Fünf Frauen hinter der nordischen Mode

Der skandinavische Stil wird hoch gelobt und oft kopiert. Doch wer steckt hinter den Marken, die diese Ästhetik mit ihren Designs seit Jahren mit formen? Es lässt sich sagen: Vor allem Frauen!

Foto: James Cochrane

Copenhagen International Fashion Fair

Die Modewoche in Kopenhagen bedeutet eine Stadt voller gut angezogener Menschen, viele Fahrräder und gefüllte Terminpläne. Die „Copenhagen Fashion Week“ jedoch agiert nicht allein, parallel zu ihr findet stets die CIFF, die „Copenhagen International Fashion Fair“, statt – eine der wichtigsten Modemessen Europas. Jedes Jahr bringt sie tausende internationale Marken zusammen, die im Bella Center in der dänischen Hauptstadt ihre neuen Kollektionen ausstellen. In der 65. Ausgabe diesen August zeigte sie zudem zum ersten Mal den CPHFW NEWTALENT Showroom. In Kollaboration mit der CPHFW wurden hier die neusten nordischen Labels vorgestellt, die besonders viel Potenzial versprechen.

Die skandinavische Mode wird von Frauen regiert. Sofie Dolva ist CIFF-Direktorin, Cecilie Thorsmark ist Geschäftsführerin der Kopenhagener Modewoche. Viele alteingesessene, relevante Labels werden von Frauen geführt – von den aktuell 42 auf der Fashion Week präsentierenden Marken, davon auch einige verbunden mit der CIFF, fungieren 26 unter weiblicher Leitung. Wir stellen die Frauen vor, die die nordische Mode definieren und seit Jahren mitprägen.

Celine Aagaard

Celine Aagaard, Gründerin und Kreativdirektorin von Envelope1976, seit 2018

Die Norwegerin Celine Aagaard wuchs „als 70s-Kind in einer kreativen Familie“ auf und arbeitete über 20 Jahre als Editor in Chief, Stylistin und Autorin für Magazine in Norwegen. Der Wandel durch Social Media war für sie prägend: „Nicht nur das Business und die Marken, sondern auch wir haben uns verändert.“ Plötzlich wollte jeder, sie eingeschlossen, jeden Tag neue Kleidung tragen, während Materialien und Markenethos immer fragwürdiger wurden.

Aus der Kindheit voller Vintage-Mode entstand die Idee für Envelope1976: „In einer von Trends überfluteten Modewelt wollten wir eine zeitlose Marke schaffen, die weniger auf Saisons setzt. Wir begannen in kleinen Schritten, produzierten limitierte Auflagen und nahmen dafür auch höhere Stückkosten in Kauf, um keine großen Lagerbestände zu haben.“ Sie beschreibt die Ästhetik als „bohemian-minimalistisch – durchdacht, mühelos schick und mit einer gewissen Edginess“.

„Wir sind ein Unternehmen, das von Frauen gegründet und geführt wird, aber wir sind ein kleines Team, und die Dynamik im Team ist so wichtig. Ich habe wirklich Glück, Menschen um mich zu haben, die die gleiche Vision teilen“, sagt Aagaard. Man müsse Kleidung entwerfen, die einem selbst gefällt, die man sich auch an anderen vorstellen kann, jetzt und in der Zukunft, gleichzeitig Kleidung aus Materialien schaffen, für die man einstehen kann und daraus auch noch ein Geschäft machen. Kein einfaches Unterfangen. Bei der CIFF in Kopenhagen zeigte sie eine Kollektion „inspiriert von norwegischer Architektur, in der Funktionalismus auf Modernismus trifft, und von einem skandinavischen Minimalismus.“

Jane Kønig

Jane Kønig, Gründerin und Designerin von Jane Kønig, seit 1989

Die Dänin Jane Kønig hat ihre gleichnamige Schmuckmarke ohne Businessplan gegründet. „Alles hat sich organisch aus meinem Wunsch entwickelt, Mode mit Schmuck zu verbinden“, sagt sie. „Alles, was ich tue, ist intuitiv, und mein Universum balanciert das Weibliche mit dem Rohen.“ Nordische Mode bedeutet für sie „schlichte Linien, Klarheit und zurückhaltende Eleganz. Es ist nie zu viel – und nie zu wenig.“ Ihre Entwürfe entstehen aus einer „inneren Bibliothek an Ideen und Inspirationen“, und sie schafft bewusst „Raum und Ruhe, damit sich Kreativität entfalten kann“. Als Frau sei ihr Ansatz geprägt von Intuition, Sensibilität und der Fähigkeit, Stärke und Sanftheit in Balance zu halten.

Die Frau, für die sie entwirft, folge ihrem Herzen statt Trends. „Sie ist eine Frau, die in sich selbst verwurzelt ist und wählt, was sich für sie richtig anfühlt.“ Bei der CIFF in Kopenhagen stellte Jane Kønig ihre neue Kollektion „Tied Heart“ vor. „Sie vereint das Sanfte mit dem Unverfälschten. Ich habe das Gefühl, dass wir mehr Liebe brauchen, und das hat mich inspiriert, ein Design mit einem gebundenen Herz zu entwerfen – als Symbol für Stärke, Verbundenheit und Emotion.“ Was sie sich von Modemarken für die Zukunft wünscht, ist „mehr Storytelling hinter den Marken, mehr Authentizität und ein stärkerer Fokus auf Qualität statt Quantität.“

Sanne Sehested. Foto: James Cochrane

Sanne Sehested, Kreativdirektorin und Gründerin von Gestuz, seit 2008

Sanne Sehested gründete 2008 ihr Label Gestuz. „Ich wollte eine Marke schaffen, die von meiner Garderobe inspiriert ist, die schon damals – und auch heute noch – voller Vintage-Stücke war.“ Ihr Ziel war es, „Designs zu entwerfen, die die Stärke von Frauen betonen, statt sie zu überschatten“, inspiriert von früheren Jahrzehnten. Nordische Mode bedeutet für sie einen kombinierten Fokus auf Stil und Tragbarkeit. „Skandinavische Mode ist immer schick und zugleich mühelos – und dabei hat man das Gefühl, in allem leben zu können, was wir tragen.“

„Ich entwerfe für die Frau, die ich bin, und für die Frauen, die mich umgeben“, sagt sie. Das Gestuz-Team besteht fast ausschließlich aus Frauen – und darin sehe sie die vielen Facetten und Ausdrucksformen des Frauseins: mächtige Businessfrauen, die trotzdem drapierte Kleider tragen können, und sanfte, fürsorgliche Mütter in Ledersuits mit riesigen Schulterpolstern. Feminin und sinnlich, sei ihre Brand, gleichzeitig maskulin und geerdet. „Der Wechsel zwischen beidem ist wie das Schalten der Gänge.“

Für ihre neue Kollektion ließ sich Sehested von den 1970er- und 1980er-Jahren des Motorsports inspirieren. „Viele Bilder von Marie-Claude Charmasson, die eine französische Journalistin und Rennfahrerin war, gehörten zu unserer ersten Inspiration.“ Ihre weißen Boilersuits, in Kombination mit einem babyblauen Helm und roten Elementen habe die Kollektion geprägt. Sehested wünscht sich noch mehr Vielfalt in Kreativität, Stil, Look und Stimmen in der nordischen Mode. „Alles wird stärker, wenn jede und jeder zeigen kann, woraus wir gemacht sind.“

Birgitte Herskind

Birgitte Herskind, Gründerin und Chefdesignerin von Herskind, seit 2013

(mit im Bild ist Tochter Andrea, Head of Creative)

Birgitte Herskind gründete ihr Label, um „ein Universum zu schaffen, das in meinen persönlichen Werten verwurzelt ist: Hingabe an Handwerkskunst, hochwertige Stoffe und ein starkes Verantwortungsbewusstsein“. Heute stehe die Marke für stille Selbstsicherheit – raffiniert, bewusst und detailverliebt. Die nordische Ästhetik ist für sie untrennbar mit ihrer Herkunft verbunden, gar Teil ihrer DNA. „In Dänemark aufzuwachsen bedeutet, dass man mit skandinavischem Minimalismus groß wird. Von öffentlichen Räumen wie dem Flughafen Kopenhagen bis zu Schulen voller ikonischen dänischen Designs – das prägt die visuelle Sprache schon früh.“

Ihre Kreativität speist sich aus Reisen, Begegnungen und ihrer Leidenschaft für Stoffe. „Besuche bei meinen italienischen Lieferanten sind oft der Funke, der eine neue Kollektion entfacht.“ Als Frau versteht sie intuitiv die Bedürfnisse einer Garderobe und weiß, „dass es Tage gibt, an denen man sich stark und sinnlich fühlen will, und andere, an denen Komfort und Weichheit entscheidend sind“. Die Frau, für die sie entwirft, ist „selbstbewusst und neugierig. Sie weiß, was sie mag – von den Büchern, die sie liest, bis zum Essen, das sie isst.“

Für ihre Frühjahr/Sommer-2026-Kollektion präsentiert sie „eine Balance zwischen Weichheit und Struktur, ruhigen Tönen und verspielten Elementen – eine Garderobe für das echte Leben“. Auch für die skandinavische Mode an sich wünscht sie sich mehr Balance. „Nordische Mode hat ein großartiges Gefühl für Zurückhaltung, aber es ist wichtig, das mit Kühnheit und Kreativität auszugleichen. Ein Hauch von Furchtlosigkeit ist das, was die Dinge lebendig hält.“

Caroline Engelgaar

Caroline Engelgaar, Kreativdirektorin MKDT, seit 2022, Marke besteht seit 2014

Caroline Engelgaar übernahm im Herbst 2022 die kreative Leitung von MKDT Studio. Für sie steht das Label „für die Faszination außergewöhnlicher Stoffe und präziser Schneiderkunst“. Heute versteht sie es als „zeitgenössische Marke für die moderne Frau in jeder Hinsicht – scharf und zugleich sinnlich, zeitlos und doch aktuell“. Nordische Mode erklärt sie als „ein stilles Selbstvertrauen in der Einfachheit, geformt durch die starke Designgeschichte, von Architektur und Möbeln. Es geht um Handwerk, Funktion und subtile Poesie. Sie strebt nicht danach, perfekt zu sein; sie wagt es, leicht danebenzuliegen.“

Zusammenarbeit steht im Zentrum von Engelgaars Arbeit. „Ich habe nie daran geglaubt, alles allein zu machen“, sagt sie. Kreativ sei es, immer ein Balanceakt zwischen Vision und Pragmatismus zu schaffen, Vorstellung in etwas Reales umzusetzen. Als Frau navigiere sie ständig an diesen Schnittstellen: Ehrgeiz und Empathie, Struktur und Sanftheit, Ästhetik und Funktionalität. Die Frau, für die sie entwirft, „kleidet sich für sich selbst und ihren Körper – Passform ist wichtig. Es geht um Kleidung, die sich persönlich anfühlt und ihr erlaubt, Stärke und Individualität auszudrücken.“

Für die neue Kollektion von MKDT ließ sie sich von der surrealistischen Malerin Kay Sage inspirieren. Und gleichzeitig von Jean-Jacques Balzac, einer fiktiven Figur, deren KI-generierte ‚falsche Architektur‘ Gebäude zeigt, „die fast Sinn ergeben.“ „Die Kollektion lebt in diesem Raum, zwischen Präsenz und Abwesenheit. Sie ist eher melancholisch als verspielt. Absichtlich unabsichtlich“, erklärt Caroline Engelgaar ihre kürzlich gezeigte Mode.

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions