CAREER_LEARNINGS

Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #23 Nike Schröder

Nike Schröder auf marieclaire.de zu ihren Career Learnings.
Seit dem Jahr 2020 Mitbegründerin des Luxushotels Palazzo Fiuggi bei Rom.

Heute: Nike Schröder
Director Sales & Markting Forte Village | Project Lead Palazzo Fiuggi

Learning 1: Regeneration ist wichtig – nur so kann man klar denken, fundierte Entscheidungen treffen und über längere Zeit leistungsfähig bleiben, ohne auszubrennen.

Learning 2: Weniger zerdenken, mehr ausprobieren! Wir müssen nicht perfekt ausgebildet sein, immer sicher in unseren Entscheidungen sein. Man kann auch in Unsicherheit handeln!

Learning 3: Man sollte ein nein nicht gleich akzeptieren, sondern weiterdenken, einen Perspektivenwechsel einnehmen – und den Mut haben, ungewöhnliche Wege zu gehen.

Jule Gölsdorf: Deine Biografie ist beeindruckend – du hast angefangen als Journalistin, hast dann Künstler bei Universal betreut, später als Chefredakteurin bei einem Hochglanzmagazin gearbeitet – danach ging es in die Hotellerie – bis du dann den Palazzo Fiuggi mitgegründet hast. Hattest du zunächst einfach nicht das richtige gefunden, oder bist du einfach so vielseitig interessiert?

Nike Schröder: Ich sehe meinen Weg nicht als eine Suche nach dem „Richtigen“, sondern als eine bewusste, tiefe Reise durch verschiedene Welten – und vielleicht auch durch innere Spannungsfelder. Mein Umfeld war geprägt von Exzellenz, Anspruch und Einfluss: In meiner Familie gab es Spitzen-Steuerberater, einen Amtsrichter und sogar einen Ministerpräsidenten – Menschen, die Leistung und Haltung verkörperten, immer „top notch“. Das hat mich tief geprägt, aber auch hin und wieder innerlich hin und her gerissen. Während viele in meinem Umfeld in klaren Systemen ihren Platz fanden, hat mich stets das interessiert, was sich im Hintergrund abspielt – das Unsichtbare, das Menschliche hinter der Bühne. Vielleicht war das auch ein Kontrast zu meinem frühen Zugang zu außergewöhnlichen Persönlichkeiten: Mein Vater war eng mit Frank Farian befreundet, ich habe als Kind Momente mit charismatischen, weltgewandten Menschen erlebt, die mir früh das Gefühl gaben, dass hinter jeder öffentlichen Rolle auch eine Sehnsucht, eine Geschichte, ein Potenzial steckt. Diese Prägung hat sich wie ein roter Faden durch meine berufliche Entwicklung gezogen – vom Journalismus über die Musikindustrie bis zur Hotellerie. Der Palazzo Fiuggi ist für mich kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern ein konsequentes Ergebnis all dieser Erfahrungen: Ein Ort, an dem Medizin, Achtsamkeit, Leadership und persönliche Erneuerung zusammenkommen.

JG: Du hast mit einer journalistischen Karriere begonnen – was nimmst du aus dieser Zeit mit, was dir heute noch im Beruf hilft?

NS: Der Journalismus hat mir beigebracht, präzise zuzuhören, kritisch zu hinterfragen und komplexe Themen verständlich zu kommunizieren. Diese Fähigkeiten sind heute essenziell, sei es in der Entwicklung von Gesundheitsprogrammen oder in der Führung von Teams. Darüber hinaus habe ich im journalistischen Arbeiten ein tiefes Verständnis für Recherche und Kontext entwickelt. Es reicht nicht, Informationen zu sammeln – entscheidend ist, sie einzuordnen, Widersprüche zu erkennen und Muster zu verstehen. Auch die Fähigkeit, mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten Gespräche auf Augenhöhe zu führen, verdanke ich meiner Zeit als Journalistin. Ob mit Wissenschaftlern, Künstlerinnen oder CEOs – ich habe gelernt, schnell zu erfassen, was mein Gegenüber wirklich bewegt, und ein Gespräch so zu führen, dass Vertrauen entsteht. Diese Kommunikationsstärke ist heute ein zentrales Element meiner Führungsarbeit, meines Coachings und meines Verständnisses von Gastlichkeit. Nicht zuletzt hat mich der Journalismus gelehrt, Klarheit in die Sprache zu bringen – etwas, das gerade im Gesundheitskontext oft unterschätzt wird. Denn Transformation beginnt meist mit der richtigen Frage – und manchmal auch mit einem Satz, der genau ins Herz trifft.

JG: Wie kam es im Laufe deiner Karriere zum Wechsel in die Tourismus-Branche – die Hotellerie?

NS: Die Hotellerie bietet die einzigartige Möglichkeit, Erlebnisse zu gestalten, die alle Sinne berühren – Räume zu schaffen, in denen Menschen nicht nur ankommen, sondern sich wirklich verwandeln. Nach Jahren in der Medienwelt – als Journalistin, Magazinmacherin und im Musikbusiness – sehnte ich mich nach einem tieferen Ausdruck meiner Arbeit. Ein Schlüsselmoment war eine Reportage für das ZDF, die mich nach Sardinien führte. Ich recherchierte über das Phänomen der Blue Zones, Regionen mit außergewöhnlich hoher Lebensqualität und Langlebigkeit. Was als journalistische Reise begann, nahm eine überraschende Wendung: Der Eigentümer des Anwesens, das wir porträtierten, erkannte meine Energie und meinen Blick für Potenziale – und hielt mich kurzerhand zurück, um gemeinsam etwas aufzubauen. Das war der erste Impuls, der mir zeigte: Ich kann mehr als nur erzählen – ich kann gestalten. Ich wollte einen Ort schaffen, der nicht nur informiert, sondern wirklich transformiert. Ein Ort, der wissenschaftliche Erkenntnis mit emotionaler Tiefe und körperlichem Erleben verbindet. Der Palazzo Fiuggi ist die Manifestation dieser Vision – ein Retreat, das Wissenschaft, Luxus und Wohlbefinden nicht als Gegensätze versteht, sondern als Teile eines sinnstiftenden Ganzen.

JG: Du hattest ja zunächst nicht studiert – das heißt, der Beginn war Learning by Doing?

NS: Absolut. Mein Einstieg in die Medienwelt war tatsächlich geprägt von „Learning by Doing“ – und das mit einer großen Portion Neugier, Tatkraft und dem richtigen Timing. Direkt nach der Schule bekam ich die Chance, ein Praktikum bei Stefan Raab zu machen – ein Umfeld, das gleichermaßen kreativ wie fordernd war und mir gezeigt hat, wie viel Leidenschaft, Präzision und Tempo hinter scheinbar leichter Unterhaltung steckt. Kurz darauf bot sich mir die Möglichkeit, bei der ARD an der Entwicklung eines Jugendradios mitzuwirken – ein Projekt, das mir früh Verantwortung übertrug und mein Verständnis für Zielgruppen, Sprache und Storytelling geschärft hat. Diese intensiven, praktischen Erfahrungen waren für mich das Fundament – sie haben mir den Weg zur Journalistenschule geebnet, wo ich mein Handwerk weiter vertiefen und professionalisieren konnte. Ich habe früh gelernt, dass es nicht nur auf formale Abschlüsse ankommt, sondern auf Haltung, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, sich in neue Themen und Kontexte einzuarbeiten. Diese Herangehensweise prägt mich bis heute – sie hat mir erlaubt, flexibel zu bleiben, Wandel zu gestalten und mich immer wieder neu zu erfinden.

JG: Dann hast du einen Master in Marketing nachgeschoben – warum war dir das wichtig?

NS: Ich bin ein unglaublich neugieriger Mensch – immer am Lernen, am Lesen, am Arbeiten. Ich wollte mein praktisches Wissen mit fundierter Theorie untermauern und besser verstehen, wie Marken wirklich funktionieren. Der Master war für mich kein Prestigeprojekt, sondern eine bewusste Entscheidung zur Weiterentwicklung. Ich sage immer: Professorin bin ich nur für meine Feinde. Ich stehe nicht besonders auf Titel oder akademischen Status – ich bin pragmatisch. Aber wenn es etwas zu lernen gibt, bin ich sofort dabei! Weiterbildung ist für mich keine Pflicht, sondern ein inneres Bedürfnis.

JG: Super spannend – dein Interesse an Gesundheit – Longevity – gerade viele Wirtschaftsleute, Manager vergessen das häufig – lange Tage, kurze Nächte, viel Stress und kein Ausgleich. Wie fatal ist das?

NS: Es ist tatsächlich alarmierend. Gerade Führungskräfte und Unternehmer leben häufig in einem permanenten Ausnahmezustand – lange Tage, kurze Nächte, ständiger Entscheidungsdruck. Vieles dreht sich um Leistung, Zahlen, Verantwortung – aber das eigene körperliche und seelische Gleichgewicht bleibt dabei oft auf der Strecke. Viele reden über Gesundheit, aber nur wenige setzen sie konsequent um. Einen bewussten Stopp zu setzen, ist für viele fast unmöglich – weil das System, in dem sie sich bewegen, keine natürlichen Pausen kennt. Alles wirkt endlos, es gibt immer noch etwas zu regeln, noch ein Projekt, noch eine Erwartung. Umso wichtiger ist es, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen, sich zu spüren, echte Bedürfnisse wahrzunehmen – jenseits von Funktionieren und Optimieren. Longevity ist für mich deshalb keine Modeerscheinung, sondern eine notwendige Bewegung. Sie verbindet modernste Wissenschaft mit einem Paradigmenwechsel im Lebensstil. Es geht nicht nur um ein langes Leben – sondern um ein gutes, waches, kraftvolles Leben. Und um die Fähigkeit, Gesundheit nicht als Luxus zu betrachten, sondern als strategische Ressource – gerade für Menschen in Verantwortung.

JG: Wie gut kann man seine Produktivität steigern, wenn man auf den eigenen Körper hört und achtet?

NS: Enorm – und weit mehr, als viele vermuten. Wer lernt, wirklich auf den eigenen Körper zu hören, erschließt sich eine Ressource, die nachhaltiger wirkt als jede Managementtechnik: Die Fähigkeit zur Regeneration im richtigen Moment, zur Fokussierung ohne Druck und zur Kreativität aus innerer Klarheit heraus. Produktivität entsteht nicht durch ständige Anspannung, sondern durch rhythmisiertes Arbeiten im Einklang mit den eigenen biologischen Zyklen. Wer achtsam mit sich umgeht, schläft besser, denkt klarer, trifft fundiertere Entscheidungen – und kann über längere Zeiträume leistungsfähig bleiben, ohne auszubrennen. Selbstfürsorge ist deshalb kein Zeichen von Schwäche oder Luxus, sondern eine strategische Voraussetzung für Exzellenz – besonders in verantwortungsvollen Rollen. Sie beginnt bei der Körperwahrnehmung, aber sie reicht weit darüber hinaus: in die Art, wie wir uns ernähren, bewegen, atmen, Pausen gestalten und uns abgrenzen. In einer Welt, die auf Beschleunigung und ständige Erreichbarkeit setzt, ist die bewusste Rückverbindung zum eigenen Körper fast schon ein Akt von Leadership – und ein Schlüssel zu echter, nachhaltiger Wirksamkeit.

JG: Was sind deine Top 5 Empfehlungen, um langfristig fit, klar und wirksam zu bleiben?

NS: Ich glaube, es geht weniger um radikale Umstellungen, sondern vielmehr um kluge Routinen mit Tiefenwirkung – kleine Entscheidungen, die täglich getroffen werden und sich langfristig auszahlen. Hier meine fünf persönlichen Essentials – und wie ich sie in meinem Alltag lebe:

  1. Regelmäßige Bewegung – aber angepasst an den Biorhythmus: Ich bin kein Fan von dogmatischem Training um 6 Uhr früh. Ich achte darauf, Bewegung in meinen Tagesfluss zu integrieren – sei es durch morgendliches Stretching, Pilates-Reformer-Einheiten oder Spaziergänge zwischen Calls.
  2. Bewusste, hormonfreundliche Ernährung: Als Frau in einem intensiven beruflichen Umfeld habe ich früh verstanden, wie sehr Ernährung unser Energielevel, unsere Stimmung und unseren Fokus beeinflusst. Ich ernähre mich glutenfrei, achte auf stabile Blutzuckerwerte und kombiniere nährstoffreiche Mahlzeiten mit Intervall-Fasten – ohne Verzicht, aber mit Klarheit.
  3. Schlafhygiene – mein stärkstes Performance-Tool: Ich halte Schlaf für den unterschätztesten Erfolgsfaktor im Management. Deshalb gestalte ich meine Abende so, dass mein Nervensystem zur Ruhe kommen kann: Blaulichtfilter, kein Alkohol, Abendrituale wie Journaling oder Yoga Nidra – das sind keine Wellness-Gesten, sondern Teil meiner Führungsqualität.
  4. Mentale Pausen & Insight-Tage: Ich plane regelmäßig stille Vormittage ein, an denen ich nicht reagiere, sondern reflektiere. Diese Pausen sind mein Kompass – sie geben mir Orientierung in Zeiten, in denen alles gleichzeitig ruft. Dazu nutze ich auch Tools wie Insight Tracking oder Achtsamkeits-Tagebücher.
  5. Kontinuierliches Lernen & Tiefenrecherche: Ich höre Podcasts, lese Studien, bilde mich weiter in Neurobiologie, Longevity, Führung und Kulturentwicklung. Meine Neugier ist mein Antrieb – sie hält meinen Geist jung und mein Denken beweglich. Ich glaube: Lernen ist die Zukunft von Leadership.

JG: Dein Interesse an Longevity, Epigenetik hast du ja auch zum Beruf gemacht – den bekannten Palazzo Fiuggi mitgegründet – mit welchen Herausforderungen warst du damals konfrontiert?

NS: Die größte Herausforderung war sicherlich der Aufbau in einer Zeit, die von enormer Unsicherheit geprägt war. Wir hatten den mutigen Anspruch, ein Konzept zu entwickeln, das medizinische Exzellenz mit luxuriösem Wohlbefinden vereint – und das ausgerechnet während der Corona-Pandemie. Der erste große Einschnitt war der weltweite Shutdown. Lieferketten brachen zusammen, es kam zu massiven Verzögerungen, und auf der Baustelle herrschte zum Teil pures Chaos – Materialien fehlten, Termine platzten, Arbeitskräfte fielen krankheitsbedingt aus. Dazu kam eine Atmosphäre der Angst, die jede Form von Leadership erschwerte – weil man gleichzeitig menschlich sensibel und strukturell konsequent agieren musste. Es war ein Aufbauprojekt in zwei Phasen – einerseits inhaltlich-konzeptionell, andererseits ganz praktisch-infrastrukturell. Beides war unter den damaligen Bedingungen extrem herausfordernd. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit – mit Ärzt:innen, Wissenschaftler:innen, Hospitality-Profis, Architekt:innen und Investoren – war komplex und forderte ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit, Klarheit und Durchhaltevermögen. Wir mussten nicht nur unterschiedliche Fachlogiken zusammenbringen, sondern auch eine neue gemeinsame Sprache finden: eine, die gleichermaßen wissenschaftlich fundiert, markentauglich und emotional berührend ist. Trotz all dieser Hürden war es genau dieser Druck, der uns gezwungen hat, exzellent und kompromisslos zu denken – und der den Palazzo Fiuggi letztlich zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein Ort der Zukunft im Gewand eines historischen Hauses.

JG: Hast du die Gründung je bereut?

NS: Keine Sekunde. Jeder einzelne Schritt – auch die schwierigen, vielleicht gerade die – hat sowohl mich als auch das Projekt wachsen lassen. Und dann gibt es diese besonderen Momente, in denen man spürt: Es hat sich gelohnt. Einer davon war sicher, als Oprah Winfrey sagte, der Palazzo sei “the best resort in the world.” Das war keine Bestätigung im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Idee, mit der wir gestartet sind – Wissenschaft, Achtsamkeit und Exzellenz zu vereinen – auch auf emotionaler Ebene ankommt. Ich bereue nichts. Im Gegenteil: Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für diesen Weg.

JG: Für wen ist der Palazzo Fiuggi etwas?

NS: Der Palazzo Fiuggi ist für Menschen, die Gesundheit nicht als kurzfristige Maßnahme, sondern als ganzheitlichen, bewussten Lebensstil verstehen – und bereit sind, gezielt in ihre langfristige Lebensqualität zu investieren. Unsere Gäste kommen aus unterschiedlichen Altersgruppen und Lebenssituationen, aber sie alle eint der Wunsch nach Tiefe, Individualisierung und Exzellenz. Was wir anbieten, ist extrem hochwertig – medizinisch wie kuratorisch – und das hat seinen Preis. Aber für diejenigen, die echte Transformation suchen und den Anspruch haben, Körper, Geist und Lebensführung in Einklang zu bringen, ist der Palazzo Fiuggi ein Ort von außergewöhnlichem Wert.

JG: Heute gibst du dein Wissen weiter – als Speakerin und Dozentin und als Coach – viele junge Frauen sind unsicher, wenn sie in den Beruf starten – was würdest du ihnen mitgeben?

NS: Ich würde sagen: Weniger zerdenken, mehr ausprobieren. Viele junge Frauen warten darauf, „fertig“ zu sein, bevor sie losgehen – perfekt ausgebildet, sicher, anerkannt. Aber so funktioniert das Leben nicht. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Unsicherheit zu handeln. Ich empfehle: Nimm dir bewusst Räume zum Innehalten – nicht digital, nicht durchgetaktet, sondern ganz analog. Ein leeres Notizbuch kann dabei mehr bewirken als jedes Karriere-Coaching. Es zwingt dich, dich wirklich mit dir selbst auseinanderzusetzen – deinen Gedanken, Zweifeln, Ideen. Denn in uns steckt oft viel mehr Klarheit, als wir glauben. Und vor allem: Deine Perspektive zählt. Gerade weil du anders bist, machst du den Unterschied. Lass dich nicht durch alte Strukturen kleinhalten. Die Zukunft braucht Frauen, die nicht nur mitreden, sondern mitgestalten wollen – ehrlich, mutig und unperfekt.

JG: Warst du von Anfang an ganz bei dir – selbstbewusst – oder hast du auch gestruggelt? Gerade mit deiner Rolle als Frau im Business?

NS: Natürlich gab es Unsicherheiten – und sie gehören bis heute dazu. Selbstbewusstsein ist kein Dauerzustand, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Gerade als junge Frau im Medienbereich – oder später als die einzige Frau im Raum in italienischen Managementrunden – hatte ich oft das Gefühl, nicht automatisch mit Autorität gelesen zu werden. Ich musste lernen, meine Stimme nicht nur zu erheben, sondern ihr auch selbst zu glauben. Was dabei geholfen hat? Humor. Haltung. Und der feste Glaube daran, dass man nicht lauter sein muss als andere – nur klarer.Rückblickend hatten die junge Journalistin mit Aufnahmegerät und die spätere Gründerin eines Longevity-Retreats mehr gemeinsam, als man denken würde: Neugier, Beharrlichkeit – und die Bereitschaft, auch dann weiterzugehen, wenn man sich selbst noch nicht ganz sicher ist.

JG: Musstest du mehr Gas geben, weil du eine Frau bist?

NS: In vielen Situationen, ja – ich musste tatsächlich mehr Energie investieren, um gehört, gesehen und ernst genommen zu werden. Vor allem in traditionellen, männlich geprägten Strukturen war es nicht selbstverständlich, als Frau mit gleicher Selbstverständlichkeit am Tisch zu sitzen. Aber ich finde es zu einfach, die Verantwortung allein bei uns Frauen zu verorten – nach dem Motto: „Wir müssen halt mehr leisten.“ Was wir wirklich brauchen – im Business wie in der Gesellschaft – ist ein neues Verständnis von Balance. Yin und Yang. Nicht entweder oder, sondern beides – in jedem Menschen. Klarheit und Intuition. Zielstrebigkeit und Achtsamkeit. Struktur und Empathie. Diese Qualitäten sollten nicht geschlechtsspezifisch gelesen werden, sondern als integrative Führungskompetenzen. Wenn uns das gelingt, müssen Frauen nicht mehr „mehr Gas geben“, sondern können einfach sie selbst sein – und das ist mehr als genug.

JG: Du hast ein Motto auf deiner Homepage: Neugierig sein, kein Nein akzeptieren und eine Mission Impossible Lady zu sein – was meinst du damit?

NS: Für mich bedeutet dieses Motto, die Welt nicht als starres System von Begrenzungen zu sehen, sondern als Spielfeld von Möglichkeiten. „Kein Nein akzeptieren“ meint dabei nicht Trotz oder Ego – es ist vielmehr eine innere Haltung: ein Perspektivenwechsel, der mir hilft, nicht sofort vor der ersten Hürde stehenzubleiben, sondern weiterzudenken. Ich versuche, mich kognitiv – oft auch unbewusst – immer wieder auf die positiven Aspekte einer Situation auszurichten. Nicht auf das, was nicht geht, sondern auf das, was möglich ist. Selbst in Momenten des Zweifels oder der Überforderung frage ich mich: Was kann ich hier authentisch beitragen? Was liegt trotz allem in meiner Hand? Wenn ich spüre, dass etwas wirklich in mir angelegt ist – ein Impuls, eine Idee, eine Richtung – dann funktioniert es auch. Nicht immer sofort, nicht immer perfekt, aber es entsteht Energie, Bewegung, Resonanz. Mission Impossible Lady zu sein heißt für mich also: den Mut zu haben, ungewöhnliche Wege zu gehen. Ohne Maske, ohne aufgesetzte Härte – sondern mit Neugier, Hingabe und der Bereitschaft, auch im Unfertigen zu stehen. Und vor allem mit dem Glauben daran, dass Sinn entsteht, wenn man seiner inneren Wahrheit folgt – auch wenn von außen erst einmal ein „Nein“ kommt.

JG: Wir haben viel über deine Erfolge in deiner Karriere gesprochen – wo bist du mal gescheitert?

NS: Ich bin mehrfach gescheitert – beruflich wie privat. Eine Liebesbeziehung, die mir sehr viel bedeutet hat, ist zerbrochen. Bei Universal Music wurde ich zunächst abgelehnt, ebenso bei einem Volontariat bei Pro7. Mein damaliger Chef sagte mir sogar: „Du bist zu gut, ich werde an deine Tür klopfen, wenn ich dich brauche.“ Und er hat es später getan. Ich habe eine Spa-Direktorin eingestellt, die sich als kompletter Fehlgriff erwiesen hat – das Team wieder aufzubauen war eine enorme Herausforderung. Und ich wollte ein Restaurant nach Sardinien bringen – auch das ist gescheitert. Aber in all diesen Momenten lag ein Geschenk: Klarheit, neue Chancen, ein Perspektivwechsel. Scheitern ist für mich kein Endpunkt, sondern ein Wegweiser. Und oft führt er an Orte, die weit besser sind als das, was ich ursprünglich geplant hatte. Heute weiß ich: Der neue Weg, der sich nach dem Scheitern zeigt, ist meistens viel geiler. Ich glaube sogar, dass manche Entwicklungsschritte nur durch das Scheitern möglich sind. Es bringt uns in Berührung mit unserer Verletzlichkeit – und damit auch mit unserer Tiefe, unserer Kreativität und unserer Menschlichkeit. Entscheidend ist, was wir daraus machen: Lernen wir? Justieren wir? Gehen wir weiter? In einer Welt, die oft auf Perfektion getrimmt ist, verstehe ich das Scheitern heute als mutigen Akt – als Bekenntnis zu einem lebendigen, echten Weg.

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Test, ein Geschenk, eine Strafe?

NS: Test: Ein echter Wendepunkt war der Moment, als ich über Nacht eine langjährige Beziehung verlassen habe. Ich habe mir allein eine Wohnung gekauft, alles hinter mir gelassen und mein Leben komplett neu aufgebaut – ohne Sicherheitsnetz. Im Rückblick erscheint es fast wahnsinnig, aber genau diese radikale Entscheidung hat mich gelehrt, auf meine innere Stimme zu vertrauen – und dass echter Neuanfang immer möglich ist, wenn man bereit ist, sich selbst neu zu begegnen. Geschenk: Ganz klar: meine zwei Jungs. Mutter zu sein ist das größte Geschenk meines Lebens. Sie bringen mich täglich zum Staunen, fordern mich heraus, halten mir den Spiegel vor – und erinnern mich daran, was wirklich zählt. Durch sie habe ich eine neue Dimension von Liebe, Geduld und Sinnhaftigkeit erfahren. Strafe: Es gab eine Phase in meinem Berufsleben, in der ich Teil eines Management-Teams war, das von toxischer Dynamik geprägt war – unterschwellige Konkurrenz, fehlende Transparenz, emotionale Kälte. Diese Atmosphäre auszuhalten und gleichzeitig integrativ führen zu wollen, war zermürbend. Es hat viel Kraft gekostet, nicht zu resignieren, sondern eine Haltung zu finden, die mir selbst treu bleibt. Rückblickend war es keine Strafe im klassischen Sinn, aber ein schmerzhafter Lernraum, der mich gezwungen hat, meine Werte zu schärfen – und klarere Grenzen zu setzen.

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