Modehäuser und Newcomer nutzten den „Fuorisalone“ um künstlerische Kollaborationen und Design-Kollektionen vorzustellen
Der „Salone del Mobile“ in Mailand begann klein. Im Jahr 1961 wurde die Messe von dreizehn italienischen Möbelunternehmern gegründet, um den Export italienischen Mobiliars zu fördern. Über die Jahre entwickelte sich die Messe zur wichtigsten für Möbel und Design weltweit. Und heute? Da steht das, was außerhalb des Rho-Fiera-Messegeländes passiert, fast mehr im Fokus, als die dort gezeigten Möbel-Neuheiten.
Der „Fuorisalone“ („außerhalb des Salone“), also alle Events, die in und um Mailands Zentrum stattfinden, lockt während der „Design Week“ Besucher aus aller Welt an, die sich das Schöne und Neue nicht entgehen lassen wollen. Italiens Design-Hauptstadt brummt in diesen Tagen noch mehr als sonst. Gerade das Viertel Brera lädt an jeder Ecke zum Bestaunen neuer Einrichtungs-Highlights ein. Und nicht nur Galerien, Design-Studios und Möbelhäuser stellen in diesen Tagen ihre Kollektionen vor. Auch Modehäuser und junge Designer zeigen spannende Kollaborationen und Interieur-Ideen.
Ein winziger Kurzwaren-Laden wurde im Design District Brera zu einem Ort persönlicher, gemütlicher Begegnungen. Decor Walther stellte mit „Room13“ ein Buch- und Raumprojekt vor, das von Viviane Hausstein und Marc Krause künstlerisch realisiert wurde. Die Stylistin und der Fotograf untersuchten das Hotel als einen Übergangsraum zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, geprägt von Routinen, Begegnungen und kurzen Aufenthalten. Konkret beobachtet man zwei Personen dabei, wie sie ein Hotel zu ihrem kurzfristigen Zuhause machen – so, wie es jeder von uns immer mal wieder versucht. Das daraus entstandene Buch gehört ab jetzt auf jeden Coffee-Table, so schön ist es geworden. Im temporären Showroom wurde die darin erzählte Geschichte räumlich übersetzt: Decor Walthers Objekte wurden Teil der Inszenierung und in die Abfolge kleiner Bewegungen und Momente eingesetzt, die in einer Hotel-Rezeption von statten gehen. Ein offenes, aber intimes Setting, in dem die hochwertigen Produkte und auch die Pyjama-Kollektion „Sleeping Sartoria“ von Camilo Oliveira ganz nebenbei zu Hauptfiguren wurden.
Decor Walter
Hermès
Hermès lud nach La Pelota in die Via Palermo in Brera ein und präsentierte seine Home-Kollektion in einer Art Parcours. HoheSäulen aus Gips und Holz strukturierten den weiten Raum und lenkten den Blick. Man bewegte sich langsam hindurch, Perspektiven verschoben sich ständig, die Objekte tauchten nach und nach hinter jeder Ecke und in unterschiedlichen Winkeln auf: Kaschmirplaids mit aufwendigen Web- und Färbetechniken, Kannen und Vasen aus gehämmertem Metall, elegante Objekte wie lederne Boxen und Körbe mit farbigen, spielerischen Applikationen. Im Zentrum stand der geschwungene Marmortisch „Stadium“des britischen Design-Duos Edward Barber und Jay Osgerby, dessen Form an die einer Rennbahn erinnerte. Statt einer klassischen Präsentation entstand eine persönliche Entdeckungsreise, in der unterschiedliche Materialien, Farben und Handwerkskünste abwechselnd im Sichtfeld erschienen.
Bei Gianni Chiarini fühlte man sich wie in einer kleinen Oase mitten in der Stadt, die dieser Tage einem Wimmelbild glich. Die florentinische Marke verwandelte den Mailänder Flagship Store in ein „glückbringendes Paradies“: weiche Gräser und Pflanzen boten einen Teppich für fein gearbeitete Terrakotta-Elemente: Äpfel als Glückssymbole, Vasen, Lampen, die an leuchtende Glühwürmchen erinnerten, sowie tiefe Halbkreis-Stühle, die zum Innehalten einluden. Die Installation entstand gemeinsam mit Fornace Carbone, einer Terrakotta-Werkstatt aus Impruneta, und wurde von Letizia dei Fiori inszeniert. Dazwischen präsentierte Gianni Chiarini seine neuen Taschenmodelle – die „Sienna“ sowie überarbeitete Versionen der DUA und Marcella, die durch ihrFlechtwerk an die gezeigten Terrakotta-Vasen erinnerten. Eine kurze Pause in den runden Terrakotta-Sesseln in mitten des inszenierten, toskanischen Gartens kam genau zur richtigen Zeit.
Gianni Chiarini
Die aufstrebende Designerin Giselle Vanessa Johnson wurde in Mailand groß. Ihre erste Installation, die sie während der Design Week zeigte, verstand sie als eine Rebellion gegen das bestehende System: Um in der Design-Welt einen Platz zu bekommen, bedarf es vor allem Geld. Und mehr als um Leidenschaft für den Beruf des Designers, geht es vielen um das Business dahinter. „Mailand ist meine Stadt, und ich muss niemanden dafür bezahlen, in ihr einen Platz zu bekommen“, sagte sie. In der traditionellen Salumeria „Rossi & Grassi“ positionierte sie Teile ihrer selbst entworfenen, wie auch gefertigten Kollektion „Ghost“. Mit der untersucht sie den Raum zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, spielt mit Abwesenheit und Negativräumen. Ihre Arbeiten entwickeln sich langsam und organisch, nicht nach Plan, sondern im Schaffen. Intention und Intuition treffen zusammen und genau das hob ihre spontan wirkende, aber durchdachte Präsentation von vielen anderen ab. Ihre Leidenschaft für das Medium genauso wie ihre Vision wurden sichtbar, wunderschön aber auch extrem gemütlich. Hoffentlich nimmt sie sich in den kommenden Jahren immer mehr Raum, in ihrer eigenen Stadt.
Giselle Vanessa Johnson Foto: Gabriele Genchi
Longchamp präsentierte in seiner Boutique in der Via della Spiga eine Zusammenarbeit mit dem französischen Designer Patrick Jouin. Der Raum verband das Store-Konzept der Marke mit Jouins organischer Formensprache. Im Zentrum standen konkrete Designobjekte: die ledernen „OLO“-Sessel, die „DROP“-Tische in abgestuften Grüntönen sowie die Leuchte „OSTARA“, die in einer limitierten Edition produziert wird. Sie besteht aus einem feinen, perforierten Leder und erinnert in ihren Details an die berühmte „Le Pliage“-Tasche Longchamps. Alle Arbeiten entstanden so aus einem gemeinsamen Verständnis von Design und Handwerk und bewegten sich zwischen Möbel und Mode, mit Fokus auf Material, Form und Funktion. Gerade der „DROP“-Tisch, in seinen grünen Schattierungen, blieb im Gedächtnis. Vielleicht auch, weil die gesamte Fassade des Stores in den gleichen Nuancen verkleidet war.
Longchamp
Balenciaga zeigte in seiner Boutique an der Via Montenapoleone die Ausstellung „Artean“. Das Projekt ist die erste künstlerische Zusammenarbeit unter der Leitung von Pierpaolo Piccioli und widmet sich dem Werk des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. Sieben Arbeiten des Künstlers waren zwischen den aktuellen Kollektionen platziert, darunter auch die Skulptur „Homenaje a Balenciaga“. Der Titel „Artean“ – baskisch für „Zwischenraum“ – beschreibt dabei den Ansatz der Ausstellung: ein bewusst gesetzter Dialog zwischen Mode und Kunst. Besonders schön standen sich zwei Looks in Schwarz und Weiß und das Werk „Gravitation. Homage to Balenciaga“ (1987) gegenüber.
Twinset
Twinset und Calligaris, eine italienische Designmarke für Möbel und Einrichtung, konzentrierten sich in ihrer Zusammenarbeit auf die Gestaltung der Oberfläche von klassischen Design-Stücken. Ausgangspunkt waren die weichen „Glen Soft“-Stühle und -Sessel von Gino Carollo, die sich durch ihre runden Formen auszeichnen. Twinset ergänzte diese mit den feinen Stoffen der neuen Kollektion: weiße Spitze überzog die sanften Silhouetten der Sitzmöbel. So wirkten sie weniger wie klassische Designobjekte, sondern eher wie textile Körper, die gekonnt Mode und Möbel verbanden. Das Resultat könnte man fast als romantisch beschreiben.
Die Fendi-Baguette ist spätestens seit ihren vielen, berühmten Auftritten in der Serie „Sex and the City“ ein Design-Klassiker für sich. Fendi zeigte während der Design Week die Neuauflage der Baguette-Tasche und bezog sich dabei auf den Text „A Beautiful Child“ aus Music for Chameleons von Truman Capote über Marilyn Monroe. Darin beschreibt Capote eine Begegnung, in der er in Monroes Handtasche schaut und daraus ableitet, wer sie ist – die Tasche wird über ihren Inhalt gelesen. Diese Idee griff Maria Grazia Chiuri auf und übertrug sie auf die „Baguette Re-Edition“: Die Tasche wird in unterschiedlichen Versionen gezeigt und nicht als festgelegtes Modell verstanden, sondern als persönliches Objekt, das sich in seiner Ausführung verändert und so an die jeweilige Trägerin anpasst.
Fendi
Und Marilyn Monroe begegnete man nicht nur einmal. Im MUDEC zeigte GUESS mit „Beyond the Icon“ eine Ausstellung, die sich der Hollywood-Ikone widmete. Fotografien von Bernard of Hollywood, Sam Shaw und Milton H. Greene zeigten ihre unterschiedlichen Facetten, zwischen kultigem Glamour und intimen Momenten. Ergänzt wurde die Präsentation durch eine Capsule Collection, die anlässlich des 45-jährigen Jubiläums der Marke entstand und Monroes Stil in aktuelle Looks übersetzt: darunter neu interpretierte Versionen der „Marilyn“-Jeans, figurbetonte Kleider, Bustier-Tops und Caprihosen. Klassische Elemente wie Polka Dots, Karomuster oder verspielte Prints griffen die Ästhetik der 1950er-Jahre auf, wurden jedoch in eine zeitgenössische Silhouette überführt. So verband die Präsentation fotografisches Archivmaterial mit Mode und machte die langjährige visuelle und stilistische Referenz der Marke zu Marilyn Monroe erfahrbar.
Guess
Loro Piana widmete sich mit „Studies, Chapter I: On the Plaid“ einem einzigen Objekt: dem Plaid. Die Installation war als Parcours angelegt, in dem 24 Plaids jeweils als eigene Studie gezeigt wurden, mit ihren unterschiedlichen Techniken, Konstruktionen und Materialien. Beim Durchlauf verschob sich der Fokus von Landschafts- und Naturreferenzen über klassische Muster wie Streifen, Karos und Paisley bis hin zu detaillierten Einblicken in Fasern, Garne und Verarbeitung. Dabei wurde das Plaid in seinen Entstehungsprozessen sichtbar. So konnte das Objekt in jeder Sequenz anders gelesen werden: mal als Musterträger, dann als Materialstudie oder in seiner reinen Handwerkskunst.
Loro Piana
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