Das siebte Jahr in Beziehung ist anders – nicht bei allen, aber bei vielen. Plötzliche Gereiztheit über Kleinigkeiten, vermehrtes Schweigen beim Abendessen und das Gefühl, nebeneinander statt miteinander zu leben. Man würde es nicht direkt Krise nennen, aber irgendwie ist der Wurm drin. Was ist das für ein Moment, in dem aus Vertrautheit Reibung wird? Und existiert das verflixte siebte Jahr wirklich?
Populär wurde der Mythos im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt durch das Broadway-Stück „The Seven Year Itch“ von George Axelrod aus dem Jahr 1952 und dessen gleichnamige Verfilmung mit Ikone Marilyn Monroe im Jahr 1955. Hier wurde aus einer diffusen Vorstellung eine schillernde Erzählung: Der Mann im Film ist nach sieben Jahren Ehe reif für eine neue Fantasie. Das Begehren kehrt zurück, aber es richtet sich nicht mehr auf die vertraute Partnerin, sondern auf eine neue Frau. Hollywood machte aus einem vermeintlichen Beziehungstief und dem anschließenden Betrug eine Normalität. Aus heutiger Sicht natürlich höchst problematisch. Dieser Film ist übrigens die Geburtsstätte der legendären Szene mit Marilyn Monroe über dem U-Bahn-Schacht: Das Kleid weht und der Blick ist verheißungsvoll.
Mythen erfüllen eine Funktion. Sie vereinfachen komplexe und eigentlich ganz normale Prozesse. Statt zu sagen, Beziehungen sind dynamische und individuelle Reifeprozesse, sagt man: „Achtung, das böse siebte Jahr!“ Das ist auf den ersten Blick schlüssig und entlastet. Wenn es „verflixt“ ist, dann liegt das Problem nicht bei uns, sondern im Kalender – das Datum wird zum offiziellen Sündenbock erklärt. Zugleich steckt darin auch eine seltsame Romantik: Die Idee, dass Liebe in Phasen verläuft und dass sie Krisen überstehen muss, um zu reifen. Wer es überlebt, so die implizite Hoffnung, ist aus dem Gröbsten heraus und es geht bergauf. Wobei die Sieben keineswegs allein als verflixte Zahl dasteht, auch dem dritten und dem zehnten Jahr wird nachgesagt, sie hätten ihre ganz eigenen Sollbruchstellen in Beziehungen.
Foto: Priscilla Du Preez/Unsplash
Würde man bei der Zahl Sieben noch weiter ausholen, kann man ihren schlechten Ruf sogar biblisch begründen: sieben Plagen, sieben Todsünden und sieben Tugenden. Aber sind wir mal ehrlich: Wer Paare beobachtet, die Jahrzehnte zusammen bleiben, hört selten von einem magischen Bruch im siebten Jahr. Man hört von mehr oder weniger schweren Krisen, ja, aber auch von Humor und wahren Gefühlen. Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht das siebte Jahr, sondern die Vorstellung, Liebe müsse sich immer anfühlen wie das erste Date. Das verflixte siebte Jahr ist kein Fluch, es markiert den Moment, in dem die Liebe ihre Illusionen ablegt und prüft, ob Substanz darunter liegt. Nicht die Sieben ist entscheidend, sondern die Frage: Sind wir bereit, vom Liebesrausch zur Verantwortung zu wechseln? So oder so, der Mythos wird bleiben. Er ist zu eingängig und zu dramatisch. Aber vielleicht sollten wir anfangen, ihn umzudeuten: Nicht als Vorhersage des Scheiterns, sondern als Erinnerung daran, dass jede Beziehung irgendwann in die Realität übergeht.
Anouk Algermissen, Paartherapeutin und Autorin, kennt die Erzählungen rund um das verflixte siebte Jahr nur zu gut. Sie hat die spannendsten Antworten auf Fragen parat, die wir uns selbst nur schwer beantworten können und kann die ein oder andere Aussage gekonnt relativieren.
Die Idee hat kulturelle Wurzeln und wurde durch Filme und Erzählungen verstärkt, doch wissenschaftlich ist sie nicht eindeutig belegt. Trennungen treten insgesamt häufiger in den ersten Jahren einer Partnerschaft auf und nehmen danach eher ab. Ein bestimmtes „Krisenjahr“ lässt sich in den Daten nicht eindeutig festmachen. Beziehungen scheitern weniger an Jahreszahlen als an ungelösten Spannungen, die sich über Zeiträume hinweg verdichten.
Die Zahl sieben ist kulturell stark aufgeladen und leicht zu merken. Deshalb erzählen wir Geschichten über dieses Jahr, auch wenn das Dritte oder Zehnte genauso passend wären. Sie tragen nur nicht dieselbe Symbolik.
Erwartungen können unsere Wahrnehmung lenken. Wenn Paare fest damit rechnen, dass das siebte Jahr schwierig wird, erleben sie Irritationen vielleicht schneller als Bedrohung.
Mit mehr Ehrlichkeit wären viele Paare vermutlich weniger unglücklich, weil genau diese Offenheit die Gespräche ermöglicht, die man braucht, um Probleme zu lösen. Bleiben diese Gespräche aus, wächst die Distanz in der Beziehung.
Die anfängliche Verliebtheit verliert ihren Rausch und gewinnt hoffentlich an Tiefe. Sie verwandelt sich, wenn Vertrauen, Respekt und gegenseitige Wertschätzung wachsen. Ohne diese Elemente bleibt nach der ersten Euphorie wenig übrig. Gewohnheit ist nicht der Feind der Liebe, sondern der Moment, in dem sich zeigt, was man aufgebaut hat oder woran man arbeiten möchte.
Weil wir im Alltag mehr Zeit miteinander verbringen als beim Dating und der anfängliche Hormoncocktail nachlässt. Dann sehen wir den anderen klarer und ohne die frühe Idealisierung. Das ist eine völlig normale und sogar wichtige Phase, denn oft zeigen wir erst hier, wie wir wirklich sind. Im besten Fall entsteht genau in diesem Moment eine gesunde Konfliktkultur, die uns weiterhilft.
Wir romantisieren den Anfang, weil das Gehirn Unbekanntes mit Hoffnung füllt. Später entstehen „Dramen“ aus all den kleinen Problemen, die sich über die Zeit angesammelt haben. Wenn diese Themen nicht besprochen werden, haben negative Annahmen Raum zu wachsen und die Möglichkeit, so zu Konflikten zu führen.
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