Liebe auf Distanz: Eine Paartherapeutin erklärt, worauf es bei Fernbeziehungen ankommt

Fernbeziehungen sind Beziehungen ohne physischen Alltag. Kein gemeinsames Zähneputzen am Abend, kein wortloses Nebeneinandersitzen nach einem langen, stressigen Tag und keine beiläufigen Berührungen im Vorbeigehen. Und noch immer haben Fernbeziehungen einen schlechten Ruf, ihnen wird häufig die Ernsthaftigkeit abgesprochen. Aber warum ist das so? Eine Paartherapeutin klärt die 10 wichtigsten Fragen.

Wer dauerhaft nur auf das nächste Wiedersehen wartet, verliert irgendwann den Atem und genau deshalb überleben Fernbeziehungen selten durch Romantik allein. Foto: Priscilla Du Preez/Unsplash

Zwischen Sehnsucht und Zuversicht

Der modernen Technik sei Dank sind Beziehungen auf Distanz heute trotz der Entfernung etwas persönlicher. Via FaceTime kann man sich sehen und über das Telefon die Stimme hören. Natürlich ersetzt kein noch so hochauflösendes Gespräch die Wärme einer Schulter, doch das macht es einfacher. Und vielleicht ist es auch genau diese fehlende dauerhafte Nähe, die die Intensität schärft. Wer sich nur alle zwei Wochen sieht, umarmt, liebt und lebt anders. 

Fernbeziehungen verlangen enormes Vertrauen und produzieren zugleich Unsicherheit. Sie schenken Freiheit und erzeugen Einsamkeit. Sie ermöglichen individuelle Entwicklungen und stellen die gemeinsame Zukunft infrage. Sie sind ein permanenter Balanceakt zwischen „Ich“ und „Wir“. Yvi Blum ist Paartherapeutin und beantwortet die wichtigsten Fragen rund um dieses besondere Beziehungsmodell.

Paartherapeutin Yvi Blum über Liebe und Nähe auf Distanz

Marie Claire: Warum glauben so viele, Fernbeziehungen seien „nicht echt“? Braucht Liebe zwingend eine Postleitzahl?

Der Mensch ist ein Wesen, dessen Nervensystem auch auf die körperliche Koregulation angewiesen ist. Bindungshormone wie Oxytocin werden einfach hauptsächlich durch Geruch, Berührung und Mikromimik ausgeschüttet. Da eine Fernbeziehung diese physische Resonanz nicht hat werden vor allem kognitive Brücken gebaut durch Sprache und Bilder, was energetisch nicht ganz unaufwendig ist. Man landet gerne in einer Art chronischer Sehnsucht. Deshalb werden Fernbeziehungen gerne als „defizitär“ wahrgenommen. Liebe braucht keine Postleitzahl, aber das Gehirn braucht auch physische Sicherheit, um das Bindungssystem langfristig zu beruhigen.

Marie Claire: Ist das Belächeln von Fernbeziehungen vielleicht Ausdruck einer sehr traditionellen Vorstellung?

Das Belächeln von Fernbeziehungen ist in unseren traditionellen Vorstellungen  verwurzelt, aber es würde zu kurz greifen, alle Skeptiker dieses Modells pauschal als altmodisch abzustempeln. Ja, es gibt diese ungeschriebene Norm, die besagt, dass sich eine „echte“ Beziehung linear über Etappen wie Exklusivität, Zusammenziehen und Familiengründung entwickeln muss. Wer dieses Modell verlässt, bedroht die bürgerliche Norm der Kleinfamilie. Alles was den eigenen Horizont verlässt oder anders ist, als das, was man kennt, wird (unterbewusst) abgewertet, um die eigene Norm wieder aufzuwerten. Aber es gibt auch Dinge bei einer Fernbeziehung, die nicht ohne Grund skeptisch gesehen werden. Beispielsweise ermöglichen Fernbeziehungen, dass ich nur die Schokoladenseite meines Gegenübers konsumiere. Alltag ist eine Reifeprüfung für die Liebe und dieser fehlt in einer Fernbeziehung. Man muss nicht über Haushaltsführung verhandeln oder die Unvollkommenheit des anderen erkennen und akzeptieren.

Marie Claire: Sind Fernbeziehungen wirklich fragiler oder halten sie manchmal sogar länger, weil Paare bewusster kommunizieren müssen?

Sie sind fragiler, weil der Klebstoff des gemeinsamen Alltags fehlt und die körperliche Koregulation fehlt, aber oft sind Menschen in einer Fernbeziehung kommunikativ reifer. Wenn es Missverständnisse gibt können die nicht so einfach durch eine Umarmung oder Sex überdeckt werden. Paare müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse konkret zu verhandeln. Die bewusstere Kommunikation kann für bestimmte Bindungstypen eine Falle sein. Für vermeidende Bindungstypen sind Fernbeziehungen oft ideal, weil sie die emotionale Nähe durch die räumliche Trennung regulieren können. Für sie wirkt die Beziehung stabil, weil ihre Autonomie eigentlich nie ernsthaft bedroht ist. Ängstliche Typen auf der anderen Seite nutzen die bewusste Kommunikation oft zur ständigen Rückversicherung. Hier wird die Kommunikation nicht tiefer, sondern kontrollierender. Das ist dann auf lange Sicht für das Gegenüber erschöpfend.

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Foto: Albina White/Unsplash

Die Kunst, sich trotz Entfernung nah zu sein

Marie Claire: Kann räumliche Distanz emotionale Nähe intensivieren?

Ja, weil die körperliche Ebene fehlt, haben Paare in einer Fernbeziehung hauptsächlich die Kommunikation. Fernpaare sprechen oft über tiefere Themen als Alltagspaare, das kann sich dann sehr intim anfühlen. Es kann aber auch eine Art Idealisierung entstehen. Ohne das Aushalten von Unterschieden im Alltag oder vielleicht auch mal ein Streit über herumliegende Socken bleibt der Partner ein kognitives Konstrukt, in das man richtig schön viele Sehnsüchte projizieren kann. Man bindet sich dann an ein Idealbild, nicht an die reale, Person, die eben auch Fehler und Macken hat. Die Frage  und Herausforderung ist, ob die Intimität bestehen bleibt, wenn die Projektion durch reale Präsenz dekonstruiert wird.

Marie Claire: Was unterschätzen Paare am Anfang einer Fernbeziehung am häufigsten und was überschätzen sie?

Paare unterschätzen meistens das gesamte Ausmaß der psychischen Belastung. Man lebt in einem dauerhaften Schwellenzustand. Man ist nirgendwo ganz zu Hause, immer im Koffer-Modus. Das erschöpft das Nervensystem (Mental Load der Reiseplanung). Zudem wird gerne unterschätzt, wie man sich wieder aneinander gewöhnen muss, wenn man sich wiedersieht. Paare überschätzen gerne, was Liebe alles kann. Man glaubt, die „große Liebe“ sei immun gegen die Biologie. Man überschätzt die eigene Fähigkeit, sexuelle Spannung über Monate nur digital aufrechtzuerhalten. Das Gehirn benötigt für langfristige Bindungssicherheit auch eine körperliche Rückversicherung. Vor allem sollte man früh auch über die logistischen und finanziellen Belastungen sprechen. Wer trägt welche Kosten? Wer reist öfter? Ungeklärte Machtverhältnisse bei der Zeit- und Geldressource führen schnell zu angestautem Ärger.

Marie Claire: Wie verändert sich die Streitkultur in Fernbeziehungen, wenn Versöhnungen nicht Face to Face passieren können?

Face-to-Face-Streit endet idealerweise mit einem Oxytocin-Reset also einer Umarmung oder Blickkontakt, was das Nervensystem beruhigt. Digital kann es passieren, dass man im Alarmzustand hängenbleibt. Missverständnisse entstehen beim Schreiben durch fehlende Mimik. Man liest Feindseligkeit in Texten, die gar nicht da ist. Die Distanz macht es leicht, sich durch Entzug zu entziehen. Ich würde raten, zu vereinbaren, dass bei Eskalation nicht „gegeistert“ wird, sondern dass ein klarer Punkt vereinbart wird, wann man miteinander weiterspricht.

Marie Claire: Gibt es Persönlichkeitsmerkmale oder Bindungstypen, für die Fernbeziehungen besonders gut oder eben auch besonders schlecht funktionieren?

Für Menschen die fähig zur emotionalen Permanenz sind, also die eine emotionale Verbindung auch spüren, wenn das Gegenüber nicht physisch präsent ist, ist eine Fernbeziehung gut machbar. Gerade sichere Bindungstypen haben ein stabiles inneres Arbeitsmodell von Beziehungen. Sie haben Vertrauen in die Bindung, ohne sich permanent rückversichern zu müssen. Auch Menschen die keinen großen Hang zu destruktiven Grübeleien haben kommen besser zurecht. Für ängstliche Bindungstypen bedeutet die Distanz oft, dass das Nervensystem daueraktiviert ist. Jede Verzögerung einer Antwort wird als drohender Verlust interpretiert. Vermeidende Typen funktionieren in Fernbeziehungen oft scheinbar gut, da die Distanz ihr Autonomiebedürfnis schützt, allerdings auf Kosten echter Tiefe.

Foto: Artawkrn/Unsplash

Liebe im Reifeprozess

Marie Claire: Ändert sich viel, wenn ein Paar plötzlich zusammenzieht?

Ja, es ändert sich viel. Zusammenziehen ist ein großer Beziehungsschritt, weil es aus einer Paarbeziehung eine Alltagsgemeinschaft macht. Paare testen nicht mehr nur Liebe und Chemie, sondern Organisation, Fairness, Rücksicht und Konfliktfähigkeit. Vorher entscheiden Paare, wann sie sich sehen. Danach ist Nähe der Standard. Das kann verbinden. Es kann aber auch überfordern, vor allem wenn einer viel Rückzug braucht. Das mühsam aufgebaute Idealbild kollidiert frontal mit der Realität. Gerüche, Angewohnheiten und das Fehlen von Rückzugsorten führen oft zu einer Krise. Man erkennt dann, dass man den Menschen zwar intellektuell sehr gut kennt, aber nicht alltäglich. Auch die Rollen verändern sich. In der Distanz ist man „Geliebte/r“. Im gemeinsamen Haushalt wird man zum „Mitbewohner“ und „Teamkollegen“. Die Erotik leidet oft unter der neuen Funktionalität des Alltags.

Marie Claire: Muss ein gemeinsames Zusammenleben wirklich räumlich sein oder kann das auch über Jahre auch auf Distanz funktionieren?

Gemeinsames Zusammenleben muss nicht zwingend bedeuten, dass man jeden Tag im selben Haushalt ist. Es gibt stabile Paare, die über Jahre getrennte Wohnungen haben. Langfristig kann Distanz funktionieren, wenn es klare Absprachen zu Treue, Prioritäten, Zeit und Erreichbarkeit gibt. Treffen regelmäßig und planbar sind und es vor allem gemeinsame Entscheidungen zu wichtigen Themen gibt, wie Finanzen, Familie oder die Zukunft. Ohne Verbindlichkeit wird die Beziehung in der Distanz schnell zu einer Art Parallelleben. Gemeinsames Leben heißt nicht nur zusammen schlafen. Es heißt auch Verantwortung teilen, Routinen kennen, Belastungen und Stress miteinander tragen, gemeinsame Projekte haben und nicht nur schöne Wochenenden. Wenn Distanz nur aus Dates und Sehnsucht besteht, fehlt der Alltag als Test und Kleber. Stabile Fernpaare haben fast immer eine geteilte Antwort auf Fragen wie: Warum leben wir getrennt? Wie lange soll das so sein? Was wäre der nächste Schritt, wenn sich Rahmenbedingungen ändern? Wenn es keine gemeinsame Perspektive gibt, entsteht gerne schleichend aber zunehmend Unsicherheit.

Marie Claire: Kann eine Fernbeziehung langfristig sogar stabiler sein, weil beide Partner ihre Eigenständigkeit bewahren?

Eine Fernbeziehung erzwingt ja Autonomie. Partner bleiben Individuen mit eigenen sozialen Netzen, mit einem eigenen Leben. Das verhindert natürlich diese symbiotische Verschmelzung, die oft zum Libidoverlust führt. Es besteht allerdings die Gefahr, dass man sich fremd wird. Man entwickelt sich in unterschiedliche Richtungen, ohne dass der Partner die kleinen täglichen Veränderungen mitbekommt. Viele Studien finden nicht automatisch schlechtere Qualität in Fernbeziehungen. Entscheidend sind das Commitment auf beiden Seiten, die Kommunikationsqualität und klare Erwartungen. Distanz ist kein Schutzfaktor an sich. Sie ist ein Kontext, der gute Muster verstärken kann. Wenn Autonomie nur bedeutet „keiner nervt mich im Alltag“, ist das keine Stabilität. Dann ist es Distanz als Vermeidung. Stabilität durch Distanz ist oft erkauft dadurch, dass man eben die Schattenseiten ausklammert. Wahre Stabilität beweist sich, wenn man lernt, die Andersartigkeit des anderen im selben Raum auszuhalten. Eine Fernbeziehung wird stabil, wenn sie zwei Dinge gleichzeitig schafft: Autonomie bleibt intakt und die Bindung wird aktiv hergestellt und nicht dem Zufall überlassen.

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