Sie macht die Zerrissenheit von Frauen sichtbar: Annegret Soltau zählt zu den Pionierinnen der feministischen Avantgarde und hinterfragt gesellschaftliche Normen mit einem radikal ehrlichen Blick auf den weiblichen Körper. Das Städel Museum in Frankfurt zeigt ihr Werk noch bis zum 17. August 2025 in der Ausstellung „Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive“.
Sie gehört zu den Vorreiter:innen feministischer Kunst und hat sich trotz großen Gegenwinds nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Seit den 1970er-Jahren sorgt Annegret Soltau mit ihrer avantgardistischen Bildsprache für Aufsehen und hat damit den Weg für neue Formen der Fotokunst und Body Art bereitet. Furchtlos nutzt sie in ihrer Arbeit die Dekonstruktion des – zumeist eigenen – Körpers, um neue Perspektiven auf Weiblichkeit und Selbstbestimmung zu eröffnen. Zudem zählt sie zu den wichtigsten Künstler:innen der Gegenwart, die Themen wie Schwangerschaft und Mutterschaft in den Fokus ihres Schaffens stellen.
Während sie im Ausland gefeiert wurde, hatte sie hierzulande häufig mit Zensur zu kämpfen. Ihre Darstellungen brachen mit etablierten ästhetischen Konventionen und wurden oft als provokant empfunden. Dabei ging es der Künstlerin nie darum zu provozieren, sondern die gesellschaftlichen Normen und patriarchale Körperbilder kritisch zu hinterfragen, indem sie intime Einblicke in ihr privates Leben gab. Das Städel Museum in Frankfurt am Main zeigt mit „Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive“ jetzt eine erste umfassende Rückschau auf ihr Werk, die gemeinsam mit der Künstlerin entwickelt wurde. Über 80 Arbeiten sind vom 8. Mai bis zum 17. August 2025 in der Ausstellung zu sehen. Mit dabei sind frühe Zeichnungen, fotografische Kunstwerke, Videoarbeiten und Installationen.
Charakteristisch für das Schaffen von Annegret Soltau ist ihre einzigartige Art der Bearbeitung von Fotografien. Dafür entwickelte sie eigene, innovative Techniken. Bei der sogenannten Fotoradierung ritzt sie mit einer feinen Nadel in das Negativ und überzieht die darauf abgebildeten Körper mit hauchdünnen Linien. Nach jedem neuen Abzug fügt sie weitere Ritze hinzu, bis sich schließlich auf dem letzten Abzug die feinen Streifen zu einer komplett schwarzen Fläche verbinden. Annegret Soltau nutzt diese Technik vor allem, um körperliche und psychische Transformationsprozesse in die Sichtbarkeit zu bringen.
Noch radikaler in Herstellungsweise und Optik sind ihre sogenannten Fotovernähungen. Sie entstehen, indem die Künstlerin Fotografien zerreißt und die einzelnen Fragmente mit schwarzem Garn neu zusammensetzt. Ganz bewusst nutzt sie dabei das traditionelle Handwerk des Nähens, das mit weiblichen Rollenbildern assoziiert wird. Dieses setzt sie in einen vollkommen neuen künstlerischen Kontext, um nicht nur eigene innere Konflikte darzustellen, sondern auch um gesellschaftliche Rollenbilder zu dekonstruieren.
Die Ausstellung „Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive“ im Frankfurter Städel Museum nährt sich Annegret Soltaus künstlerischer Arbeit in einem thematisch sowie chronologisch gegliederten Rundgang an. So zeigt die Werkschau, wie Soltaus charakteristische Fotoarbeiten ihren Ursprung in frühen Grafiken haben. Das Motiv der Fäden und Netze findet sich bereits hier wieder – in Form von Zeichnungen mit filigranen Feinliner-Strichen oder Radierungen, für die die Künstlerin Linien in Kupferplatten ritzte und ätzte.
In den 1970er-Jahre wagte Annegret Soltau dann zunächst den Schritt in die Performancekunst. Dabei blieb sie ihrer künstlerischen Signatur treu und hob sie auf eine neue Ebene. So umwickelte sie zum Beispiel die Zuschauer:innen mit schwarzem Nähgarn und verband sie dadurch miteinander. Ihr Ziel war, sichtbar zu machen, dass auch kleinste individuelle Handlungen immer eine Auswirkung auf das Kollektiv haben. Parallel dazu begann sie, mit Fotografie zu experimentieren. Beispielsweise umhüllte sie für ihre Serie „Selbst #1“ ihr Gesicht mit Fäden und dokumentierte diesen Prozess fotografisch. Damit legte sie den Grundstein für ihre ikonischen Arbeiten der Fotovernähung.
Ihre erste Schwangerschaft 1977 hatte einen großen Einfluss auf Annegret Soltaus künstlerisches Œuvre. Den Prozess der Veränderung ihres Körpers dokumentierte sie in verschiedenen Bildserien und zeigte dabei die komplett ungeschönte Realität. Die Künstlerin brach zudem mit dem vielfach verklärten Bild des Mutterwerdens und teilte offen ihre Gedanken, Ängste und Zweifel in ihren sogenannten „Tages-Diagramme“, auf denen sie Notizen im Mindmapping-Stil niederschrieb. Damit gehört sie zu einer der wenigen feministischen Künstler:innen der damaligen Zeit, die sich überhaupt mit diesem Thema befassen. Schließlich galt es damals als Frevel unter Feministinnen, überhaupt ein Kind zu bekommen.
Doch von externen Idealen ließ sich Annegret Soltau nicht beeinflussen. Sie ging ihren Weg und wurde 1978 Mutter einer Tochter. 1980 kam ihr Sohn zur Welt. In diesen Jahren und der folgenden Dekade setze sie sich intensiv mit ihrer Doppelrolle als Künstlerin und Mutter auseinander. Mit schonungsloser Offenheit ging sie der Frage nach, was von der eigenen Identität bleibt, wenn die Gesellschaft von Müttern die absolute Aufopferung verlangt. Für ihre Fotovernähungen zerriss sie in dieser Zeit Porträts von sich und ihren Kindern und fügte diese wieder zusammen. In Text-Arbeiten machte sie zudem ihren emotionalen Zwiespalt zwischen der Liebe für ihre Kinder und den persönlichen Opfern, die sie als Mutter bringen musste, deutlich.
Die enge Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Themen prägt Annegret Soltaus gesamtes Werk. So stellte Soltau in den 1990er-Jahren parallel zur dritten Welle der Frauenbewegung in ihrer Arbeit erstmals auch binäre Geschlechterkategorien infrage. Dafür nahm die Künstlerin Bilder ihrer Familie und fügte Fragmente von Frauen- und Männerkörpern scheinbar willkürlich zusammen.
Auch die eigene Identität ist für Annegret Soltau ein zentrales Thema. So verarbeitete sie zum Beispiel in einem autobiografisches Langzeitprojekt die Suche nach ihrem unbekannten Vater. Auch in ihren Selbstbildnissen nutzt sie die Technik der Fotovernähungen, um die klassische Porträtform aufzubrechen. Dabei zeigt sie zum Teil anstelle ihres Gesichts amtliche Dokumente oder sogar die SIM-Karte eines Handys, mit der sie auf den Wandel der Selbstdarstellung im digitalen Zeitalter anspielt.
Mit ihrem Werk war Annegret Soltau ihrer Zeit weit voraus. Sie bildete in ihrer Arbeit den weiblichen Körper jenseits aller Klischees und Schönheitsideale ab und stieß damit oft auf Ablehnung. Häufig wurden ihre Werke fälschlicherweise als Pornografie oder Provokation verstanden. Dabei ging es ihr bloß um den unverstellten, realistischen Blick auf den Körper und seinen Transformationsprozess – sei es zum Beispiel durch Schwangerschaft, Pubertät oder das Altern.
Annegret Soltau hat mit diesem Sichtbarmachen von ungeschönten Körpern jenseits des klassischen Aktes dazu beigetragen, lang gelernte Sehgewohnheiten und den Blick auf den weiblichen Körper zu verändern. Auch für die Enttabuisierung realer, weiblicher Erfahrungen wie beispielsweise in der Mutterrolle hat sie wichtige Impulse gesetzt. Damit gehörte sie zu den Frauen, die früh einen Grundstein für spätere Bewegungen wie Body Positivity oder #RegrettingMotherhood legten. Diese Relevanz wird mittlerweile von einem breiten internationalen Publikum erkannt. Die Ausstellung „Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive“ im Frankfurter Städel Museum trägt einen weiteren Teil dazu bei, Annegret Soltau als Pionierin der feministischen Avantgarde auch hierzulande die verdiente Anerkennung zukommen zu lassen.
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