Nadia Tereszkiewicz im Marie Claire-Interview

Kein Nepo-Baby, kein Kinderstar, trotzdem wurde ihr die Filmkarriere quasi in die Wiege gelegt: In Frankreich ist Nadia Tereszkiewicz längst ein Star. Obwohl – oder gerade weil – sie auf Rollen setzt, die sie nicht als klassische „Belle de Jour“ zeigen

Vor der Kamera sehr wandelbar, trotzdem immer unverkennbar: unser Covergesicht der Ausgabe 03/25 Nadia Tereszkiewicz. Foto: Driu & Tiago
Vor der Kamera sehr wandelbar, trotzdem immer unverkennbar: unser Covergesicht der Ausgabe 03/25 Nadia Tereszkiewicz. Foto: Driu & Tiago

Diesen Namen sollte man sich merken“, heißt es bei neuen, vielversprechenden Talenten immer. Wenn das hier mal so einfach wäre: Nicht einmal als Nadia Tereszkiewicz vor zwei Jahren den César als beste Nachwuchsschauspielerin gewann, konnte der Moderator ihren Nachnamen fehlerfrei aussprechen. Geboren wurde die 29-Jährige in der Nähe von Versailles, ihr Vater hat polnische Wurzeln, ihre Mutter kommt aus Finnland. Teresz­kie­wicz nimmt es mit Humor, dass sie bei vielen nur unter „Nadia T“ oder „La Nadia“ firmiert. Denn zumindest ihr Gesicht vergisst so schnell keiner wieder. Besonders im Film „Forever Young“ von Valeria Bruni Tedeschi machte sie auf sich aufmerksam. Danach spielte sie an der Seite von Isa­belle Huppert unter der Regie von François Ozon. Seit dem in Cannes hochgelobten Italowestern „Heads or Tails?“ ist sie auch international gefragt. Als wir Tereszkiewicz zum Interview in Paris treffen, war sie gerade in England, um einen bekannten Castingagenten zu treffen. In ihrer Handtasche steckt ein dickes Drehbuch, das sie noch in der Nacht gelesen hat, weil im Anschluss ein Gespräch mit dem Regisseur wartet. Tereszkiewicz trägt einen schlichten schwarzen Pullover, kein Make-up, die hellblonden Haare sind mit einem Scrunchie locker nach oben gebunden. 

Marie Claire: Stimmt es, dass Ihre Eltern Sie nach einer Filmfigur benannt haben? 

Nadia Tereszkiewicz: Ja, eigentlich hatten sie schon einen anderen Namen für mich im Kopf, aber als meine Mutter schwanger war, sahen sie „Burnt by the Sun“ im Kino und mochten den Film so sehr, dass sie mich Nadia wie die Tochter darin nannten. 

MC: Der russische Regisseur Nikita Michalkow gewann dafür 1994 den Großen Preis der Jury in Cannes – dem Festival, wo Sie als Schauspielerin mittlerweile schon fast Stammgast sind. Klingt nach Schicksal. 

NT: Dabei habe ich eigentlich nie daran gedacht, Schauspielerin zu werden, sondern wollte immer nur Tänzerin werden. Ich habe 15 Jahre lang acht Stunden am Tag trainiert, sämtliche Ferienkurse belegt, die man irgendwo auf der Welt machen konnte. Mit 18 wurde ich auf der Akademie des kanadischen Staatsballetts angenommen, aber dann bekam ich Knieprobleme und merkte, ich würde nie eine der Besten sein. Also kehrte ich nach Paris zurück und fing stattdessen an, Literatur zu studieren. Damals dachte ich: Das war’s, dein Leben ist zu Ende, du hast komplett versagt. Ballett war alles, was mich bis dahin definierte. 

Nadia Tereszkiewicz im Mode-Shoot in der Print-Ausgabe Marie Claire 03/25. Fotos: Driu & Tiago

MC: Wie sind Sie zum Film gekommen?

NT: Ich musste während des Studiums irgendwie Geld verdienen, also tanzte ich als Statist oder „Extra“ in Werbespots, in Serien, in Filmen. Ich habe alles gemacht, obwohl da wirklich schlimmes Zeug dabei war, damals wurde ein Tanzfilm nach dem anderen gedreht. 

MC: Und dabei wurden Sie dann entdeckt.

NT: Überhaupt nicht, ich wollte auch gar nicht schauspielern. Meine Priorität war damals, mich auf meine Prüfungen zu konzentrieren und Lehrerin zu werden. Ich habe mir das Geschehen am Set eher interessiert angeschaut und alles beobachtet. Zufällig lernte ich dabei einen Agenten kennen, der mir riet, mich doch auf jeden Fall mal für dieses kostenlose Theaterdiplom zu bewerben. Die „Classe Libre“, in Frankreich ist das sehr bekannt. Von über 3.000 Anwärtern werden nur 18 genommen. Damals waren es acht Frauen, und ich war eine davon. Also dachte ich: Okay, dann probiere ich das mal ein halbes Jahr aus.

MC: In den letzten Jahren haben Sie mit Regisseuren wie Valeria Bruni Tedeschi und François Ozon gearbeitet, mehrere Preise gewonnen, jetzt kommen die internationalen Angebote. Lief das alles so glatt, wie es von außen aussieht? 

NT: Natürlich gibt es auch Druck, aber tatsächlich fühlt es sich im Vergleich zu dem, was ich im Ballett erlebt habe, geradezu „easy“ an. Da bin ich zu keine Ahnung wie vielen Auswahlverfahren gegangen, kam immer in die Endrunde, wurde aber nie genommen. Du musstest perfekt sein, total kontrolliert, bloß keine Eigenheiten zeigen. Ich habe immer nur meine Fehler gesehen und andere Mädchen bemitleidet, wenn zum Beispiel ihre Brüste größer wurden. So krass denkt man da! Bis in meine Zwanziger habe ich nur gearbeitet oder gelernt und überhaupt nicht richtig gelebt. Jetzt kann ich plötzlich alle meine Facetten zeigen und werde dafür sogar noch geschätzt. 

MC: Nämlich?

NT: Zum Beispiel bin ich eher ein Tollpatsch, meine Freunde nennen mich „Pierre Richard“, weil mir ständig Sachen hinfallen. Ich lache oft zu laut. Valeria sagte am Set von „Forever Young“ zu mir: „Nicht so perfekt, du darfst ruhig lächerlich sein, sei echt!“ Am Set erlebe ich eine Freiheit, die ich nie kannte.

MC: Sie hatten eine kleine Rolle im französischen Original von „Call My Agent“, dessen Remake vor ein paar Monaten erfolgreich in Deutschland lief. Ist die Filmwelt so, wie sie dort dargestellt wird? 

NT: Lustigerweise spielte ich da eine junge Schauspielerin, die einen César gewinnt – zwei Jahre bevor ich dann wirklich einen bekommen habe. Aber sie ist total abgehoben, wirklich unausstehlich, und ich dachte die ganze Zeit: Oh Gott, hoffentlich denken die Leute nicht, dass ich wirklich so bin! Weil die Serie zwar Fiktion ist, aber mit „echt“ berühmten Schauspielern. Was auf jeden Fall der Realität entspricht, sind die engen Beziehungen mit den Agenten. Meine Agentin kenne ich seit neun Jahren, wir telefonieren oft, sie weiß fast alles über mich. 

MC: Wie war das bei Ihrem letzten Film, „Heads or Tails?“, einem eher experimentellen, teilweise surrealen Western von ­Alessio Rigo de Righi? Wollten Sie oder Ihre Agentin, dass Sie da ­mitspielen?

NT: Wir beraten uns immer, ob die Rolle einem Frauenbild entspricht, das ich zeigen möchte. Die typische Blonde, die zu Hause auf ihren Mann wartet oder sonst nicht viel mehr als ein Klischee abgibt, da sage ich Nein. Gerade am Anfang hätte ich deutlich mehr drehen können. Aber glücklicherweise wurden mir immer auch interessante Charaktere angeboten. „Heads or Tails?“ ist eine Hommage an den Western, aber auch eine Metapher für das Ausbrechen aus Konventionen. Die Frau existiert erst nur über Männer – ihren Mann, ihren Schwiegervater, ihren Liebhaber – und wird dann zur Heldin ihrer eigenen Geschichte. Abgesehen davon war „The Tale of King Crab“ von Alessio ein absolutes Meisterwerk, ich wollte unbedingt mit ihm drehen. 

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Foto: Driu & Tiago

MC: Francis Ford Coppola lobte das „herausragende Casting“. Schon Lust auf Hollywood? 

NT: Weniger als eine große Rolle interessiert mich vor allem, Teil der ganzen „Mise en Scène“ zu sein. Für mich ist die Gesamt­inszenierung entscheidend. 

MC: Auf dem roten Teppich werden Sie mittlerweile von Dior ausgestattet. Hat man da eigentlich Mitspracherecht, welche Kleider man anzieht? 

NT: Es gibt eine Stylistin bei Dior, mit der ich arbeite, und bislang bekam ich immer ein paar Looks, die wir dann gemeinsam ausprobierten. Seitdem verstehe ich übrigens viel mehr, was alles dahintersteht, die Inspiration, die Referenzen, die Musik, die Bilder – auch hier geht es um eine komplette Inszenierung, nicht nur um irgendein Kleid. 

Cover-Shoot der Print-Ausgabe Marie Claire 03/25. Fotos: Driu & Tiago

MC: In „Rosalie“ spielten Sie eine Frau mit einer Hormonkrankheit, ihr wachsen überall Haare, teilweise sind Sie mit Bart zu sehen. Andere Schauspielerinnen hätten sofort abgewinkt. 

NT: Aber ihr Schicksal ist so bewegend! Wer bestimmt, was schön ist? Wer sagt, dass Rosalie nicht begehrenswert sein kann? Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte. Bis heute bekomme ich vier bis fünf Briefe pro Woche von Frauen, die sich für diesen Film bedanken, weil sie ein ähnliches Schicksal teilen oder einfach akzeptiert werden wollen, wie sie sind. Das ist immer noch die besondere Macht des Kinos. Wenn man nur die Haltung eines einzigen Menschen ändern kann, ist das schon ein Erfolg.

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Foto: Shellac Films

Frankreichs Liebling

Die Rolle der Rosa im Film „Heads or Tails?“ war ursprünglich für eine Italienerin vorgesehen. Castingagent und Regisseure entschieden sich aber letztlich für Tereszkiewicz. Also wurde das Drehbuch kurzerhand umgeschrieben, Rosa zur Französin, und die 1996 geborene Schauspielerin perfektionierte innerhalb von sechs Monaten ihr Italienisch. Im Film ist sie die junge Frau eines Gutsbesitzers, die sich in den Cowboy Santino (Alessandro Borghi) verliebt. Nach dem Mord an ihrem Ehemann flieht das Paar, auf Santinos Kopf wird derweil eine Belohnung ausgesetzt. Was wie ein (fast) klassischer Western anfängt, wird zum feministischen Abenteuer mit surrealen Elementen

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