Die vergessene Kunst des weißen Goldes – So modern ist Porzellan-Schmuck

Früher war es ein Symbol für Wohlstand und höfische Repräsentation. Heute steht es für Handwerkskunst, Kultur, Design, Nachhaltigkeit und Individualität. Porzellan-Schmuck ist das neue It-Piece: Wir zeigen die Geschichte des weißen Goldes, seine Herstellung und die besten Styling-Tipps für die filigranen Schmuckstücke

Porzellan ist eng mit der europäischen Kultur- und Industriegeschichte verbunden und steht damit für über Jahrhunderte weitergegebenes Wissen und Handwerkskunst. Im Unterschied zu damals erhält es heute seinen Wert weniger durch das Material selbst, sondern die Handarbeit und damit bedingte Exklusivität. Vor allem beim Schmuckstücken.

Die Reise des Porzellans von China nach Meißen

Das erste Porzellan wurde vor etwa 1.200 bis 1.400 Jahren in China entwickelt und im 16. Jahrhundert nach Europa exportiert. Hier hat Porzellan großes Aufsehen erregt, weil man bisher keine so weiße Keramik kannte.

Im 17. Jahrhundert vermehrte sich der Import durch die niederländische Ostindien-Kompanie, die tonnenweise chinesisches Porzellan nach Europa verschiffte. Es wurde zum absoluten Statussymbol des Adels, dekorierte ganze Räume – die sogenannten Porzellankabinette, wie man sie etwa noch im Schloss Charlottenburg in Berlin besichtigen kann. August der Starke soll z.B. für seine Porzellan-Sammelsucht berüchtigt gewesen sein – die „Porzellankrankheit“.

Die Exklusivität und der hohe Preis weckten den Ehrgeiz in Europa, das Geheimnis der Herstellung selbst zu lüften.

Zur selben Zeit befand sich der Alchemist Johann Friedrich Böttger in Gefangenschaft von August dem Starken, weil er behauptete, Gold herzustellen zu können. Er unterstützte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, ein bedeutender deutscher Forscher, bei seinen Experimenten mit Erden aus der Region und entdeckte so die Rezeptur für rotes Porzellan bzw. Steinzeug – das „Böttgersteinzeug“. 1708 gelang ihnen und einer Gruppe von Bergbau- und Hüttenspezialisten dann die Herstellung des weißen Porzellans. Tschirnhaus starb unglücklicherweise kurz nach diesem entscheidenden Erfolg, weshalb vor allem Böttger als „Erfinder“ des europäischen Porzellans in Erinnerung geblieben ist. Er hat schließlich auch die 1710 gegründete Meissner Manufaktur geleitet, ist aber bis zu seinem Tod 1719  „Staatsgefangener“ geblieben, der sein Wissen nicht preisgeben durfte. Die Meissner Porzellanmanufaktur war demnach die erste Porzellanmanufaktur in Europa und besteht bis heute.

Charlotte Lynggaard in Handarbeit für Nymphenburg Porzellan

So wird aus Erde ein Meisterwerk

Im ersten Schritt wird aus Kaolin, Feldspat und Quarz ein Gemisch hergestellt, das durch Zugabe von Wasser zu einer feuchten, formbaren Masse wird – Porzellanmasse oder Porzellanton. Je nach Wasseranteil ist die Masse fester oder flüssiger und kann in Gipsformen gegossen sowie gepresst oder von Hand modelliert werden. 

So entstehen zerbrechliche Kunstwerke – von Ohrringen, über Ketten und Anhänger bis hin zu Ringen wird in sorgfältigster Handarbeit aus der Masse ein tragbares Meisterwerk. Im Anschluss folgt eine Trocknungsphase bei kontrollierter Raumtemperatur. Sie ist notwendig, um die verbleibende Feuchtigkeit zu entfernen und innere Spannungen sowie Verformungen während des Brennvorgangs zu vermeiden. 

Im letzten Schritt wird das Porzellan in mehreren Brennvorgängen für mehrere Stunden bei hohen Temperaturen von ca. 1200°C bis 1400°C gebrannt. 

Das Ergebnis ist ein stabiles und langlebiges Material, das in einem aufwendigen Prozess entsteht, bei dem jede einzelne Brennphase entscheidend für die Optik des finalen Schmuckstückes ist.

Kettenanhänger aus Porzellan in Form einer Erbsenschote von Charlotte Lynggaard x Nymphenburg Porzellan

Porzellan – das Slow-Fashion-Unikat

Porzellan ist durch seine aufwendige Herstellung unter hohen Temperaturen sehr resistent gegenüber äußeren Einflüssen und dadurch sehr langlebig. Es korrodiert nicht, rostet nicht, verblasst nicht unter UV-Licht und ist wasserdicht. Archäologische Porzellan- und Keramikfunde belegen, dass das Material sogar Jahrhunderte bis Jahrtausende überdauern kann, ohne sich zu zersetzen. Der Knackpunkt ist seine Empfindlichkeit: Porzellan ist zwar hart, aber spröde und bekommt leicht Haarrisse. Dadurch kann es leichter brechen, wenn es fällt oder einen harten Schlag abbekommt. Deshalb ist die richtige Lagerung sehr wichtig. Am besten separat von anderen Schmuckstücken, sodass sie nicht aneinander reiben. Bei guter Behandlung hält ein Schmuckstück dann ein Leben an.

Das neue It-Piece in jeder Schmuckschatulle

Beim Maximalismus-Trend geht es um Fülle statt Zurückhaltung und um „bold, big and fun“. Große, skulpturale Porzellan-Statementketten oder -anhänger übernehmen die Hauptrolle und wirken am besten auf schlichten, einfarbigen Oberteilen, damit das Stück nicht mit Mustern konkurriert. Porzellan ist leicht genug, um große Formen tragbar zu machen. Die großen plastischen Anhänger oder Statement-Colliers dürfen so dick sein, dass sie auch als Kunstobjekt durchgehen könnten – Wirkung durch Form und nicht durch Funkeln.

Durch Layering des großen Porzellan-Statementstücks mit feineren Gold- oder Silberketten bricht die sonst eher „museale“ Anmutung von Porzellan auf und macht es zeitgemäßer.

Die Brosche erfährt gerade ein Comeback und lässt sich multifunktional stylen: als einfaches Accessoire an Shirt oder Hose oder um neue Silhouetten zu kreieren. Hierfür beispielsweise das Shirt auf der einen Seite in Falten zusammenziehen und mit der Brosche fixieren. So erhält man einen aufregenden, asymmetrischen Look. Die Möglichkeiten sind dabei endlos und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Kleine, geometrische Ohrstecker in Mattweiß oder -schwarz funktionieren gut im cleanen, minimalistischen Look, während größere, handbemalte Ohrringe eher zu Abend-Looks oder offenen Frisuren passen.

Farblich harmoniert cremeweiß oder pastelliges Porzellan besonders schön mit Naturmaterialien wie Leinen

Statement-Halskette aus Porzellan von Crisalide Studio

Ob groß, klein, bunt oder monofarben – Porzellanstücke sind ein Schmucktrend, der uns sicher noch länger begleiten wird

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