Pedagogies of War

Wie geht das Leben weiter, wenn ungewiss ist, ob es überhaupt weitergeht? Im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid zeigen Roman Khimei und Yarema Malashchuk mit „Pedagogies of War“, wie Gewalt den Alltag in der Ukraine durchdringt und verändert

You Shouldn’t Have to See This. Foto: Maru Serrano
You Shouldn’t Have to See This. Foto: Maru Serrano

Die ukrainischen Künstler Roman Khimei und Yarema Malashchuk erzählen gleich zu Beginn, dass sie den Krieg für sich normalisieren müssen. Alle in der Ukraine müssen das, sonst könne man nicht überleben, sein Leben weiterführen. Wie auch sonst soll man mit einem Krieg umgehen, der so permanent den Alltag bestimmt und doch nicht in jeder Minute oder Sekunde eines Tages sichtbar ist? Die beiden ukrainischen Künstler wollten eine Sprache finden, die anders beschreibt, in welchem Zwischenzustand ihr Heimatland permanent schwebt. Es gehe nicht nur um zerstörte Gebäude und leidende Kriegsopfer, sondern darum, was die Menschen in der Ukraine täglich und über die Jahre hinweg verarbeiten müssen. „Kriegsnebel“ ist ein Wort, das oft fällt. Zwischen aktiver Bombardierung und instinktivem Überlebensdrang. In ihren Werken portraitieren Roman Khimei und Yarema Malashchuk die ukrainische Bevölkerung, wie auch sich selbst.

Roman Khimei und Yarema Malashchuk. Foto: Maru Serrano

Roman Khimei und Yarema Malashchuk. Foto: Maru Serrano

Leben im Kriegsnebel

Im Thyssen-Bornemisza National Museum in Madrid sind ihre großflächigen Videoinstallationen im Untergeschoss ausgestellt. Es ist düster, samtiger Teppich liegt unter den Füßen, an den Wänden hängen schwere Vorhänge. Eingebettet in diesen Kokon wird der Zuschauer mit dem konfrontiert, was in etwa 3.400 km Luftlinie seit über vier Jahren zu einer neuen Realität geworden ist.  „The Wanderer“ (2022), heißt die erste Arbeit, die sich über fünf LED-Bildschirme zieht. Die Künstler platzierten ihre eigenen Körper in der felsigen Landschaft der Karpaten und stellten die Haltungen gefallener russischer Soldaten nach. Posen, die schmerzhaft aussehen und so nur von Toten eingenommen werden können, das wird einem schnell klar. Khimei und Malashchuk kritisieren mit dieser Arbeit die romantische Überhöhung des Todes und inszenieren zugleich die gefallenen russischen Soldaten als Eindringlinge der Ukraine. Es provoziert Unbehagen, die zusammengesunkenen, deformierten Körper zu betrachten. Man atmet auf, wenn sie sich wieder bewegen, um eine weitere Pose zu finden. 

Rückkehr aus der Ferne

Auch der Besucher bewegt sich in den nächsten Raum, in dem die Installation „Open World“ (2025) ausgestellt ist. Ein Roboter-Hund schreitet durch die ukrainische Landschaft, begleitet ein kleines Mädchen, trifft auf ältere Menschen, die zusammensitzen. Assoziationen zu der Folge „Metallhead“ der Serie „Black Mirror“ kommen auf und verheißen nichts Gutes. Dort hatten Robo-Dogs die Kontrolle übernommen und die sich ihnen in den Weg stellenden Menschen getötet. Doch hier ist es anders. Das metallene Tier attackiert nicht, sondern begleitet. Auf einem zweiten, kleineren Bildschirm sieht man das Gesicht eines Jungen, der den Roboter aus der Ferne steuert. Er ist sein Vehikel, um in sein Heimatland zurückzukehren, das er nach der russischen Invasion verlassen musste. In den parallellaufenden Screens beobachtet man, wie er als vierbeinige Maschine durch die Straßen seines ehemaligen Viertels läuft, Kontakt aufnimmt zu Nachbarn und Freunden. Ein Zeugnis dafür, dass der Alltag inmitten der Zerstörung weiter besteht. Selbst zurück kommen kann der Junge nicht mehr. Er würde vielleicht eingezogen, müsste an die Front und wäre auch nur in diesem Dorf lebend einer ständigen Gefahr ausgesetzte. Jetzt ist er in Sicherheit und musste doch sein Zuhause aufgeben, eine Gemeinschaft zurücklassen, die darum kämpft, eine solche zu bleiben.

Open World. Foto: Maru Serrano

Open World. Foto: Maru Serrano

Der Blick auf das Unaussprechliche

Im letzten, größten Raum stehen sich zwei Kunstwerke gegenüber: „You Shouldn’t Have to See This“ (2024) und „We Didn’t Start This War“ (2026). Gerade das erste Werk berührt, schockt, obwohl es wohl die leiseste, behutsamste Arbeit ist. Für die filmten Roman Khimei und Yarema Malashchuk ukrainische Kinder, die gewaltsam nach Russland verschleppt und später in die Ukraine zurückgebracht wurden. Seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges 2014 wird die Zahl solcher Verschleppungen auf mindestens 20.000 bis über eine Million Fälle geschätzt. Die Kinder auf den sechs Bildschirmen, die im Raum verteilt stehen, schlafen friedlich. Doch diese Ruhe spürt man nicht, vielmehr fühlt man sich selbst als Eindringling, dabei ertappt, einen intimen Moment zu beobachten. Wie schon der Name des Werks anspricht, sollte man diese Videos nicht sehen müssen, ein solches Verbrechen dürfte niemals stattfinden. Gleichzeitig beschreibt die Grenzüberschreitung in die Privatsphäre eine Dringlichkeit, vor der die Gesellschaft gern die Augen verschließt. Solche Bilder bekommt man kaum zu sehen. Und doch sind sie es, die das Ausmaß des Krieges am stärksten verdeutlichen. Was haben die schlafendenden Kinder erlebt? Wieso mussten sie Teil des Krieges werden?

We Didn't Start This War. Foto: Maru Serrano

We Didn’t Start This War. Foto: Maru Serrano

Wenn Normalität zur Inszenierung wird

Die letzte Arbeit, die sich an der Rückwand des Raumes befindet, besteht aus drei nebeneinander gehängten Video-Installationen. Sie beschreibt noch einmal konkret das Spannungsfeld, das Roman Khimei und Yarema Malashchuk portraitieren wollen: Die kaum wahrnehmbare Grenze zwischen Krieg und scheinbarer Abwesenheit des Kriegs. Die Szenen zeigen mittig eine Gruppe auf den Stufen eines öffentlichen Gebäudes, die sich unterhält. Es könnten Studierende ihn einer Pause sein, oder Kollegen, die sich austauschen. Rechts davon schläft ein alter Mann auf einem Klappstuhl im Freien, während eine Biene um sein Gesicht kreist. Links wird eine vereiste Straße zur Bühne für rutschende Menschen, die zusammentreffen und versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Was wirkt wie die Normalität einer Stadt, ist ein kurzes, von außen betrachtetes Zeitfenster. Man weiß von der Realität der Menschen in den Bildschirmen, und so gleicht die Darstellung einer Inszenierung. Überträgt man das Gefühl der ständig lauernden Gefahr auf die eigenen, täglichen Abläufe, stellen auch diese unschuldigen Bilder einen Gewaltakt dar. Und genau das wollte das Künstler-Duo erzielen.

The Wanderer. Foto: Maru Serrano

The Wanderer. Foto: Maru Serrano

Was Kunst im Krieg leisten kann

Gewalt ist gewissermaßen das Betriebssystem eines Krieges. Die Frage ist: Wie kann Kunst dazu beitragen, dieses System aufzubrechen? Roman Khimei und Yarema Malashchuk erklären, dass Kunst helfen könne, Chaos zu verstehen. Wenn sie über die gesellschaftlichen Folgen des russischen Krieges sprechen, tun sie das durch die Sprache der Kunst. Die wird so zu einem unabhängigen Medium, das hilft, die Realität zu begreifen und ihr eine Form zu geben. Dabei muss sie nicht unmittelbar politische Veränderungen bewirken. Sie kann jedoch eine wichtige Bildungsfunktion erfüllen, Bewusstsein schaffen und Aufmerksamkeit erzeugen. Und das erlebt man bei er Betrachtung von Roman Khimeis und Yarema Malashchuks Kunst. Auch, wenn der Kriegszustand für die ukrainische Bevölkerung zu einer Normalität werden muss, darf er das nicht für die von außen Beobachtenden. Die Dringlichkeit, die Not, wird greifbar gerade durch die Absenz der klassischen Kriegsdokumentation und den direkten Vergleich mit dem eigenen Leben. Es ist das immer in der Luft liegende Gefühl der Angst, das man nicht vergisst.

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