Heute: Mirjam und Ellen Spinnenhirn
Gründerinnen der Corridge Food GmbH
Learning 1: Zu zweit gründen verteilt Last und Verantwortung – das macht belastbarer.
Learning 2: Ein Plan ist wichtig, aber Machen, Messen, Nachschärfen bringt Tempo.
Learning 3: Die Rahmenbedingungen in Deutschland sind anspruchsvoll – mit Transparenz, Community und Fokus kommt man trotzdem voran.
Jule Gölsdorf: Ihr habt als Mutter-Tochter-Duo gemeinsam „Corridge“ gegründet, quasi ein gesundes Porridge mit Collagen. Was sind Eure persönlichen Stärken und Schwächen?
Mirjam Spinnenhirn: Ich habe über 30 Jahre in Festanstellung gearbeitet – mit Schwerpunkt Backoffice, Zahlen und Prozesse. Ich gehe Themen gern gründlich und präzise an; das hilft in der Gründung, wenn es darum geht, Dinge sauber zu recherchieren und hartnäckig dranzubleiben. Ellen ist der kreative Motor: schnell, mutig, digital aufgewachsen – sie erinnert mich oft daran, auch mal einfach zu machen. Diese Mischung aus Detailtiefe und Tempo macht uns stark.
Ellen Spinnenhirn: Wir vereinen zwei Generationen – unterschiedliche Blickwinkel, die uns bereichern. Ich bin auf Social Media zu Hause und das Gesicht der Marke; meine Mutter verantwortet Zahlen und Buchhaltung. Wir ergänzen uns: Was die eine nicht kann, kann die andere. Ohneeinander wären wir nicht da, wo wir heute sind.
JG: Häufig gibt es ein natürliches Spannungsverhältnis zwischen Mutter und Tochter – gibt es das bei Euch gar nicht, oder nur im Privaten?
ES: Ehrlich gesagt: kaum. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir beruflich wie privat gut funktionieren. Wenn meine Mutter sehr detailgenau ist, sehe ich das als Qualitätscheck und manchmal sage ich bewusst: Das braucht es nicht – weiter geht’s. Rollen und Erwartungen sind klar, das nimmt Spannung raus.
MS: Konstruktive Kritik ist bei uns ausdrücklich willkommen. Ellen wurde öfter gefragt, wie man mit der eigenen Mutter arbeiten kann – ich nie. Wir waren im Leben immer wieder räumlich getrennt; vielleicht hat uns das gerade vorbereitet. Heute empfinde ich unser gemeinsames Projekt als Privileg: Es hat uns noch näher zusammengebracht. Und selbst wenn Corridge eines Tages nicht weiterginge – die gemeinsame Zeit, die Gespräche, die langen Autofahrten zu Messen – das hätten wir ohne Corridge nie erlebt.
JG: Wer ist denn mutiger von euch beiden?
ES: Ich würde sagen meine Mutter. Ich habe meinen Master abgeschlossen und stehe ja noch am Anfang meiner beruflichen Karriere. Meine Mutter hat nach 32 Jahren Festanstellung die Sicherheit aufgegeben und mit mir den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.
MS: Als wir gestartet sind, lebte Ellen noch in Lissabon – der Anfang musste also remote funktionieren. Neben meinem Teilzeitjob habe ich damals viel aufgefangen. Seit Januar bin ich Vollzeit im Unternehmen, Ellen nun seit rund acht Wochen.
JG: Wie seid ihr bei der Entwicklung vorgegangen?
MS: Ausgangspunkt war unser Frühstücksalltag. Ich habe Collagen schon viele Jahre in meine Ernährung integriert – zunächst als Tabletten, später als Pulver im Porridge. So entstand die Grundidee: ein glutenfreies, proteinreiches Porridge mit klarer Zutatenliste und ohne Zuckerzusatz, das wir selbst gern essen.
ES: Wir haben den Markt für Kollagen – vor allem Pulver – erst einmal gründlich gescreent. Wichtig waren uns nachvollziehbare Zertifizierungen, hohe Tierwohl-Standards und eine Rezeptur ohne Füllstoffe und hoher Bioverfügbarkeit – entsprechend anspruchsvoll war die Lieferantensuche.
Porridge gab es natürlich schon, auch High-Protein-Varianten. Die Kombination aus Bio-Hafer und Kollagen als Proteinquelle war zum Start unseres Projekts im Handel jedoch nicht zu finden – genau diese Lücke wollten wir schließen.
ES: Seit März des vergangenen Jahres sind unsere Produkte auf dem Markt; die Entwicklung dauerte rund neun Monate.
JG: Der Lebensmittelmarkt ist aber auch nicht einfach, oder?
MS: Wir sind unbefangen gestartet und haben schnell gemerkt, wie komplex die Gründung in der Food Branche ist: von Lebensmittelsicherheit und Kennzeichnung über Qualitätssicherung bis Logistik. In den letzten zwei Jahren haben wir enorm viel gelernt und saubere Prozesse aufgebaut. Wer aus der Branche kommt, kennt diesen Aufwand – wir haben ihn uns Schritt für Schritt erarbeitet.
JG: Wo wollt ihr denn hin mit Corridge? Zu Rewe oder in eine große Biomarkt-Kette? Was ist das Ziel?
ES: Wir haben zum Start gezielt getestet und sind inzwischen in rund 30 Edeka- und Rewe-Märkten sowie in zwei Reformhäusern und drei Hotels gelistet – ein guter Proof of Concept. Der Aufwand im stationären Vertrieb ist jedoch hoch, deshalb setzen wir den Fokus auf Online: Dort erreichen wir mehr Menschen, können besser erklären und direkt mit der Community in Kontakt bleiben.
MS: Online können sich Kund:innen in Ruhe informieren, unsere Inhalte lesen und uns direkt kontaktieren – das macht einen Unterschied. Kollagen ist hierzulande noch erklärungsbedürftig, deshalb setzen wir auf Transparenz und Content; viele stöbern gezielt auf unserer Website. Ergänzend sind wir über Shop-Apotheke und Amazon präsent. Grundsätzlich sehen wir uns im Bereich funktionaler Lebensmittel im Premium-Segment und konzentrieren uns auf Vertriebskanäle, in denen Beratung und Sichtbarkeit für erklärungsbedürftige Produkte möglich sind.
JG: Frühstückt ihr denn euer eigenes Produkt noch?
ES: Klar – jeden Morgen. Wir nehmen es sogar mit in den Urlaub, die ganze Familie isst mit. In meinen Kaffee rühre ich mir gern einen Löffel Kollagenpulver. Meine Lieblingssorte ist Kokos, Mama mag Banane. Auf Messen, wenn kaum Zeit fürs Essen bleibt, greifen wir oft mehrmals am Tag zu Corridge – praktisch, schnell zubereitet und gut mitzunehmen.
JG: Ihr wart bei „Höhle der Löwen“ – was habt ihr da mitgenommen?
MS: Vor allem Reichweite: Der Auftritt zur Primetime war ein echter Brand-Booster. Wir sind seit Jahren Fans der Sendung – der Blick hinter die Kulissen zeigt aber auch, was Fernsehen bedeutet: lange Drehtage, viel Material, das am Ende komprimiert wird. Authentisch, nur eben stark verdichtet. Besonders gefreut hat uns der Deal mit Jana Ensthaler – eine tolle Partnerin auf Augenhöhe.
ES: Wir haben auch Durchhaltevermögen mitgenommen. Der Drehtag war lang, ein Interview folgte dem nächste und selbst vor den Löwen steht man über eine Stunde. Das ist fordernd. Die Löwen fragen bewusst provokant und sagen klar, was sie denken – da darf man sich nicht verunsichern lassen. Wir waren damals noch kaum im Markt, unser Feedback kam vor allem von Freund:innen und Familie. Unser Fazit: Wir würden Gründer:innen die Teilnahme trotzdem empfehlen – allein wegen der Reichweite. Mit einem strategischen Partner an der Seite gewinnt man zusätzlich durch dessen Netzwerk.
JG: Viele Menschen wollen ja mitreden, geben einem ungefragt Ratschläge. Was habt ihr erlebt?
MS: Der Businessplan kam oft als erstes Thema. Wir sind pragmatisch gestartet: machen, messen, nachschärfen – ohne den Wert eines Plans kleinzureden. Auf die Gründung haben wir uns gut vorbereitet; entsprechend wenig ist schiefgelaufen, das würden wir wieder so machen. Ein Vorschlag war, Corridge verzehrfertig fürs Kühlregal anzubieten. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden: lieber frisch zu Hause zubereiten, ohne Einweglöffel und ohne Kühlkette.
JG: Welche Erfahrungen würdet ihr an junge Gründerinnen weitergeben?
MS: Zu zweit zu gründen verteilt Last und Zweifel. Wir haben Blut, Schweiß und Tränen erlebt – da war ich froh, Ellen an meiner Seite zu haben, gerade wenn die Motivation schwankte. Mein Respekt gilt allen, die allein gründen – das ist extrem anspruchsvoll.
ES: An das eigene Produkt glauben und konsequent durchziehen. Skepsis kommt manchmal sogar aus dem Freundes- oder Familienkreis: „Ihr schafft das nicht.“ Gerade dann gilt: dranbleiben. Man wächst mit jeder Herausforderung; ein bisschen Unbefangenheit kann am Anfang sogar helfen.
JG: Dass Euch auch mal jemand gesagt habt, dass ihr das nicht schafft, hat das was damit zu tun, dass ihr zwei Frauen seid?
MS: Wir hatten Situationen, in denen wir nicht ernst genommen wurden, ob das am Geschlecht lag können wir nicht sagen – besonders zu Beginn, etwa bei der Mühlensuche. Interessanterweise änderte sich der Ton, wenn mein Mann beim Termin dabei war, obwohl er mit dem Geschäft nichts zu tun hat. Die Branche wirkt mancherorts noch sehr traditionell, viele Entscheider sind männlich. Da fragt man sich schon, ob Konditionen mit einem Mann am Tisch anders ausgefallen wären.
Das erste halbe Jahr war entsprechend fordernd: Einige Agenturen wollten nicht mit uns arbeiten, und wir haben uns gefragt, ob wir uns schlecht verkauft haben. Heute sind wir klarer positioniert, verhandeln selbstbewusst und arbeiten mit Partnern, die uns auf Augenhöhe begegnen.
ES: Im Handel treffen wir häufiger auf Marktleiter als Marktleiterinnen. Unser Eindruck: Kollagen braucht dort teils mehr Erklärung, was Gespräche gelegentlich erschwert. Oft war ich allein unterwegs; als Gründerin Anfang 20 wird man mitunter anders eingeordnet. Das ist natürlich subjektiv – umso wichtiger sind klare Argumente und gute Aufklärung.
JG: Was würdet ihr euch diesbezüglich von der Politik wünschen? Wie können Frauen besser unterstützt werden?
MS: Grundsätzlich braucht die Start-up-Szene mehr Rückenwind – für Frauen und Männer. Der Zugang zu Kapital ist schwierig, während schon vor Markteintritt viele Kosten anfallen. Es gibt zwar Förderprogramme, sie zielen aber häufig auf „High-Innovation“. Auch marktnahe, solide Konzepte brauchen Anschub. Zudem sind Prozesse und Vorschriften komplex; hier wünschen wir uns weniger Bürokratie und schnellere Entscheidungen.
ES: Vieles ist eine Frage der Fehlerkultur. In den USA heißt es: dreimal gründen, dreimal scheitern – und beim vierten Mal klappt’s; das gilt als Lernkurve: keep going. Hierzulande wirkt ein erster Fehlversuch oft wie ein Drama; Scheitern wird schnell stigmatisiert – für Frauen mitunter noch stärker. Und nicht alle aus dem Umfeld gehen diesen Weg mit – das muss man akzeptieren.
JG: Ist das der Neid?
MS: Manchmal klingt es so – oft ist es eher Bewunderung gemischt mit Respekt. Viele sagten: „So etwas wollte ich auch immer machen.“ Meine Antwort: „Dann mach’s.“ Mut wird belohnt, aber das Start-up-Leben ist selten glamourös: Am Anfang investierst du vor allem Zeit, Nerven und oft auch eigenes Geld.
ES: In kurzer Zeit sind wir weit gekommen – nicht zuletzt durch „Die Höhle der Löwen“. Wir haben ordentlich Tempo gemacht und vieles hintenangestellt. Am Ziel sind wir noch nicht – unsere Vision ist groß.
MS: Wir arbeiten an weiteren Varianten im Bereich funktionaler Lebensmittel – mit wenigen, sorgfältig ausgewählten Zutaten und klarer Deklaration. Perspektivisch denken wir auch an Riegel. Jede Neuentwicklung kostet Zeit und Geld; deshalb gehen wir schrittweise vor und prüfen genau, was qualitativ und wirtschaftlich Sinn ergibt.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
MS: Das letzte Jahr war familiär herausfordernd. Für mich ist es ein Geschenk, morgens gesund aufzuwachen – man hält das für selbstverständlich, bis es einmal anders ist. Gesunde Kinder sind ebenfalls ein Geschenk. Tests gibt es immer; ich versuche, ihnen das Positive abzugewinnen. Und wenn sich etwas wie eine Strafe anfühlt, dann meist, weil ich zuvor einen Fehler gemacht habe – die Konsequenz bringt mich weiter und lässt mich lernen.
ES: Ein Geschenk sind für mich die kleinen Dinge. Selbst wenn bei Corridge mal etwas nicht klappt, erinnere ich mich daran, was für ein Geschenk es ist, dieses Abenteuer mit meiner Mutter zu erleben – das schätze ich sehr.
Das letzte Jahr war sicher ein Test: sich vielen Menschen zu stellen, mit unseren Produkten zu überzeugen – auch auf Social Media.
Als Herausforderung empfand ich die familiären Verluste des vergangenen Jahres, Menschen gehen zu lassen. Aber auch daraus kann man Kraft ziehen und Dinge wieder positiv anpacken.
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