In dieser Folge der Business Suite schreibt Coachin Mareike Lehmann über Online-Formate und die Frage, warum sie sich oft anstrengend oder distanziert anfühlen und was es braucht, damit auch digital echte Begegnung entstehen kann
In vielen digitalen Meetings, Trainings oder Workshops zeigt sich ein ähnliches Bild. Kameras bleiben ausgeschaltet, Reaktionen sind selten, Gespräche verlaufen zäh. Oft bleibt unklar, wer gerade wirklich präsent ist und wie die Stimmung im Raum ist.
Es entsteht eine Form von Zurückhaltung. Begegnung wird möglich, aber sie stellt sich nicht von allein ein.
Oft wird das als gegeben hingenommen. Online ist eben anders, heißt es dann.
Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn diese Distanz entsteht nicht zufällig, sondern durch die Art, wie digitale Räume gestaltet werden und wie wir uns in ihnen bewegen.
Gerade in meiner Arbeit in moderierten Online-Formaten zeigt sich immer wieder, wie stark schon kleine Veränderungen im Rahmen die Qualität der Begegnung beeinflussen.
Reflexionsfrage
Wann haben Sie zuletzt erlebt, dass ein Online-Format wirklich verbindend war und woran haben Sie das gemerkt?
Ein häufiger Gedanke ist, dass digitale Räume weniger Möglichkeiten für Nähe und Austausch bieten. Dass Empathie und Beziehung online nur eingeschränkt möglich sind.
Dieser Gedanke hat sich in vielen Kontexten etabliert. Er stimmt so nicht.
Auch online kann Verbindung entstehen. Aber sie braucht Aufmerksamkeit und eine bewusste Gestaltung des Raumes.
Ein Online-Format ist immer ein gemeinsamer Raum. Er wird geprägt von der Art, wie moderiert wird und von der Haltung, mit der teilgenommen wird.
Wenn mehrere Menschen beginnen, diesen Raum bewusst mitzugestalten, verändert sich die Dynamik. Beteiligung wird leichter, Austausch entsteht und Verbindung wird möglich.
Reflexionsfrage
Was können Sie selbst dazu beitragen, dass ein digitaler Raum lebendiger und verbindlicher wird?
Verbindung entsteht oft schon vor dem eigentlichen Beginn eines Online-Formats.
Ein kurzer Blick auf die Teilnehmenden im Vorfeld kann den Unterschied machen. Namen lesen, ein Gefühl dafür bekommen, wer im Raum sein wird. Manchmal entsteht sogar schon vorab ein erster Kontakt.
Genauso wichtig ist die eigene innere Ausrichtung. Mit welcher Aufmerksamkeit gehe ich in dieses Treffen. Wie präsent bin ich, noch bevor es losgeht.
Auch die ersten Minuten im Raum prägen viel. Wer früh da ist, schafft Raum für Ankommen, für einen kurzen Austausch und für ein erstes Wahrnehmen.
Gerade online braucht es diesen Übergang bewusst. Vom Alltag in die gemeinsame Situation.
Reflexionsfrage
Was hilft Ihnen, vor einem Online-Termin wirklich anzukommen und präsent zu sein?
Die ersten Minuten eines Online-Formats entscheiden oft darüber, wie sich der Raum entwickelt.
Gerade online reicht es nicht, einfach zu beginnen. Wenn Inhalte sofort im Mittelpunkt stehen, bleiben viele zunächst in einer beobachtenden Haltung.
Ein bewusster Einstieg verändert das. Ein Moment, in dem Menschen ankommen, sich orientieren und in Kontakt kommen, bevor es fachlich wird.
Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Ein offener Raum vor Beginn, in dem erste Gespräche entstehen. Eine einfache Einstiegsfrage, die sofort ins Denken bringt. Oder ein kurzes Bild, das gemeinsam betrachtet wird und einen ersten Austausch ermöglicht.
Solche Momente wirken oft stärker als ein perfekter Einstieg in Inhalte. Sie holen Menschen ab und machen Beteiligung leichter.
Reflexionsfrage
Was würde sich für Sie verändern, wenn ein Online-Termin bewusst mit Ankommen und Begegnung beginnt?
Online verändert sich Wahrnehmung. Vieles, was in Präsenz selbstverständlich mitschwingt, wird weniger sichtbar. Mimik, kleine Gesten oder spontane Reaktionen gehen leichter verloren oder werden gar nicht erst gezeigt.
Gerade deshalb braucht es mehr Aufmerksamkeit für das, was dennoch da ist.
Stimme, Blick, Haltung und kleine Signale gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig hilft es, Reaktionen aktiver zuzeigen. Ein Nicken, ein kurzes Zeichen, ein Moment der Resonanz. Dinge, die Verbindung sichtbar machen.
Dabei wird oft etwas übersehen. Nicht alle bewegen sich gleich selbstverständlich in digitalen Formaten.Für manche ist es vertraut, für andere bleibt es ungewohnt. Das zeigt sich leise, in Zurückhaltung oder Unsicherheit.
Empathie bedeutet hier, genau das wahrzunehmen. Raum zu lassen und gleichzeitig Orientierung zu geben. Menschen einzubeziehen, ohne sie unter Druck zu setzen.
Gerade in meinen Online-Mediationen zeigt sich immer wieder, wie entscheidend diese Form von Aufmerksamkeit ist, auch dann, wenn sie nicht sofort sichtbar wird.
Wenn das gelingt, verändert sich der Raum. Mehr Beteiligung wird möglich, und Verbindung entsteht auch dort, wo sie zunächst nicht sichtbar war.
Reflexionsfrage
Woran erkennen Sie in einem digitalen Format, dass Verbindung entsteht, auch wenn sie nicht sofort sichtbar ist?
Online-Formate müssen nicht perfekt sein, um wirksam zu sein.
Was oft mehr zählt, ist etwas anderes. Präsenz. Echtes Interesse. Die Bereitschaft, auf das einzugehen, was im Raum entsteht.
In meiner Arbeit mit Gruppen und Teams zeigt sich immer wieder, wie stark genau diese Haltung den Verlauf eines Formats beeinflusst.
Das zeigt sich in kleinen Momenten. In einer Pause, die nicht einfach nur leer ist, sondern gemeinsam gestaltet wird. In Bewegung zwischendurch. In der Einbindung von anderen, die Verantwortung mit übernehmen. Und in einer Nachbereitung, die zeigt, dass der Kontakt nicht mit dem Termin endet.
Wenn Menschen spüren, dass sie gemeint sind, verändert sich etwas. Beteiligung wird selbstverständlich und Verbindung entsteht.
Reflexionsfrage
Was würde sich in Ihren Online-Formaten verändern, wenn Sie weniger auf Perfektion und mehr auf Verbindung achten?
Online-Formate sind längst kein Notbehelf mehr, sondern fester Bestandteil von Zusammenarbeit und Austausch.
Auch auf Distanz entsteht Beziehung. Sie zeigt sich anders, aber sie ist da.
Und wie jede Form von Beziehung braucht auch sie Aufmerksamkeit, Präsenz und die Bereitschaft, sie bewusst zu gestalten.
Mareike Lehmann ist systemische Coachin (DVCT), Mediatorin (Univ.) und Business-Moderatorin (QRC). Sie begleitet Menschen, Teams und Organisationen dabei, Kommunikation bewusst zu gestalten, Konflikte konstruktiv zu klären und tragfähige Entscheidungen zu ermöglichen. Zudem spricht sie auf Bühnen zuden Themen Kommunikation, Konfliktkompetenz und Führung.
In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um Kommunikation, Zusammenarbeit und konstruktive Konfliktklärung – klar, kraftvoll und nahbar.
Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike
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