Mit der Teensoap „Gossip Girl“ wurde Taylor Momsen weltweit berühmt. Dann hängte sie die Schauspielerei aus Liebe zur Musik an den Nagel. Auf ihrem neuen Album Dear God gibt die mittlerweile 32-jährige Frontfrau der Rockband The Pretty Reckless einen schonungslos ehrlichen Einblick in ihre dunkelsten Gedanken und Gefühle und verrät, warum sie heute ganz anders auf ihre Karriere zurückblickt.
Die 32-Jährige macht gerade einen Zwischenstopp im Hotel Bayrischer Hof in München; in ein paar Tagen werden sie und ihre Band The Pretty Reckless beim Festival Rock im Park in Nürnberg vor Zehntausenden Fans auftreten. Sie ist von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet – oversized Kapuzenjacke, geripptes Tanktop, dazu Bermudashorts, Netzstrümpfe und Combatboots – und wirkt mit ihren platinblonden Haaren, dem zierlichen Gesicht und den Kreuzketten um ihren Hals ein bisschen wie ein düsterer Engel.
Religiöse Motive spielen auf ihrem neuen Album eine große Rolle. Und das obwohl die katholisch erzogene Amerikanerin nach eigener Aussage schon seit vielen Jahren nicht mehr gläubig ist. Dear God nutzt die Metapher des Gebets und der Beichte jedoch, um einen ungeschönten Blick zurück auf Momsens Leben zu werfen – und scheint der Musikerin tatsächlich geholfen haben, sich mit sich selbst zu versöhnen.
Marie Claire: Dear God ist Ihr erstes Album seit fünf Jahren. Warum hat das so lange gedauert?
Taylor Momsen: Die Wahrheit ist, dass wir einfach Zeit brauchen, um ein Album zu schreiben, weil es im Grunde nur unser Gitarrist Ben und ich sind – es gibt keine externen Songwriter, keinen Einfluss von außen. Ich muss zwischen den Alben erst einmal leben, damit ich überhaupt etwas habe, worüber ich schreiben kann. Natürlich kenne ich mich mit Songwriting gut genug aus, um mich hinzusetzen und zu sagen: „Nenn mir ein Thema, nenn mir ein Genre – hier ist ein Song.“ Aber das ist nicht die Art von Musik, die ich jemals machen möchte. Sie muss aus echter Inspiration entstehen. Und das dauert eben so lange, wie es dauert.
Außerdem waren Sie viel auf Tour.
Ja, die Logistik hat auch eine große Rolle gespielt. Eigentlich hatten wir Dear God schon vor ein paar Jahren fertig geschrieben und wollten es früher veröffentlichen. Aber dann ist etwas Verrücktes passiert: Nachdem wir die Tour zu Death by Rock and Roll beendet hatten, rief ich meinen Agenten an und sagte: „Buche keine weiteren Shows. Ich gehe zurück ins Studio, wir nehmen auf.“ Er fragte: „Auch nicht, wenn es etwas wirklich Großes ist?“ Und ich antwortete: „Ist mir egal, was es ist. Ruf mich nicht an. Außer –“ und das sagte ich am Ende des Gesprächs als Scherz – „außer die Rolling Stones oder AC/DC melden sich.“
Also gingen wir ins Studio und begannen mit den Aufnahmen. Wir waren vielleicht ein paar Wochen dort, und alles lief fantastisch. Es war die beste Aufnahmesession unserer Karriere. Alles fügte sich wie von selbst zusammen, als stünde das Universum auf unserer Seite. Und dann klingelte mein Telefon. Mein Agent war dran und sagte: „Du wirst es nicht glauben, aber Angus Young hat angerufen. AC/DC gehen auf Tour und wollen euch dabeihaben.“ Ich dachte, er macht Witze. Tat er aber nicht. Also haben wir sofort unterbrochen, woran wir gerade arbeiteten – und das war ehrlich gesagt beängstigend. Wenn man versucht, die Magie eines Songs auf Band festzuhalten, muss man diesem Momentum folgen. Die erste Regel im Studio lautet: Wenn etwas funktioniert, unterbrich den Flow nicht. Nicht einmal, um zu essen.
Es war also keineswegs sicher, dass wir von der Tour zurückkommen würden und die Songs sich noch genauso frisch und relevant anfühlen würden oder dass wir noch dieselbe Gier darauf hätten wie vorher. Aber zum Glück ist der Funke nie erloschen. Es war ein mühsamer Prozess, in den wir unser ganzes Herz und unsere ganze Seele gesteckt haben. Ich bin unglaublich stolz darauf und freue mich sehr, dass das Album nun endlich erscheint.
Dear God von The Pretty Reckless erscheint am 26. Juni.
Das Album erinnert an eine Rockoper, die einen auf eine emotionale Reise mitnimmt.
Im Grunde ist das gesamte Album ein einziges großes Geständnis. Ich erzähle darin mein Leben in Form eines Briefes an Gott. Deshalb hängen die Songs alle miteinander zusammen und ergeben gemeinsam Sinn.
Außerdem sind sie so schonungslos offen, dass die Texte beinahe direkt aus meinem Tagebuch stammen. An diese Art von brutaler Ehrlichkeit habe ich mich auf früheren Alben zwar schon herangetastet, aber nie in diesem Ausmaß.
Es gibt also definitiv einen klaren erzählerischen und emotionalen roten Faden. Nehmen Sie zum Beispiel „Life Evermore“. Das ist ein unglaublich interessantes kleines Musikstück. Ursprünglich wurde es als ein einziges Gedicht geschrieben, aber wir haben es in drei Teile aufgespalten und bewusst außerhalb der chronologischen Reihenfolge angeordnet, sodass sie als Intros für die nachfolgenden Songs dienen. Es ist wie ein kleines Rätsel innerhalb des Albums.
„Devil In Disguise“ ist ein bemerkenswert trauriger Song.
Ich würde ihn als verletzlich und aggressiv zugleich beschreiben. Er war einer der letzten Songs, die für das Album entstanden sind, und wurde sehr schnell geschrieben, nachdem meine Freundin Michelle gestorben war. Ich erhielt die Nachricht, schrieb den Song und wir nahmen ihn noch in derselben Nacht auf. Ich habe einfach alles, was ich in diesem Moment fühlte, in diesen Song gegossen.
Auf dem Album gibt es viele Verweise auf Gott und den Teufel. Wie gut sind Sie darin, die „Götter“ und „Teufel“ in Ihrem Leben zu erkennen – und wie entscheiden Sie, wem davon Sie folgen wollen?
Die Sache mit dem Teufel ist leider: Er kann sich an einen heranschleichen. Aber ich glaube, ich habe einen sehr starken moralischen Kompass. Ich habe gute Instinkte und versuche, ihnen zu vertrauen. Am Ende des Tages merkt man meist, wer ein guter Mensch ist und wer nicht. Da gibt es diese kleine Stimme im Kopf, die sagt: „Hm, das ist glaube ich keine gute Idee.“ Ich halte mich also für ziemlich selbstreflektiert.
Es wird viel über die Repräsentation von Frauen in der Musik außerhalb des Pop-Bereichs diskutiert. Schaut man sich die Line-ups von Festivals wie Wacken oder Hurricane an, findet man unter Hunderten männlichen Musikern nur wenige Frauen. Da wir uns am Vorabend Ihres Auftritts bei Rock am Ring treffen: Glauben Sie, dass sich etwas an diesem Status Quo verändert?
Wenn ich ehrlich bin, denke ich darüber nicht besonders viel nach. Ich werde oft gefragt, wie es ist, eine Frau im Rock’n’Roll zu sein, und ich habe nie eine gute Antwort darauf. Denn ich bin einfach ich – im Rock’n’Roll. Ich wache als Frau auf und spiele Rockmusik, und ich mache exakt dasselbe wie die Männer. Lustigerweise fragt niemand die Männer, wie es ist, ein Mann im Rock’n’Roll zu sein.
Außerdem gibt es Misogynie in jeder Form des Lebens. Ich glaube nicht, dass das ein spezifisches Rockproblem ist. Natürlich gibt es bis zu einem gewissen Grad eine Art „Boys Club“, weil man als Frau in dieser Branche von vielen Männern umgeben ist. Aber ich glaube nicht, dass Booking-Agenturen bewusst sagen: „Lasst uns die Frauen außen vor lassen.“ Es gibt einfach nicht besonders viele Rockbands mit weiblichen Frontpersonen. Aber es werden jeden Tag mehr, und das ist großartig. Am Ende möchte ich einfach mit den Besten der Besten verglichen werden. Das Geschlecht ist mir dabei egal.
Wie würden Sie die heutige Backstage-Kultur im Rock’n’Roll beschreiben?
Viele Menschen stellen sich vor, dass wir auf Tour hinter der Bühne riesige Partys feiern. Aber das ist überhaupt nicht unser Stil. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir haben unser Leben gelebt. Aber ich nehme das, was ich beruflich mache, sehr ernst. Es gibt nichts Schöneres, als Musik zu spielen. Deshalb konzentrieren wir uns vor einem Auftritt darauf, in Bestform zu sein, denn Musik ist für uns wie Religion. Alles, was davon ablenkt, muss den Raum verlassen.
Ich denke, dass Filme diesen wilden Lebensstil oft romantisieren, und das hängt stark mit dem Rock der Achtziger zusammen. Diese Ära hat dem Rock’n’Roll den Ruf eingebracht, ein Leben auf der Überholspur zu sein. Damals standen Image, Pop-Appeal und Partys viel stärker im Mittelpunkt. Mich haben dagegen immer die Bands der Sechziger, Siebziger und Neunziger inspiriert. Für mich waren das Zeiten der Revolution, in denen die Perspektive der Künstler:innen und ihre Botschaften im Zentrum standen.
In den vergangenen zwei Jahren waren Sie mit einer dieser legendären Bands unterwegs: als Vorgruppe von AC/DC auf der „Power Up Tour“. Was haben Sie von ihnen gelernt?
Vor allem haben sie meine Liebe zum Rock’n’Roll neu entfacht. Denn AC/DC sind die Definition von Rock’n’Roll. Das aus nächster Nähe zu erleben, zu sehen, wie sie auf diesem gigantischen Niveau auftreten, wie sie kein bisschen nachgelassen haben, welche Verbindung sie zu ihren Fans haben und wie sehr sie die Menschen Abend für Abend bewegen – das ist unglaublich inspirierend.
Außerdem gibt es bei ihnen keinerlei Fassade. Sie sind genau die Menschen, die sie vorgeben zu sein. Die Zeit mit ihnen hat mich daran erinnert, dass Rock’n’Roll kein Verfallsdatum hat. Im Rock geht man nicht in Rente. Das hat letztlich nur bestätigt, was ich ohnehin schon wusste: Dass ich diesen Job für immer machen will.
Taylor Momsen denkt gar nicht daran, mit der Musik aufzuhören.
The Pretty Reckless machen jetzt seit über 15 Jahren Musik. An welchen älteren Songs haben Sie momentan die größte Freude?
Ich werde es nie leid, „Make Me Wanna Die“ zu spielen. Der Song stammt von unserem ersten Album. Wir haben ihn bei jeder einzelnen Show gespielt, die wir jemals gegeben haben, und ich freue mich immer noch jeden Abend darauf. Es ist bemerkenswert, so etwas über einen Song sagen zu können, den man mit 15 Jahren geschrieben hat. Er hat sich gewissermaßen gemeinsam mit mir weiterentwickelt.
Mittlerweile sind wir an einem Punkt unserer Karriere angekommen, an dem wir aus so viel Material schöpfen können, dass es nie langweilig wird. Wir können unsere Setlist ständig verändern. Vor Kurzem haben wir im Londoner Club The Underground die kleinste Show seit unserem allerersten Konzert gespielt. Dafür haben wir einige ältere Songs wieder hervorgeholt, die wir seit Jahren nicht mehr gespielt hatten, darunter „Miss Nothing“ und „My Medicine“. Es hat Spaß gemacht, ihnen neues Leben einzuhauchen. Sie fühlten sich plötzlich wieder frisch an, weil wir selbst einen neuen Blick auf sie hatten. Das ist aufregend.
Gibt es andere Bereiche des Musikgeschäfts, die Sie irgendwann erkunden möchten? Vielleicht eines Tages Ihr eigenes Festival organisieren?
Ich weiß nicht, ob ich dafür als Geschäftsfrau versiert genug bin, und momentan habe ich auch nicht den Ehrgeiz, in diese Richtung zu gehen. Aber wer weiß? In den letzten zehn Jahren haben sich viele Dinge verwirklicht, die ich ursprünglich gar nicht geplant hatte.
Ich möchte mich auf jeden Fall weiterhin über verschiedene Medien ausprobieren und ausdrücken. Ich liebe zum Beispiel Musikvideos als Kunstform. Jede Möglichkeit, die Musik zu ergänzen und ihre Botschaft zu verstärken, begeistert mich. Deshalb schreibe und inszeniere ich unsere Videos inzwischen selbst und möchte das auch weiterhin tun. Und eines Tages würde ich gern ein Buch schreiben.
Einen Roman oder Sachbuch?
Ich weiß es nicht. Vielleicht beides?
Apropos ästhetischer Ausdruck: Für das Musikvideo zu „When I Wake Up“ haben Sie Ihre ehemaligen „Gossip Girl“-Kolleg:innen Connor Paolo und Jessica Szohr vor die Kamera geholt. Und der offizielle Visualizer zu Dear God spielt mit dem Motiv einer katholischen Schule, wie auch Sie sie als Kind besucht haben. Kann es sein, dass Sie gerade einige prägende Erfahrungen Ihres Lebens aufarbeiten?
Ja, ich glaube schon. Die Sache ist: Ich habe in sehr kurzer Zeit sehr viele schwierige Erfahrungen gemacht. Ich habe viel Tod erlebt, viel Trauer und alles, was mit Verlust einhergeht. Und das hat mich beinahe zerstört. Nachdem ich das überwunden hatte, erreichte ich einen Punkt in meinem Leben, an dem ich alle Facetten meiner Persönlichkeit und meines bisherigen Weges akzeptieren konnte. Als ich jünger war, gab es Dinge in meinem Leben, die ich am liebsten ausgelöscht hätte. Dinge, für die ich mich geschämt habe oder auf die ich aus irgendeinem Grund nicht stolz war. Aber man kann seine Vergangenheit nicht ausradieren und man kann sie nicht verändern.
Jetzt, mit 32 Jahren, habe ich erkannt, dass alles, was ich erlebt habe, mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin, und mich an diesen Punkt meines Lebens geführt hat. Anstatt diese Erfahrungen von mir wegzuschieben, versuche ich nun, sie mit in die Zukunft zu nehmen, sie als Teil von mir anzunehmen. Und genau dieses Annehmen fühlt sich unglaublich kraftvoll an.
Taylor Momsen war erst 14 Jahre alt, als sie die Rockband The Pretty Reckless gründete. Gemeinsam mit Gitarrist Ben Phillips, Bassist Mark Damon und Schlagzeuger Jamie Perkins entwickelte sie einen Sound, der sich den gängigen Standards der zeitgenössischen Musik widersetzte – und dennoch gewaltig einschlug: Bereits die Single „Make Me Wanna Die“ aus ihrem ersten Album Light Me Up schaffte es auf Platz 1 der Rock-Charts – ein Erfolg, den das zweite Album „Going to Hell“ sogar noch übertreffen konnte: Es stieg auf Platz 5 der Billboard 200 ein und brachte drei Nummer-1-Rockradio-Hits in den Billboard-Charts hervor, darunter den allgegenwärtigen „Heaven Knows“, der 18 Wochen lang die Spitze belegte.
Ihr nächstes Album Death by Rock and Roll zementierte diesen Status und stellte den Rekord für die meisten Nummer-1-Songs auf, die jemals von einer Rockband mit einer Sängerin – ob als Solokünstlerin oder als Gruppe – erzielt wurden.
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