International wurde der Berlin Fashion Week lange Zeit wenig Beachtung geschenkt. In den letzten Jahren hat sich das jedoch geändert. Und: Die deutsche Modewoche findet ihre Stimme. Wie diese klingt? Feministisch, politisch und inklusiv.
Mit dem diesjährigen Leitmotiv „Die verantwortungsvolle Bewegung von Freiheit, Inklusion und Kreativität“ setzte die Berlin Fashion Week ein starkes Zeichen für Freiheit und die Werte Authentizität, Vielfalt und Offenheit in turbulenten Zeiten. Die Werte waren auch bei den Shows und Events deutlich zu sehen und zu spüren.
Women Power auf der Berlin Fashion Week 2025: Zahlreiche Designerinnen präsentierten ihre Herbst/Winter 2025/26 Kollektionen.
Anna Heinrichs (Horror Vacui), Clara Colette Miramon, Jale Richert (RICHERTBEIL), Kasia Kusarchska, Laura Gerte, Lou de Bètoly, Maria Chany, Marina Hoermanseder, Marie Lueder (LUEDER), Melisa Minca, Rebekka Ruetz, Rosa Marga Dahl (SF1OG), Sia Arnika, Sophie Claussen (Avenir), Svea Beckedorf (SVEASØN), Vanessa Baernthol, um sie beim Namen zu nennen.
Wir haben mit drei der Designerinnen über ihre Kollektionen und ihre persönliche Message gesprochen.
Fotos: launchmetrics.com/spotlight
Laura Gertes Herbst/Winter 2025/26 Kollektion hinterfragt die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Dabei spielt sie eindrucksvoll mit Dichotomien wie organisch und künstlich, alt und neu sowie Stärke und Zerbrechlichkeit. In einer Welt, die oft klare Grenzen zieht, setzt Gerte auf hybride Identitäten und Transformation.
„Ich kämpfe für alle Frauen“. Für die Designerin sollte es gar nicht zur Frage stehen, ob wir Frauen eine Stimme bekommen oder nicht. Sie sei „fucking angry“, sagt sie im Interview.
Was sie jungen Frauen mit auf den Weg geben möchte? „Keep on pushing. Vertraue auf deine Zeit, vertraue auf dich selbst und vertraue auf das Timing in deinem Leben. Du wirst deinen Weg finden. Es gibt aber auch Zehntausende Möglichkeiten deinen Weg neu zu schreiben und deine Kraft zu finden.“
Sophie Claussen startete Avenir 2020 mit upgecycelten Jeansjacken. Und auch in dieser Kollektion stehen recycelte Materialien, aus denen luxuriöse, innovative Designs entstehen, im Mittelpunkt.
„Bei AVENIR geht es nicht nur um Mode – es geht um Haltung. Mit unserer neuen Kollektion Galleria AW25/26 wollten wir genau dieses Gefühl transportieren: eine Einladung an Frauen, sich selbstbewusst für Qualität, Nachhaltigkeit und Individualität zu entscheiden.
Galleria ist eine Hommage an die Frau als Sammlerin – von Erlebnissen, Erinnerungen, Eindrücken. Jedes Stück der Kollektion verkörpert diese Idee: sorgfältig ausgewählte Materialien, kunstvolle Handwerkskunst und eine tiefgehende Wertschätzung für nachhaltige Mode. Uns ist es wichtig, Frauen in ihrem Ausdruck zu bestärken – unabhängig, stark und authentisch. […] Mode ist mehr als ein Kleidungsstück – sie ist ein Raum, in dem Identität entstehen kann.“
Fotos: launchmetrics.com/spotlight
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Rebekka Ruétz ist Gründerin und Designerin des gleichnamigen Labels rebekka ruétz. Ihre neue Kollektion ist eine Hommage an die Veränderung. Inspiriert von der Metamorphose wird ein Wesen enthüllt, das aus der Dunkelheit emporsteigt und im Licht zu strahlen beginnt.
Ihre Message? „Ich finde das Stärkste, was eine Frau oder generell ein Mensch sein kann, ist authentisch. […] Sie ist nicht den ganzen Tag voll die Powerfrau, sondern sie hat herausgefunden, wie viele Facetten sie in sich trägt.“
Was aber sicher ist? Mit Rebekka Ruetz‘ Designs können wir uns zumindest den ganzen Tag wie eine Powerfrau fühlen.
Wie facettenreich Mode für starke Frauen sowie starke Frauen selbst sind, zeigen die Designer:innen auf der Berlin Fashion Week 2025.
Sie sind weich, verspielt und farbenfroh wie bei Horror Vacui oder Marina Hoermanseder. Aber auch stark und verführerisch wie bei Kasia Kusarchska oder Lueder.
Sie sind bewundernswerte Mütter, die in so vielen Formen und Facetten kommen (Richert Beil mit ihrer „Mutter“-Kollektion sowie Clara Colette Miramon) zeigen. Sie sind Powerfrauen, die ganz oben an der Führungsspitze stehen. In Maximilian Gedras Universum brechen sie durch überproportionale Schulterpolster und präzisem Tailoring mit den traditionellen Normen.
Und sie gehen gerne aus: Shows in der legendären Halle am Berghain, Remixes von DJ Gigola und treibender Techno. „I’m a party, touch my body“ tönt es aus den Lautsprechern bei Marcel Ostertag während die Models in Schlaghosen und anderen von den 70ern inspirierten Looks über den Runway laufen. Sie sind stolz auf ihren Körper, sind ungezähmt elegant und zeigen gerne auch mal Haut (Sia Arnika, Laura Gerte).
„Das sind alles starke Frauen, individuelle Frauen, die einfach schon wissen im Leben, was sie wollen, wissen, wo sie hinmöchten und es auch lieben, sich über Mode auszudrücken, also ihre Persönlichkeit über Mode zu zeigen.“ – Modeschöpferin Rebekka Ruetz über ihre Kundinnen
Frauen sind genauso stark wie sie auch sanft sind. Und sie sind politisch.
Fotos: launchmetrics.com/spotlight
Viele der Berliner Modebrands sind eigentlich keine politischen Labels. Wie kraftvoll und politisch Mode jedoch sein kann, haben die Designer:innen auf der diesjährigen Berlin Fashion Week trotzdem definitiv bewiesen.
„In ernsten Zeiten – und wir leben in sehr ernsten, ja sogar furchterregenden Zeiten – kann Mode frivol erscheinen.”
So heißt es in den Shownotes der GmbH Gründer und Modeschöpfer Benjamin Alexander Huseby und Serhat Isik (GmbH). Der Satz „Refuse To Trade With the Enemy“ ziert gestrickte Pullunder und Gebetsbänder sind ein wiederkehrendes Accessoire. Die Message ist eindeutig: Haltung zeigen und Haltung bewahren.
Die Weltuntergangsuhr, ein Symbol für die Wahrscheinlichkeit einer von Menschen verursachten globalen Katastrophe, steht aktuell auf nur 90 Sekunden vor Mitternacht. Danny Reinke verbindet mit seiner neuen Prêt-à-Couture-Kollektion diese wissenschaftliche Metapher mit den düsteren Erzählungen von Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Dabei spielt er auch auf die kommende Wahl an:
„Die Message ist rebellischer zu sein, nach seinem eigenen Kopf zu gehen, sich nicht von anderen Leuten sagen zu lassen, wo ich im Februar jetzt mein Kreuzchen setzen muss, sondern wirklich über den Tellerrand hinausschauen und sich seine eigene Meinung bilden.“
Foto: launchmetrics.com/ppotlight/Paolo Lanzi
Das Credo in Kilian Kerners Herbst/Winter 2025/26 Kollektion „Shitstorm“? Hass und Hetze müssen gestoppt werden.
Dabei geht es auch stets um Zusammenhalt. „Mir ist wichtig, dass wir in der aktuellen Zeit, in der sehr viel Düsteres passiert […] trotzdem immer wieder daran denken, das Miteinander zu feiern“, so Designer Marcel Ostertag.
Und auch für Laura Gerte ist das die finale Message ihrer Kollektion, wie sie im Gespräch mit Marie Claire erzählt:
„Es ist wichtiger denn je, dass wir zusammenstehen und es nicht es nicht zulassen, unsere Stimmen leise gemacht werden und, dass Leute versuchen, uns klein zu halten.“
Und auch das Thema Nachhaltigkeit steht auf der Berlin Fashion Week im Fokus. Und so wird Jeans, Dead Stock und Second-Hand-Materialien upgecycelt (unter anderem bei Avenir, Marcel Ostertag, Melisa Minca ), in einem Recycling Hof präsentiert (Maria Chany) oder alte Knöpfe und Sicherheitsklammern in beeindruckende Kleider verwandelt (Maximilian Gedra).
Wie Nachhaltigkeit für das Circular Production Label Avenir im Jahr 2025 aussieht? „Seit der Gründung von AVENIR ist Upcycling mehr als nur eine Technik – es ist tief in unserer Marken-DNA verankert und ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Philosophie. Der bewusste Einsatz von überproduzierten Materialien hat für uns nie an Relevanz verloren. Diese Kernwerte führen wir konsequent in unserer AW25/26-Kollektion fort. […] Unser Anspruch geht jedoch über Materialität hinaus: Jedes Stück wird mit Liebe zum Detail perfektioniert, um eine natürliche Langlebigkeit mit sich zu bringen.“
Foto: launchmetrics.com/spotlight/Stefania Danese
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