Bei der Rhönrad-WM in Göttingen holte die amtierende Weltmeisterin dreifach Edelmetall – und zeigte dabei etwas, das über Medaillen hinausgeht: die Souveränität einer Frau, die ihren Weg konsequent selbst bestimmt
Es war kein Zufall, dass Lea Toran Jenner ihre Kür ausgerechnet zu „This Is Me“ gestaltete. Der Song ist eine Hymne auf Selbstbehauptung – und passt kaum zu jemandem besser als zu dieser Athletin. Bei den Rhönrad-Weltmeisterschaften vom 29. Juni bis 5. Juli 2026 in Göttingen gewann die amtierende Weltmeisterin im Cyr Wheel zweimal Silber (Mehrkampf und Kür) sowie Bronze im Cyr-Battle. Die Titelverteidigung verpasste sie nur um Haaresbreite – und begegnete auch dieser Enttäuschung mit einer Haltung, die vieles über sie verrät.
Foto: Privat
Nach der Qualifikation lag Toran Jenner sogar mit einem Punkt in Führung. Ein kleiner Patzer im Mehrkampf und ein nicht anerkanntes Element in der Kür kosteten sie am Ende das Gold; beide Male setzte sich Caroline Liesegang durch. Doch statt zu hadern, ordnet sie das Ergebnis selbstbewusst ein: „Manche Entscheidungen der Wertung kann ich nicht ganz nachvollziehen, aber ich bin trotzdem sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Zwei Fehler haben am Ende über Gold und Silber entschieden – das zeigt, wie eng es an der Spitze mittlerweile zugeht.“
Es ist diese Mischung aus Ehrgeiz und Gelassenheit, die Frauen an der Spitze oft ausmacht – und die selten so sichtbar wird wie in einem Moment knapp verpassten Triumphs.
Dass Toran Jenner ihren Erfolg nach eigenen Maßstäben misst, hat mit ihrer Geschichte zu tun. 1992 in München geboren, bereitete sie sich vier Jahre lang auf die Aufnahmeprüfung der renommierten École nationale de cirque in Montreal vor – einer der angesehensten Zirkusschulen der Welt, an der jährlich nur eine Handvoll Menschen genommen wird. 2011 schaffte sie es und entdeckte dort das Cyr Wheel, in das sie sich sofort verliebte.
Von dort führte ihr Weg auf die großen Bühnen der Welt: Engagements beim Cirque Éloize und der Welttournee „Cirkopolis“ nach Santiago de Chile, Tel Aviv, Sydney und London, eine Bronzemedaille beim Festival Mondial du Cirque de Demain in Paris, Auftritte im Moulin Rouge und beim Cirque du Soleil. Heute zählt sie sowohl im Wettkampf als auch als Artistin zu den Besten ihres Fachs – und hat längst begonnen, eigene Strukturen zu schaffen: mit einer eigenen Produktionsfirma und ihrer Show „ZirkusLea Live“, die am 17. Oktober 2026 im Punchline Club Berlin Premiere feiert.
„Der Zirkus hat mir das Cyr Wheel geschenkt, der Wettkampfsport hat mir gezeigt, wie weit man es damit treiben kann“, sagt sie über ihre zwei Welten.
Der Weg zur Weltspitze verlangt ihr viel ab. Die Organisation rund um die spanische Delegation stemmt sie größtenteils allein, auch finanziell trägt sie den Sport zu großen Teilen selbst. Gerade deshalb versteht sie ihre Reichweite als Auftrag. Unter dem Namen „ZirkusLea“ hat sie sich über die Jahre eine treue Community in den sozialen Medien aufgebaut – und will diese Bühne nutzen, um mehr Menschen für das Cyr Wheel zu begeistern: „Zu sehen, wie viele mittlerweile mitmachen und wie stark das Niveau geworden ist, macht mich unglaublich glücklich.“
Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich sie dabei andere Frauen einbezieht statt sie als Konkurrenz zu begreifen. In Göttingen entstand eine Freundschaft mit der deutschen Rhönrad-Athletin Karina Peisker, die vor heimischem Publikum selbst Gold gewann und mit großer Reichweite ebenfalls für den Sport wirbt. „Karina und ich verfolgen ganz ähnliche Ziele – jede auf ihre Art“, sagt Toran Jenner. Zwei Frauen, eine Mission: einer Disziplin mehr Sichtbarkeit zu geben, die diese verdient hat.
Ob Göttingen ihre letzte Weltmeisterschaft war, lässt sie bewusst offen. Doch egal, wie sie sich entscheidet – ihre eigentliche Stärke liegt darin, dass sie den Erfolg nie von einer einzigen Medaille abhängig gemacht hat. „This Is Me“, eben. Als Nächstes wartet die Bühne. Und wir von Marie Claire freuen uns dabei zu sein.
Foto: Liz Höser
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