Dekoratives Herbstblatt am linken Bildrand  FALL FAVOURITES  Dekoratives Herbstblatt am rechten Bildrand

60 Jahre „Le Smoking“: Das ikonische Erbe von Yves Saint Laurent

Der Smoking war damals ein Privileg der Männer – ein Kleidungsstück für elegante Nächte und formelle Auftritte. Eine Uniform der Macht, wenn man(n) so will. 1966 übernahm Yves Saint Laurent das Steuer und verwandelte bis dato männliche Modecodes in ein feminines Manifest. Mit einem einzigen Schnitt stellte der französische Designer die Hierarchie der Garderobe in Frage und schaffte einen skandalösen Umbruch in der Mode. 

Vor 60 Jahren präsentierte Yves Saint Laurent „Le Smoking“ und revolutionierte die Damenmode. Foto: Launchmetrics.com

Saint Laurent und der Damensmoking

Paris 1966, es ist ein milder Abend im Herbst. Das Licht der Laternen spiegelt sich auf dem nassen Asphalt und aus einem Club dringt gedämpfter Jazz. Vor den Eingängen der Restaurants sammelt sich die Pariser Gesellschaft: Männer in schwarzen Smokings und Frauen in langen Kleidern. Ein Taxi hält vor einer der Lokalitäten und eine Frau steigt aus. Sie trägt kein Chiffon und auch kein wallendes Abendkleid. Sie trägt ein präzise geschnittenes Jackett mit Satinrevers, darunter ein glatt gebügeltes weißes Hemd mit schwarzer Fliege und eine schmale Bundfaltenhose. Die Blicke folgen ihr und signalisieren Bewunderung und Empörung zugleich.

Saint Laurent clp S25 036

Foto: Launchmetrics.com

Vor 60 Jahren war die Welt in Bewegung – kulturell, politisch und sexuell. Frauen begannen, ihren Platz im öffentlichen Raum neu zu definieren. Sie arbeiteten, studierten und forderten Rechte ein. Doch in der Garderobe herrschten bis dato noch klare Fronten: Der Smoking war ein Privileg der Männer. Frauen waren in dieser Szenerie traditionell und elegant gekleidet. Als Yves Saint Laurent in seiner Autumn/Winter Kollektion 1966 plötzlich den Smoking für Frauen präsentierte, war das nicht bloß eine stilistische und feministische Geste, sondern eine Intervention einer neuen Ordnung. Er verkleinerte den Smoking nicht, versah ihn nicht mit Schleifen, um ihn „weiblicher“ erscheinen zu lassen. Er bestand auf die Strenge des Schnitts und auf der Ernsthaftigkeit der Silhouette. 

Feminismus im Revers

Der „Le Smoking“ war mehr als ein modisches Experiment. Frauen trugen zwar bereits Hosen, doch der Smoking war ein Symbol und ein klares Statement. In Restaurants wurde Trägerinnen zum Teil sogar der Zutritt verweigert, denn eine Frau im Smoking stellte nicht nur eine modische, sondern die gesellschaftliche Hierarchie infrage. Saint Laurent selbst sprach davon, dass er Frauen mehr Sicherheit geben wolle. Der klare Schnitt, die gerade Linie, die strickte Struktur – all das vermittelte Standfestigkeit. Die Strenge der ikonischen Kollektion traf im Hause Saint Laurent auf nackte Haut, hohe Absätze und betonte Lippen. Gerade das machte den Damensmoking zu einem feministischen Statement, ohne plakativ zu sein. Er schrie nicht laut nach Gleichberechtigung, er verkörperte sie. Er zeigte, dass eine Frau nicht zwischen Verführung und Autorität wählen muss. 

Die Revolution lag im Detail:

  • Der Schnitt: körpernah, gerade, mit klar definierter Schulterlinie. Keine Karikatur des Herrenanzugs, sondern eine bewusste Neuinterpretation.
  • Die Materialien: feine Wolle, Satin, matte und glänzende Texturen.
  • Die Proportionen: ein Spiel aus Strenge und Sinnlichkeit. Der schmale Reverskragen, die akzentuierte Taille und das gerade Bein.
  • Die Inszenierung: oft kombiniert mit einer transparenten oder klassischen Bluse, einer Schleife, Fliege oder Krawatte.

Foto: Helmut Newton, Yves Saint Laurent, Rue Aubriot, French Vogue, Paris 1975 © Helmut Newton Foundation

Helmut Newton schärfte das Bild

1975 fotografierte Helmut Newton in Paris sein berühmtes Werk „Rue Aubriot”. Zu sehen ist eine Frau im Smoking von Yves Saint Laurent. In der einen Hand eine Zigarette, die andere locker in der Tasche. Das Haar ist zu einem strengen Sleek-Zopf gebunden. Das Licht wirkt hart in der dunklen Gasse und die gesamte Szenerie ist für die Zeit fast schon filmreif. Dieses Bild wurde schnell zur Ikone, nicht, weil es den skandalösen Damensmoking zeigte, sondern weil es eine ganz bestimmte Haltung inszenierte. Newton verstand intuitiv, was „Le Smoking“ bedeutete: Er war kein modisches Accessoire, sondern ein Machtinstrument. In Newtons Linse wirkt die Frau im Smoking unnahbar, kontrolliert und souverän.Zwischen Maskulinität und Macht, zwischen Dominanz und Begehren. Genau diese Ambivalenz lag im Kern von Saint Laurents Entwurf. Der Smoking war nie eine Verkleidung, er war eine bewusste Aneignung männlich codierter Autorität, ohne Verlust von weiblicher Sinnlichkeit.

Das Foto ist seit dem 24. April 2026 in der Newton Foundation in Berlin im Rahmen der neuesten Ausstellung „Intermezzo” hautnah zu bestaunen. Die Newton Foundation wurde 2003 von dem Fotografen höchstpersönlich gegründet und ist weit mehr als ein einfaches Museum. Sie ist ein stilvoll inszeniertes Universum aus Mode, Aktfotografie und kühler Verführung. Im ehemaligen preußischen Offizierskasino am Berliner Bahnhof Zoo entfaltet sich das Vermächtnis von Helmut und June Newton: ikonische Bilder zwischen Glamour, Macht und Provokation, präsentiert in einem Haus, das bewusst als „lebendige Institution“ gedacht wurde. Hier begegnen sich die großen Erzählungen der Modefotografie und zeitgenössische Positionen zu einem Dialog voller Eleganz, Spannung und ästhetischer Radikalität.

Definierte Yves Saint Laurent das Power Dressing?

Aus „Le Smoking“ entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine kleine modische Revolution, die man in den 1980ern Power Dressing nannte. Frauen kämpften sich mit Anzug und Krawatte in die Vorstandsetagen und so wurde der Hosenanzug zur Rüstung des Alltags. Breite Schultern, klare Linien und dunkle Stoffe – eine Silhouette, die Präsenz signalisierte, bevor auch nur ein Wort gesprochen wurde. Doch während das Power Dressing oft mit demonstrativer Strenge operierte, lag die eigentliche Blaupause bereits 1966 vor: Yves Saint Laurent verband Autorität mit Eleganz und Struktur mit Sinnlichkeit. Er machte deutlich, dass Stil selbst ein Machtmittel ist und dass wahre Stärke nicht im Verbergen der Weiblichkeit liegt, sondern in ihrer bewussten Inszenierung.

Heute, 60 Jahre später, ist die Robe noch immer hoch im Kurs. Denn jedes Mal, wenn eine Frau sich für den Smoking entscheidet, wiederholt sie, bewusst oder unbewusst, jenen Moment von 1966, in dem Eleganz zur Emanzipation wurde. Er ist ein dauerhaftes Symbol dafür, dass Mode gesellschaftliche Räume neu ordnen kann und das ein einziger Schnitt ausreicht, um modische Macht neu zu verteilen.

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions