Kritih K. Karanth, Rolex National Geographic Explorer of the Year: “Naturschutz braucht Zeit”

Sie kommt aus Indien und beschäftigt sich mit dem Zusammenleben von Mensch und Tier. Bildung, Anpassung und die Arbeit mit lokalen Gemeinschaften sind für diese Forscherin wichtig, um Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren neu zu denken

Krithi K. Karanth, die „Rolex National Geographic Explorer of the Year 2026“, in Karnataka, Indien. Als Tochter eines renommierten Tigerbiologen und Naturschützers wuchs Karanth mit einer großen Leidenschaft für Indiens Naturwunder auf und verbrachte den Großteil ihrer Kindheit draußen in der freien Natur. Foto: Avinash Sosale
Krithi K. Karanth, die „Rolex National Geographic Explorer of the Year 2026“, in Karnataka, Indien. Als Tochter eines renommierten Tigerbiologen und Naturschützers wuchs Karanth mit einer großen Leidenschaft für Indiens Naturwunder auf und verbrachte den Großteil ihrer Kindheit draußen in der freien Natur. Foto: Avinash Sosale

Wir treffen Krithi K. Karanth in Washington, D.C., im Hauptsitz der National Geographic Society, die gerade ein besonderes Ereignis feiert: die Eröffnung des Exploration Museum. Ein neuer Ort, der sichtbar macht, woran Explorer aus aller Welt arbeiten – durch immersive und interaktive Erlebnisse für Kinder und Erwachsene. Dieser Anlass ist zugleich der perfekte Rahmen für die Verleihung des Rolex National Geographic Explorer of the Year 2026.

Krithi K. Karanth arbeitet daran, Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren in Indien zu verringern. Mit verschiedenen Programmen unterstützt sie lokale Gemeinschaften dort, wo Tiger, Elefanten oder Leoparden direkt mit Menschen aufeinandertreffen. Ihr Ansatz verbindet Wissenschaft, Bildung und konkrete Arbeit vor Ort, um das Zusammenleben von Mensch und Natur neu zu denken.

Im Gespräch mit Marie Claire

Marie Claire: Sie arbeiten seit Jahrzehnten im Naturschutz. Gab es in Ihrer Kindheit oder Karriere einen besonderen Moment, der Ihr Engagement für den Schutz von Wildtieren und für das Thema Mensch-Wildtier-Konflikte geweckt hat?

Krithi K. Karanth: Mein Interesse an Wildtieren begann sehr früh. Im Grunde ging ich schon mit einem Jahr in den Dschungel, weil mein Vater ein bekannter Biologe und Naturschützer ist, der sich auf Tiger spezialisiert hat. Ich hatte also eine sehr ungewöhnliche, aber auch sehr schöne Kindheit. Die ersten 17 Jahre meines Lebens verbrachte ich damit, Tiere zu beobachten. Ich habe mich schon als kleines Kind in die Wildtiere und in die Natur verliebt. Aber am Anfang wollte ich das nicht unbedingt zu meinem Beruf machen. Das kam später, als ich mit 22 Jahren meinen Master an der Yale University machte. Bis dahin interessierten mich vor allem Umweltwissenschaften und Geografie im Allgemeinen. Für meine Feldarbeit musste ich dann ein Forschungsprojekt entwickeln, und am Ende entwarf ich ein Naturschutzprojekt mit Fragestellungen, die mit Indien verbunden waren. Da entschied ich, dass ich Naturschutzwissenschaftlerin werden wollte.

MC: Wie hat sich im Laufe Ihrer Karriere die Beziehung zwischen Menschen, Wildtieren und Umwelt verändert?

KK: Ich glaube, die Beziehungen zwischen Menschen und Wildtieren sind komplex und reichen von positiv über neutral bis negativ. Positiv ist es, wenn Menschen die Natur genießen: als Touristinnen und Touristen, beim Wandern, beim Beobachten von Tieren oder beim Besuch von Zoos. Neutral ist es, wenn wir mit Tieren zusammenleben — etwa mit Vögeln —, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Negativ wird es, wenn Schäden entstehen: Menschen werden verletzt oder getötet, Nutztiere gehen verloren, Ernten werden zerstört, und als Reaktion darauf töten oder verletzen Menschen Tiere. Ich glaube, die größte Veränderung besteht darin, dass heute viel zu viel Aufmerksamkeit auf das Negative gerichtet wird, fast keine auf das Neutrale und nur wenig auf das Positive. Gleichzeitig wächst die Tendenz, entweder den Tieren oder den Menschen die Schuld zu geben.

Fotos: Alisha Vasudev/National Geographic

MC: Und was würden Sie von der Beziehung zwischen Tieren und Menschen ändern?

KK: Die Leute müssen raus in die Natur. Heutzutage wachsen die meisten Kinder nicht draußen, sie haben vielleicht nie den Spaß, die frische Luft oder die lebendige Natur zu spüren. Aber trotzdem habe ich Hoffnung, weil dies das erste Mal in der Geschichte der Menschheit ist, dass junge Leute sich für die Umwelt engagieren. Und auf diese Weise werden wir zusammen eine Lösung für diese zerstörende Erde finden.

MC: Historisch gesehen lebten Menschen enger mit der Natur verbunden. Wann und warum kam es zu dieser Trennung? Und lässt sich diese Verbindung wiederherstellen?

KK: Ich glaube, die Trennung begann mit der Ausbreitung der Landwirtschaft, als Menschen sesshaft wurden und begannen, Land für sich zu beanspruchen. Dadurch wurden Lebensräume fragmentiert, und es entstand die Vorstellung, dass Ressourcen in erster Linie für den menschlichen Gebrauch bestimmt sind. Sie mit Wildtieren zu teilen, wurde zweitrangig. Heute, mit mehr als acht Milliarden Menschen und weniger Tieren, ist der Druck viel größer.

Tiger streifen durch die Ebenen eines der vielen Nationalparks Indiens. Als bevölkerungsreichstes Land der Welt sind in Indien nur fünf Prozent der Landesfläche für die Natur reserviert. Dennoch leben dort 70 Prozent der weltweiten Tigerpopulation und etwa 60 Prozent der asiatischen Elefanten. Foto: Prakash Ramakrishna

Tiger streifen durch die Ebenen eines der vielen Nationalparks Indiens. Als bevölkerungsreichstes Land der Welt sind in Indien nur fünf Prozent der Landesfläche für die Natur reserviert. Dennoch leben dort 70 Prozent der weltweiten Tigerpopulation und etwa 60 Prozent der asiatischen Elefanten. Foto: Prakash Ramakrishna

MC: Was ist Ihrer Meinung nach das größte Missverständnis, wenn wir über Mensch-Wildtier-Konflikte sprechen?

KK: Ich mag die Wörter „Gleichgewicht“ und „Koexistenz“ nicht besonders. Ich glaube, es geht vielmehr um einen ständigen Prozess gegenseitiger Anpassung. Es gibt keine einzige Lösung. Die Herausforderungen haben zugenommen, besonders in Indien, wo die Bevölkerungsdichte sehr hoch ist und Tiere sich nicht nur in Schutzgebieten aufhalten. Tiger, Elefanten und Leoparden legen große Distanzen zurück und begegnen dabei immer wieder Menschen.

MC: Ihre Naturschutzprogramme arbeiten in vielen Wildschutzgebieten und waren sehr erfolgreich. Wie können solche Initiativen, global gedacht, die Beziehung zwischen Menschen und Wildtieren schützen und langfristige Veränderungen bewirken?

KK: Ich glaube, manche Dinge gelten unabhängig davon, wo auf der Welt man sich befindet. Die Bedürfnisse eines Jaguars, eines Löwen, eines Tigers oder eines Leoparden sind aus ökologischer Sicht ziemlich ähnlich. Was wir in Indien tun, ist auf jedes Land übertragbar, in dem große Tiere neben Menschen leben. Und ich gehe davon aus, dass die Herausforderungen, mit denen wir heute in Indien konfrontiert sind, in Indonesien, Kenia und Brasilien zunehmen werden.

Ich glaube, was funktioniert, ist der Aufbau von unten. Kein Programm begann in dieser Größenordnung: Alle starteten mit einem oder zwei Parks und brauchten Jahre, um zu wachsen. Naturschutz braucht Zeit. Wenn man von unten arbeitet, Gemeinschaften aufbaut und Vertrauen mit lokalen Akteuren schafft — mit Landwirtinnen und Landwirten, Forstpersonal, Gesundheitsarbeiterinnen und -arbeitern, Tierärztinnen und Tierärzten —, kann man diese Beziehungen langfristig tragen.

Nichts geschieht von einem Tag auf den anderen: Manche Dinge brauchen Jahre, andere Jahrzehnte.

Die Rolex-Preisträgerin Krithi K. Karanth nimmt an einer Veranstaltung im Rahmen von „Wild Shaale“ teil, einem Bildungsprogramm für Kinder, die häufig mit Wildtieren in Kontakt kommen. „Mit Mut und Beharrlichkeit können wir gemeinsam eine Welt gestalten und neu denken, in der sowohl Wildtiere als auch Menschen gedeihen können“, sagt sie. Foto: Alisha Vasudev/National Geographic

Die Rolex-Preisträgerin Krithi K. Karanth nimmt an einer Veranstaltung im Rahmen von „Wild Shaale“ teil, einem Bildungsprogramm für Kinder, die häufig mit Wildtieren in Kontakt kommen. „Mit Mut und Beharrlichkeit können wir gemeinsam eine Welt gestalten und neu denken, in der sowohl Wildtiere als auch Menschen gedeihen können“, sagt sie. Foto: Alisha Vasudev/National Geographic

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