Heute: Sabrina Seltmann & Christin Brutsche
Co-Founder und Co-CEO Lybbie
Learning 1: Im Geschäftsleben muss man nicht immer nach dem Profit gehen, auch ein bestimmter Zweck, beispielsweise Plastik einzusparen, kann ein gutes Ziel sein.
Learning 2: Familie und Beruf miteinander zu verbinden, kann funktionieren – und eine private Beziehung sogar besser machen.
Learning 3: Zu Gründen ist toll, aber auch eine finanzielle Belastung. Wer nicht gleich all in gehen möchte, kann das Business auch erstmal als Side Hustle starten und erst später ganz springen.
Jule Gölsdorf: Pampers & Co machen viel Müll, ihr bietet eine Alternative, eine nachhaltige Windel. Und die Idee zu ist entstanden, weil ihr selbst nach einer Windel gesucht, aber keine gefunden habt?
Sabrina Seltmann: Wir haben unser Kind 2022 bekommen und wollten nachhaltig wickeln, weil Wegwerfwindeln Müll produzieren und gesundheitsschädlich sind. Wir haben dann über Stoffwindeln recherchiert und festgestellt, dass wir mit unserem Wissen an Grenzen kommen und dann eine Stoffwindel-Beratung gemacht.
Christin Brutsche: Wir waren wirklich überfordert, das ist eine Wissenschaft für sich. Danach haben wir uns in der typischen Berliner Öko-Hipster-Bubble umgehört. Viele gehen in der Bio-Company einkaufen, schauen, dass alles nachhaltig ist – aber für´s Kind werden dann Wegwerfwindeln gekauft. Da wollten wir wissen: Woran liegt das? Die Eintrittshürde bei Stoffwindeln ist hoch. Man kann nicht einfach in den Laden gehen und eine Windel kaufen, man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen. Zudem haben die verschiedenen Modelle Vor- und Nachteile: Einige halten mehr, sind aber dicker, andere sind dünner, halten aber nur zwei Stunden. Es mangelte an der Praktikabilität.
Sabrina Seltmann: Wir haben unseren Freunden Stoffwindeln zum Testen geschenkt, aber sie waren nicht überzeugt und sind alle wieder zu den Wegwerfwindeln zurückgegangen. Und dann hatten wir Lust, eine Windel zu entwerfen, die genauso einfach funktioniert wie eine Wegwerfwindel, um unsere Freunde zu überzeugen. Das hat dann zwei Jahre gedauert. Wir wollten die perfekte Windel machen. Sie sollt 6-8 Stunden halten, relativ dünn, stylisch und einfach sein.
JG: Wie entwickelt man einen Prototyp?
SS: Wir haben uns viele Systeme angesehen und sie am eigenen Kind getestet und es bei unseren Freunden gegengecheckt. Und dann sind wir in eine Schneiderei gegangen und haben denen gesagt, was wir wollen. Wir dachten, wir lassen einfach ein Schnittmuster anfertigen und schicken das an eine Manufaktur. Die zu finden, war auch gar nicht so einfach, die Manufaktur musste sich mit Stoffwindeln auskennen, sollte hohe ethische Werte vertreten, mit nachvollziehbarer Lieferkette.
CB: Irgendwann gab es den ersten Prototypen, den haben wir dann getestet, verbessert, weiter getestet und verbessert. Nach zehn Prototypen wurde die Manufaktur langsam ungeduldig, aber wir wollten immer noch mehr, bis es am Ende fünfzig Prototypen waren. Zwischen dem ersten Prototyp und den heutigen Modellen liegen Welten.
JG: Haben Menschen wegen der Hygiene Berührungsängste mit Stoffwindeln?
SS: So schlimm ist das nicht, man hat in der Windel ja noch eine Einlage, ein Papier, das den Stuhlgang auffängt – das kann man wegwerfen. Und die Windeln haben eine Antihaft-Beschichtung, die lassen sich einfach abschütteln. Urin wäscht sich gut aus – auch mit Hilfe der Vorwäsche.
JG: War euch von Beginn an klar, dass die selbst perfektionierte Windel auch ein Business werden soll?
SS: Ja, es sollte ein Business werden, weil wir es einfach schade fanden, dass Menschen, die eigentlich nachhaltig handeln, an Windeln scheitern.
CB: Es ist ja auch ein großes Problem unserer Zeit: Mit Wegwerfwindeln produziert man tonnenweise Plastik, wovon Teile im Zweifel irgendwann im Meer landen. Für uns war es einfach sehr erfüllend zu sehen, dass man pro Kind ohne großen Mehraufwand 1,2 Tonnen Plastik einsparen kann. Daher wollten wir auch nicht primär ein Umsatzziel, sondern ein Impactziel. Wir wollten mit unserer Idee eine Millionen Tonnen Plastik pro Jahr einsparen.
JG: Ihr hattet mitten in der Gründung ein Baby, wo andere also aufhören zu arbeiten, habt ihr erst richtig angefangen.Das Kind war natürlich Testobjekt, trotzdem war es sicher herausfordernd, oder?
SS: Und wir lieben Herausforderungen, uns macht es Spaß, gefordert zu werden, unser Sohn ist jetzt drei und der kommt erst jetzt in den Kindergarten. Eigentlich ging das überraschend gut, wir haben uns die Zeit aufgeteilt. Eine hat sich morgens gekümmert, die andere nachmittags – die jeweils andere hat gearbeitet. Wir haben also quasi eine Vollzeitstelle und eine Vollzeitkinderbetreuung abgedeckt.
CB: Wir machen den Prozess ja gerade nochmal durch, wir haben ja gerade ein weiteres Kind bekommen. Bei uns verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben natürlich stark. Wir sind einfach sehr flexibel und effizient.
JG: Beruf, Privatleben und Kinderkriegen zu verbinden – das hat doch aber bestimmt auch Streitpotential?
SS: Am Anfang schon. Aber es ist ja auch schon die zweite Firma.
CB: Wir haben uns im ersten Anlauf die Hörner abgestoßen – wir kommen ja aus extrem unterschiedlichen Bereichen – Wirtschaft und Geisteswissenschaften. Ich habe ja vorher bei McKinsey gearbeitet, klassisches Consulting und wollt jeden Morgen um acht Uhr einen Morningcall machen. Das fand Sabrina total absurd und hat sich verweigert.
SS: Da haben wir uns wirklich drüber gestritten. Witzigerweise bin ich heute diejenige, die früh morgens über die Prioritäten des Tages reden will. Aber generell wertschätzen wir die verschiedenen Dimensionen: Die Elternperspektive, die Paarperspektive, aber wir sind eben auch Businesspartner. Das gute ist, dadurch, dass wir uns so gut ergänzen, kommt am Ende immer das Beste heraus.
JG: Habt Ihr eine Exit-Strategie für den Fall, dass der Plan nicht aufgeht, ihr Euch nicht mehr versteht?
SS: Wir arbeiten sehr stark an unserer Beziehung und die Tatsache, dass wir zusammen gegründet haben, hat unsere Beziehung besser gemacht, weil wir noch mehr an der Kommunikation arbeiten müssen, um alles gemeinsam zu regeln. Unsere Beziehung ist dadurch besser geworden!
JG: Die Finanzierung habt ihr selber gestemmt, obwohl es ja andere Möglichkeiten gegeben hätte. Warum habt ihr das so entschieden?
CB: Wir wollten einfach maximale Freiheit und haben erstmal auf das optimale Produkt gesetzt, um dann in den Markt zu kommen. Wir haben langfristig gedacht. Jetzt nimmt die Firma allerdings immer mehr Fahrt auf, dass wir es so nicht mehr stemmen können. Deshalb haben wir jetzt eine kleine Finanzierungsrunde gemacht, nur unter Freunden, da haben wir einen kleinen sechsstelligen Betrag eingenommen und das reicht für die nächsten größeren Wachstumsschritte. Aber eins bleibt klar: wir stellen unsere Prinzipien über den Profit!
JG: Grundsätzlich gibt es in der Gründerszene immer noch mehr Männer, weniger Frauen, die Patente anmelden. Hat es eine Rolle gespielt, dass ihr queer und ein Paar seid? Gab es Vorurteile? Seid ihr angeeckt?
SS: Tatsächlich nicht, die Menschen waren eigentlich immer eher positiv überrascht. Aber wir sind natürlich auch kein Tech-Unternehmen, die Kinderbranche ist familiärer geprägt. Hinter vielen großen Marken stecken Paare, die nach dem ersten Kind gegründet haben.
CB: Wir sind vom Vorgehen sehr strukturiert, haben uns gefragt: Was sind die Punkte, die wir richtig machen müssen, damit wir eine Chance haben, groß zu werden? Und wir haben durch unseren bisherigen Werdegang natürlich gewisse Marker auf dem CV, die Leute dazu bringen, zuzuhören. Ich habe in Harvard studiert, war bei McKinsey, da ist mein Frausein weniger wichtig, meine Kompetenzen weniger angezweifelt. Durch den Background gab es schon Vorschusslorbeeren. Wir hatten da weniger mit Zweifeln zu kämpfen.
JG: Mit eurem Background hättet ihr auch andere Karrieren einschlagen können – finanziell vielleicht sogar noch erfolgreicher. War es für euch trotzdem richtig, den eigenen Weg zu gehen?
CB: Man muss sich ja immer fragen: Was willst du mit deinem Leben anfangen? Es gibt ja dieses Zitat von Mary Oliver: Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben? Das hatte ich immer im Kopf. Ich fand die Beratungszeit schon spannend, aber ich habe mich eines nachts, als ich vor einer Finanzpräsentation saß, gefragt, ist das wirklich das, was ich machen will? Und die Antwort war ehrlicherweise: Nein, eigentlich nicht.
SS: Wir haben da viel drüber diskutiert, wir haben alle nur ein Leben, sind aber so privilegiert, dass wir es selbst gestalten können. Wir wollten das Privileg nutzen, um einen möglichst positiven Impact auf die Welt zu haben. Wir wollen auch unserem Kind eine gute Welt hinterlassen, wir wollen Vorbilder sein und auch unser Kind dazu motivieren, etwas Positives zu bewirken.
CB: Außerdem ist das Unternehmertum eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit. Wir mögen es einfach kompliziert. Klar fragen wir uns manchmal, was haben wir uns da angetan? Aber die Challenge macht einfach großen Spaß! Wir sind jetzt seit drei Jahren auf dieser Reise mit Lybbie und wir würden es nicht anders machen wollen.
JG: Viele stehen vor der Frage: Traue ich mich oder nicht? Sollte man immer nach der Leidenschaft gehen?
SS: Es kommt drauf an – wenn man gründet, sich selbstständig macht, ist das schon eine finanzielle Belastung, man trifft im Zweifel eine Entscheidung für die ganze Familie. Man muss abwägen, aber muss sich eben fragen: Kann ich mit dem, was ich mitbringe, etwas anderes machen, was mich mehr erfüllt? Meistens kann man das!
CB: Unternehmertum ist etwas Tolles, das wollen viele machen, aber es kann eben auch nicht jeder seinen gutbezahlten Job dafür aufgeben und all in gehen. Aber man kann auch erstmal als Side Hustle starten und den Sprung erst wagen, wenn das Unternehmen sich auch trägt. Aber wenn es die Möglichkeit gibt: Go for it!
JG: Viele Gründer starten mit einem Produkt, expandieren dann aber irgendwann. Was sind eure Pläne?
CB: Wir wollen unser Unternehmen ausbauen, eine umfassende Welt in der Baby-Gesundheit erschließen, eine Schwimm-Windel oder Windeln für ältere Kinder.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
SS: Für mich war es ein Geschenk, Christin kennengelernt zu haben, weil mein Leben dadurch deutlich besser geworden ist. Wir verwirklichen uns selber, wir haben eine Familie gegründet, ein Unternehmen aufgebaut, wir machen etwas mit purpose, das gibt mir sehr viel.
CB: Ja, das sehe ich genauso.
SS: Ich finde, es gibt keine Strafen. Es sind eher Herausforderungen, die man meistern kann, eine Strafe ist so endgültig. An einer Challenge kann man wachsen, neue Perspektiven entdecken – und wenn man das geschafft hat, ist man stolz.
CB: Bei einer Strafe muss ich auch passen – mal abgesehen von ein paar Strafzetteln. Ein Test war die Kündigung bei Siemens, mit dem Wissen, 200 Tausend Dollar Studiengebühren zahlen zu müssen und ohne Job zu sein. Da haben viele zu mir gesagt: Bist du wahnsinnig? Es war ein Test, an mich zu glauben und nicht den Weg zu gehen, den andere Familienmitglieder gegangen sind. Das hat mir die eine oder andere schlaflose Nacht beschert, aber es hat sich ausgezahlt.
SS: Ich glaube, man kann nur dann gut sein, wenn man das macht, was man liebt. Ich komme ja aus einer Familie mit Audi-Hintergrund, habe aber Geisteswissenschaften studiert, weil ich das Thema cool fand. Da kann man viel nachdenken – und ich habe das gemacht, obwohl mir viele abgeraten haben, weil Geisteswissenschaften nicht so ein klares Ziel haben. Aber ich habe genau das gemacht, was ich wollte, und das macht mich glücklich.
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