Die Berliner Gründerin der JACKS beauty line spricht über Insolvenz und Comeback, über Fokus statt Perfektion — und über den Satz, den sie ihrer 20-jährigen Selbst nicht mehr mit auf den Weg geben würde
Es gibt Make-up Artists, die ihren Beruf als handwerkliche Disziplin verstehen. Und es gibt solche, die daraus eine Frage machen: was Schönheit eigentlich bedeutet — und was sie mit Selbstwert zu tun hat. Miriam Jacks gehört zur zweiten Gruppe. 2017 gründete sie gemeinsam mit Lisa Bachiotis in Berlin die JACKS beauty line, heute eine Marke mit über 40 Mitarbeiter:innen, einer eigenen Pinsel-Kollektion als Herzstück und dem Podcast Glowcast, in dem sie regelmäßig auch über Krisen spricht — Burnout, Insolvenz, den Weg zurück.
Im Gespräch mit Marie Claire erzählt sie, was sie sich rückblickend gerne früher gesagt hätte, warum Make-up und Selbstliebe für sie kein Widerspruch mehr sind — und welcher Satz aus ihrer Jugend so tief geht, dass sie ihn der nächsten Generation unbedingt ersparen will.
Marie Claire: Du hast als Make-up-Artist auf internationalen Sets begonnen und führst heute deine eigene Brand. Welcher Moment hat dir gezeigt, dass du beides sein willst — Künstlerin und Unternehmerin?
Miriam Jacks: Der unternehmerische Gedanke, eine eigene Marke aufzubauen, hat mich schon gereizt, als ich noch gar nicht wirklich wusste, wie das aussehen soll. Ich habe als Make-up-Artist gearbeitet und gleichzeitig gespürt, dass da noch etwas anderes in mir steckt. Heute würde ich mich primär als Unternehmerin beschreiben, aber der künstlerische Aspekt ist nach wie vor extrem wichtig für mich. Er lebt weiter, zum Beispiel in unseren handbemalten Pinseln, die bis heute das Herzstück von JACKS sind.
MC: Du sprichst offen über Burnout und Insolvenz, bevor du wieder aufgestanden bist. Was wäre dir auf dem Weg nach unten lieber gesagt worden?
MJ: Fokussiere dich. Weniger ist mehr. Das klingt simpel, aber ich glaube, niemand hat mir das wirklich klar gesagt, als ich es gebraucht hätte. Du wirst in nichts richtig gut, wenn du 50 Dinge gleichzeitig machst. Ich bin davon überzeugt, dass die Corona-Pandemie mir einen künstlichen Hyperfokus geschenkt hat, weil plötzlich nichts mehr außer den Instagram-Lives möglich war. Und genau da ist etwas aufgegangen. Aber gerade am Anfang, wenn du erfolgreich werden willst, machst du alles auf einmal, weil du denkst, du musst. Mein wichtigstes Learning: Fokus ist keine Einschränkung, sondern die Voraussetzung für echtes Wachstum.
Foto: JACKS beauty line
MC: In deiner Arbeit geht es um Make-up — und gleichzeitig um Selbstliebe. Wann widersprechen sich diese beiden Pole für dich?
MJ: Ich glaube, die Frage dreht sich um einen Widerspruch, den ich selbst lange in mir getragen habe, aber heute nicht mehr so empfinde. Früher war Make-up für mich tatsächlich eine Maske, etwas, das ich gebraucht habe, um mich sicher zu fühlen, um zu funktionieren. Das hatte nichts mit Selbstliebe zu tun. Heute ist es das Gegenteil: Make-up ist für mich ein Ausdruck davon, dass ich mich mag, dass ich meine natürliche Schönheit unterstreichen möchte, nicht verstecken. Der Moment am Morgen, in dem ich mir diese Zeit nehme, ist für mich Selbstfürsorge. Insofern widersprechen sich diese beiden Dinge für mich nicht mehr.
MC: In deinem Podcast Glowcast zeigst du regelmäßig ungefilterte Einblicke in Krisen und Zweifel. Was hat sich verändert, seit du deine Verletzlichkeit öffentlich zeigst?
MJ: Wenn du dich offen und ehrlich zeigst, nimmst du deinem Gegenüber den Wind aus den Segeln. Wir sind so konditioniert, nur das Perfekte zu zeigen, das Glatte, das Fertige. Aber wenn wir das tun, lassen wir die anderen allein mit allem, was in ihnen auch nicht perfekt ist. Ja, Verletzlichkeit macht mich angreifbarer, das stimmt. Aber was ich beobachte, ist, dass Menschen das wirklich wertschätzen, dass es Zuspruch und Verbindung schafft, die vermeintliche Perfektion niemals könnte.
MC: Du hast 2011 mit JACKS beauty line in Berlin gegründet — heute beschäftigst du gemeinsam mit Lisa Buchholz über 40 Menschen. Was ist die wichtigste Lektion, die dir niemand vorab beigebracht hat?
MJ: Auf meine Intuition zu hören und zu mir zu stehen. Das Ding so durchzuführen, wie ich es selbst sehe. Wenn du dich verbiegst, wird es schwer, weil du irgendwann nicht mehr weißt, wofür du eigentlich stehst.
MC: Die Beauty-Branche arbeitet oft mit unerreichbaren Idealen. Was machst du mit JACKS beauty line bewusst anders?
MJ: Wir wollen uns lösen von Beauty-Idealen. Niemand braucht Make-up, um schön zu sein. Was ich wirklich möchte, ist, dass unsere Kundinnen verstehen: weniger ist mehr, und die eigene Beauty-Routine kann zu einer Selbstliebe-Routine werden. Von innen heraus strahlen, das ist das Ziel. Wir bauen eine Community auf, in der Frauen sich gegenseitig stärken und nicht in Konkurrenz stehen. Ich löse mich von Beauty-Standard-Normen, weil ich Frauen weg vom Perfektionismus bringen möchte, hin zu dem Wert, der in ihnen steckt.
Foto: JACKS beauty line
MC: Welche Schönheits-Aussage hat dich als junges Mädchen geprägt — und welche willst du den nächsten Generationen ersparen?
MJ: „Wer schön sein will, muss leiden.“ Dieser Satz hat sich so tief eingebrannt, dass ich lange gar nicht gemerkt habe, wie sehr er mein Verhältnis zu mir selbst geprägt hat. Und dazu noch die stille Botschaft, die überall mitschwang: Du bist nur etwas wert, wenn du perfekt bist. Das sind keine harmlosen Sätze. Ich wünsche mir so sehr, dass die nächste Generation von Anfang an weiß, dass Schönheit kein Verdienst ist und kein Leiden braucht, sondern von innen kommt.
MC: Was siehst du heute im Spiegel, was deine 20-jährige Selbst nicht sehen konnte?
MJ: Meine Selbstsicherheit. Das Wissen, dass ich gut bin, so wie ich bin. Mit 20 habe ich im Spiegel die Verzweiflung gesehen, das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Ich habe mich gefragt, wann ich endlich ankomme. Heute weiß ich, dass der Weg das Ziel ist, und das ist keine Phrase mehr für mich, sondern etwas, das ich wirklich fühle. Egal, wie intensiv die Themen heute sind: I know that’s the way.
MC: JACKS beauty line steht für einen klaren Wertekompass — vegan, ethisch, eigene Mission. Welcher Beauty-Rat passt zu diesem Kompass und gilt für jede Frau?
MJ: Be your own muse.
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