Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
CAREER_LEARNINGS

Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #35 Amandine Clerc-Marie

Das Parfum Burberry Goddess wurde von der Senior Perfumerin Amandine Clerc-Marie kreiert. Foto: dsm-firmenich

Heute: Amandine Clerc-Marie
Senior Perfumer | dsm-firmenich

Learning 1: Eine starke Idee ist essenziell – gepaart mit Originalität, positiven Emotionen und einer unverwechselbaren Signatur.

Learning 2: Inspiration braucht nichts Außergewöhnliches; die Schönheit des Alltags ist vollkommen ausreichend.

Learning 3: Warte nicht auf Perfektion – lerne, im Regen zu tanzen!

Jules Gölsdorf: Wenn Sie beruflich mit Düften arbeiten, wie gut können Sie dann die alltäglichen Gerüche um Sie herum ertragen?

Amandine Clerc-Marie: Ich würde hier nicht das Wort „ertragen“ verwenden – als Parfümeurin finden Sie überall Inspiration. Das kann überraschend, beruhigend sein, und man braucht auch vertraute Düfte. Wenn man ständig neuen Gerüchen ausgesetzt wäre, würde man verrückt werden! Man muss sich in seiner olfaktorischen Welt wohlfühlen. Der Alltag kann wirklich wunderbar sein; man braucht nichts Außergewöhnliches, um Inspiration zu finden.

JG: Parfum und Duft verraten viel über einen Menschen – erlaubt Ihnen Ihr Beruf, Düfte von Personen anders wahrzunehmen als „gewöhnliche“ Menschen?

AC-M: Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht nehme ich das Parfum klarer wahr. Ein Duft kann etwas über die Stimmung eines Menschen verraten. Ich kann nur für mich sprechen, aber wenn es mir nicht gut geht, trage ich überhaupt kein Parfum. In solchen Momenten bleibe ich lieber zu Hause und vermeide es, andere zu sehen. Für mich hat ein Duft immer etwas Positives. Wenn ich mich gut fühle, trage ich ein Parfum.

JG: Wie sind Sie in die Welt des Parfums gekommen? Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Beruf zu ergreifen?

AC-M: Ich hatte Glück. Als ich klein war, arbeitete meine Mutter für ein großes Unternehmen, das Parfum herstellte. Wenn ich sie dort besuchte, war es Liebe auf den ersten Blick: Ich sah all diese schönen kleinen Flakons, die diese wunderbaren Düfte enthielten. Das war magisch für mich! Schon als Kind habe ich immer Kräuter aus dem Garten gemischt und versucht, ihren Duft einzufangen. Parfum hat mir gezeigt, dass es möglich ist, Gerüche zu bewahren – eine Bibliothek der Düfte.

JG: Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten sind für diesen Beruf essenziell?

AC-M: Man sollte sensibel und neugierig sein und natürlich braucht man Fantasie, denn die Kundinnen und Kunden wünschen sich jeden Tag Düfte, die es so noch nie gegeben hat. Außerdem muss man belastbar sein.

JG: Sie haben das Burberry Goddess Parfum kreiert, das Teil der Goddess-Linie ist – wie ist die Idee dazu entstanden? Wie gehen Sie an ein solches Projekt heran?

AC-M: Ich habe mit einer starken Idee begonnen – es ging um Stärke, Güte und Sucht. Für mich ist Vanille die Definition von Sucht. Ich wollte, dass der Duft ausgewogen ist und dennoch überrascht. Deshalb habe ich mich auch für Lavendel entschieden. Lavendel hat eine maskuline Qualität; er verleiht dem Parfum Stärke, ist aber zugleich frisch und unerwartet in einem Damenduft. Die Grundidee war also eine Harmonie aus Vanille und Lavendel.

JG: Wie viel kreative Freiheit haben Sie, um Ihre persönliche Handschrift in ein Projekt einzubringen?

AC-M: Ich beginne immer mit einer Idee im Kopf. Ich entwickle den Duft zunächst am Computer. Zuerst muss ich mir den Duft vorstellen und ihn aufschreiben. Die Nase kommt viel später ins Spiel – um zu überprüfen, ob das, was ich mir vorgestellt habe, funktioniert, ob Idee und Duft übereinstimmen. Der Geist ist der wichtigere Teil. Ein solcher Prozess braucht Zeit und ist komplex; an „Goddess“ haben wir mindestens zwei Jahre gearbeitet. Es geht nicht nur um die Idee, sondern auch um technische Aspekte, Mengen und viele Entscheidungen, die getroffen werden müssen.

JG: Die Branche ist stark männlich geprägt – wie zeigt sich das?

AC-M: Ja, das war lange Zeit so; früher gab es fast nur männliche Parfümeure, aber das hat sich geändert. Wenn man als Parfümeurin arbeitet, geht es jedoch nicht um das Geschlecht. Man ist einfach eine Künstlerin in einer bestimmten Branche. Ob Mann oder Frau – alle verfolgen dasselbe Ziel: das beste Parfum zu kreieren. Und wir arbeiten als Team zusammen.

JG: Haben Sie bewusst versucht, feminine Akzente in Ihre Arbeit einfließen zu lassen?

AC-M: Nicht wirklich, das ist nicht das, worum es in meinem Arbeitsalltag geht. Ich möchte einfach ein schönes Parfum kreieren. Natürlich bin ich eine Frau, aber ich denke nicht ständig darüber nach, etwas Feminines in einen Duft einzubauen. Schließlich haben Parfums eigentlich kein Geschlecht. Wenn ich an ein Parfum denke, geht es mir vielmehr um Originalität, positive Emotionen und die Signatur, die es trägt.

JG: Sie haben für große Marken gearbeitet, unter anderem für Burberry. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie besonders gut für den Beruf der Parfümeurin geeignet sind – vielleicht sogar besser als andere?

AC-M: Ich versuche einfach, gut in dem zu sein, was ich tue. Der Beruf ist nicht einfach, denn es besteht immer die Möglichkeit, dass man kein Projekt bekommt oder dass eine Idee nicht gut ankommt. In diesem Beruf braucht man Demut. Ich bin immer sehr glücklich, wenn den Menschen mein Parfum gefällt. Es ist ein Geschäft mit viel Wettbewerb.

JG: Wie sieht die Zukunft des Parfums aus? Glauben Sie, dass Parfum immer existieren wird? Und welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die sich in diesem Beruf etablieren möchten?

AC-M: Ich glaube, Parfum wird es immer geben; es bringt so viel Positivität und macht die Menschen glücklich. Wir brauchen Freude in dieser Welt! Für mich ist Parfum pures Glück! Ich kreiere sogar Düfte für mich selbst und für meinen Mann – etwas, das nur uns gehört. Jungen Frauen würde ich sagen: Haben Sie keine Angst und vertrauen Sie sich selbst! Und seien Sie Sie selbst! Man muss authentisch sein und einfach seinen Weg gehen.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in Ihrem Leben eine Prüfung, ein Geschenk oder eine Strafe?

AC-M: Ich glaube, niemand hat ein perfektes Leben; jeder muss Herausforderungen meistern, sei es in der Familie oder im Beruf. Auf dem Weg passieren Fehler – ich denke, es ist wichtig, aus ihnen zu lernen und nicht aufzugeben. Man sollte immer weitermachen. In Frankreich sagt man, man müsse lernen, im Regen zu tanzen. Man sollte nicht auf das perfekte Leben, den perfekten Job oder das perfekte Projekt warten – das verschwendet nur Zeit.

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions