Heute: Sophia Eltrop
Vorständin Finanzen IT und Personal naturstrom AG
Learning 1: Netzwerke sind wichtig, um weiterzukommen. Männer sollten dabei unsere Verbündeten sein, keine Gegner.
Learning 2: In der Führung ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel wichtig, um sich vorstellen zu können, wie Entscheidungen wahrgenommen werden.
Learning 3: Wer Beruf und Familie verbindet, darf sich Hilfe bei der Kinderbetreuung holen – das nimmt viel Stress.
Jule Gölsdorf: Du bist in der Energiewirtschaft tätig – eigentlich hat dir das dein Name schon mitgegeben, oder?
Sophia Eltrop: Absolut! Immerhin bin ich nach der Kohlgrube Sophia Jacoba benannt worden. Aufgewachsen bin ich in Bochum, meine Familie väterlicherseits kommt aus der Kohlebranche. Meine Mutter hingegen kommt aus der Landwirtschaft, sie hat mir den Blick für die Natur geöffnet. Jetzt arbeite ich für die Energiewende, ich bin quasi ein Konversionsprojekt! (lacht)
JG: Waren deine Wurzeln auch der Grund, dass du diesen Beruf gewählt hast?
SE: Ja, klar. Man muss wahrscheinlich familiär entsprechend geprägt sein, um in so eine Branche reinzugehen, das war nicht vermeidbar. Der Wunsch, die Energiewirtschaft nach der Kohle anders, nachhaltiger zu gestalten, passt dazu, wie ich sozialisiert worden bin.
JG: Die Branche ist ja immer noch sehr männlich dominiert, hat wirklich mal ein Chef zu dir gesagt, geh lieber heiraten und gib deinen Beruf auf?
SE: Ja, er sagte, es wäre doch schön, jetzt mal zu heiraten. Dass ich dann meinen Beruf aufgebe, war bei ihm gedanklich fest damit verbunden. Aber das ist über 30 Jahre her, da war ich noch in der Finanzbranche. Es hat sich viel getan seitdem. Damals war in vielen Köpfen noch nicht angekommen, dass sich die Welt ändert. Ich war die erste Frau in der Abteilung und ausgerechnet in seiner Einheit gelandet, das hat er als Schmach empfunden. Er hatte noch nicht begriffen, dass das der Anfang von etwas Neuem war.
JG: Aber du wolltest es wissen?
SE: Ja! Wobei ich nicht geahnt habe, was da auf mich zukommt. Es war wirklich kein einfacher Anfang. Mich hat das Thema Finanzen einfach interessiert, daher habe ich es lange durchgezogen – bis ich dann verstanden habe, dass ich in diesem Unternehmen nicht weiterkomme und gegangen bin. Man muss sich nicht alles antun. Wenn das gesamte Umfeld nicht förderlich ist, sollte man sich was Besseres suchen.
JG: Was würdest du anderen Frauen in so einer Situation raten?
SE: Das hängt vom Umfeld ab. Ich würde niemals raten, einfach aufzugeben. Aber zu verbissen sollte man auch nichtwerden. Da hilft ein Umfeld, das einen fördert. Es ist ein Abwägen: Man sollte sich nicht alles antun! Mittlerweile gibt es Räume, in denen anders – besser! – mit jungen Frauen umgegangen wird.
JG: Du warst zwischendurch auch im Osten, wie hast du die Rolle der Frau dort wahrgenommen?
SE: Die Rolle der berufstätigen Frau war im Osten deutlich besser. Hochschwanger 30 Männern zu erklären, wie die Dinge laufen, hätte ich mir in Westdeutschland kaum vorstellen können. Auch berufstätig ein Kind großzuziehen, war im Osten leichter, denn alle anderen Mütter haben auch gearbeitet. Aber auch im Osten gab es die Glasdecke, wenn es um die Top-Jobs ging – und sie ist immer noch da! Es ist auffällig: In der deutschen Energiewirtschaft gibt es deutlich mehr Frauen in der mittleren Führungsebenen – je weiter man die Karriereleiter hochblickt, desto weniger werden es.
JG: Was sind die größten Herausforderungen als Frau im Energiesektor?
SE: Die größte Herausforderung ist es wahrscheinlich, gute Netzwerke zu finden. Das müssen nicht zwingend nur Frauennetzwerke sein, aber allein durch die hohe Anzahl an Männern gibt es Netzwerke, in denen fast keine Frauen sind. In die reinzukommen, ist besonders schwer. Dabei ist Netzwerken so wichtig, um sich auf einer Ebene auszutauschen und zu bestärken. Um Frauen hier den Zugang zu ermöglichen, müssen auch Männer anders arbeiten wollen. Männer sollten Verbündete sein, wir müssen uns gegenseitig stärken, zusammenhalten!
JG: Ist deine Branche in Sachen Diversität da angekommen, wo sie sein sollte?
SE: Wir leben gerade in einer Zeit, in der die Gefahr besteht, dass Errungenschaften der Frauenbewegung und Gleichberechtigung wieder zurückgedreht werden. Das liegt auch daran, weil wir mit unserem Vorstoß einige Männer sehr verunsichert haben, indem wir die Räume, in denen sie sich sicher und unter sich fühlten, erobert haben. Dagegen wehren sich nun einige, die am damaligen Status quo festhalten wollen –teilweise leise, aber auch laut, wenn sich die Chance bietet. Da müssen wir aufpassen. Wir brauchen die Koalition mit den Männern, die auch eine andere, gleichberechtigte Kultur wollen. Nur so kommen wir weiter.
JG: Würdest du deine Branche jungen Frauen empfehlen?
SE: Unbedingt! Gerade erleben wir in der Branche mal wieder eine Zeit des Umbruchs. Wir sind bei naturstrom überzeugt von der Umstellung auf die strombasierte Welt, die mit erneuerbaren Energien läuft. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, die Frage ist nur, wie schnell wir da hinkommen. Wir sind überzeugt: Die Energiewende wird passieren– auch ohne Verzicht zu predigen. Das ist übergangsweise anstrengend, aber es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen. Es wird eine andere Energiewelt werden – und die ist für jeden, eben auch für Frauen spannend.
JG: Sind Frauen offener für erneuerbare Energien?
SE: Mein Gefühl sagt ja – auch wenn ich keine Statistiken kenne. Wäre spannend, das mal zu erheben! Frauen gelten ja als empathischer und Empathie ist ein wichtiger Schlüssel für jeden Wandel.
JG: Wie hat sich denn dein Blick persönlich auf den Klimaschutz verändert und wie nachhaltig lebst du?
SE: Das Potential, das wir in Deutschland haben, uns im Hinblick auf Energie unabhängiger zu machen, ist enorm. Eine andere, nachhaltigere Welt ist möglich, bezahlbar und realistisch Das zeigt mir auch meine Tochter, die sich stark dafür einsetzt! Als Familie fahren wir viel mit der Bahn, statt zu fliegen. Auch wenn ich lange keine Fernflüge mehr gemacht habe, würde ich sie in Zukunft nicht ausschließen. Denn es geht nicht um den großen Verzicht, sondern darum, dass eine bessere Welt möglich ist.
JG: Euer Vorstand ist zu zweidrittel weiblich, macht das einen Unterschied?
SE: Für mich ist das so normal, dass ich da gar nicht drüber nachdenke. Letztendlich kommt es doch darauf an, wie man führt: Es gibt auch Frauen, die patriarchal führen, und andererseits gibt es Männer, die Unternehmen oder Abteilungen empathisch und gleichberechtigt leiten. Wir haben einen Einfluss, indem wir diese Kultur einfordern. Das ist auch richtig! Das patriarchale Führen von früher ist outdated!
JG: Wie würdest du deinen eigenen Führungsstil beschreiben?
SE: Ich bin sehr reflektiert und glaube, dass ich ein hohes Maß an Empathie für die andere Seite habe. Der Perspektivwechsel ist wichtig. Ich möchte für alle erreichbar sein und verständlich erläutern, warum ich etwas möchte und die Dinge kommunikativ lösen.
JG: Es ist einfacher zu führen, wenn es läuft, am Ende hat man aber den Hut auf, muss auch mal Dinge durchsetzen, die andere ablehnen, wie nimmst du die Leute mit, auch wenn Veränderung schwer ist?
SE: Durch große Offenheit und Überzeugung. Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Wenn es andere Meinungen oder Zweifel gibt, muss man natürlich auch damit offen umgehen. Man kann und darf Konflikte verbalisieren. Bei naturstrom haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, eine gegenseitig Feedback-Kultur zu kultivieren. Dafür haben uns auf Leitungsebene trainieren lassen und im gesamten Unternehmen Weiterbildungen angeboten. Auch in der Führungsmannschaft muss man bereit sein, nicht nur Kritik zu geben, sondern auch welche zu bekommen und anzunehmen. Das leben wir als Vorstand vor.
JG: Hattest du eine Führungsposition schon immer im Kopf?
SE: Nein, das verdanke ich meinem Umfeld, ganz speziell einer Freundin, die mir den Gedanken eingepflanzt hat.
Als Mutter berufstätig zu sein, war für mich aber selbstverständlich. Dafür hatte ich Anregungen aus dem Ausland: eine amerikanische Gastmutter, die trotz vier Kinder arbeiten gegangen ist, mein Mann, der von einer französischen Mutter großgezogen wurde, die selbstverständlich berufstätig war, und seine Familie, die mich nach sechs Monaten mit Kind gefragt hat, warum ich nicht arbeite. Mit einer rein westdeutschen Biografie wäre ich wahrscheinlich nicht so weit gekommen, das Ausland ist da weiter!
JG: Wieviel Struggle gab es in dieser Doppelrolle?
SE: Einige! Zwischendurch habe ich meinen Mann sogar gefragt, ob ich nicht einfach zu Hause bleiben kann. Seine Antwort: Klar kannst du, aber dann müssen wir in eine kleinere Wohnung ziehen! (lacht) Als gebürtiger Franzose konnte er sich das auch gar nicht vorstellen, dass seine Frau nicht arbeitet. Zu Hause war unsere Rollenverteilung 50:50. Das ist gar nicht so einfach, man muss viel aushandeln, aber wir haben das gut hingekriegt. Für ihn war es auch keine Frage, dass er als Vater zu Hause und in der Kindererziehung genauso sichtbar wird wie die Mutter. Früher habe ich meinem Arbeitgeber übrigens viel weniger gezeigt, dass ich eine Familie im Hintergrund habe. Wir haben unser letztes Geld dafür ausgegeben, uns Hilfe zu holen, jemanden, der das Kind aus dem Kindergarten abholen konnte, Essen macht und bei der Ordnung unterstützt. Da hat uns viel Stress genommen.
JG: Lohnt es sich denn, für die eigene Karriere das letzte Geld für Betreuung auszugeben?
SE: Ja, für uns auf jeden Fall! Heute, zwanzig Jahre später, habe ich eine Tochter, die eine glückliche Kindheit hatte und gleichzeitig stolz auf ihre Mutter ist. Ich habe Selbstverwirklichung vorgelebt und, dass es auch als Frau wichtig ist, auf eigenen Beinen zu stehen..
JG: Würdest du etwas anders machen im Nachhinein betrachtet?
SE: Puh, gute Frage. Die eigene Karriere hängt ja nicht nur von einem selbst ab, es gehören auch Glück und gute Gelegenheiten dazu, die man auch erkennen muss.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
SE: Ein Geschenk ist definitiv, ein Kind großgezogen und trotzdem diese Karriere gemacht zu haben. Ein Test waren die beruflichen Anfänge, immer wieder mit dem Kopf gegen die Glasdecke zu stoßen und dann weiterzumachen. Über eine Strafe habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Vielleicht, dass ich mich 15 Jahre nicht genug um meine Gesundheit gekümmert habe. Das Gleichgewicht zwischen Beruf, Familie und Gesundheit, Sport hinzubekommen – das ist eine Herausforderung, die ich nicht geschafft habe. Das hole ich jetzt nach!
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