher hervor, Haut glänzt, Texturen werden sichtbar – und irgendwie verliert Perfektion bei 30 Grad ohnehin einen Teil ihrer Überzeugungskraft. 

Vielleicht ist der Spätsommer deshalb der beste Zeitpunkt, um über eine andere Art von Schönheit zu sprechen: eine, die weniger kontrolliert, weniger inszeniert und dafür umso persönlicher ist. 

Für diese besondere Ausgabe meiner Kolumne habe ich mit meiner lieben Amy Jackson gesprochen. Wir kennen uns seit einigen Jahren und haben uns jetzt in Aachen getroffen. Eine Frau, die seit ihrer Jugend die unterschiedlichsten Seiten der Beauty-Welt kennt: den Glamour internationaler Filmsets ebenso wie die stillen Momente zu Hause, das Spiel mit Make-up ebenso wie die Verantwortung, die heute hinter unseren Kaufentscheidungen steht. 

Unser Gespräch begann mit einer vermeintlich einfachen Frage: Was bleibt von Schönheit übrig, wenn man Beleuchtung, Mode, Make-up und Fotografie wegnimmt? 

Amys Antwort wurde zum roten Faden unseres gesamten Gesprächs – und vielleicht auch zu einer der schönsten Definitionen von Beauty, die ich seit Langem gehört habe. 

Anna x Amy. Foto: Lea Grimm

Foto: Lea Grimm

Schönheit ist nichts, dem wir genügen müssen

Amy wuchs in Liverpool auf, einer Stadt, in der Schönheit für sie schon früh Teil der Kultur war. 

„Die Frauen dort haben es immer geliebt, sich durch Mode, Haare und Make-up auszudrücken“, erzählt sie. „Es herrscht ein echtes Verständnis dafür, dass Schönheit etwas sein darf, das Freude macht – und nichts, dem man genügen muss. Sie ist kreativ, sozial und voller Persönlichkeit.“ 

Mit 16 Jahren gewann Amy Miss Teen World und lernte die Beauty-Industrie damit sehr früh kennen. Damals, sagt sie, sei Schönheit für sie vor allem etwas gewesen, das man im Spiegel sah. Heute gehe es ihr viel stärker darum, welches Gefühl ein Mensch hinterlässt. 

Die Frauen, die sie am meisten bewundert, seien freundlich, selbstbewusst und mit sich selbst im Reinen. Und genau das strahlt Amy auch aus. 

Nach Jahren auf Filmsets, umgeben von außergewöhnlichen Hair- und Make-up-Teams, gehören heute ausgerechnet die unglamourösesten Momente zu ihren liebsten: zu Hause auf dem Land, nach dem Reiten mit Schlamm an der Kleidung oder gemeinsam mit ihren Kindern. 

„Schönheit verschwindet nicht, wenn das Make-up abgewaschen ist“, sagt Amy. „Sie wird einfach zu etwas viel Tieferem.“ 

Ich mag diesen Gedanken, weil er Glamour nicht ablehnt. Amy liebt Beauty, Rituale und die kreative Kraft von Make-up. Aber sie macht ihren eigenen Wert nicht mehr davon abhängig. 

Vielleicht ist genau das die modernste Form von Schönheit: sich schminken zu können, ohne sich ungeschminkt verstecken zu wollen. 

Mehr Produkte bedeuten nicht automatisch bessere Haut

Auch Amy ist in eine Falle geraten, die wahrscheinlich viele von uns kennen. 

Ein neues Serum verspricht mehr Glow. Eine weitere Creme soll die Hautbarriere retten. Dann kommt ein Wirkstoff hinzu, den angeblich jeder braucht – und irgendwann besitzt man ein ganzes Regal voller Pflegeprodukte, ohne noch genau zu wissen, welche davon die eigene Haut eigentlich benötigt. 

„Ich dachte lange, mehr Produkte müssten automatisch bessere Ergebnisse bedeuten“, erzählt Amy. „Zeitweise hatte ich ein ganzes Regal voller Skincare und habe verschiedene Produkte übereinandergeschichtet, ohne wirklich zu verstehen, was meine Haut braucht.“ 

Heute ist ihre Routine deutlich reduzierter. Sie konzentriert sich auf eine gründliche Reinigung, Feuchtigkeit, Vitamin C und jeden Tag Sonnenschutz. 

SPF ist für sie nicht verhandelbar. Müsste sie sich für einen einzigen Beauty-Schritt entscheiden, würde sie immer den Sonnenschutz behalten. 

Durch ihre Zusammenarbeit mit L’Oréal Paris hat Amy zudem einen tieferen Einblick in die Forschung und Technologie hinter moderner Hautpflege bekommen. Für sie liegt die Zukunft von Beauty deshalb nicht in immer längeren Routinen, sondern in intelligenteren Formulierungen. 

„Effektive Hautpflege bedeutet nicht, möglichst viele Produkte zu besitzen“, sagt sie. „Es geht darum, wissenschaftlich fundierte Inhaltsstoffe zu verstehen und sie konsequent anzuwenden.“ 

Diese Haltung ist nicht nur vernünftig für unsere Haut. Sie ist auch ein Nachhaltigkeitsprinzip. 

Denn bewusste Beauty beginnt nicht zwangsläufig mit dem Kauf eines neuen „grünen“ Produkts. Manchmal beginnt sie damit, kein weiteres zu kaufen. 

Weniger ungeöffnete Verpackungen. Weniger halb verwendete Flakons. Weniger Inhaltsstoffe, die produziert, transportiert und schließlich entsorgt werden, obwohl wir sie kaum benutzt haben. 

Der vielleicht nachhaltigste Wirkstoff ist deshalb Konsequenz. 

Anna x Amy. Foto: Lea Grimm

Foto: Lea Grimm

Lieber gesund als makellos

Nach dem Beauty-Ritual gefragt, auf das sie niemals verzichten würde, bleibt Amy beim täglichen SPF. Bei einem Beauty-Trend, den sie gerne hinter sich lassen würde, muss sie dagegen nicht lange überlegen: dem ständigen Streben nach Perfektion. 

„Haut soll Textur, Bewegung und Charakter haben“, sagt sie. „Ich würde viel lieber gesund als makellos aussehen.“ 

Ein überraschend radikaler Satz in einer Industrie, die über Jahrzehnte davon gelebt hat, Frauen immer neue vermeintliche Probleme zu zeigen – und anschließend das passende Produkt dazu anzubieten. 

Poren wurden zu Makeln. Linien zu Fehlern. Das Älterwerden zu einem Zustand, gegen den man kämpfen sollte. 

Dabei sollte Beauty uns nicht dabei helfen, wie jemand anderes auszusehen. Sie sollte uns dabei unterstützen, uns selbst wiederzuerkennen. 

Auch Amy beschreibt, dass sie in jüngeren Jahren versucht habe, dem jeweils aktuellen Schönheitsideal zu entsprechen. Heute fühle sie sich viel freier. 

„Selbstbewusstsein bleibt sehr viel stärker im Gedächtnis als Perfektion“, sagt sie. „Schönheit sollte Frauen das Gefühl geben, mehr sie selbst zu sein – und sie nicht dazu bringen, jemand anderes werden zu wollen.“ 

Nachhaltigkeit ist mehr als eine schöne Verpackung

Wir sprechen inzwischen sehr viel über nachhaltige Beauty. Doch was bedeutet dieser Begriff tatsächlich? 

Für Amy beginnt Glaubwürdigkeit dort, wo Marken das gesamte Produkt betrachten – und nicht nur die äußerste Verpackungsschicht. 

Verantwortungsvoll gewonnene Inhaltsstoffe gehören für sie ebenso dazu wie durchdachtes Packaging, nachfüllbare Lösungen und Produkte, die so sinnvoll entwickelt sind, dass Menschen sie wirklich bis zum Ende verwenden, statt sie ständig gegen die nächste Neuheit auszutauschen. 

Aber Nachhaltigkeit endet nicht am Rand des Badezimmerschranks. 

Es geht auch um Forschung, Produktion, Energie, Lieferketten und die Bereitschaft eines Unternehmens, seine Auswirkungen ehrlich zu prüfen und kontinuierlich bessere Lösungen zu entwickeln. 

Amy schätzt Marken, die transparent kommunizieren, in Innovation investieren und nicht so tun, als hätten sie bereits alle Antworten gefunden. 

Denn wahrscheinlich ist genau das eines der größten Missverständnisse in der Nachhaltigkeitsdebatte: Wir erwarten Perfektion, obwohl glaubwürdige Veränderung meistens ein Prozess ist. 

Eine Marke muss nicht behaupten, makellos zu sein. Sie muss nachvollziehbar zeigen können, dass sie bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, dazuzulernen und Fortschritt messbar zu machen. 

Auch die Werte hinter einem Unternehmen spielen für Amy inzwischen eine ebenso große Rolle wie das Produkt selbst. Sie hat bereits aufgehört, Produkte zu kaufen, nachdem sie mehr über die jeweilige Marke erfahren hatte. 

Besonders wichtig ist ihr dabei der Tierschutz. 

Sie unterstützt Unternehmen, die in wissenschaftliche Alternativen investieren und verantwortungsvollere Wege bei der Entwicklung ihrer Produkte suchen. Dass Konsumentinnen heute sehr viel genauere Fragen stellen als noch vor einigen Jahren, sieht sie deshalb als ausgesprochen positive Entwicklung. 

Was Elefanten mit unserem Badezimmerschrank zu tun haben

Eine Erfahrung, die Amys Verständnis von Nachhaltigkeit besonders geprägt hat, war ihre Arbeit mit Elephant Family. 

Dabei habe sie erkannt, dass Artenschutz niemals nur den Schutz einzelner Tiere bedeutet. 

Es geht ebenso um Lebensräume, lokale Gemeinschaften und die Erkenntnis, dass ökologische und soziale Systeme nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. 

„Alles ist miteinander verbunden“, sagt Amy. „Wenn man das einmal aus nächster Nähe erlebt hat, ist es unmöglich, nicht anders über die eigenen täglichen Entscheidungen nachzudenken.“ 

Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen oberflächlichem Green Marketing und einem tieferen Nachhaltigkeitsverständnis. 

Eine natürliche Zutat ist nicht automatisch nachhaltig, wenn ihr Anbau Lebensräume zerstört. Eine recycelbare Verpackung löst wenig, wenn das Produkt darin kaum verwendet wird. Und ein schönes Nachhaltigkeitsversprechen ist wertlos, wenn Menschen, Tiere oder lokale Gemeinschaften an anderer Stelle den Preis dafür zahlen. 

Elephant Family hat Amy außerdem eine Erkenntnis vermittelt, die auch meine eigene Arbeit seit Jahren prägt: Nachhaltigkeit bedeutet nicht, in jeder Situation perfekt zu handeln. Es bedeutet, kontinuierlich bessere Entscheidungen zu treffen. Und wenn es auch nur kleine Schritte sind, führen sie in die richtige Richtung. 

Amy versucht deshalb, weniger zu kaufen, Qualität über Quantität zu stellen und Unternehmen zu unterstützen, die nachweislich in positive Veränderungen investieren. 

Nicht Perfektion, sondern Richtung. 

Nicht ein makelloses Image, sondern glaubwürdige Entwicklung. 

Fotos: Lea Grimm

Zwischen Liverpool, Indien und Paris

Besonders faszinierend finde ich, wie unterschiedlich Beauty in verschiedenen Teilen der Welt verstanden wird. 

Amy hat in Großbritannien, Indien und Europa gelebt und gearbeitet – und aus jeder dieser Kulturen eine andere Schönheitsphilosophie mitgenommen. 

Großbritannien gab ihr die Freiheit, sich durch Beauty auszudrücken. In Liverpool lernte sie, dass Haare, Make-up und Mode Spaß machen dürfen und Persönlichkeit zeigen können. 

Indien brachte ihr Schönheit als Ritual näher: Hair Oiling, Massagen und der bewusste Moment, sich Zeit für die eigene Pflege zu nehmen. 

Das Leben und Arbeiten in Europa wiederum ließ sie die Kraft der Einfachheit entdecken. 

„Die Pariserinnen beherrschen das besonders gut“, sagt Amy. „Diese selbstverständliche, mühelose Schönheit bewundere ich sehr.“ 

Ihre persönliche Philosophie liegt heute irgendwo zwischen Glamour, Self-Care und der Freiheit, sich nicht ständig anstrengen zu müssen. 

Vielleicht ist genau diese Mischung so zeitgemäß: Beauty darf sichtbar sein, Spaß machen und sogar extravagant werden. Sie muss aber nicht mehr jeden Tag beweisen, dass wir uns genügend Mühe gegeben haben. 

Self-Care, bevor das Haus erwacht

Auch Amys Vorstellung von Self-Care ist weniger glamourös, als es die sozialen Medien vermuten lassen. 

Sie trainiert, verbringt Zeit draußen mit ihrer Familie und den tierischen Familienmitgliedern, liest abends ein Buch, anstatt durch ihr Smartphone zu scrollen, und genießt eine Tasse Tee, bevor morgens der Rest des Hauses erwacht. 

Und sie versucht, ausreichend zu schlafen – wann immer ihre Kinder es zulassen. 

Es sind keine spektakulären Rituale. Keine perfekte Morgenroutine, die zwei Stunden dauert. Keine neue Liste von Produkten, die wir kaufen müssen, um angeblich besser für uns zu sorgen. 

Es sind kleine, wiederkehrende Entscheidungen. 

Amy hat verstanden, dass die Pflege der Haut nicht von der Pflege des eigenen Lebens getrennt werden kann. Schlaf, Bewegung, Ruhe und Zeit im Freien stehen vielleicht nicht in einer luxuriösen Verpackung auf unserem Badezimmerschrank. Für unser Wohlbefinden sind sie trotzdem unverzichtbar. 

Anna x Amy. Foto: Lea Grimm

Foto: Lea Grimm

Confidence gives beauty its meaning

Die wichtigste Beauty-Lektion ihres Lebens bekam Amy von ihrer Mutter: 

„Selbstbewusstsein gibt Schönheit ihre Bedeutung.“ 

Verlernen musste sie dagegen die Vorstellung, Frauen sollten Angst vor dem Älterwerden haben. 

Daran glaubt sie heute nicht mehr. 

Sie beobachtet in der Beauty-Industrie eine positive Entwicklung: weg von einem unerreichbaren Ideal ewiger Jugend, hin zu gesunder Haut, wissenschaftlicher Innovation und Formulierungen, die Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen unterstützen. 

Nicht jede Linie muss verschwinden. Nicht jedes Gesicht muss in jedem Alter gleich aussehen. Und nicht jede Veränderung ist ein Problem, für das wir sofort eine Lösung bestellen müssen. 

Vielleicht liegt Schönheit gerade darin, dem eigenen Gesicht zu erlauben, die Geschichte des eigenen Lebens zu erzählen. 

Die eine Frage vor dem nächsten Kauf

Am Ende unseres Gesprächs frage ich Amy nach einer kleinen Veränderung, mit der jeder Mensch schon morgen beginnen könnte. 

Ihre Antwort lautet: bewusster entscheiden. 

Bevor wir etwas Neues kaufen, sollten wir uns fragen, warum wir es kaufen. 

Braucht unsere Haut dieses Produkt wirklich? Verstehen wir, was die Inhaltsstoffe bewirken sollen? Werden wir es regelmäßig verwenden? Und werden wir es aufbrauchen, bevor wir uns nach der nächsten Neuheit umsehen? 

Schöne Haut entsteht nicht über Nacht. 

Sie entsteht durch kleine Gewohnheiten, Konsequenz und durchdachte Entscheidungen. 

Vielleicht ist das auch die schönste Botschaft für diesen August. In einer Jahreszeit, in der Haut wieder sichtbarer wird und vieles ein wenig müheloser sein darf, müssen wir Schönheit nicht neu erfinden. 

Wir dürfen sie genießen. 

Wir dürfen mit ihr spielen. 

Wir dürfen sie pflegen und schützen. 

Aber wir müssen ihr nicht länger genügen. 

Denn die Zukunft von Beauty liegt vielleicht nicht in einem weiteren Produkt. 

Sondern in mehr Wissen, mehr Verantwortung und dem Selbstbewusstsein, nur das auszuwählen, was uns wirklich nachhaltig guttut. 

Foto: Peter Müller

Anna Hiltrop hat ihren Bachelor-Abschluss in Fashion Luxury Retail Management mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Wirtschaft am renommierten Berkeley College in New York absolviert.

Bereits während ihres Studiums setzte sie sich intensiv mit nachhaltigen Projekten auseinander und wurde dafür 2022 mit dem Green Award sowie dem Model Icon of the Year Award ausgezeichnet.

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