Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #25 Aisha Washington

Aisha Washington auf marieclaire.de zu ihren Career Learnings.
Seit 2024 ist Aisha Washington Brand Director von Prada Beauty

Heute: Aisha Washington
Brand Director Prada Beauty & MiuMiu – L´Oréal DACH

Learning 1: Als Mutter lernt man, Herausforderungen anders zu meistern. Geduld, Zuhören, Zeitmanagement, Fokus – alles wertvolle Aspekte, die man in einer Führungsposition gebrauchen kann.

Learning 2: Vereinfacht gesagt setzen Frauen meist auf Empathie und persönliche Weiterentwicklung, Männer führen oft sachorientierter. Die besten Führungskräfte versuchen, beide Anteile mitzubringen!

Learning 3: Was unser Frauenbild angeht, liegt Deutschlandweit hinter anderen Ländern zurück: Heiraten, Kinder kriegen, den Haushalt schmeißen. Es braucht eine Veränderung in Gesellschaft und Politik.

Jule Gölsdorf: Viele empfinden Kind und Karriere als Belastung, du sagst das Gegenteil – nämlich, dass Kinder einen positiven Einfluss auf die Karriere haben. Inwiefern?

Aisha Washington: Natürlich bringen Kind und Karriere eine doppelte Verantwortung mit sich, aber die Kinder haben mein Leben in einer Form bereichert, die ich mir nie hätte vorstellen können. Sie haben mich persönlich auf eine besondere Art und Weise herausgefordert & mir dadurch geholfen mich weiterzuentwickeln. Das hatte natürlich Einfluss auf meine Persönlichkeit als Leader und hat mir neue Perspektiven eröffnet, die mir vorher gar nicht bewusst waren. Die Doppelbelastung hatte also einen positiven Effekt auf mein Leben und meine Karriere.

JG: Kann man Mitarbeiter besser führen, wenn man gelernt hat, Kinder zu erziehen? Gibt es Parallelen?

AW: Man kann natürlich nicht grundsätzlich Teams besser führen, nur weil man Mutter oder Vater geworden ist – es gibt ja auch hervorragende Leader, die keine Kinder haben. Aber man hat andere Herausforderungen zu meistern: Die Geduld wird auf die Probe gestellt, das Zeitmanagement ist extrem wichtig, das sind Assets, die man in den Berufsalltag mit einbringen kann. Wie spricht man mit den Teammitgliedern? Hat man gelernt, aktiv zuzuhören? Hat man genügend Empathie? Mit wieviel Geduld geht man an den Stress des Alltags ran?

JG: Haben dein Team und du eine Veränderung bemerkt, seit du Mutter bist?

AW: Für mich gibt es schon Unterschiede. Ich war schon immer sehr ambitioniert und als Leader schon immer sehr klar in dem, was ich wollte und was meine Ziele waren. Ich hatte die erste Führungsposition ja schon, bevor ich Kinder hatte. Und da habe ich sicher nicht immer alles richtig gemacht, aber viel im Nachgang gelernt! Als ich dann Kinder hatte, habe ich gemerkt: Du gehst ganz anders an die Sachen heran. Du sprichst anders mit den Leuten, hast einen anderen Fokus. Vorher lag der Blick nur auf dem Job, jetzt gibt es eine andere Balance zwischen Job und Familie. Das gibt mir mehr Gelassenheit. Ich bin natürlich nach wie vor ambitioniert, aber mir ist der persönliche Austausch mit den Menschen wichtiger geworden. Das war ein großes Learning!

JG: Welche besonderen Stärken können Mütter und auch Frauen generell in eine Führungsposition einbringen?

AW: Auf jeden Fall ein gutes Zeitmanagement. Außerdem bringt man durch die permanente Doppelbelastung eine andere Resilienz mit. Und wenn man mit einem 2-jährigen verhandeln kann, dass er abends ins Bett geht, dann lernt man davon auch, wie man empathisch und bestimmt in beruflichen Verhandlungen auftreten kann. Oftmals beobachte ich, dass Frauen und Männer unterschiedliche Stärken haben können. Frauen führen teils mit mehr Empathie, legen den Fokus auf persönliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter, sie hören aktiv zu. Männer führen hingegen oft sachorientierter, mit einem größeren Fokus auf KPIs und die Zielsetzung. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir beides brauchen und starke Führungskräfte unabhängig vom Geschlecht beide Anteile vereinen sollten. Und ich versuche auch, meine Teams paritätisch aufzustellen, weil das in meiner Erfahrung die besten Ergebnisse bringt und die Arbeit so am meisten Spaß macht.

JG: Bei dir funktioniert Kind & Karriere hervorragend, hat das auch etwas mit dem Konzern zu tun für den du arbeitest? L´Oréal fördert ja Frauen ganz explizit?

AW: Ja, damit fängt alles an, es braucht das Commitment eines Unternehmens, Frauen zu fördern und Führungspositionen mit ihnen zu besetzen. Wir haben jeweils 50 Prozent Frauen und Männer in der Führung und haben auch kein Gender-Pay-Gap. Das ist eine Grundhaltung, die man als Unternehmen mitbringen muss! Damit ist es für Frauen auch möglich, Kinder zu bekommen, weil sie vom Konzern unterstützt und begleitet werden – auch beim Wiedereinstieg. Allerdings sollten wir auch nicht die Männer außer Acht lassen. Klar, wir wollen Frauen unterstützen – aber wenn es darum geht, Kind und Karriere zu vereinbaren, ist jeder Mann, der sich in seiner Rolle als aktiver Vater kümmert und dabei von seinem Unternehmen unterstützt wird, auch ein Mann, der damit eine Frau unterstützt, wieder in den Beruf einzusteigen. Die Unternehmen, die das verstanden haben, werden die sein, die langfristig die besten männlichen und weiblichen Talente bekommen.

JG: Wie oft bekommst du die Frage gestellt, wer sich um die Kinder kümmert? Das ist ja eine Frage, die eigentlich fast nur Mütter gestellt bekommen?

AW: Diese Frage wird mir ständig gestellt, da fällt dann auch gerne das Wort „Rabenmutter“. Aber wir können es als Frauen doch sowieso niemandem recht machen und werden oft mit Kritik konfrontiert, die Männer so nicht erleben. Wenn man ein Kind hat und arbeitet, wird man schräg angeschaut. Wenn man ein Kind hat und zuhause bleibt, wird man kritisiert. Entscheidet man sich komplett dagegen, Kinder zu bekommen, gibt es negative Kommentare. Wir haben da als Gesellschaft noch einen langen Weg vor uns, bis wir Frauen gleichberechtigt sehen. Man sieht das auch in den Medien: Frauen, die sich in höhere politische Positionen begeben wollen und Familie haben, werden immer mit diesen Fragen konfrontiert. Es käme selten jemand auf die Idee, einen männlichen Politiker danach zu fragen.

JG: Wie reagieren denn deine Kinder? Du bist ja auch ein Vorbild für Mädchen, die so sehen können, dass Frauen eine eigene Karriere haben können.

AW: Nicht nur für Mädchen, auch für Jungs! Meine Kinder nehmen das wahr und das ist mir auch wichtig. Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Jungen und die sollen verstehen, dass ihre Mutter arbeiten geht, um ihnen ihr Leben zu finanzieren. Sie sollen aber auch sehen, dass ihre Mutter sich ihre Träume erfüllt und Spaß an dem hat, was sie macht. Auch sie dürfen sich Gedanken darüber machen, was sie wollen im Leben und wie sie ihre Ziele erreichen können. Aber  ich möchte natürlich auch ein Vorbild dafür sein, dass meine Jungs ein anderes Frauenbild haben werden, als vielleicht das unserer Väter. Das kann ja auch Einfluss auf ihre Rolle in einer Partnerschaft haben, auch wenn sie später mal Kinder kriegen. Die Generation, die wir jetzt heranziehen, bekommt hoffentlich ein neues Bild von einer Frau, das bringt dann hoffentlich auch eine andere Erwartungshaltung mit sich.

JG: Hast du negative Erfahrungen in einer Führungsposition gemacht, weil du eine Frau bist?

AW: Tatsächlich nicht, aber ich arbeite auch in einem Unternehmen, das Frauen explizit unterstützt. Daher wurde ich nie aufgrund meines Geschlechts benachteiligt. Aber ich habe natürlich mit vielen Frauen gesprochen, die in Unternehmen arbeiten, wo die Führungsetage zu 80 Prozent aus Männern besteht. Da gibt es Männer, die Frauen nicht zutrauen, sich durchzusetzen oder Teams zu führen. In der Wissenschaft, Tech, IT – diese Sparten sind immer noch männerdominiert und haben viel Potential für starke Frauen. Viel mehr Frauen sollten diese Berufe wählen! Aber wenn man sich selbst ein Unternehmen aussucht, ist es schon wichtig, ein Auge darauf zu haben, wie die Führungsquote ist, wie der Konzern zu Frauen in Führungspositionen steht, wie sichtbar Frauen sind. Damit sollte man sich vorab auseinandersetzen und in einem Vorstellungsgespräch auch mal fragen: Was macht ihr denn, um Frauen zu fördern? Und auch die Netzwerke unter Frauen sind wichtig. Viele Unternehmen haben ja eigene Netzwerke für Frauen oder auch Mentoring-Programme.

JG: Auf der einen Seite wollen wir Männer dahinbringen, Frauen zu fördern, aber häufig sind es gerade die Frauen, die mit potentiellen Bewerberinnen nicht besonders gut umgehen und Frauen nicht fördern, oder?

AW: Ja, das sind häufig Frauen, die sich in einer stark männerdominierten Welt durchbeißen mussten. Deshalb sind sie der Meinung: Weil ich das machen musste, müsst ihr das auch. Aber das ist eine völlig falsche Herangehensweise! Denn jede Frau, die eine andere unterstützt, tut etwas Gutes. Männer machen das ganz oft, die unterstützen sich gegenseitig. Ich glaube nicht daran, dass es die Männer sind, die uns helfen müssen, in Führungsetagen zu kommen und sichtbarer zu werden. Ich glaube, dass die Frauen, die es geschafft haben, ein Vorbild sein müssen, indem sie anderen Frauen helfen. Ich sehe das zum Glück auch immer mehr. Wir brauchen Role-Models und müssen die Plattformen für Frauen noch größer machen! Aber das Engagement muss ehrlich sein, man muss das im Alltag wirklich tagtäglich umsetzen. Ich sehe so viele bekannte Frauen, die öffentlich dafür einstehen, andere Frauen zu unterstützen, aber die dann, wenn wirklich Unterstützung gefragt ist, plötzlich ziemlich still sind. Das finde ich schade!

JG: Würdest du sagen, dass wir auf einem guten Weg in Sachen Gleichberechtigung sind? An manchen Stellen hat man eher den Eindruck, wir bewegen uns rückwärts?

AW: Ich bin bei L’Oréal ja für die Marke Prada verantwortlich und Miuccia Prada ist eine große Frauenrechtlerin. Wenn ich mir anschaue, wofür sie vor 50 Jahren auf die Straße gegangen ist – und heute sehe, dass wir immer noch die gleichen Themen haben, dann sehe ich keinen besonders großen Fortschritt. Grundsätzlich habe sich vielleicht etwas bewegt, aber gerade, wenn ich mir die deutsche Gesellschaft anschaue, das Rollenbild der Mutter, die Erwartungshaltung an eine Frau – da habe ich wirklich das Gefühl, dass wir weit hinter anderen Ländern zurückliegen. Ich arbeite ja in einem französischen Konzern und weiß daher, dass es in Frankreich oder Skandinavien wesentlich anders  läuft. Wir sind nur ein paar Kilometer voneinander entfernt, aber unser Bild der Frau ist ein ganz anderes. Deshalb schneiden wir auch so schlecht ab, was den Gender Pay Gap in Europa angeht! Wir haben einfach ein veraltetes Bild von Frauen und Müttern und haben es immer noch nicht geschafft, Mütter richtig in die Gesellschaft zu integrieren. Der Weg ist noch lang! Wenn ich sehe, wie massiv die Geburtenraten zurückgehen, bin ich wirklich enttäuscht. Das hat sicher auch damit zu tun, dass man zu wenig sieht, dass die Vereinbarkeit von Kind und Karriere möglich ist. Klar, es gibt immer mehr Frauen, die Karriere machen wollen und einen Uni-Abschluss haben, aber die sehen die Möglichkeiten häufig nicht, beides zu haben. Natürlich gibt es Unternehmen, die Kind und Karriere fördern, aber es muss sich auch in der Politik und Gesellschaft etwas tun! Allein das Wort „Rabenmutter“ gibt es nur im Deutschen und lässt sich kaum in eine andere Sprache übersetzen. Und diese Bezeichnung beschreibt so gut, wie die Gesellschaft tickt und wie die Erwartungshaltung an Frauen aussieht: Zu heiraten, Kinder zu kriegen und sich um den Haushalt zu kümmern. Das war doch vor 50 Jahren nicht wirklich anders. Okay, wir dürfen jetzt wählen und studieren, aber an den Grundprinzipien hat sich nicht viel geändert. Das Rollenbild muss sich verändern. In Frankreich ist es ganz klar, dass eine Frau, die arbeiten geht, auch Mutter sein kann.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

AW: Das Geschenk sind natürlich die Kinder, die mich persönlich bereichern, mir Herausforderungen geben. Ich war mir lange nicht sicher, ob ich eine Familie möchte, jetzt kann ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen! Der größte Test war die Trennung vom Vater der Kinder – von jetzt auf gleich alleine mit zwei Kindern zu sein, die emotionalen Herausforderungen, aber auch die organisatorischen Veränderungen, der Job, das war wirklich der größte Test meines Lebens: persönlich, beruflich, als Mutter. Ich bin sehr stolz, dass ich den Test bestanden habe! Eine Strafe war vielleicht, dass meine Eltern als ich 17 war beschlossen haben, in die USA zurückzuziehen. Ich Sturkopf wollte in Deutschland bleiben und meine Eltern gesagt haben: Okay, wenn du meinst, du schaffst das alles alleine, good luck! Natürlich in der Hoffnung, dass ich doch noch zurückkommen würde. Das war sicher eine Strafe, aber auch eine Bereicherung, weil es mich geprägt und mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Mittlerweile ist meine ganze Familie aber wieder in Deutschland vereint.

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