Esther Perbandt ist bekannt für ihren durch und durch schwarzen Look. Auch die Entwürfe der gleichnamigen Marke folgen dieser klaren Ästhetik. Im Interview spricht die Modedesignerin über die Bedeutung der „Nichtfarbe“ Schwarz, ihre modischen Anfänge und die Kraft von Mode sowie der weiblichen Intuition.
Bekannt als „Queen of Black“ tritt Esther Perbandt immer in Schwarz gekleidet auf, ergänzt durch ihren ikonischen schwarzen Hut sowie Schmuck, der in Silber und Gold glänzt. Doch nicht nur ihr eigenes Markenzeichen ist die „Nichtfarbe“ Schwarz, auch ihre Kollektionen sind von ihr geprägt. Dafür sind die Schnitte umso klarer und ausgefallener. Die Pieces wirken grafisch, gar skulptural, avantgardistisch.
Das war jedoch nicht immer so. „Anfangs entwarf ich auch farbige Stücke, weil es mir so beigebracht wurde und Einkäufer auf Messen immer etwas rauspoppen sehen wollen. Verkauft habe ich aber fast ausschließlich Schwarz. Irgendwann habe ich beschlossen, konsequent nur das zu machen, was mir wirklich gefällt, und mich ganz auf Schwarz konzentriert.“ Mit diesem Schritt entwickelte sich ihre klare Handschrift, die zum Schlüssel ihres Erfolgs wurde.
Wir haben die Modedesignerin in ihrem Berliner Store zum Gespräch getroffen.
Foto: Courtesy of Esther Perbandt
Beginnen wir ganz am Anfang, in der Kindheit. Esther Perbandt ist ohne Fernseher aufgewachsen. Stattdessen stand bei ihr eine riesige Kostümkiste.
Wann war für Sie klar, dass Mode Ihre Zukunft sein würde?
Diese berühmte Kostümkiste, die ich auch so gerne erwähne, die hat mich dort hingebracht. Darin waren nicht die Traumkostüme und Prinzessinnenkleider, die man sich als Kind wünscht. Sondern alles, was meine Eltern gefunden oder selbst genäht hatten. Auch Kostüme von unseren Jazz-Dance-Aufführungen landeten dort. Es ging eher darum, sich zu verkleiden, in andere Identitäten zu schlüpfen. Ich hatte großen Spaß daran. Dabei habe ich gemerkt, welche Power Kleidung hat. Sie macht dich wirklich aus: Du wirst in eine Schublade gepackt oder fühlst dich zugehörig. Mit zwölf Jahren habe ich dann das erste Mal formuliert, dass ich Modedesignerin oder Kostümbildnerin werden möchte.
Marie Claire: Wie ging es dann weiter?
Esther Perbandt: Schon während der Schule habe ich Volkshochschulkurse gemacht für Modegrafik und mich nach dem Abi sofort bei den Modeschulen in Berlin beworben. Studiert habe ich dann an der UdK (Anm. d. Red.: Die Universität der Künste in Berlin ist eine renommierte deutsche Universität für Kunst und Design).
Marie Claire: War der Wunsch ein eigenes Label zu gründen von Anfang an vorhanden?
Esther Perbandt: Ich wollte eigentlich nie mein eigenes Label gründen. Heute gibt es an den meisten Schulen große Abschlussmodenschauen und viele Modestudenten wünschen sich direkt ihr eigenes Label zu gründen. Bei uns, wir sprechen von 1999, 2000, war das ganz anders. Deswegen war das nie mein Plan. Für mich war immer klar, ich arbeite danach als Designerin für eine Firma. Und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe nach meinem Masterstudium in Paris in einer Firma in Südfrankreich angefangen. Selbst da habe ich noch zu meinen Eltern gesagt: Um mich braucht ihr euch keine Sorgen mehr machen. Ich werde immer gut verdienen, ich arbeite immer als Designerin in einem Haus.
Marie Claire: Was ist dann passiert? Als geborene Berlinerin sind Sie nach Stationen in Paris und Moskau dann doch wieder nach Berlin. Was hat Sie zurückgebracht?
Esther Perbandt: Die Firma ging ein bisschen den Bach runter und dann bin ich gegangen, nach Berlin zurück. Eigentlich wollte ich mich nur für drei Monate dort erholen, um nach Paris zu gehen. Das war 2003, da fing es gerade an mit der Premium (Anm. d. Red.: Premium Berlin ist eine Mode- und Ordermesse, die bis 2023 parallel Berlin Fashion Week stattfand) und der Bread & Butter (Anm. d. Red.: Die Bread & Butter war von 2001 bis 2018 eine Messe für Urban Streetwear und Alltagskleidung). Ich bekam mit, wie viele kleine Labels in Berlin aus dem Boden ploppten. Ich wollte auch ein Teil davon sein und hier einen Job zu finden war natürlich utopisch. Also habe ich mich im Oktober bei der Premium beworben, noch ohne Logo oder Kollektion. Und dann stand ich da im Januar 2004 mit meiner Kollektion. Und the rest is history. Aber es geht ja immer noch weiter. Ich bin immer noch nicht da, wo ich eigentlich sein will.
Marie Claire: Wo würden Sie denn gerne sein?
Esther Perbandt: Über die Freiheit, dass ich nur hier im Berliner Store und in meinem Online-Shop verkaufe, bin ich sehr dankbar. Aber natürlich habe ich den Wunsch, dass die Marke weiterwächst. Ich könnte mir vorstellen, dass ich gezielt jeweils einen Laden in Hauptstädten wie Tokio, Paris und New York beliefere.
Bei „Making the Cut“ wurde ich auf eine Art Design-Spielplatz geschickt. Ich durfte einfach das machen, entwerfen, designen was ich wollte. Es würde mich wahnsinnig glücklich machen mehr Showpieces zu entwerfen, aber ich bin auch zu realistisch und zu sehr eine Geschäftsfrau. Nach 18 Jahren mit einem eigenen Laden weiß ich, wer meine Kunden sind und was sie wollen. Ich versuche immer die Balance zu halten.
Marie Claire: Ihr Zugang zum Modedesign wirkt unglaublich künstlerisch. esther perbandt‘s Mode ist avantgardistisch, gar skulpturähnlich. Sie haben auch bereits eigene Kunst ausgestellt. Trotzdem sind ihre Kleider und Accessoires im Alltag tragbar. Wie schaffen Sie es diese Gegensätze kreativ zu bündeln?
Esther Perbandt: Ich mache mir vorher kein Konzept, sondern ich arbeite wirklich intuitiv und probiere alles an mir selbst aus. Wenn wir Samples machen, ziehe ich sie an. Und wenn ich das Gefühl habe, wow, das ist cool, das will ich selbst tragen, dann mache ich es. Wenn ich etwas anhabe, vor dem Spiegel stehe, und denke, das ist total Banane, dann wird es gestrichen. Geprägt haben mich dabei Berlin mit seinem Rock’n’Roll, Punk und der rotzigen Frechheit, Moskau mit dem Strengen, Hochgeschlossenem, dem Avantgardistischen. In Paris kam der Feinschliff, das Elegante und Feminine. All diese Einflüsse vereine ich in meinen Outfits, wie mit einem Setzkasten, aus dem ich meinen Look zusammenstelle. Genauso entstehen auch meine Designs.
Marie Claire: Als sogenannte „Queen of Black“ sind Sie bekannt für ihre dunklen Designs. In der Farblehre wird Schwarz als „Nichtfarbe“ bezeichnet. Sie sagen „BLACK IS COLORFUL“. Was meinen Sie damit?
Esther Perbandt: Schwarz entsteht aus allen Farben zusammen. Das ist die eine Seite. Aber das meine ich eigentlich gar nicht. Wenn ich mit Schwarz arbeite, habe ich das Gefühl, mit dem Licht zu arbeiten. Schon bei den Stoffen vor der Wand (Anm. d. Red.: Perbandt zeigt auf einen Kleiderständer) sieht man hunderte verschiedene Schwarztöne und genau das fasziniert mich. Es gibt sehr tiefes Schwarz, aber auch Stoffe mit bräunlichem oder grünlichem Schimmer, die vermeide ich, weil sie auf der Bühne unschön wirken. Auch stellt die Reduktion auf eine einzige Farbe viel höhere Ansprüche an das Design, denn man muss kreativer mit den Schnitten umgehen. Und genau das macht mir so viel Freude.
Marie Claire: Ihre Schmuckstücke hingegen sind meist Gold oder Silber. Weshalb setzen Sie hier in der Materialwahl auf diese klassischen Edelmetalle?
Esther Perbandt: Es gab tatsächlich anfangs ein paar Stücke, die schwarz, also mattpulverbeschichtet, waren. Aber die haben mich nicht so berührt. Das hochpolierte Silber und Gold bringt einen Kontrast und Licht in den Gesamtlook. Und das ist genau das, was ich möchte.
Marie Claire: Sie sind bekannt für ihre performativen Modenschauen. Sei es in der Berliner Volksbühne oder dem Fashion Council Germany. An welche denken Sie besonders gerne zurück?
Esther Perbandt: Der größte Paukenschlag war natürlich meine erste Show in der Volksbühne. Sie fiel mit meinem zehnjährigen Jubiläum zusammen und war inspiriert von der Performerin Valeska Gert, die 1932 selbst dort aufgetreten war. Die Kollektion hieß Grotesk und wurde von einer Tänzerin eröffnet, begleitet von einem Chor, der nur mit Handzeichen und Mundgeräuschen arbeitete. Die Bühne, die Models, es fühlte sich an, als sei ganz Berlin gekommen. Besonders war auch, dass die Fotografen direkt auf der Bühne standen und die Models vor einem vollen Theatersaal posierten. Dieses Bild mit dem Publikum als Hintergrund war für mich unglaublich beeindruckend.
Aber auch an andere Kollektionen denke ich gerne zurück. Ich habe immer wieder mit neuen Formen experimentiert. Sei es mit digitalen Kleidern, die ich im Kunstforum unter anderem auf Sängerin Emily D’Angelo projiziert habe oder mit meiner digitalen Modenschau 2021, die während Corona als erste ihrer Art in Deutschland lief. Auch Installationen wie in der 8 Berlin, wo Models in einem gläsernen Aquarium standen, gehören dazu. Doch mittlerweile denke ich stärker wirtschaftlich und frage mich, wie ich die nächsten 20 Jahre überstehe, statt nur an die nächste Show zu denken. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mich reines Modedesign nicht vollständig erfüllt. Die Inszenierung, das große Ganze einer Show, ist für mich ein unverzichtbarer Teil meiner Kunst.
Marie Claire: Haben Sie all Ihre Kollektionen in positiver Erinnerung?
Esther Perbandt: Überhaupt nicht. Aber das ist auch okay, denn es ist ein Ausprobieren. Kunst und Mode bedeutet immer experimentieren. Dabei kann man scheitern, aber genau das gehört zum Prozess. Wichtig ist, die Angst vor dem Scheitern zu überwinden. „Everything you want is on the other side of fear“ habe ich bei „Making the Cut“ immer gesagt und das ist wirklich mein Mantra geworden (Anm. d. Red.: Perbandt war 2020 Teil der Amazon Show „Making the Cut“ mit Heidi Klum und Tim Gunn und belegte den zweiten Platz).
Marie Claire: Früher lag ihr Fokus auf Unisex-Kollektionen, heute sind die Pieces auf Ihrer Website in „Frauen“ und „Männer“ unterteilt. Was hat sich für Sie geändert?
Esther Perbandt: Das ist eher ein Geschenk an die Männer. Der Stil ist nach wie vor Unisex. Frauen und Männer können zu 80 Prozent die gleichen Sachen tragen. Auch Trans-Personen oder Männer, die sich gern sehr weiblich anziehen, gehören zu meiner Kundschaft. Trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, dass die große Masse noch nicht so weit ist. Wenn ein konservativer Cis-Mann in den Laden kommt und ich sage: „Das ist Unisex, schauen Sie sich überall um“ und er bleibt zufällig bei den Kleidern stehen, dann ist ihm das oft peinlich, einige sind sofort wieder gegangen. Deshalb habe ich die Webseite in Männer und Frauen unterteilt. Trotzdem bleibt der Stil derselbe, nur die Schnitte sind angepasst. Bei Frauen wird mit Brustabnähern oder mehr Weite an der Hüfte gearbeitet, ohne dabei den Look zu verändern. Denn reine Unisex-Schnitte sind häufig sehr androgyn und schließen gerade Frauen mit kurvigeren Figuren aus.
Marie Claire: Das klingt kompliziert.
Esther Perbandt: Ach, das geht eigentlich schon. Aber ab einer bestimmten Kleidergröße wird es schwierig. Ich produziere bis Größe 46, darüber hinaus mache ich Maßanfertigungen. Ich habe nämlich verstanden: Unisex klingt inklusiv, ist es aber nicht unbedingt. Echte Inklusivität bedeutet für mich, möglichst viele unterschiedliche Körperformen mitzudenken. Auch im Laden. Früher hatte ich nur eine Männerpuppe, jetzt sind es vier, zwei davon im Eingangsbereich. Und seitdem kommen deutlich mehr Männer in den Laden.
Marie Claire: Nach ihrer Teilnahme bei „Making the Cut“ kam der internationale Durchbruch. Was hat sich seitdem für Sie verändert?
Esther Perbandt: Meine Arbeit ist deutlich internationaler geworden, zeitweise war Amerika sogar mein größter Markt. Auch wenn der Hype direkt nach der Sendung natürlich nachgelassen hat, kommen immer noch viele Amerikaner in meinen Laden, oft als Teil ihres Europatrips, weil sie mich aus der Show kennen. Rückblickend war die Teilnahme das Beste, was ich meiner Marke antun konnte, auch wenn es nervenaufreibend war, weil man eben nicht wusste, ob es geschäftlich positiv ausgeht. Ich habe nicht die Million gewonnen, aber dafür etwas anderes bekommen. Ich lasse mich nicht verbiegen, bleibe mir treu, bleibe bei mir und meiner DNA.
Marie Claire: Was war bisher die größte Herausforderung für Sie als Designerin und Künstlerin?
Esther Perbandt: Die größte Herausforderung war für mich immer der Spagat zwischen Kreativität und Unternehmertum, denn ich bin überhaupt kein Zahlenmensch. Am Anfang bin ich sehr naiv in große Kredite reingerutscht, musste viel lernen und habe mir über die Jahre immer wieder Geld geliehen, aber alles zurückgezahlt. Heute ist die Firma schuldenfrei und gehört zu 100 Prozent mir, darauf bin ich sehr stolz. Gleichzeitig musste ich viele Entscheidungen allein treffen, ohne Sparringspartner und natürlich auch Fehler machen und Geld verlieren. Aber genau dieses „hinfallen, Krönchen richten und weitermachen“ hat mich letztlich stark gemacht.
Marie Claire: Auf was dürfen wir und Sie sich in Zukunft mit der Marke esther perbandt freuen?
Esther Perbandt: Ich plane im Januar wieder etwas zur Fashion Week zu machen. Gerade strecke ich auch meine Fühler in Richtung Japan aus, weil ich dort viel positives Feedback bekomme und den Markt sehr spannend finde. Natürlich gibt es Hürden, aber im November werde ich mit dem Fashion Council Germany auf Delegationsreise nach Tokio gehen. Parallel übersetze ich meinen Onlineshop ins Japanische und denke darüber nach, im kommenden Jahr einen Pop-up Store vor Ort zu eröffnen. Mich begeistert aber nicht nur die japanische Mode, sondern auch die Kultur und Mentalität, die ich als unglaublich faszinierend empfinde.
Die Designerin spricht offen darüber, wie schwer es für Frauen noch immer ist, sich in männerdominierten Bereichen zu behaupten. Ihre Beobachtung: Allzu oft werden sie unterschätzt oder kleingeredet, während ihre eigentlichen Stärken, wie ihre Intuition und Empathie, kaum gefördert werden. Um dem etwas entgegenzusetzen, hat sie ein Experiment gestartet: 2025 beschäftigt sie ausschließlich weibliche Praktikantinnen. Das verändert laut Perbandt nicht nur die Dynamik im Atelier, sondern schafft auch ein Arbeitsumfeld, in dem junge Frauen gestärkt werden und ihre Kreativität frei entfalten können. Und es bringe nicht nur Spaß, sondern auch praktische Vorteile, wie sie schmunzelnd erzählt: „Seit hier nur noch Frauen arbeiten, musste ich den Spiegel neben der Toilette nicht mehr putzen. Früher war der jede Woche voller Spuren vom Stehpinkeln.“
Marie Claire: Wir bei Marie Claire möchten Frauen und ihren Themen eine Stimme geben. Welche Botschaft möchten Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?
Esther Perbandt: Jungen Frauen würde ich raten, viel stärker auf ihre eigene Intuition zu vertrauen und nicht jedem Ratschlag von außen zu folgen. In meinen 20 Jahren gab es unglaublich viele Menschen, zu 95 Prozent waren es Männer, die meinten es besser zu wissen. Es kostet viel Kraft dagegenzuhalten. Klar, ist es wichtig, Ratschläge anzunehmen und zuzuhören. Aber am Ende lohnt es sich, bei sich selbst zu bleiben.
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