Der Sommer hatte modisch lange einen Hang zur Vereinfachung: Ein Kleid, Sandalen dazu und fertig. Doch die neue Lust am Layern bringt dieses Jahr wieder Komplexität in die warme Jahreszeit. Stoffe überlagern sich wie kleine stilistische Zufälle und wirken dabei unheimlich mühelos. Auch auf den Laufstegen wird aktuell geschichtet – nicht schwer und winterlich, sondern leicht, transparent und überraschend entspannt.
Mode liebt Widersprüche. Vielleicht erklärt das auch, warum ausgerechnet im Sommer 2026 Layern ganz oben an der Tagesordnung steht. Was früher nach kühlen Temperaturen und Herbst aussah, funktioniert jetzt mit hauchdünnen Stoffen, lockeren Silhouetten und einer neuen Art von sommerlicher Coolness. Womöglich ist sommerliches Layering auch eine Reaktion auf die perfekte Minimalismus-Ästhetik der letzten Jahre.
Foto: Chanel, S/S 2026/Launchmetrics.com
Der wohl wichtigste Aspekt ist aber, dass wir Layering an sich nicht nur lieben, weil es wärmt, sondern weil es mehr von jedem einzelnen persönlich preisgibt, als man denkt. Kaum ein Styling-Trick erzählt so viel über jemanden als die Art, wie Kleidungsstücke kombiniert werden. Ein Look mit Schichten wirkt immer ein bisschen wie eine spontane Entscheidung zwischen Funktion und Aussehen, selbst wenn er minutiös geplant wurde. Layering gibt Kleidung eine erzählerische Dimension: Man sieht nicht nur, was jemand trägt, sondern wie diese Person denkt, sich bewegt und sich zeigen möchte. Gerade im Sommer, wenn Mode oft auf Einfachheit reduziert wird, entsteht durch Layering wieder Individualität. Ein offenes Hemd über einem Tanktop kann cool wirken, nostalgisch, leicht französisch oder komplett Downtown New York – je nachdem, wer es wie trägt. Wir Layern, weil wir Tiefe mögen. Ja, auch bei 28 Grad.
Und nicht zu vergessen: Layern ist gerade im Sommer nicht nur super lässig und persönlich, sondern auch extrem praktisch. Sommer fühlt sich schließlich selten den ganzen Tag gleich an. Morgens ist es meist noch kühl, mittags rückt die drückende Hitze in den Vordergrund und abends weht eine frische Brise auf der Terrasse. Nicht zu vergessen die viel zu stark eingestellten Klimaanlagen in Restaurants, Offices und Bahnen. Layering reagiert genau auf diese kleinen Temperaturwechsel. Ein leichtes Hemd lässt sich schnell ausziehen und ein dünner Knit überwerfen. Die Basis bleibt dabei immer bestehen. Man ist beweglicher, spontaner und weniger ausgeliefert. Kleidung muss heute nicht mehr nur gut aussehen, sie muss auch im Alltag praktisch mithalten können.
Bei Ganni zeigt sich sommerliches Layering fast in seiner emotionalsten Form. Nicht als cleverer Styling-Hack, sondern als Erinnerung. Kreativdirektorin Ditte Reffstrup baut die Kollektion rund um Nostalgie auf. Wie ein Sommer aus Kindheitstagen. Genau deshalb wirken die Schichten nicht streng oder konstruiert. Sie sehen eher so aus, als hätte jemand spontan Dinge übereinandergezogen. Besonders interessant ist dabei, wie leicht das Layering gedacht wird. Ganni arbeitet mit Transparenz, leicht formbaren Stoffen und kleinen Brüchen. Bandeau-Tops werden über bauschige Kleider oder zerknitterte Organzajacken getragen, dünne Schals schmiegen sich um Träger und Stoffe werden geknotet. Dadurch entsteht Bewegung, obwohl die einzelnen Pieces super leicht sind.
Foto: Ganni, S/S 2026/Launchmetrics.com
Man merkt: Ganni hat das typisch skandinavische Verständnis von Layering neu interpretiert, denn der Skandi-Look war lange funktional. Viele Schichten gegen Wetter, Wind und Kälte. Jetzt wird Layering plötzlich luftig-leicht und romantisch. Gerade deshalb passt die Kollektion so gut zum sommerlichen Layering insgesamt. Die Schichten dienen nicht primär der Funktion, sondern dem Ausdruck. Ein Look soll sich persönlich anfühlen. Das zeigt sich bei Ganni besonders schön in den geknoteten, gegürteten und leicht verschobenen Silhouetten. Genau dieses perfekt Unperfekte macht es so modern. Layering entfernt sich immer mehr von der Idee zusätzlicher Wärme und wird stattdessen zu einer Art Styling-Sprache.
Bei Dolce & Gabbana bekommt sommerliches Layering etwas wunderbar Dekadentes. Während viele Labels Schichten derzeit über Utility-Looks definieren, machen Domenico Dolce und Stefano Gabbana daraus eine Art luxuriöse Nonchalance. Es ist ein Layering, das aussieht, als hätte man morgens im Halbschlaf einfach irgendetwas übergeworfen. Nur dass dieses irgendetwas aus bestickten Pyjamas, schwarzen Spitzen-BHs, Brokatjacken und Satin besteht. Das Spannende an der Kollektion ist, dass sich Layering komplett von seiner klassischen Funktion löst. Pyjamahemden bleiben offen über Lingerie, transparente Chiffon-Looks treffen auf strukturierte Blazer, dazu manchmal nur Microshorts statt langen Hosen. Dolce & Gabbana layert nicht Ton in Ton im minimalistischen Sinn. Weiche Baumwoll-Pyjamas kollidieren mit glänzendem Satin, Spitze mit maskulinem Tailoring, fließender Chiffon mit schweren Brokatstoffen. Dadurch wirken die Outfits trotz ihrer oft dunklen Farbpalette erstaunlich leicht. Die Schichten erzeugen Tiefe, aber keine Schwere. Der Lingerie-Stil lockert das gesamte Setting auf und denkt Sommermode neu.
Foto: Dolce&Gabbana, S/S 2026/Launchmetrics.com
Man merkt außerdem, wie sehr die Kollektion mit dem Gedanken von „No-Fashion Fashion“ spielt. Die Looks sollen nicht zu gestylt wirken. Genau deshalb funktionieren die Layerings so gut: Sie sehen spontan aus. Fast zufällig. Im Kontext des aktuellen Sommer-Layerings zeigt Dolce & Gabbana damit eine ganz andere Richtung als etwa Ganni. Während Ganni mit Transparenz, Nostalgie und skandinavischer Leichtigkeit arbeitet, setzt Dolce & Gabbana auf Intimität, Erinnerung und italienische Opulenz. Kleidung soll nicht perfekt aussehen, sondern offen, beweglich und persönlich.
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