Vestiaire Collective und eBay prägen den Resale-Markt seit Jahren. Jetzt erobert ein Livestream-Format aus den USA Deutschland und macht Second-Hand-Luxus zum Echtzeit-Erlebnis, mit Startpreisen ab einem Euro
Dienstagabend, kurz nach acht. Eine Verkäuferin hält eine Chanel-Tasche in die Kamera, zeigt die Nähte, nennt das Herstellungsjahr und den Preis, den sie selbst dafür gezahlt hat. Im Chat laufen die Gebote parallel mit. Drei Tage später kommt das Paket an. Diese Szene spielt sich auf Whatnot ab, einer 2019 gegründeten Live-Shopping-Plattform, die sich in Deutschland gerade zur echten Alternative für Preloved Luxury neben Vestiaire Collective und eBay entwickelt.
Vestiaire Collective bleibt bei Produktseiten und festen Preisen. eBay hat mit eBay Live seit Ende November 2025 zwar ein eigenes Format am Start, bislang vor allem in den Kategorien Sammeln & Seltenes sowie Kleidung & Accessoires. Whatnot dagegen ist seit der Gründung 2019 ausschließlich für dieses Format gebaut und gilt als größte Live-Shopping-Community Europas, mit entsprechend vielen eingespielten Verkäufer:innen und etablierten Communities zur Auswahl. Auf allen drei Plattformen läuft das Prinzip gleich: Verkäufer:innen moderieren in Echtzeit durch ihr Sortiment, Käufer:innen stellen Fragen und bieten in Echtzeit mit, der Preis entsteht im Moment.
Aus dem kurzen Blick vorm Schlafengehen ist längst eine feste Gewohnheit geworden. Im Schnitt verbringen deutsche Nutzer:innen 86 Minuten täglich in der App, ungefähr so lang wie ein Kinofilm. Drei von vier Käufer:innen schreiben ihrem Verkäufer eine Nachricht, bevor sie mitbieten, so persönlich wie sonst nur beim Vintage-Händler um die Ecke, und damit der höchste Wert aller Whatnot-Märkte weltweit. Women’s Fashion und Luxury Bags zählen hierzulande zu den Kategorien mit dem größten Zulauf. Insgesamt hat sich das Geschäftsvolumen in Deutschland im Jahresvergleich mehr als verdreifacht. Global kaufen Nutzer:innen inzwischen über zwölf Millionen Modeartikel pro Monat, bei Beauty hat sich das Interesse binnen eines Jahres beinahe verneunfacht.
Eine Studie der Strategieberatung Simon-Kucher aus dem Jahr 2023 zeigte den Trend bereits früh: Zwei von drei Befragten konnten sich einen Kauf bei einem Live-Shopping-Event grundsätzlich vorstellen, unter ihnen wiederum acht von zehn für Mode und Bekleidung. Bei der Preisfrage gingen die Erwartungen auseinander, 37 Prozent rechneten mit niedrigeren Preisen als im regulären Handel, 23 Prozent mit höheren.
Merve Polat verkauft unter dem Namen @coconero Fashion und Damenbekleidung, im Stream direkt aus ihrem eigenen Ladengeschäft in Mönchengladbach. Seit Februar 2026 führt sie ihren eigenen Account, in sechs Monaten hat sie eine Community von rund 2.500 Followern und über 450 Bewertungen aufgebaut. Pro Stream zeigt sie durchschnittlich 300 Teile.
Ihre Preisstrategie bleibt bewusst fair: „Mir ist wichtig, fair zu bleiben. Natürlich muss sich der Verkauf wirtschaftlich lohnen, gleichzeitig vertraue ich meiner Community sehr. Viele Auktionen starten bereits bei 1 Euro, und häufig entwickelt sich daraus ein fairer Marktpreis.“ Manchmal geht der Preis auch niedrig aus: „Ein besonders schönes langes Maxikleid ging beispielsweise für nur einen Euro weg. Natürlich hätte ich mir einen höheren Preis gewünscht, aber am Ende habe ich mich einfach für die Käuferin gefreut. Genau das macht den Reiz von Live-Auktionen aus.“
Warum die Preise niedriger ausfallen als bei Vinted, eBay oder in Resale-Boutiquen, erklärt sie mit dem Format selbst: „Live-Auktionen leben vom Moment. Die Startpreise sind oft niedrig, die Auktionen laufen sehr schnell und gleichzeitig sind viele Verkäufer parallel online. Dadurch entsteht ein ganz eigener Markt, der sich deutlich von klassischen Verkaufsplattformen unterscheidet.“
Foto: Spotlight/Launchmetrics
Der größte Einwand gegen Preloved Luxury bleibt die Echtheitsfrage. Whatnot begegnet dem mit Partnerschaften zu den Authentifizierungsdiensten Entrupy und Real Authentication: Verkäufer:innen von Luxus-Handtaschen und Accessoires erhalten reduzierte Prüfraten und können das Echtheitszertifikat direkt in der Produktbeschreibung verlinken.
Merve Polat prüft zusätzlich jedes Teil selbst, bevor der Stream beginnt: „Jedes Kleidungsstück wird von mir sorgfältig geprüft und kontrolliert, bevor es überhaupt in einem Livestream gezeigt wird. Mir ist wichtig, dass meine Käuferinnen genau wissen, was sie erhalten.“ Bei hochwertigen Designerstücken kommt die externe Zertifizierung dazu. Bislang zeigten sich alle Käuferinnen überzeugt von der Echtheit ihrer Bestellung, erzählt sie: „Transparenz steht für mich an erster Stelle. Ich zeige alle relevanten Details ausführlich vor der Kamera, weise ehrlich auf eventuelle Gebrauchsspuren hin und beantworte jede Frage ausführlich.“
Merve Polats Erfolg steht für ein größeres Muster. Max Muche verkauft seit 2025 unter @themoootchsupply gebrauchte Designerhandtaschen und Kleinlederwaren, pro dreistündigem Stream gehen 60 bis 70 Stück durch, daraus ist inzwischen ein sechsstelliges Business geworden. Tom Lindemann baute mit 300 Euro Startkapital ein Sammelkarten-Geschäft auf, das 2025 ein GMV im hohen sechsstelligen Bereich erzielte und heute mehr als zehn Mitarbeitende beschäftigt. Laut Whatnot geben 93 Prozent der Live-Verkäufer:innen an, dass Live Selling ihr wichtigster Verkaufskanal geworden ist, 84 Prozent planen, ihre Investitionen in dieses Format weiter auszubauen.
Wer zum ersten Mal auf Whatnot nach einem Designerteil sucht, sollte laut Merve Polat zuerst hinschauen statt sofort mitzubieten: „Schaut euch den Verkäufer zunächst in Ruhe an. Bewertungen, Transparenz und der Umgang mit der Ware sagen oft mehr aus als das eigentliche Produkt. Setzt euch vorab ein persönliches Budget, beobachtet den Stream eine Zeit lang und bietet dann mit. Mit etwas Geduld lassen sich auf Whatnot echte Lieblingsstücke zu sehr attraktiven Preisen finden.“
In vier Schritten zum ersten Kauf
Der anonyme Produktklick war gestern. Auf Whatnot bekommt der Preloved-Luxury-Markt ein Gesicht, eine Stimme und einen Countdown, mit allen Chancen und Kompromissen, die dieses Tempo mit sich bringt.
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