Mailänder Stil trifft auf bayerische Tradition: Für Lodenfrey interpretiert Blazé Milano die klassische Trachtenjacke neu. Wir treffen zwei der drei Gründerinnen, Corrada Rodriguez D’Acri und Delfina Pinardi, in München und sprechen mit ihnen über ihre Anfänge, den Blazer als Markenzeichen und die besondere Dynamik eines weiblichen Gründerinnen-Trios.
Wir treffen Corrada Rodriguez D’Acri und Delfina Pinardi von Blazé Milano bei Lodenfrey in München. Anlass ist die Kollaboration der italienischen Brand mit dem bayrischen Traditionshaus. Gemeinsam haben sie eine Trachtenjacke entworfen – urban, modern und sehr Blazé. Einige traditionelle Elemente mussten weichen, Stoffe wurden ausgetauscht und die ikonischen Smiley Pockets aufgenäht.
Für Rodriguez D’Acri ist es der erste Besuch in der Stadt, auch wenn sie regelmäßig ihre Schwester in Frankfurt besucht. Pinardi hingegen war bereits vor rund zwölf Jahren für eine Trunk Show mit privaten Kund in der Region. Eine Erinnerung, die zurück zu den Anfängen von Blazé führt. Denn genau so begann die Geschichte des italienischen Labels: persönlich, individuell und im direkten Austausch mit den Kund:innen. Im Mittelpunkt stand dabei von Anfang an der Blazer. Es war das erste Kleidungsstück des Labels und bis heute (neben den Smiley Pockets) das meistverkaufte Markenzeichen.
Gegründet haben die beiden Blazé jedoch nicht allein: Zusammen mit Sole Torlonia bilden sie das Trio hinter dem italienischen Haus. Rodriguez D’Acri ist für das Design zuständig, Pinardi für die Kommunikation und Torlonia für den Vertrieb. Kennengelernt haben sie sich über ihre Arbeit als Stylistinnen in der italienischen Elle und stellten schnell fest, dass sie weit mehr verband als ihr berufliches Umfeld.
Marie Claire: Ihr habt euch bei Elle Italia kennengelernt. Was hat euch zusammengebracht und schließlich dazu bewegt, gemeinsam etwas Eigenes zu gründen?
Pinardi: Vor allem haben wir die Dramen des Lebens als Moderedakteurinnen miteinander geteilt. Corrada und ich arbeiteten beim selben Magazin, und kurz darauf kam Sole, unsere dritte Partnerin, dazu. Wir kannten uns vorher nicht, sondern sind uns eher zufällig durch die Arbeit begegnet. Irgendwann stellten wir fest, wie viel wir gemeinsam hatten: einen ähnlichen Hintergrund, eine ähnliche Ästhetik und ähnliche Werte. Und der Blazer hatte in unser aller Leben schon früh eine Rolle gespielt. Corrada zum Beispiel wuchs mit den Uniformen ihres Vaters auf, der bei der italienischen Marine war. Zwei von uns kommen außerdem aus dem Reitsport, wo maßgefertigte Blazer zur Tradition gehören. Deshalb haben wir, als wir die Marke gründeten, zunächst mit maßgefertigten Blazern angefangen. Daraus entwickelte sich schließlich unser heutiger Atelier-Service.
Um 2012 herum sahen wir dann plötzlich überall auf den Laufstegen der Fashion Shows Blazer. Als Moderedakteurinnen arbeiteten wir mit den Kollektionen lange bevor sie auf den Markt kamen und konnten solche Entwicklungen deshalb früh erkennen. Wir dachten: Warum machen wir nicht selbst etwas? Einen Blazer für Frauen, Made in Italy. Damals gab es eigentlich keinen Blazer, der speziell für Frauen konzipiert war. Deshalb wollten wir das Kleidungsstück aus dieser Perspektive neu denken. Wir haben ihn immer als eine Art „sanfte Rüstung“ beschrieben – ein Kleidungsstück mit Struktur und Charakter, das gleichzeitig sehr feminin bleibt.
Marie Claire: Was bedeutet der Blazer euch heute? Ist er noch immer eine Art Uniform?
Rodriguez D‘Acri:Heute steht er für eine bestimmte Haltung. Uns gefällt besonders das Zusammenspiel von Maskulinem und Femininem. Der Blazer stammt ursprünglich aus einer sehr männlich geprägten Welt, lässt sich aber völlig unterschiedlich interpretieren – mit Pailletten genauso wie mit einem traditionellen schottischen Stoff.
Marie Claire: Gehört er für euch auch persönlich jeden Tag dazu?
Rodriguez D‘Acri: Absolut. Unser allererstes Modell heißt „Everyday Blazer“. Er hat fünf Innentaschen, in denen alles Platz findet, was eine Frau braucht, ohne dabei die klare Linie der Jacke zu verändern. Danach kamen weitere Blazer-Modelle hinzu, die jeweils von einem bestimmten Moment oder einer bestimmten Stimmung inspiriert sind, etwa der „Midnight Smoking Blazer“ und der „Sunset Blazer“. Mittlerweile machen wir natürlich auch viele andere Jacken – Bomberjacken, Bikerjacken, Boleros. Es geht also längst nicht mehr nur um den klassischen Blazer. Aber damit hat alles angefangen, und der „Everyday Blazer“ ist nach wie vor unser Bestseller. Alle unsere Jacken verbindet außerdem ein charakteristisches Detail: die Smiley Pocket. Sie ist unsere dezente Interpretation der traditionellen Jackentasche und an ihrer geschwungenen, fast lächelnden Form zu erkennen. Sie ist zu einem kleinen, aber sehr charakteristischen Merkmal unserer Designs geworden.
Bekannt wurde Blazé Milano für den Blazer mit Smiley Pockets. Foto: PR
Marie Claire: Individualisierung war von Anfang an Teil von Blazé. Was war der außergewöhnlichste Wunsch, den ihr je bekommen habt?
Rodriguez D‘Acri: Durch unseren Atelier-Service hatten wir die Möglichkeit, viel zu reisen. 2019 verbrachte ich fast einen Monat in China und reiste zwischen Hongkong, Peking, Chengdu und Shanghai. Dabei muss ich sofort an eine Kundin in Peking denken. Sie bestellte auf einmal etwa 19 oder 20 Blazer. Bei einem davon wollte sie etwas ganz Besonderes: die Smiley Pockets in zwei verschiedenen Farben – eine aus burgunderrotem Samt und die andere in Schwarz. Es war nur ein kleines Detail, aber dadurch wurde der Blazer zu ihrem ganz persönlichen Stück. Genau darum geht es in unserem Atelier: unsere Signature Pieces zu nehmen und sie individuell auf die Frau abzustimmen, die sie trägt.
Pinardi: Schon ganz am Anfang trugen viele unserer Freundinnen, die Stylistinnen und bekannte Persönlichkeiten der Modeszene waren, unsere Blazer, weil sie mit uns befreundet waren und ihnen die Entwürfe gefielen. Während der Fashion Week wurden sie häufig von Streetstyle-Fotografen fotografiert, und diese Bilder verbreiteten sich. So wurden viele unserer ersten Kundinnen auf uns aufmerksam. Sie sahen ein Foto einer unserer Freundinnen in einem Blazer und kamen zu uns, weil sie genau diesen haben wollten. Mit der Zeit brachten sie diese Streetstyle-Bilder sogar als Referenz dafür mit, was sie kaufen wollten.
Marie Claire: Ihr habt heute viele berühmte Käuferinnen. Erinnert ihr euch noch an den ersten großen Namen?
Rodriguez D‘Acri: Caroline de Maigret. Ich traf sie zum ersten Mal in Paris bei einer Signierstunde für ihr Buch. Ich trug eines unserer Stücke und hatte die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und ihr zu sagen, dass sie eine meiner Ikonen und Musen ist. Ihre Haltung hatte mich schon immer inspiriert – die Art, wie sie eine gewisse Tomboy-Attitüde mit einer ganz eigenen Weiblichkeit verbindet. Sie war eine der Frauen, die ich im Kopf hatte, als wir unsere Kollektionen entwickelten. Ihr gefiel, was ich trug, und sie fragte, ob sie es zur Fashion Week tragen könne. Und genau das tat sie dann auch.
Marie Claire: Wir sitzen gerade bei Lodenfrey zum Launch der gemeinsamen Trachtenjacke. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden?
Rodriguez D‘Acri: Unsere Produkte werden seit 2022 bei Lodenfrey verkauft. Dieses Jahr haben sie uns gefragt, ob wir unsere eigene Interpretation einer traditionellen bayerischen Jacke entwickeln möchten – natürlich auch mit Blick auf das Oktoberfest. Sie wollten etwas, das weniger traditionell und urbaner wirkt. Wir haben gemeinsam an jedem Detail gearbeitet. Trotz der folkloristischen Inspiration ist die Jacke unverkennbar Blazé Milano. Sie greift die Farben und eine bestimmte Atmosphäre traditioneller Kleidungsstücke auf, verwendet aber weder exakt dieselben Materialien noch dieselbe Konstruktion. Sehr charakteristische traditionelle Elemente haben wir bewusst weggelassen und stattdessen unsere eigene Interpretation entwickelt – natürlich inklusive Smiley Pocket.
Marie Claire: Hattet ihr vorher schon eine Verbindung zu traditioneller bayerischer Kleidung?
Rodriguez D‘Acri: Kulturell gesehen schon. Wir sind oft in den Dolomiten oder in Tirol. Als ich klein war, hat meine Mutter uns immer wieder traditionelle Kleidung angezogen, wie etwa Lederhosen, Hosenträger und Kleider. Schließlich gibt es diese alpine Tradition auch in Italien. Aber auf dem Oktoberfest waren wir tatsächlich noch nie.
Marie Claire: Dann wäre jetzt mit der eigenen Trachtenjacke die passende Zeit.
Rodriguez D‘Acri: Ja, das sollten wir wirklich einmal machen (lacht)
Das Pop-up von Blazé Milano bei Lodenfrey kann noch bis zum 20. September besucht werden. Foto: PR
Marie Claire: Ihr seid ein Gründerinnen-Trio. Was bewundert ihr besonders aneinander?
Pinardi: An Sole bewundere ich, und ich glaube, da spreche ich für uns beide, ihren Geschäftssinn. (Anm. d. Red.: Rodriguez d’Acri nickt.) Sie versteht ganz genau, was eine Kundin möchte. Oft hat sie Ideen, bei denen wir uns fragen: „Wie bist du denn darauf gekommen?“ Sie ist selbst eine echte Kundin, sie liebt Shopping. Wir nicht wirklich (lacht). Deshalb sieht sie Dinge, die uns vielleicht entgehen würden.
Corrada wiederum ist unglaublich präzise. Sie weiß ganz genau, wo Blazé Milano anfängt und wo es aufhört. Sie merkt sofort, wenn etwas nicht mehr zur Marke passt. Außerdem ist sie sehr strukturiert. Ich springe vielleicht direkt von A nach Z, während sie von A zu B und von C zu D geht.
Rodriguez D’Acri: Genau das bewundere ich an dir, gerade weil ich selbst so anders bin. Diese Dynamik hat uns besonders am Anfang enorm vorangebracht. Wenn man ein Unternehmen gründet, ist es unglaublich wichtig, Partnerinnen zu haben, die einem Energie geben, wenn man selbst gerade keine mehr hat. Vielleicht ist es auch deshalb so wertvoll, dass wir zu dritt sind und nicht nur zu zweit.
Marie Claire: Ihr kommt aus dem Editorial-Bereich und seid heute Mode-Unternehmerinnen. Habt ihr das Gefühl, dass Frauen in der Mode noch immer anders beurteilt und behandelt werden als Männer?
Pinardi: Bei Blazé Milano empfinden wir das eigentlich nicht so, vielleicht weil wir uns ein Stück weit außerhalb des klassischen Fashion-Systems bewegen. Als wir Moderedakteurinnen waren, war das anders. Es war ein sehr schnelllebiges und forderndes Umfeld, in dem man ständig das Gefühl hatte, sich beweisen zu müssen. Mit der Zeit wurde uns klar, dass wir anders arbeiten wollten. Natürlich wissen wir, dass männliche und weibliche Designer historisch unterschiedlich wahrgenommen wurden. Aber in unserer eigenen Erfahrung und in dem Umfeld, in dem wir heute arbeiten, spüren wir diese Unterscheidung oder eine starke Konkurrenz zwischen Männern und Frauen eigentlich nicht.
Marie Claire: Klingt, als wäre eure Arbeitswelt jetzt ein bisschen entspannter.
Pinardi: Viel entspannter. Natürlich gibt es Dramen. Jede Woche gibt es Dramen. (lacht) Aber die Atmosphäre ist eine andere.
Rodriguez D’Acri:Ich war zehn Jahre bei Elle Italia. Davor habe ich in New York gearbeitet. Das waren sehr intensive Jahre und eine unglaublich harte Schule. Wenn man diese Zeit hinter sich hatte, fühlte man sich wirklich auf alles vorbereitet. Als wir Blazé Milano gründeten, wussten wir deshalb ganz genau, was wir nicht wiederholen wollten. Wir wollten kein Unternehmen schaffen, in dem Menschen so behandelt werden, wie wir teilweise behandelt worden waren. Wir wollten unser eigenes Dreamteam. Menschen, mit denen wir gerne arbeiten und mit denen wir auch Spaß haben. Und rund 98 Prozent unseres Teams sind Frauen.
Marie Claire: Ist das eine bewusste Entscheidung?
Pinardi:Nein, überhaupt nicht. Das hat sich ganz organisch entwickelt. Manchmal suchen wir jemanden für eine Position und denken: „Vielleicht kommt jetzt endlich mal ein Mann.“ Und dann wird uns wieder eine großartige Frau vorgestellt. Am Ende stellt man einfach die Person ein, die am besten passt.
Pieces aus der neuen Herbst/Winter 2026 Kollektion von Blazé Milano. Fotos: PR
Marie Claire: Zum Abschluss noch eine Frage, die uns bei Marie Claire besonders am Herzen liegt. Gibt es eine Message, die ihr anderen Frauen gerne mitgeben möchtet?
Pinardi: Kauft weniger, kauft besser. Wir brauchen nicht so viel Kleidung. Wir sagen immer: Kauft etwas einmal und tragt es für immer.
Rodriguez D’Acri: Eleganz bedeutet, authentisch und pragmatisch zu sein und anderen mit Respekt zu begegnen.
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