Was die Working Moms verbindet, ist kein bestimmter Karriereweg oder ein gemeinsames Lebensmodell. Es ist die Überzeugung, dass Sichtbarkeit Veränderung schafft. Sie kennen die kleinen und großen Herausforderungen eines Alltags, in dem Familie, Beruf und persönliche Ziele ihren Platz finden müssen. Als Netzwerk schaffen sie gemeinsam einen Ort, an dem Erfolge gefeiert, Zweifel geteilt und neue Wege sichtbar werden. Heute erzählt Franziska von Becker ihre ganz persönliche Geschichte.
Zwischen dem ersten Kaffee am Morgen und dem Licht, das abends im Kinderzimmer ausgeht, liegen unzählige Entscheidungen. Große und kleine, berufliche und private, geplante und spontane. Viele Mütter bewegen sich täglich selbstverständlich und routiniert durch diese Alltagssituationen. Hinter dem Netzwerk „Working Moms“ stehen Frauen mit Haltung, Ideen und Visionen. Frauen, die führen, begleiten, erfinden, verändern und immer wieder neue Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden. Jedes einzelne Leben erzählt von Erfolgen und Umwegen, von Herausforderungen und Chancen, von dem, was antreibt und dem, was trägt. Vor allem aber zeigen sie die Menschen hinter den Rollen, denn keine Geschichte gleicht der anderen. Und doch verbindet alle Frauen der Wunsch, Familie und Beruf nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides als Teil ihres individuellen Lebenswegs zu gestalten.
Als die Working Moms im Frühjahr 2007 gegründet wurden, fehlten vielerorts sichtbare Vorbilder für Frauen, die Familie und ambitionierte Karriere miteinander verbinden wollten. Aus dieser Lücke entstand ein Verein, der bis heute wächst. Was mit wenigen Frauen in Frankfurt begann, ist mittlerweile ein Netzwerk von mehr als 1.000 engagiert berufstätigen Müttern in Deutschland und der Schweiz geworden, die beruflich wie privat Führungsverantwortung übernehmen – vereint durch den Wunsch, sich gegenseitig zu stärken und Sichtbarkeit zu schaffen.
Foto: hachmeister+partner
Franziska von Becker ist Mutter von zwei Söhnen und arbeitet als Unternehmensberaterin in München. Als sie vor vielen Jahren zum ersten Mal von den Working Moms las, fühlte sie sich sofort angesprochen. Nicht, weil sie nach Karrieretipps oder dem perfekten Vereinbarkeitsmodell suchte, sondern weil sie sich in den beschriebenen Erfahrungen wiedererkannte. Berufstätige Mutter zu sein, fühlte sich damals oft an, als würde sie zwischen allen Welten stehen: Im Job war sie diejenige, die stets präsent war und im privaten Umfeld traf sie selten auf Frauen, deren Alltag ihrem ähnelte. Franziska suchte keine Perfektion, sie suchte Menschen, die verstanden, wie sich ihr Alltag wirklich anfühlt. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, gehört sie zu den erfahrensten Mitgliedern der Working Moms im Münchener Verein. Sie hat berufliche Veränderungen erlebt, aber auch gesundheitlichen einen schweren Rückschlag erlitten.
Marie Claire: Woher nimmst du die Energie und Inspiration für deinen Job?
Ich habe heute eine ganz gute Balance gefunden und weiß mittlerweile besser, was mir Energie gibt und mich inspiriert. Das war nicht immer so. Mit 33 habe ich mein erstes Kind bekommen und wie viele Frauen befand ich mich danach lange in der „Rushhour des Lebens“: Familie, Beruf und viele weitere Verpflichtungen liefen gleichzeitig auf Hochtouren. In dieser Zeit habe ich oft zu viel gemacht und fühlte mich sehr gehetzt und fremdbestimmt. Heute, mit 56, gehe ich deutlich bewusster mit meiner Zeit um. Ich nehme mir mehr Freiräume, um innezuhalten und mich zu fragen: Was brauche ich gerade – mehr Ruhe, neue Impulse oder einfach Zeit für mich? Diese Gelassenheit tut nicht nur mir gut, sondern auch meiner Familie. Energie schöpfe ich vor allem aus einem guten Gleichgewicht zwischen Beruf, Familie, Freundschaften und persönlichen Interessen. Wenn diese Bereiche im Einklang sind, macht mir meine Arbeit Freude, ich bleibe neugierig und offen für neue Ideen. Inspiration entsteht für mich nicht aus noch mehr Aktivität, sondern aus der Balance zwischen Engagement und bewusstem Freiraum.
Marie Claire: Welche Eigenschaften deiner Kinder bewunderst du besonders?
Das ist tatsächlich spannend, weil meine beiden Söhne sehr unterschiedlich sind. In beiden erkenne ich Eigenschaften aus unseren Familien, von meinem Mann und natürlich auch von mir wieder. Was ich an beiden besonders bewundere, ist ihre große Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich mich als berufstätige Mutter nie um jedes Detail kümmern konnte. Dadurch haben sie früh gelernt, viele Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Mein großer Sohn ist extrem kommunikativ. Er betritt einen Raum und schafft es sofort, Menschen für sich einzunehmen. Das hatte er schon als kleines Kind. Er hat eine besondere Gabe, auf andere zuzugehen und Verbindungen herzustellen. Mein jüngerer Sohn beeindruckt mich vor allem durch seinen Mut. Schon als Kind hatte er vor kaum etwas Angst, und das hat sich bis heute nicht geändert. Gleichzeitig ist er ein echter Deep Diver: Wenn ihn ein Thema interessiert, arbeitet er sich mit unglaublicher Intensität ein und weiß am Ende alles darüber. Diese Kombination aus Mut, Neugier und Beharrlichkeit bewundere ich sehr.
Marie Claire: Wolltest du schon immer Unternehmensberaterin werden?
Ich bin Unternehmensberaterin in der Modebranche, aber mein Weg dorthin war nicht von Anfang an so geplant. Mode war für mich immer der rote Faden. Ich habe früher eine Schneiderlehre gemacht und schon damals diese große Liebe zu Materialien, Handwerk und Produkt entwickelt. Das ist bis heute geblieben – da bin ich immer noch sehr nerdig. Eigentlich wollte ich Kostümbildnerin werden. Unternehmensberaterin zu werden, war also nicht mein ursprünglicher Plan. Es hat sich eher über die Jahre ergeben: Ich habe zunächst stark im Product-Bereich gearbeitet und bin dann irgendwann in der Unternehmensführung gelandet. Genau diese Verbindung mag ich heute an meinem Beruf: Ich arbeite in einer Branche, in der Kultur, Kreativität, Handwerk und wirtschaftliche Themen eng miteinander verbunden sind.
Marie Claire: Du hattest 2020 Krebs. Wie hat die Diagnose deinen Blick auf das Leben generell verändert?
Sehr. Die Diagnose war ein tiefer Einschnitt in mein Leben – fast vergleichbar mit der Erfahrung, Mutter zu werden. Danach habe ich mein Arbeitspensum bewusst reduziert und vieles neu bewertet. Heute bin ich wahrscheinlich glücklicher als vor der Erkrankung. Ich habe gelernt, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist und dass sich das Leben jederzeit verändern kann. Diese Erfahrung hat mich auch ein Stück weit angstfreier gemacht. Ich hatte eine intensive Therapie und erinnere mich noch gut daran, wie behutsam Ärzte und Menschen plötzlich mit einem umgehen. Das fühlt sich zunächst ungewohnt an und macht einem die eigene Verletzlichkeit sehr bewusst. Umso dankbarer bin ich heute dafür, gesund zu sein und ganz selbstverständlich am Leben teilnehmen zu können. Viele Dinge, die mir früher wichtig erschienen, haben an Bedeutung verloren. Die Krankheit hat meinen Blick auf das Wesentliche geschärft: Gesundheit, Familie, Freundschaften und die Zeit, die wir haben. Auch mein Verhältnis zum Tod hat sich verändert. Die Angst ist nicht verschwunden, aber sie bestimmt mein Leben nicht mehr.
Marie Claire: Gibt es heute Dinge, die du bewusster genießt als früher?
Ja, eigentlich alles. Die Krankheit war nicht nur für mich, sondern auch für meinen Mann und meine ganze Familie eine extreme Erfahrung. In dieser Zeit habe ich noch einmal ganz neu verstanden, wie wichtig verlässliche Beziehungen sind. Ich weiß heute, dass ich mich auf meinen Mann zu 150 Prozent verlassen kann. Er hat mich durch diese Phase getragen, und dafür bin ich unendlich dankbar. Gleichzeitig genieße ich viele Dinge bewusster als früher. Essen zum Beispiel. Während der Therapie konnte ich zeitweise kaum etwas zu mir nehmen und habe mich irgendwann sogar darauf gefreut, einfach wieder einen Kaffee trinken zu können. Solche vermeintlichen Kleinigkeiten haben für mich heute einen ganz anderen Wert. Ich habe mir damals auch vorgenommen, weniger streng mit mir selbst zu sein. Nach so einer Erfahrung erscheint es absurd, sich ständig über ein paar Kilo mehr oder einen nicht perfekten Bauch Gedanken zu machen. Das gelingt nicht immer, aber mein Blick darauf hat sich verändert. Mein Mann und ich haben nach der Erkrankung außerdem eine sehr emotionale Entscheidung getroffen und ein Haus in Italien gekauft. Früher hätte ich so etwas wahrscheinlich als unvernünftigen Luxus betrachtet. Heute sehen wir es als ein zweites Zuhause und als einen Ort, an dem wir sehr zu uns kommen und uns fokussieren. Ich habe zu Beginn meiner Karriere in Italien gearbeitet, so schließt sich für mich ein Kreis.
Marie Claire: Was motiviert dich an stressigen und chaotischen Tagen?
Mich motiviert vor allem die Erfahrung, dass auch stressige Phasen wieder vorbeigehen. Früher haben mich solche Tage deutlich mehr belastet, heute sehe ich sie als Teil des Lebens und gehe gelassener damit um. Ich habe gelernt, zwischendurch bewusst kleine Pausen einzubauen – einfach mal mit einer Tasse Kaffee in der Sonne sitzen und kurz durchatmen. Das hilft mir, wieder Energie zu tanken und den Fokus zurückzugewinnen. Außerdem hat sich mein Anspruch an Perfektion verändert. Heute denke ich mir: Es muss nicht immer alles zu 100 Prozent fertig sein. Oft reichen auch 80 Prozent. Dieses Mindset hat mir viel Druck genommen. Interessanterweise arbeite ich heute deutlich weniger als früher und bin gleichzeitig erfolgreicher. Das hat mir gezeigt, dass weniger oft tatsächlich mehr ist.
Marie Claire: Was bedeutet Glück heute für dich ganz persönlich?
Für mich ist Glück heute eine Ansammlung vieler kleiner Momente. Ich glaube nicht an das eine große, dauerhafte Glück, sondern daran, die schönen Augenblicke im Alltag bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Deshalb führe ich ein kleines Tagebuch, in dem ich notiere, was mir an einem Tag besonders gefallen hat. Das hilft mir, den Blick auf das Gute zu richten und mir bewusst zu machen, wie viele schöne Momente es eigentlich gibt. Gerade in einer Zeit, in der die Weltlage oft beunruhigend ist und viele Nachrichten Angst machen können, ist das für mich besonders wichtig. Ich versuche, bei mir zu bleiben, wohlwollend auf mich selbst und andere zu schauen und den Fokus auf das zu richten, was ich beeinflussen kann. Manchmal muss man sich ganz bewusst ein Stück vom Weltschmerz distanzieren. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern um die eigene Zuversicht und Lebensfreude zu bewahren
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