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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #36 Valerie Henssen

Zusammen mit Tessa Zaune-Figlar entwickelte Valerie Henssen das vegane Hundefutter “VEGDOG”

Heute: Valerie Henssen
Co-CEO VEGDOG

Learning 1: Hunde brauchen kein Fleisch an sich, sie benötigen Proteine und andere Nährstoffe – die bekommen sie auch aus pflanzlichen Alternativen.

Learning 2: Hinterfrage deine Vorhaben regelmäßig. Als Gründerin will man immer viel und schnell umsetzen – aber es ist wichtig, sich im Voraus gut zu informieren. 

Learning 3: Frauen sollten sich nicht durch die Familienplanung vom Gründen abhalten lassen. Es geht beides und ein Start-Up gibt auch viel Flexibilität, was Arbeitszeiten angeht.

Jule Gölsdorf: Ihr produziert veganes Hundefutter – viele denken, Hunde bräuchten Fleisch. Stimmt das gar nicht?

Valerie Henssen: Wir wurden da selber eines Besseren belehrt. Ich bin mit Hunden groß geworden und habe Tiermedizin studiert. Über Umwege sind wir darauf gekommen, dass veganes Futter sogar eine Lösung für Krankheiten sein kann. Tessas Hund Nelson, der auch unser Logo darstellt, hatte eine Futtermittel-Allergie, ein sehr leidiges Thema. Wir haben nach zwei Jahren Ausprobieren herausgefunden, dass er auf tierisches Protein reagiert – wie übrigens sehr viele Hunde! Der Hund braucht also nicht nur kein Fleisch, sondern kann sogar allergisch darauf reagieren. Aber er braucht natürlich Nährstoffe, Proteine und Aminosäuren. Und da stehen uns pflanzliche oder auch hochinnovative Fermentationsproteine zur Verfügung. Die kann ein Hund perfekt verdauen und verwerten. Statt Omega-3-Quellen aus dem Fisch gibt es ebenfalls pflanzliche Alternativen. Ein Hund ähnelt dem Menschen, was die Verdauung angeht – mittlerweile sogar mehr als dem Wolf.

JG: Du hast Tiermedizin und BWL studiert, bringst also die nötige Expertise mit, aber ein eigenes Futter zu entwickeln ist sicher nicht ganz einfach?

VH: Uns war vor allem die Spezialisierung auf Futter sehr wichtig, daher haben wir eine Tierärztin an Bord, die sich speziell damit beschäftigt. Zu Beginn von VEGDOG hat Tessa gemeinsam mit Tierärzt:innen die Rezeptur entwickelt. Das war aufwendig – und am Anfang reine Mathematik. Mittlerweile läuft es so: Wir starten die Produktion von Futter und Snacks. Weil im Konservierungsprozess Vitamine und Nährstoffe verloren gehen, lassen wir anschließend eine Vollanalyse in externen Laboren anfertigen, um zu sehen, ob alle Nährstoffe enthalten sind. Diese Sicherheit zu haben, ist uns super wichtig! Wir haben auch schon Analysen im Vergleich mit Produkten von Wettbewerbern gemacht und haben dabei oftmals besser abgeschnitten als die fleischhaltigen Produkte.

JG: Man kann einen Hund ja nicht nach dem Geschmack fragen – wie habt Ihr getestet, ob das Futter auch beim Vierbeiner gut ankommt?

VH: Hunde lügen nicht – entweder sie fressen das Futter oder nicht! Und man kann schauen, ob er das eine lieber frisst als das andere. Meiner sabbert bei manchen Snacks, bei anderen nicht oder weniger. Die Hunde haben schon ihren eigenen Geschmack, was die Produkte angeht. Wie bei anderen Marken auch, gibt es Hunde die unsere Produkte nicht so gerne mögen, aber man kann zum Beispiel auch unser veganes Futter mit einem fleischhaltigen mischen. Grundsätzlich sind wir aber stolz darauf, dass  unsere Akzeptanzquote hoch ist! Mit Umami-Noten durch Bierhefe erzeugen wir einen leckeren, fleischigen Geruch auf natürliche Weise.

JG: Wie ist die Idee eines veganen Futters angekommen?

VH: Wir sind aus einem persönlichen need heraus gestartet, haben also erstmal eine kleine Charge produziert – und wenn das nicht angelaufen wäre, hätte Tessa das einfach selbst verfüttert. Sie hat das Futter dann auf eine Website gestellt und in einer Facebook-Gruppe geteilt. In der Nische der Veganer:innen ist das relativ schnell auf Anklang gestoßen – da haben viele nach so einem Futter gesucht. Außerhalb der Bubble gab es einen ordentlichen Shitstorm – da haben wir ein sensibles Thema adressiert! Den Absprung haben wir geschafft, als wir bei Höhle der Löwen waren. Danach gab es sehr viel Zuspruch – vor allem aufgrund der Geschichte mit Nelsons Futterunverträglichkeit. Viele aus dieser Zeit sind auch heute noch Kund:innen, so ist eine richtige Community entstanden. Mittlerweile haben wir auch viele Kund:innen, die nicht unbedingt komplett weg vom Fleisch wollen, aber einen Teil mit VEGDOG ersetzen.

JG: Wie seid ihr damals mit den Angriffen umgegangen?  

VH: Ich war erstaunt, wie positiv wir damit umgegangen sind. Wir standen einfach zu 100 Prozent hinter unseren Produkten und hatten ja die wissenschaftliche Validierung. Unser Ziel war und ist, unser Wissen weiterzugeben, weil es einen Need gibt, das hat uns motiviert. Bis heute! Wir haben da eine wichtige Aufgabe und die Wissenschaft auf unserer Seite. Klar war das anstrengend und manche Kommentare waren unschön, aber wir haben gelernt, uns davon zu distanzieren und haben es als unsere Aufgabe gesehen, darüber zu stehen. Und wir haben schnell gelernt, mit wem es Sinn macht, ins Gespräch zu gehen und mit wem nicht.

JG: Würdet ihr anderen Startups eine Teilnahme bei Höhle der Löwen empfehlen?

VH: Das kommt auf das Produkt und die Strategie an. Für uns war der Auftritt Gold wert. Ich habe mich als Person damals gar nicht so gerne im Fernsehen gesehen, aber für das Produkt war es genau das Richtige. Zu diesem Zeitpunkt erwarteten viele unter veganem Futter etwas anderes, als es tatsächlich ist. Die Plattform hat uns die Chance gegeben, unsere Geschichte zu erzählen und zu zeigen, was wir mit VEGDOG vorhaben. Das hat unserem Community-Aufbau sehr geholfen. Am Ende muss man sich natürlich immer fragen und individuell entscheiden, ob man wirklich Investor:innen an Bord holen möchte und das richtige Produkt für die Show hat.

JG: An Investoren muss man auch berichten – das erzeugt ja auch Druck?

VH: Genau – und jeder Investor, jede Investorin hat eine andere Strategie. Ich hätte damals auch gar nicht so gut einschätzen können, welcher der Richtige ist. Darüber sollte man sich im Vorfeld Gedanken machen. Wir haben da Glück gehabt.

JG: Gibt es Stolpersteine oder Fehler, aus denen du gelernt hast?

VH: Man weiß ja nie, auf welche Hürden man trifft. Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich über den Markt gut informiert und flexibel bleibt. Als Gründer:in ist man weniger ein Zug, der auf der Schiene bleibt, sondern eher ein Schiff, das ausweichen oder einen Umweg nehmen kann, wenn ein Sturm kommt. Auch, wenn das passiert, ist es wichtig, das Ziel im Auge zu behalten. Und wenn man stolpert, ist es vielleicht genau richtig – auch um daraus zu lernen. Wenn wir Fehler gemacht haben, haben wir uns vorher nicht genügend Zeit genommen, um uns zu informieren oder haben das Vorhaben nicht richtig hinterfragt. Die Gründermentalität bedeutet ja, man möchte machen – aber da schießt man manchmal auch los, ohne sich vorher die richtigen Fragen zu stellen. Die letzten Jahre waren ja nicht leicht für Startups – ohne Fundraising und Finanzierung und Horrormeldungen aus den USA. Da hieß es:entweder man ist nach 24 Monaten profitabel oder man kann es lassen. Der Markt war unsicher. Wir haben da viel recherchiert und die Strategie daraufhin angepasst und auf Profitabilität gesetzt statt auf Wachstum. Das Team musste umlernen: Es geht um Kosten und nicht nur um Umsatz. Das hat uns gerettet. Hätten wir an der alten Strategie festgehalten, nur zu wachsen und Markenführer zu werden, weiß ich nicht, ob wir es geschafft hätten. Und wir lagen auch mal falsch, wenn wir uns bei Personalentscheidugnen nicht auf unser Bauchgefühl verlassen haben.

JG: Jetzt habt ihr kürzlich eine neue Finanzierung bekommen, warum habt ihr euch dafür entschieden? Ist jetzt Zeit für Wachstum?

VH: Unser Ziel ist es, Markenführer in Europa zu werden. Wir sind jetzt Kategorie-Leader – also führend in der Kategorie veganes Hundefutter auf dem europäischen Markt, aber wir wollen Markenführer werden. Das bedeutet starkes Wachstum. Je größer wir werden, desto größer ist unser Impact auf die Gesundheit des Hundes. Wir sehen, wieviel schief läuft in der Branche und wollen auch deshalb positiven Einfluss haben auf Tierleid und CO2 – also müssen wir so groß wie möglich werden. Dafür brauchten wir das Investment.

JG: Ihr habt auch ja auch noch Katzen vorgenommen?

VH: Ja – wir sind Tiermenschen. Ich bin mit vielen Tieren groß geworden. Aktuell lebe ich meine Tierliebe als Hundehalterin aus und würde ich nicht in der Stadt wohnen, hätte ich auch schon längst eine Katze.

Tessa lebt auf dem Land, hat auch schon eine Schafsherde gerettet und drei Katzen aus dem Tierschutz aufgenommen, um das Produkt entwickeln zu können. Das macht auch Sinn, weil man nie so streng entscheidet wie für das eigene Tier. Zurück zu deiner Frage: Wir haben gerade unseren ersten Katzen-Snack, die VEGCAT Pure Bites, mit innovativem Fermentationsprotein auf den Markt gebracht, und das Feedback ist super!

JG: Hat es bei euch eine Rolle gespielt, dass ihr zwei Frauen seid? Hat auch das geholfen oder euch behindert?

VH: Beides! Wir haben gespürt, dass das Bild der Frau im Business auf eine bestimmte Art und Weise geprägt ist. Deshalb wollen wir dagegen ankämpfen und ein neues Bild schaffen. Wir machen uns stark dafür, mehr Mütter und Väter in Führungsrollen zu sehen. Leider stehen Frauen immer noch stärker in der Betreuungspflicht, da braucht es noch systemische Veränderung. Gleichzeitig haben Frauen im Businesskontext mehr Sichtbarkeit bekommen. Jetzt fragen wir uns sogar manchmal, ob es gerade deshalb ein Investment gibt, weil wir female founder sind – Stichwort Frauenquote. Am Anfang war es trotzdem teilweise herausfordernd, wenn man da zehn Männern im Anzug gegenüberstand. Uns wurde im Investorenkontakt auch schon mal gesagt, dass wir bestimmt pessimistischer planen als Männer. Sie dachten also, bei uns ist mehr zu holen, weil wir vorsichtiger sind. Aber das kommt uns auch zu Gute.

JG: Wie siehst du Frauen in der Führung generell? Die Männer sind ja immer noch deutlich in der Überzahl …

VH: Ich finde das schade, vor allem, weil Frauen in Führungspositionen so viele positive Aspekte mit einbringen. Gerade die Mischung von Männern und Frauen macht es ja aus. Als Frau in den Gründungsjahren – also zwischen 20 und 30 Jahren – muss man die Elternzeit ja aktiv mit einplanen. Wenige Männer machen das, alle Frauen hingegen schon. Das ist oft ein Blocker in der Bereitschaft zu gründen. Wir sagen hingegen immer: Etwas eigenes aufzubauen, gibt am meisten Sicherheit, weil man nicht von anderen abhängig ist. Früher hieß es immer, man muss sich für Freiheit oder Sicherheit entscheiden. Ich sehe gar nicht, dass Gründen eine Entscheidung gegen Sicherheit ist. Ganz im Gegenteil. Ich bin erst im November Mama geworden – werde mich aber trotzdem nicht ganz aus dem Unternehmen rausziehen. Das kann man negativ bewerten, aber auch positiv. Ich bin komplett frei und selbstbestimmt. Ich muss nicht von 8 – 18 Uhr ins Büro! Ebenso haben wir für unsere Mitarbeiter:innen, die Kinder haben, viel Verständnis. Auch weil wir selber merken, wie wertvoll das ist. Gründen ist nicht riskant, für mich wäre es riskanter, alles in andere Hände zu geben.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

VH: Ein großes Geschenk war, dass ich Tessa kennengelernt habe und wir zusammengefunden haben. Es gehört ja auch Glück dazu, eine Partnerschaft im Unternehmen zu finden, die funktioniert. Ein Test in meinem Leben war die Suche nach meinem eigenen Weg. Ich habe Dinge ausprobiert, die vernünftig wirkten, prestigeträchtig klangen oder einfach interessant waren. Und jedes Mal habe ich gemerkt: Passt nicht. Kein Funken, keine Erfüllung. Ich hatte oft das dumpfe Gefühl „falsch abgebogen“ zu sein oder Panik, nachdem ich gefühlt alles auf eine Karte gesetzt habe und es dann doch nicht gepasst hat. Das war bei der Tiermedizin so. Meine große Leidenschaft stellte sich als Sackgasse heraus, jedenfalls beruflich. Das war sehr schmerzhaft. Und gleichzeitig war es wie eine andauernde Prüfung: Bleibe ich stehen und kämpfe mich durch einen Alltag, der mich nicht erfüllt? Oder gehe ich weiter, bis ich finde, was wirklich passt? Ich bin weitergegangen – nicht ganz bewusst, es ging fast gar nicht anders. Und so kam es zur Entscheidung gegen Tiermedizin – und zur Möglichkeit, mit Tessa VEGDOG zu gründen. Rückblickend bin ich dankbar, dass ich mich nie auf halbe Sachen eingelassen habe. Halbherzigkeit ist der Tod von Träumen und Erfüllung. Ich wurde getestet und habe weitergeträumt – bis mein Traumjob Realität wurde. Mit Strafen habe ich es nicht. Der Begriff setzt voraus, dass Fehler nicht erlaubt sind. Es impliziert Schuld ohne Lernprozess. Ich glaube eher: Fehler helfen uns, wenn wir sie erkennen. Dann schärfen sie die Perspektive.

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