Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #26 Miriam Wohlfarth

Miriam Wohlfarth auf marieclaire.de zu ihren Career Learnings.
2009 gründete Miriam Wohlfarth ihr erstes Unternehmen

Heute: Miriam Wohlfarth
Gründerin | Fintech | CEO | Autorin | Aufsichtsratsmitglied

Learning 1: Nimm dir Zeit, herauszufinden, was dir Spaß macht und was du kannst. Es muss nicht immer die geradlinige Karriere sein – auch Umwege können zum Ziel führen.

Learning 2: Frauen dürfen und sollten ihre Erfolge zeigen – auch, um Vorbilder für junge Talente zu sein und ihnen zu zeigen, was heutzutage möglich ist.

Learning 3: Beim Gründen einfach loslegen – zurückgehen kann man immer. Und keine Angst vor dem Scheitern haben! Nur weil man einmal scheitert, heißt das nicht, dass man nicht gut ist.

Jule Gölsdorf: Du hast das Fintech-Unternehmen Ratepay gegründet und den Status des Unicorns erreicht, außerdem bist du Gründerin von Banxware, jetzt wurdest du mit dem Bold Woman Award 2025 ausgezeichnet – was bedeuten dir solche Auszeichnungen?

Miriam Wohlfarth: Es freut mich sehr, macht mich aber fast ein wenig verlegen, aber ich bin schon stolz! Es zeigt die Anerkennung für viele Jahre harter Arbeit. Ich habe ja auch den Female Finance Award von Focus Money bekommen, auch darüber war ich sehr happy. Es ist gut, dass es solche Preise gibt, damit auch andere junge Frauen sehen, dass Gründertum etwas Nahbares sein kann, und nicht total abgehoben ist.

JG: Dass Frauen häufig verlegen sind, wenn ihre Erfolge gefeiert werden, ist das ein typisch weibliches Phänomen?  

MW: Ja, das ist sicher etwas Weibliches, da läuft kaum eine Frau herum und sagt: Hallo, ich habe einen Preis gewonnen! Es gibt ja den Spruch: „You can´t be what you can´t see“. Es ist wichtig, dass man sieht, wie weibliche Karrieren verlaufen, dass es nicht immer um ein Einser-Abitur geht, sondern darum, Begeisterung dafür zu vermitteln, was einem Spaß macht. Auch Karrieren mit Kind sind in Deutschland schwierig, weil viele Frauen – anders als in Skandinavien oder Frankreich – häufig zurückstecken, um den Männern eine Karriere zu ermöglichen. Das ist vielleicht in dem Moment gut, in dem die Kinder klein sind, aber ich sehe das an Freundinnen in meinem Alter, wo die Kinder jetzt groß werden. Wenn die Ehen nicht mehr glücklich sind und die Frauen beruflich nicht Gas gegeben haben, entsteht da eine große Leere, wenn die Kinder aus dem Haus sind – und auch eine finanzielle Abhängigkeit.

JG: Was würdest du jungen Frauen raten? Sich zu trauen, beides zu wollen?

MW: Ja! Und mehr von den Männern einzufordern! Die jungen Männer sind heute teilweise schon anders, viele junge Väter sind mittlerweile bereit, Zeit zu investieren, so dass man Kinderbetreuung als etwas Gemeinsames ansieht und nicht als Sache der Frau. Da müssen wir alle hin!

JG: Deine Karriere war nicht gerade geradlinig, du hast ein Studium abgebrochen, eine Weltreise gemacht, eine Ausbildung und hast dann gegründet. Ist der klassische Karriereweg vorbei?

MW: Es kommt drauf an, da muss man differenzieren. Es gibt junge Menschen, die genau wissen, was sie wollen, dann ist das auch richtig! Aber es gibt genauso viele, die diesen fixen Plan nicht haben. Zu denen gehörte ich! Ich wusste nicht, was ist mein Talent? Was kann ich gut? Ich glaube, heute darf man sich die Zeit nehmen, herauszufinden, wer man ist und was man kann. Früher war es extrem wichtig, dass im Lebenslauf bloß keine Lücke war, nicht einmal für einen Monat. Das ist jetzt anders. Heute darf man auch mal durch die Welt gehen und sich umschauen. Ich habe mir viele Umwege geleistet, aber ich musste mich auch nicht rechtfertigen. Außer vor der Bafin. Ich hoffe, dass Arbeitgeber heute insgesamt toleranter sind. Ich betrachte das aus meiner Perspektive: Wenn ich einen Bewerber oder eine Bewerberin vor mir sitzen habe und er oder sie erzählt, dass er oder sie gegründet hat, aber gescheitert ist, dann auf Reisen ging, aber jetzt weiß, was er oder sie will, dann findet ich das toll! Es ist doch wichtig, sich erst einmal zu finden.

JG: Fürs Gründen muss man der Typ sein, weil es immer mit einem Risiko verbunden ist. Warum war das was für dich?

MW: Ich war nie besonders sicherheitsbewusst. Ich habe Vieles ausprobiert und dann erst gegründet. Ich habe in einem Start-Up gearbeitet und fand das toll! Und ich dachte: Das, was die können, kann ich auch! Aber mir wurde das nicht in die Wiege gelegt, meine Mutter war Buchhalterin, mein Vater war bei IBM in der Forschung und Entwicklung. Daher wollte ich erstmal irgendwas machen, so dass ich ein Zertifikat in der Hand habe, aber gefallen hat mir das nicht! Meine Eltern waren verzweifelt! Ich war einfach getrieben bis zu dem Punkt, an dem ich wusste, was mir Spaß macht. Jetzt bin ich seit 25 Jahren in der digitalen Finanzbranche, mich hat das einfach fasziniert, da war ich dann auch nicht mehr sprunghaft. Aber es muss sich nicht jeder selbstständig machen oder gründen. Aber es ist wichtig zu zeigen, dass es diesen Weg gibt!

JG: Was hat dich an den Finanzen interessiert?

MW: Ich bin von der Reise- in die Bezahlbranche gewechselt und habe dort dann einen Mangel erkannt. Der Wechsel an sich war Zufall, war personenbezogen, weil ich einen niederländischen Gründer kennengelernt habe, ein sehr charismatischer Typ – von ihm wollte ich lernen! Er war jemand, der dir Raum gegeben hat, er vertrat eine ganz andere Führungskultur. Für mich war das ein Neuanfang, eine Branche, in der es noch nicht viele Leute gab, da habe ich die Chance gesehen, mich zu beweisen! Und dann siehst du eine Lücke, fragst dich, warum wird dieses Produkt nicht angeboten? Und dann bietest du die Lösung. Ich zähle gerne 1 und 1 zusammen, schaue mir Kundenbedürfnisse an – daraus kann man ableiten, was es geben muss und wie man da hinkommt.

JG: Mit Ratepay und Banxware hattet ihr schnell finanzkräftige Geldgeber – stimmte das Konzept einfach oder hast du eher als Person überzeugt?

MW: Das war ja mitten in der Finanzkrise, daher war es schwierig, aber wir haben der Otto-Gruppe etwas angeboten, in das sie sich gut hineinversetzen konnten. Das Produkt hat gepasst! Bei Banxware war es eine Mischung aus Beidem, aber da konnte ich natürlich sagen, ich habe schon mal gegründet, ein Unternehmen aufgebaut, das große Umsätze gemacht hat. Mit so einem Erfolg war es einfacher, Geld zu bekommen.

JG: Der Status des Unicorn hat euch sicher stolz gemacht?

MW: Ja! Ich bin dadurch selber nie super reich geworden, habe früh Anteile abgegeben, aber trotzdem – das Gefühl war toll! Ich wurde kürzlich gefragt: Was ist Erfolg? Bei mir gab es einen Moment, das war im Sommer 2019 – da haben wir 10 Jahre Ratepay gefeiert – Exit, Verkauf – und wir wollten einmal eine große Party machen, haben DJ Westbam gebucht, einen Club gemietet, Kunden, Freunde, Partner eingeladen. Wir haben das Logo von Ratepay in den Himmel von Berlin projiziert. Das war ein Moment, indem ich dachte: Wow, wie krass ist das, was wir da geschafft haben? Aus einer Idee im Wohnzimmer ist eine richtige Firma entstanden. Das macht dann schon stolz!

JG: Gibt es schwierige Zeiten, aus denen du etwas gelernt hast, was du gerne weitergeben würdest?

MW: Als ich angefangen habe, hatte ich keine große Erfahrung mit Führung, ich bin da hineingewachsen. Ich wollte aber einen Führungsstil wie mein damaliger Chef. Man muss sich kein Lehrbuch nehmen, um gut zu führen, sondern aus dem Bauch heraus erspüren, was man selber richtig findet. Und man darf Vertrauen haben, dass sich Menschen weiterentwickeln und man deren Potential erkennt. Dabei ist es wichtig, sich wirklich für die Menschen zu interessieren, nur dann lernt man sie kennen und kann sehen, was jemand kann. Hört auf die Menschen und holt ihre Stärken hervor! Wenn Mitarbeiter das machen, was ihnen Spaß macht, performen sie besser! Beim Gründen ist es wichtig, einfach loszulegen – man kann ja wieder zurück! Ich habe mir damals gesagt: Ich gebe mir ein Jahr Zeit und wenn ich dann das Gefühl habe, dass es nicht funktioniert, dann höre ich wieder auf. Wir müssen weg von der Angst vor dem Scheitern. Und man sollte sich fokussieren, das konkrete Ziel im Auge haben, sich nicht ablenken lassen. Gerade im Technologiebereich kommen viele und sagen – das könnten wir auch so oder so machen, aber dann wird das Produkt nie fertig und bekommt keine Marktreife. Mach nicht zehn Sachen, sondern eine, in der du exzellent bist! Und ich rate sehr zu einem diversen Team. Denn wenn alle nett und sich ähnlich sind, dann versteht man sich gut, aber mit dem gleichen Hintergrund und den gleichen Interessen hinterfragt man vielleicht zu wenig. Wir sollten lernen, positiv zu streiten.

JG: Du würdest ja auch keine Freunde einstellen – würdest du auch nicht mit Freunden gründen?

MW: Eigentlich nicht! Außer ich weiß, dass diese Freunde ganz anders sind, als ich. Aber mit meinen engsten Freundinnen würde ich nicht gründen, wir würden uns zu wenig in Frage stellen. Ich habe mal eine Freundin eingestellt und die Freundschaft ist dabei in die Brüche gegangen. Es kann im Job einfach zu Situationen kommen, in denen man ein sehr unterschiedliches Verständnis von Dingen hat. Und es ist auch für Kollegen schwierig zu wissen, dass da zwei Menschen auch privat befreundet sind.

JG: Die Finanzbranche ist sehr männerdominiert – war das ein Problem für dich?

MW: Mich hat das nicht so interessiert, ich bin nie benachteiligt worden, ich hatte eher Vorteile, weil ich so etwas Besonders war in der Branche, dass mich irgendwann jeder kannte. Ich habe aber auch in einer Branche gegründet, die 9 Jahre vorher erst angefangen hat. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon einen Ruf als Expertin, hatte auch schon ein Netzwerk von Menschen, die mich geschätzt haben. Ich war eine starke Stimme hinter dem Produkt! Im Jahr 2000 waren wir alle aber auch noch total jung und auch auf Augenhöhe. Zudem ging es in der holländischen Kultur nicht um Mann oder Frau oder Hierarchien, wir waren einfach wie eine Clique. Dadurch ist der Kontakt zu Männern ganz natürlich gewachsen, ich bin immer gut mit Männern klargekommen! Bis 2014 oder 2015 hat kein Mensch über dieses Thema geredet, ich wurde auch nie darauf angesprochen, daher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Mir ist das erst später aufgefallen. Ich war mal auf eine Fintech-Dinner, da waren dann 50 Männer und 2 Frauen und da hat mich dann ein Mann darauf angesprochen. Dann habe ich auch mal eine Kolumne dazu geschrieben. Da bin ich dann auf die Fragen eingegangen, die einem als Frau in der Branche gestellt werden, sowas wie: Denken Sie als weiblicher CEO oft, ich schaffe das nicht? War es als Frau schwer zu gründen? Wie ist es mit einem Kind? Ich hab dann für die Kolumne das Wort Frau durch das Wort Mann ersetzt. Das war witzig! Später habe ich Frauen gefördert, aber auch Männer, weil ich ja niemanden ausgrenzen wollte. Aber klar, als Frau muss man manchmal auch austeilen können und in einer männerdominierten Branche ist die Sprache eine andere, das muss man aushalten.

JG: Du setzt dich mit den Startup-Teens für die früher Förderung von Kindern ein – junge Leute können da ihre Ideen pitchen und werden als junge Gründer ausgezeichnet -was ist dir daran wichtig?

MW: Wir wollen Kindern und Jugendlichen eine Bühne geben und freuen uns, dass auch immer mehr Mädchen dabei sind. Klar, die sind noch mehr bei den etwas weicheren, psychologischen Themen, machen sich viele Gedanken – zum Beispiel darüber, wie man sich nicht so viel von social media ablenken lässt oder wie man frei denkt. Bei den Jungs sind es eher die KI-Themen. Aber ich finde es toll, dass die Bewerber sich mit 16 Jahren hinstellen und eine Idee pitchen. Ob sie dann später wirklich Gründer werden, weiß ich nicht, aber es fördert das Selbstbewusstsein und zeigt, was möglich ist. Ich bin seit 2019 Gesellschafterin, da war das Projekt noch klein, aber ich fand die Idee einfach gut! Das, was Kindern in den Schulen beigebracht wird, ist so praxisfern, es geht doch gar nicht darum, wie das Leben nach der Schule aussieht. Man lernt nichts im Bezug auf Geld oder Recht, über Fragen, wie man eine Wohnung bekommt, wie es mit der Rente läuft oder was Berufsoptionen sind! Deshalb wollte ich mich da engagieren. Wir müssen als Gesellschaft die Sachen besser machen!

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

MW: Das Geschenk war meine Tochter. Die Strafe war vielleicht damals der Weg mit Ratepay ein Finanzinstitut zu werden – die Bafin hat uns einen Brief geschrieben und gesagt: Das ist nicht erlaubt, was Sie da machen. Das war schon hart! Ein Test war die Frage: Wie viel kann ich aushalten, wie resilient bin ich? Kann ich noch Optimismus versprühen, obwohl gerade alles richtig schwierig läuft.

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