CAREER_LEARNINGS

Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #29 Laurence Saunier

Laurence Saunier auf marieclaire.de zu ihren Career Learnings.
2018 hat Laurence Saunier Bears with Benefits zusammen mit Marlena Hien gegründet.

Heute: Laurence Saunier
„Bears with benefits“ | HAVEA Group | OMR50

Learning 1: Wenn man mit Kindern gründet, ist es besser zunächst auf Investoren zu verzichten, ohne ist man viel flexibler und kann arbeiten, wann man möchte – zur Not auch nachts!

Learning 2: Lasst euch von den Großen nicht einschüchtern, gründen ist super vielfältig, man kann auch mit einer banalen Idee super erfolgreich sein – auch ohne Millioneninvestitionen.

Learning 3: Nicht zu viel nachdenken und über-perfektionistisch sein! Einfach erstmal zu allem ja sagen, nein sagen kann man später!

Jule Gölsdorf: Ihr habt Euer Startup „Bears with benefits“ zum Millionenunternehmen gemacht – als wie verrückt empfindest du das?

Laurence Saunier: Das ist schon verrückt! Der Alltag verändert sich ja nicht von heute auf morgen, aber es ist erstmal ein Wahnsinnsgefühl. Beim Exit gab es einen Punkt, wo eine externe Firma unser Unternehmen bewertet hat, da haben wir erst realisiert, was wir da aufgebaut haben. Aber das ist ein Moment, danach ändert sich erstmal nichts. Ich habe meine zwei Kinder, meinen Mann, die Firma und mache einfach weiter. Man muss sich das immer mal wieder ins Gedächtnis rufen und das ist dann auch total schön!

JG: Wieviel war denn harte Arbeit und wieviel war Glück?

LS: Das ist ein zweischneidiges Schwert! Wir wehren uns immer ein bisschen gegen das Glück, das wird gerne gesagt, gerade bei zwei Frauen und Mamas als Gründerinnen.  Wir hatten es auch nicht so leicht, was Gespräche mit Venture Capitalists und Business Angels angeht, da hieß es gerne: Ihr werdet über 2 Millionen oder über 5 Millionen nicht hinauskommen. Als wir über die 5 Millionen hinaus waren und den Exit hatten, haben wir dann den Satz gehört: Ihr hattet Glück. Und da sage ich: Ganz so einfach ist es nicht! Aber klar, jeder erfolgreiche Gründer lügt, wenn er sagt, es ist nur Leistung. Natürlich braucht man Glück! Es braucht gutes Timing, man muss Chancen erkennen, aber man muss sie sich auch erarbeiten und viel ausprobieren. Und man braucht den Mut, ja zu sagen. Denn die Chance erkennt man meist erst hinterher, im vorhinein ist es oft ein Risiko. Und man muss sich auch aufs Gründen einlassen und einfach machen!

JG: Gummibärchen, die gesund sind, das klingt toll, war das auch die Idee dahinter?

LS: Ja, Nahrungsergänzungsmittel waren für uns schon immer Thema, wir sind ja beide Mamas, da greift man nach jedem Strohhalm (lacht). Uns hat das Tablettenschlucken immer genervt – und dass der Markt damals so unterinnoviert war. Das war ja eine angestaubte Kategorie in der Apotheke oder in den Drogeriemärkten. Wir haben gedacht, wir machen das anders und entwickeln ein Produkt, das uns als Mamas oder als Frauen auch ansprechen würde. Wir wollten was junges, modernes als Helferlein im Alltag. Da passten die Gummibärchen total gut! Die gab es ja in den USA und Asien schon. Wir wollten, dass die Verpackung hochwertig aussieht, deshalb das schöne Glas, dunkel, dass die Vitamine lichtgeschützt sind.

JG: Der Nahrungsmittelmarkt ist generell schwierig, ebenso wie der Markt für Nahrungsergänzungsmittel, es gibt ja gerade in Deutschland viele Regularien und große Player  – hat euch das nicht abgeschreckt?

LS: Nein, wir haben aber auch gar nicht so groß gedacht zu Beginn. Wir wollten ein kleines Helferlein entwickeln und dachten, wir verkaufen das mal bei Amazon. Wir hatten ja keinen Businessplan, wollten einfach etwas nebenbei machen. Wir waren zu dem Zeitpunkt ja beide bei einer Agentur, kannten uns also mit Marketing und Packaging ganz gut aus. Wir hatten einfach Bock, selber etwas zu entwickeln. Aber unser Geschäft hat sich schnell entwickelt, wir haben da einen Nerv getroffen.

JG: Jetzt muss man ja erstmal überlegen, wo produziere ich, wer garantiert mir, dass die Bärchen wirklich gesund sind, wie seid ihr da vorgegangen?

LS: Wir hatten eine Ernährungsmedizinerin an Bord, die hat uns auch in der Formulierung unterstützt. Wir hatten Lieferanten in Deutschland – wobei die erste Charge mussten wir in China produzieren, das wäre hier und auch in Europa nicht möglich gewesen, weil da keiner für 3000 Dosen eine Maschine anwirft. Die ersten Proben haben wir dann hier im Labor untersucht, um sicherzustellen, dass es keine Schwermetallbelastung gibt und die Vitamine auch die Konzentration haben, die wir angeben. Das hat natürlich gedauert, aber die Qualität war top! Wir hatten auch einen Lebensmittelsachverständigen, der alles kontrolliert hat. Und dann haben wir die Produkte bei Amazon eingestellt und Werbung gemacht. Wir sind im Nachhinein trotzdem ein bisschen blauäugig daran gegangen, aber das war ein Stück weit auch gut, wenn man sich zu viele Gedanken macht, dann machst du es nicht. Uns hat das richtig Spaß gemacht! Das fühlt sich schon gut an, wenn neben Family & Friends die ersten „echten“ Käufer kommen und dich auch noch gut bewerten.

JG: Ihr wart zumindest zu Beginn ein kleines Team – hat das auch belastet, mit der Familie nebendran muss man ja ne Menge rocken?

LS: Total! Auf der anderen Seite, wir waren das aus der Agentur gewohnt, da nehmen die Kunden ja gar keine Rücksicht auf Wochenende oder Kinder. Da hatten wir sowieso keinen 9-to-5-Job. Wir haben auch einfach so gebrannt dafür, das war einfach toll! Das war unser eigenes Ding! Endlich konnten wir alles so machen, wie wir es wollten. Klar war es schwer mit Kindern, man musste sich ran setzen, wenn die Kinder im Bett waren. Aber wir konnten den Tagesablauf auch flexibel gestalten. Bei einem Online-Business muss man sich ja nicht nach Öffnungszeiten richten. Am meisten gelitten haben unsere Männer und wir selber – also Me-time gab es jetzt nicht!

JG: Also würdest du sagen – ein Start-up eignet sich für Kind und Karriere?

LS: Das kommt natürlich auf das Start-up an, aber im Online-Bereich ja. Man darf die Kunden nicht zu lange warten lassen, aber man kann sich nachts dransetzen. Und man darf keine Investoren haben. Sonst hat man sofort Druck, muss berichten, Deadlines einhalten. Aber wenn man das alleine macht und bootstrapped, mit einem kleinen Team, dann hat man wenig äußere Einflüsse, nach denen man sich richten muss. Kehrseite der Medaille: Du hast immer was im Kopf. Groß abschalten ist da nicht!

JG: Wie ist es, als Freundinnen ein Business zu haben?

LS: Wir waren vorher nicht befreundet, sondern haben uns als Kolleginnen kennen und schätzen gelernt, wir wussten, wir können uns aufeinander verlassen, haben die gleiche Arbeitsmoral. Wenn man gründet, ist es schon wichtig zu wissen, dass der andere auch viel und hart arbeitet und schnell und effizient ist. Die Freundschaft kam erst durch die Gründung und durch das gemeinsam durch dick und dünn gehen.

JG: Wie waren die Reaktionen der Konkurrenten, in der Branche sind große Player, die schon hart sein können. Was habt ihr da erlebt?

LS: Das war hart, wir haben vorab nie darüber nachgedacht und haben uns auf das eigene Produkt konzentriert. Am Anfang wird man in Ruhe gelassen, aber mit dem Erfolg wird man angeschossen. Es gibt zwar EU-Richtlinien und klare Vorgaben für den Nahrungsergänzungsmittelmarkt, aber in der Praxis zeigt sich der Wettbewerb vor allem über Abmahnungen. Das heißt: Die Player im Markt suchen gezielt nach kleinsten Fehlern, um Konkurrenten anzugreifen. Auch wir waren betroffen, sogar große Pharmakonzerne haben versucht, uns so unter Druck zu setzen. Es stand einmal im Raum, dass wir unseren Bestseller vom Markt nehmen müssen, das hätte uns gekillt damals, das war David gegen Goliath. Aber zum Glück kam es nicht dazu, das war eine harte Zeit, ein echter rollercoaster, aber wir haben es geschafft! Und seit wir unser Unternehmen verkauft haben, werden wir in Deutschland mehr oder weniger in Ruhe gelassen.

JG: Ihr habt euch für den Verkauf eures Unternehmen entschieden, am Ende fiel die Wahl auf die HAVEA-Group. Warum?

LS: Wir hatten einige Angebote von Finanzinvestoren und auch von Strategen, bei einem reinen Finanzinvestor haben wir unsere Zukunft irgendwie nicht gesehen, wir wollten ja unsere Marke weiterentwickeln und wollten auch Knowhow in Sachen Produktion und Distribution reinholen. Das sprach eher für einen Strategen, ein großes Unternehmen. Und in HAVEA steckt beides. Das war für uns perfekt, smart money eines PE, aber über die Gruppe auch das Knowhow, Pharmavertrieb, Apotheken in Frankreich, Italien, Asien, es gibt eine hauseigene Produktion und Logistik, ein eigenes Labor. Da konnten wir viele Kompetenzen nutzen. Und das Gründungsteam, also der CEO von HAVEA, war selber mal Gründer und hat an HAVEA verkauft. Der hat auch ein Herz für Gründer, da haben wir uns gut aufgehoben gefühlt.

JG: Aber wolltet Ihr immer in der Geschäftsführung bleiben? Ihr hättet ja auch sagen können, wir sind raus und gehen jetzt auf Weltreise und chillen?

LS: Es war klar, dass wir bleiben, das ist ja unser Baby! Wir hatten aber Lust, es in einer größeren Struktur weiterzuentwickeln. Wir wollten unbedingt an Bord bleiben, klar, in einem anderen Setting, mit einem etwas größeren Team, dann macht man auch ein bisschen weniger. Jetzt haben wir auch mal Zeit an den Wochenenden und in den Schulferien! Jetzt ist tatsächlich der Zeitpunkt, wo wir uns ein bisschen rausziehen, haben eine CEO angestellt Anfang des Jahres, jetzt sind wir eher Markenbotschafter für die Themen und nicht mehr ständig operativ dabei.

JG: Wollt ihr Vorbilder für andere Gründerinnen sein?

LS: Ich sehe mich nicht so als Vorbild, aber wenn das anderen Mut macht, gerne! Ich finde es wichtig zu zeigen, dass gründen super vielfältig sein kann. Zu der Zeit als wir gegründet haben, musste man eine Techfirma oder bei McKinsey gearbeitet haben, um Geld zu bekommen und wahrgenommen zu werden. Heute braucht es das nicht mehr. Man braucht keinen Top-Lebenslauf mehr, kann auch ein bisschen älter sein, ich war schon Anfang 40, auch das geht! Viele lassen sich einschüchtern durch die Großen, denken, sie bräuchten eine Idee, die was mit Tech zu tun hat, und ein Millionen-Funding. Aber es geht auch ohne. Gerade Frauen haben ja einen Hang zum Perfektionismus, der bremst aber auch manchmal! Da ist es schön zu zeigen, dass man auch mit einem Konsumprodukt und nicht nur mit Deeptech sehr erfolgreich sein kann.

JG: Spielte es eine Rolle, dass ihr Frauen seid?

LS: Man sieht immer noch am Start-up-Monitor, dass es zu wenig weibliche Gründungen gibt. Da hat sich in den Zahlen leider nicht viel geändert, im Diskurs aber schon. Wir sahen uns schon auch mit Vorurteilen konfrontiert. Bei uns gab es immer Rückfragen: Wie macht ihr das mit Kindern? Ist das Commitment groß genug? Zwei Frauen? Ihr seid nicht aggressiv genug! Dann wurde angezweifelt, dass wir ohne Physikstudium den Algorithmus verstehen können. Ich glaube, das hätte sich ein Mann nicht anhören müssen! Wir haben ja auch nie eine Finanzierung bekommen! Stattdessen haben wir zu hören bekommen, wir seien ja so süß zusammen. Heute wird natürlich anders mit uns gesprochen.

JG: Was würdest du heute genauso machen und was anders?

LS: Das bootstrappen würde ich noch genauso machen, das ist zwar der härtere Weg, aber auch der freiere und unabhängigere. Und mit Familie kannst du alles besser organisieren. Und man kann auch über Darlehen Ware vorfinanzieren, anstatt Anteile abzugeben. Ich würde immer erstmal zu allem ja sagen und dann überlegen, ob man es schafft! Nein sagen kann man später. Als DM uns gelistet und gefragt hat: Schafft ihr das? Da haben wir gesagt: Klar! Trotz fehlender Logistik – und irgendwie kriegt man es schon hin. Bloß keine Zweifel aufkommen lassen! Auf der anderen Seite – zu viel ja sagen kann dir auch auf die Füße fallen, wenn du nur nach Wachstum und höher, schneller, weiter gehst. Irgendwann muss man sich besinnen und überlegen: Wie setze ich die Prozesse auf? Das ist schon auch wichtig. Ich würde im Nachhinein vielleicht ein bisschen speed rausnehmen.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

LS: Ein Test war mein Berufseinstieg bei den großen FMCGs, ich hab bei L´Oreál in Paris angefangen, das war mein absoluter Traumjob im Marketing, große, weite Welt. Und dann habe ich gedacht: Be careful what you wish for! Es war schon eine tolle Zeit, aber ich habe schnell gedacht, da schaffe ich nicht, bis an mein Lebensende, in so einer Struktur zu arbeiten. Ich bin vom Typ eher introvertiert, mache viel aus dem Bauch heraus, rede nicht gerne drüber, ich mache einfach gerne. Und da ist man in so einem großen Konzern fehl am Platz. Da geht es ja darum, alles gemeinsam zu entscheiden, dich zu präsentieren, zu erklären, was du machst, Sachen fünfmal abzustimmen. Und es werden auch eher extrovertierte Leute gefördert. Das durchzuhalten, war ein Test. Das Geschenk und vielleicht gleichzeitig eine Strafe war meine erste Selbständigkeit 2007 mit einem Wäsche-Online-Shop. Das ging krachend in die Hose! Wir haben uns zu wenig mit dem Produkt, der Kaufbereitschaft, der Produktion, den Margen auseinandergesetzt. Aber im Nachhinein war das ein Riesengeschenk, weil ich so viel für die nächste Selbständigkeit gelernt habe. Auch, wenn es sich schrecklich angefühlt hat, ohne das erste Scheitern wäre die zweite Selbständigkeit nicht so erfolgreich geworden!

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