Ohne Entschuldigung Raum einnehmen: Nicole Zacharias über Stärke, Verantwortung und strukturelle Ungleichheit

Blumen reichen schon lange nicht mehr. Der Internationale Weltfrauentag ist ein politischer Tag, kein Wohlfühl-Event. Einer, der daran erinnert, dass Gleichberechtigung erkämpft wurde und noch immer weiter erkämpft werden muss. Nicole Zacharias klärt seit Jahren bei Social Media schonungslos über ungleiche Machtverhältnisse auf und warum Frauen gelernt haben, sich selbst zurückzunehmen. Ein ehrliches Gespräch über Klarheit, Verantwortung und den Mut, alte Rollenbilder getrost hinter sich zu lassen

Nicole Zacharias spricht über Verantwortung, gesellschaftliche Erwartungen und die strukturellen Hürden, mit denen Frauen noch immer konfrontiert werden. Foto: Mandy Stappenbeck

Auf Augenhöhe statt Anpassung

Feminismus ist kein Trend, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie tief Ungleichheit verankert war und teilweise noch immer ist: In Deutschland erhielten Frauen erst 1918 das aktive und passive Wahlrecht, in der Schweiz durften Frauen auf Bundesebene sogar erst 1971 wählen und bis 1977 brauchten verheiratete Frauen in Westdeutschland die Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie arbeiten wollten. Gesetze wie diese sind zwar mittlerweile gefallen, doch strukturelle Benachteiligungen sind noch immer an der Tagesordnung. Feminismus setzt genau hier an: Er fordert keine Sonderrechte, sondern gleiche Rechte, gleiche Chancen und echte Selbstbestimmung ohne Erlaubnis.

Nicole Zacharias ist Content Creatorin, Mutter einer Tochter und macht sich seit Jahren stark für Frauen. In ihren Beiträgen und Videos beleuchtet die 42-Jährige, warum emotionale Arbeit meist unsichtbar bleibt, weshalb finanzielle Abhängigkeit noch immer besteht und welche strukturellen Herausforderungen Frauen noch immer tragen. Ihre Botschaft: Frauen müssen sich nicht klein machen, um geliebt zu werden. Sie dürfen Raum einnehmen und das in voller Lautstärke. 

Nicole Zacharias im exklusiven Interview

Marie Claire: Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass deine Stimme eine gewisse Macht hat und wie hast du sie genutzt? 

Das war gleich zu meinen Anfangszeiten auf Instagram, da hatte ich tatsächlich fast ein Jahr pausiert, weil ich mit meiner Rolle als Mutter komplett überfordert war. Es hat mich erschlagen. 2017 oder 2018 habe ich angefangen, über meinen Struggle zu sprechen, erstmal ganz leise, weil ich nirgendwo anders gesehen habe, dass das jemand tut. Zudem habe ich mich auch selbst extrem verurteilt. Als dann aber eine Welle an Nachrichten mein Postfach stürmte mit den Worten ‘Gott sei Dank spricht es jemand an’, wusste ich, ich bin damit nicht allein. Kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Das ist auch heute noch einer der meist gewählten Sätze, die ich unter meinen Beiträgen bekomme, weil Frauen noch immer glauben, dass strukturelle Unterdrückung ein persönliches Versagen ist. Wenn wir von außen von einer anderen Person bestätigt bekommen, die das benennt, die bereits Worte dafür gefunden hat, dann ist das, als würde man uns Flügel geben und als würden wir endlich eine Berechtigung für unser Gefühl bekommen, dass irgendetwas scheiße läuft. Dieses Gefühl des Alleinseins ist ein Werkzeug des Patriarchats. Diese Vereinzelung von Frauen, dass sie sich allein fühlen, sich schämen und sich aus der Scham heraus auch nicht öffnen, das lässt sie schutzlos und schwach zurück. Wenn sie sich dann aber öffnen und verbünden, na Holla die Waldfee, dann entsteht eine Gegenmacht. Und da müssen wir hin.

Marie Claire: Was tust du um dich selbst zu feiern, unabhängig von äußeren Erfolgen oder Anerkennung?

Saufen und Rauchen. Ich trinke gerne einen Wein und rauche dazu eine Zigarette. Das sind Dinge, die hätte ich noch vor ein paar Monaten niemals in einem Interview gesagt, weil sie natürlich gesellschaftlich gerade bei Frauen nicht gerne gesehen werden. Eine Frau, die laut ist, überschreitet Grenzen. Eine Frau, die vielleicht auch manchmal maßlos und wild ist. Das sind alles Attribute, die ich auch in mir trage und die ich sehr viele Jahre verleugnet habe, weil ich dafür von Männern verurteilt wurde. So soll man nicht sein. Als Frau Raum einnehmen, vielleicht auch noch rülpsen, in manchen Situationen wütend sein und dann auch noch trinken, rauchen und feiern gehen wollen. Das war wie eine kleine Revolte in den letzten Monaten und Jahren, dass ich mir das zurückgeholt habe. Ich habe mir erlaubt, diese Versionen in mir nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu zelebrieren. Und wenn wir uns da herauskämpfen und diese angebliche Schwäche in etwas umwandeln, aus der wir Kraft ziehen können, sorry, geiler geht’s doch nicht. Wenn ich ausgehe, gehe ich entweder alleine oder mit meinem Kumpel und da komme ich auch ins Gehege mit anderen Männern. Dafür habe ich mich auch lange verurteilt, dass ich dann laut und streitlustig werde. Mittlerweile freue ich mich auf diese Abende und mein Freund auch. Danach fühle ich mich immer wie die geilste Frau auf der ganzen Welt, weil ich meine Schnauze aufgemacht habe, wo ich sie früher gehalten hätte, weil ich eben diesen Raum nicht einnehmen soll. Weil das sich nicht schickt. Weil das zu laut, zu vulgär, zu ordinär ist. I Don’t Care. 

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Foto: Mandy Stappenbeck

Marie Claire: Welche Träume hattest du früher, die heute vielleicht noch größer sind oder ganz anders aussehen? 

Ich wollte als junge Frau immer wissen, wer da wirklich in mir steckt. Mein Leben war davon geprägt, dass ich nicht sehr viel Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen hatte. Und mit nicht sehr viel meine ich fast gar keins. Es hat mich belastet, weil ich immer das Gefühl hatte, da stimmt irgendwas nicht. Da steckt etwas in mir und ich möchte wissen, was das ist. Und dann habe ich mich auf die Suche nach dieser Frau gemacht. Es hat bis heute gedauert und ich bin noch lange nicht fertig. Diese Hülle aus Unsicherheit, Selbstzweifeln und Selbstverleugnung von mir abzustreifen und diesen Schmetterling rauszulassen. Das war eine meiner größten Lebensaufgaben für mich persönlich, diesem Menschen in mir Raum zu geben. Meine Persönlichkeit hat einfach nicht das Futter bekommen, was sie benötigt hätte, um sich zu entfalten. Ich habe angefangen mich zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Was will ich vom Leben? Was will ich von Menschen? Losgelöst von dem Blick der anderen. Nur für sich selbst. Das war ein ganz langer Kampf. 

Marie Claire: Wenn du auf dein jüngeres Ich zurückblickst, welchen Rat würdest du dir geben? 

Das ist einer der wichtigsten Dinge überhaupt, die auch damit zu tun haben, dass ich damals diesen Selbstwert nicht hatte. Ich würde mir sagen: Hör auf, deinen Wert im Spiegel männlicher Begierde zu suchen. Wenn du dich durch die Augen eines Mannes definierst, definierst du dich durch das, was er an dir konsumieren kann. Nicht durch das, wer du bist als Mensch. Und dadurch wirst du vom Subjekt zum Objekt, durch den Mann, aber auch irgendwann durch deine eigenen Gedanken über dich. Du selbst siehst dich irgendwann als Objekt. Und ich finde, der größte Akt von Selbstbestimmung oder einer leisen Revolte meinetwegen ist, diesem patriarchalen Glaubenssatz den Mittelfinger zu zeigen und die eigene Würde nicht mehr vom männlichen Blick abhängig zu machen. Denn in dem Moment, wo wir damit aufhören, holen wir uns unsere Macht zurück. Wir bestimmen, wer wir sind und wir bestimmen unseren Wert, der schon immer da war. Der wird mir nicht von außen zugesprochen und der kann mir nur abgesprochen werden, wenn ich es zulasse. 

Marie Claire: Wie gelingt es dir in schweren Zeiten Hoffnung zu bewahren? 

Es ist so, dass es Zahlen gibt, die da sagen, bis zur wirklichen Gleichberechtigung dauert es noch, ich weiß ich nicht, 300 Jahre. Und da denkt man sich manchmal, wozu mache ich das denn alles? Und dann frage ich mich, was denn dann die Alternative ist. Da sehe ich vor mir Frauen und Mädchen, die, ohne es zu wissen, in einem System leben, was sie komplett beherrscht. Strukturelle Machtverhältnisse und Ungerechtigkeiten, die auf sie wirken, wie ein persönliches Versagen und sie es zu ihrer eigenen Schuld anerkennen. Meine Generation und auch die Generation nach mir wird noch nicht auf dem Level sein, dass wir zu wirklicher Gleichberechtigung kommen. Daraus kann ich meine Hoffnung nicht ziehen. Aber ich ziehe meine Hoffnung daraus, dass wir in der jetzigen Zeit schon sehr viel mehr wissen als noch die Generationen vor uns. Dass wir weiterhin daran arbeiten, einander aufzuklären und dass das unabdingbar ist, wenn wir diese Zahl, die 300 Jahre beträgt, bis es zur Gleichberechtigung kommt, vielleicht herunterdrücken können auf 200 Jahre oder wie viele Jahre auch immer. Ich trage lieber bewusst sehend die Realität patriarchaler Strukturen informiert, gestärkt, ausgerüstet mit Wissen und Sprache, als durch mein Verdrängen und Wegsehen ein System zu stabilisieren, welches darauf ausgelegt ist, Frauen generell zu zerstören. Wenn ich nicht weiter hinschaue, wenn ich mich nicht weiter erhebe, wenn ich nicht weiter aufkläre, dann nütze ich ja diesem System und es bleibt weiter aufrecht erhalten.

Marie Claire: Welche kleinen Siege im Alltag werden oft übersehen, tragen aber immens dazu bei, Frauen zu stärken? 

Gespräche und Annäherung zwischen Frauen. Auch fremde Frauen. Wir müssen verstehen, dass das Patriarchat davon lebt, dass wir Frauen uns hassen, also uns selbst und auch gegenseitig. Jede einzelne Frau, die in Konkurrenz steht zu einer anderen Frau, die sich als Konkurrentin betrachtet. Konkurrenz unter Frauen hilft dem Patriarchat und sorgt dafür, diese Macht aufrechtzuerhalten zu stärken. Wenn wir Frauen endlich begreifen, dass wir zusammen eine unsägliche Kraft haben, dass wir stark sind und das sind wir, auch schon einzeln. Wer plant den Alltag mit den Kindern, wer führt aus, wer kauft ein? Was ist mit den Frauen in der Pflege, in Krankenhäusern, in Bildungsstätten? Dieses System baut auf genau diesen Frauen. Das muss man sich mal vorstellen. Das kann ja nur bedeuten, dass diese einzelnen Frauen unfassbar stark sind. Überleg mal, was sie alles tragen, was wir alles tragen. Jeder Typ würde daran zerbrechen. Gib mal einem Mann eine Einkaufsliste und warte darauf, dass das Telefon nicht klingelt, wenn er unterwegs ist. Und jetzt stellen wir uns mal bitte vor, dass diese Kräfte von den einzelnen Frauen nicht zersplittert stattfinden, sondern gebündelt solidarisch. Holy Moly, was wir für eine Macht hätten. Jeder Moment weiblicher Verbundenheit ist ein Machtgewinn, das müssen wir begreifen. Wenn wir gegen patriarchale Strukturen aufkommen wollen, dann geht das meiner Meinung nach nur durch den Zusammenschluss von Betroffenen. 

Marie Claire: Wenn du eine Frau aus der Vergangenheit treffen könntest, wer wäre das und was würdest du sie fragen? 

Das wäre meine Oma. Sie ist verstorben, als ich 13 Jahre alt war. Sie war Mutter von vier Kindern und hatte einen Ehemann, der ganz sicher ein sehr guter Vater, ein sehr guter Großvater, aber nicht wirklich ein guter Ehemann war. Ich würde mich generell gern mit Frauen aus vergangenen Generationen unterhalten. Über ihre Träume und Wünsche, die sie hatten, die sie aber niemals wirklich benannt haben, weil ihnen beispielsweise gesellschaftliche Begrifflichkeiten dafür gefehlt haben. Und weil sie glaubten, sie hätten gar keinen Anspruch darauf, diese Träume überhaupt zu haben. Aufgrund der gesellschaftlichen Normen und der Verpflichtungen, in denen sich die Frauen in den vergangenen Generationen noch viel stärker befunden haben als wir. Ich würde gern von Ihrem Schmerz erfahren. Ich würde gerne wissen, was sie trotzdem zum Lächeln und zum Durchhalten bewegt hat. Und ich würde einfach gerne fragen: Wie ging es dir denn wirklich? Jetzt darfst du es ehrlich sagen. 

Marie Claire: Was würdest du unseren Leserinnen gerade jetzt zum Weltfrauentag mit auf den Weg geben? 

Verbindet euch, geht aufeinander zu. Strukturen verändern sich nicht durch isolierte Stärke, sondern durch Zusammenschluss. Was Männer seit Jahrhunderten stärkt, sind ihre Netzwerke, ihre Bruderschaften und ihre Verbände. Da fördern sie sich, da empfehlen sie sich gegenseitig, da sprechen sie sich füreinander aus. Sie entwickeln Ideen und stärken einander. Das sind ja Räume, wo Frauen auch in unserer Historie nie Zugang hatten. Aus Gründen. Und ich bin der Meinung, dass wir Frauen genau sowas auch brauchen. Dass wir solche Räume brauchen, in denen wir uns sicher öffnen, austauschen und vernetzen können. Und Räume, in denen wieder ganz neue Strukturen wachsen können. Ein Netzwerk unter Frauen, unter Betroffenen, die einander verstehen, weil wir die gleiche Geschichte teilen. Weil wir die gleichen Erfahrungen haben und den gleichen Schmerz durchlaufen sind. Und auch Räume, in denen wir uns wirtschaftlich stärken können. In denen wir uns empfehlen, verbinden, in denen wir zusammen investieren und uns gegenseitig füreinander aussprechen. In denen wir sogar miteinander gründen, wo quasi auch ein kleiner eigener Wirtschaftskreislauf entsteht. Wir müssen das selbst in die Hand nehmen. Es ist noch keine Revolution entstanden und auch noch kein neues Gesetz entwickelt worden, weil wir zu Hause den Kuchenteig angerührt haben. Wir Frauen müssen zusammenarbeiten, ich sehe das wirklich als einzige Möglichkeit. Frauenfreundschaften sind so eng, da passt kein patriarchal verseuchtes Blatt zwischen. Nichts, das uns schwächen könnte. Da müssen wir hin und von da aus können wir richtig viel bewirken. Das ist aber noch ein langer Weg. 

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