Copenhagen Fashion Week SS27: Zwanzig Jahre nordisch, ein Abend New York

Zwanzig Jahre lang stand Kopenhagen für das Gegenteil von New York. Zum Jubiläum lädt die Fashion Week genau das ein

Copenhagen Street Fashion. Foto: Spotlight/Launchmetrics
Copenhagen Street Fashion. Foto: Spotlight/Launchmetrics

Zwanzig Jahre nordische Coolness verdienen eine große Feier, und Copenhagen Fashion Week liefert sie: mehr als 30 Shows und Präsentationen, ein neuer International Guest Slot und, nach eigenen Angaben der Veranstalter, die größte Besucherzahl in der Geschichte der Stadt. Ausgerechnet zum runden Geburtstag entscheidet sich CEO Cecilie Thorsmark für eine Geste, die den eigenen Markenkern zur Debatte stellt: Der neu geschaffene International Guest Slot geht an Collina Strada, das New Yorker Label von Hillary Taymour. Ein Haus, das mit maximalistischer Ästhetik und lauter Nachhaltigkeitsbotschaft ziemlich das Gegenteil der reduzierten, „nordisch kühlen“ DNA verkörpert, für die Kopenhagen zwei Jahrzehnte lang steht.

Die Wahl liest sich als Statement: Wer zwanzig Jahre lang eine bestimmte Ästhetik kultiviert hat, öffnet sich zum Jubiläum bewusst der Konkurrenz von außen. Getragen wird der Slot von The Climate Pledge, dem Amazon-Nachhaltigkeitsbündnis, was der Personalie zusätzliches Gewicht gibt. Nordische Nachbarländer sind im CPHFW-Kalender längst keine Seltenheit, aber ein Blick durch die restliche Saison zeigt, dass gerade die internen Förderstrukturen, also NEWTALENT und der Zalando Visionary Award, in diesem Jubiläumsjahr erstmals über ihre bisherigen Grenzen hinausgehen.

Foto: Studio Constance

Studio Constance – Erste schwedische Stimme im NEWTALENT-Programm

Den Anfang macht Studio Constance: Das CPHFW-NEWTALENT-Förderprogramm, das Marken über drei Saisons mit Mentoring und finanzieller Unterstützung begleitet, nimmt zum ersten Mal ein schwedisches Label auf, ein kleiner, aber programmatischer Vorgriff auf die große Collina-Strada-Frage. Am regulären CPHFW-Kalender hatten schwedische und finnische Marken schon zuvor teilgenommen, darunter Studio Constance selbst zur AW26, doch die gezielte Förderung war bislang dänischen Designer:innen vorbehalten. Gegründet 2020 von Rebecca Dovenryd Almberg, die zuvor bei Proenza Schouler, Totême und Acne Studios gearbeitet hat, trägt das Label den zweiten Vornamen ihrer Großmutter im Namen. Ihr CPHFW-Einstand zur AW26 setzte mit flackernden Kerzen, sakraler Orgelmusik und einer bewusst düsteren, religiös aufgeladenen Bildsprache ein deutliches Zeichen: Almberg wuchs religiös auf und verarbeitet dieses Erbe in ihrer Arbeit. Zur SS27 zog die Show in einen stillgelegten, brutalistischen Wasserturm am Stadtrand um, wo Almberg drapierte Reifrock-Röcke, Lederjacken und eng anliegende Tops zeigte, begleitet von auffällig glänzenden, nassen Frisuren, die zur rauen Materialmischung aus Leder, Denim und transparenten Stoffen passten.

Der eigentliche Coup der Show kam von den Füßen aufwärts: Havaianas feierte hier die Weltpremiere seines allerersten Kitten Heels, verteilt über 25 Looks der Kollektion. Das brasilianische Label interpretierte seine klassische Zehensteg-Konstruktion mit einer asymmetrischen, elliptischen Absatzform in Schwarz, Off-White und Grün neu. „Der Kitten Heel steht für eine neue Design-Perspektive bei Havaianas, bleibt aber der Leichtigkeit, Authentizität und dem brasilianischen Spirit treu, die die Marke immer definiert haben“, ließ Marketingchefin Maria Fernanda Albuquerque verlauten. Über den Laufsteg hinaus setzte sich der Schuh sofort auf Kopenhagens Straßen fort: Model Livia Nunes fuhr mit einem eigens präparierten Havaianas-Fahrrad durch die Stadt, dessen Pedale durch Kitten-Heel-Nachbildungen ersetzt worden waren, während Emili Sindlev den Schuh im Streetstyle trug.

Fotos: Spotlight/Launchmetrics

Almada Label – Ein Neuzugang mit Vorgeschichte

Ganz anders liegt der Fall bei Almada Label: Das finnische Label ist auf dem CPHFW-Kalender kein ganz neuer Name, es zeigte bereits 2023 eine Kollektion in Kopenhagen, doch für die SS27-Saison führt Copenhagen Fashion Week es offiziell als Neuzugang im Programm. Gegründet 2020 von den beiden Finninnen Alexa Dagmar und Linda Juhola, hat sich das in Helsinki entworfene Label längst einen Kultstatus erarbeitet: Der Mara-Mantel ging viral, Rosie Huntington-Whiteley und Jennifer Lawrence tragen die Marke, und Harrods listet sie seit Kurzem im eigenen Haus. Almada steht für zeitlose, saisonlose Stücke aus Merinowolle und Kaschmir, gefertigt in Italien, Portugal und der Türkei, mit einem klaren Bekenntnis zu Transparenz bei Preisen und Produktionsstandorten. Für den Beauty-Look der Show setzte das Team auf Produkte von MERIT, dem Los Angeles Clean-Beauty-Label von Katherine Power, das seit dem Start 2021 zum Synonym für minimalistisches „No-Makeup-Makeup“ geworden ist. Der Status als offizieller Neuzugang zeigt, wie viel Statuszuwachs innerhalb des CPHFW-Systems selbst für längst etablierte, kommerziell erfolgreiche Namen noch möglich ist.

Fotos: Spotlight/Launchmetrics

Gestuz – Der dänische Fixpunkt bleibt sich treu

Wie sehr sich der Rest der Woche bewegt, wird erst im Kontrast zu Gestuz sichtbar, seit Jahren einer der verlässlichsten Namen im offiziellen Kalender und bekannt für erzählerisch aufgeladene Konzepte wie die Formel-1-Hommage „The Human Race“ zur SS26 oder die Martini-Bar-Inszenierung zur AW26. Zur SS27 nannte Kreativdirektorin Sanne Sehested ihre Kollektion „Double Exposure“ und stellte mitten in die Venue eine Fotokabine. „Ich wollte bei Ritualen als weiblicher Sprache verweilen. Kleine Gesten ohne Produktivität, ohne anderen Zweck als pure Freude. Etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt, aber emotional sofort spürbar ist. Die Fotokabinen wurden zur physischen Verkörperung davon“, teilte Sehested auf Instagram mit. Das Bühnenbild zitierte das Los Angeles der Siebzigerjahre, wo Glamour und Intimität nebeneinander existieren: Schulterpolster, auffälliger Zebra-Print und zierliche Silhouetten trafen auf Leder und Washed Denim, von taillierten Anzügen bis zu oversized Bikerjacken und khakigrünen Hemden. Passend dazu blieb die Beauty-Seite zurückhaltend, mit natürlicher Haut und einem einzigen Blickfang: zart pudrig-rosa Lippen, die die gedämpfte Farbpalette der Kollektion aufgriffen. Gestuz bleibt damit der Anker, an dem sich die übrige Bewegung der Saison überhaupt erst ablesen lässt.

Foto: Institution

Institution – Der Zalando Visionary Award trifft auf georgisches Handwerk

Am weitesten von diesem Anker entfernt zeigt sich Institution, das Label des georgischen Designers Galib Gassanoff, der in Mailand arbeitet und in diesem Jahr sowohl den Zalando Visionary Award als auch einen Platz im LVMH-Prize-Finale gewinnt. Formal ist Institution so wenig nordisch wie Collina Strada, doch anders als beim New Yorker Gast kommt der Zugang hier über ein etabliertes Förderformat: den Visionary Award, der schon in früheren Jahren internationale Namen wie IAMISIGO ausgezeichnet hat. Gassanoff nennt seinen Ansatz „Sartorial Monumentalism“: skulpturale, genderlose Silhouetten in einer meist schwarz-weißen Palette, gefertigt aus unkonventionellen Materialien. Für seine Runway-Kollektionen arbeitet er wiederholt mit aserbaidschanischen Weber:innen zusammen, die traditionelle, arbeitsintensive Techniken auf dem Vertikalwebstuhl anwenden, in früheren Saisons etwa mit Teppichen und Bastfasern. Seine Schauen limitiert er grundsätzlich auf rund 30 Looks und versteht den Laufsteg als Bühne für Haltung und Herkunft statt für kommerzielle Outerwear. Der Preis bringt Institution 50.000 Euro Preisgeld sowie 35.000 Euro Produktionsunterstützung von Zalando, ein Investment, das zeigt, wie ernst Kopenhagen die Förderung von Handwerk und persönlicher Geschichte nimmt.

Foto: Rhea

Rhea – Strick als leiser Gegenpol

Nach so viel Bewegung wirkt Rhea fast wie eine Erdung: Statt eines Laufstegs zeigt sich das niederländische Strick-Label mit einem zweitägigen Pop-up und Brunch bei Bintagged. Zeitlose, langlebige Designs zu bewusst zugänglichen Preisen stehen im Zentrum, fernab der großen Runway-Inszenierung, fernab auch der Frage, wie weit sich „nordisch“ dehnen lässt. Genau diese Bodenständigkeit erdet eine Woche, die sich sonst über Rekorde, Gaststars und internationale Awards definiert.

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