Armut wird in Deutschland oft tabuisiert – und ist doch für Millionen Menschen Realität. Miriam Davoudvandi erzählt in ihrem Buch „Das können wir uns nicht leisten“ von einer Kindheit, in der Geldmangel, Scham und Ausgrenzung zum Alltag gehörten. Im Interview mit Marie Claire spricht sie darüber, wie es sich anfühlt, in einem reichen Land arm aufzuwachsen und warum Armut kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist.
Armut hat viele Gesichter – doch selten wurde über das Thema so persönlich gesprochen wie von Miriam Davoudvandi. In ihrem Buch „Das können wir uns nicht leisten“ erzählt die Journalistin und Podcasterin offen von ihrem Aufwachsen unterhalb der Armutsgrenze. Dabei zeichnet sie ein klares Bild davon, was Armut wirklich bedeutet jenseits von Zahlen und Statistiken. Sie zeigt, wie Armut jeden einzelnen Lebensbereich beeinflusst, egal ob es um Freundschaften, Bildung oder das eigene Selbstbild geht.
Heute lebt Miriam Davoudvandi in Berlin, arbeitet als Autorin, Moderatorin und Host des WDR-Podcasts „Danke, gut. Der Podcast über Pop und Psyche“. Doch trotz ihres sozialen Aufstiegs begleiten sie noch immer die Erfahrungen, die sie als Kind gemacht hat. Stück für Stück wurde ihr bewusst, dass Armut in einem reichen Land wie Deutschland kein persönliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Versagen bedeutet. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über strukturelle Ungleichheit, die besonderen Armutsrisiken für Frauen und darüber, warum der soziale Abstieg oft nur eine falsche Entscheidung oder einen Schicksalsschlag entfernt ist.
Marie Claire: Sie erzählen in Ihrem Buch sehr offen von Ihrer eigenen Kindheit und Jugend in Armut. Was hat Sie dazu bewegt, diese so persönlichen Erfahrungen öffentlich zu teilen?
Miriam Davoudvandi: Ich war es einfach satt, dass Leute über uns sprechen, Klischees bedienen, Stereotype bedienen, die einfach nicht stimmen. Ich wollte erzählen, wie sich das wirklich anfühlt, in Armut aufzuwachsen und in Armut zu leben.
Wenn über Betroffene von Armut gesprochen wird, dann sitzen zum Beispiel in politischen Talkshows meistens Menschen, die über uns sprechen. Ganz selten kommt jemand aus armen Verhältnissen selbst zu Wort, was natürlich Gründe hat. Diese zähle ich auch zuhauf in meinem Buch auf. Zum Beispiel sind die Bildungschancen anders. Somit haben arme Menschen normalerweise nicht die Chance, ein Buch zu schreiben. Deswegen dachte ich: Wenn ich schon eine der wenigen Personen bin, die dieses Privileg hat, dann ist es meine Pflicht, über diese Erfahrung zu sprechen.
Marie Claire: Wann wurde Ihnen zum ersten Mal klar, dass Ihre individuelle Geschichte ein Spiegel struktureller gesellschaftlicher Probleme ist?
Miriam Davoudvandi: Relativ spät. Wir leben ja alle in Erzählungen vom Aufstieg, von „Jeder ist seines Glückes Schmied“. In der Schule fängt das schon an: Jeder lernt für sich und jeder steigt für sich auf.
Armut macht ja vor allem eine Sache: Sie löst Scham aus. Das heißt, man spricht eigentlich nicht darüber – auch arme Menschen untereinander nicht, weil es natürlich gesellschaftliche Nachteile hat, wenn man sich als arm outet. Dementsprechend wusste ich lange nicht, dass es anderen auch so geht.
Erst als ich Teenager war, mich langsam für Politik interessiert habe, Medien konsumiert und zum ersten Mal Zahlen gehört habe, habe ich gemerkt, dass sehr viele Menschen – auch in einem reichen Land wie Deutschland – von Armut betroffen sind. Wir reden von circa vier Millionen armutsbetroffenen Menschen. Fakt ist: Es gibt sehr, sehr viele Menschen, die in Deutschland gerade mal so am Existenzminimum leben.
Marie Claire: Gibt es Erfahrungen aus Ihrer Kindheit, die Sie trotz Ihres sozialen Aufstiegs bis heute begleiten?
Miriam Davoudvandi: Ja, ich glaube, das ist auch das Problem mit der Armut: Nur weil ich mehr verdiene als meine Eltern und nicht mehr am Existenzminimum lebe, heißt das nicht, dass die Existenzängste verschwinden. Die sind so tief verankert im Körper und in den Gedanken. Die Mechanismen von damals sind immer noch da. Ich war länger in meinem Leben arm als „reich“, wobei ich mich so eigentlich nicht bezeichnen würde, sondern eher als normal oder durchschnittlich verdienend.
Armutserfahrung kann je nach Ausprägung auch als Trauma gewertet werden. Das ist etwas, was sich ganz, ganz fest in der Art und Weise verankert, wie man denkt und wie man Dinge betrachtet. Dementsprechend merke ich das bis heute. Zum Beispiel habe ich Albträume davon, dass mein Konto leergeräumt ist. Oder ich bin manchmal total geizig, weil ich einfach weiß, wie man mit wenig Geld haushalten muss. Auf der anderen Seite fällt es mir auch schwer, damit umzugehen, Zugang zu Geld zu haben. Ich könnte mein Geld nicht gut anlegen und würde es wahrscheinlich sofort wieder verlieren, weil ich keine Ahnung von Finanzen habe. Ich glaube, wer einmal arm war, nimmt diese Denkweisen für immer mit – egal, wie sehr sich das eigene Leben später verändert.
Marie Claire: Warum sind Frauen statistisch gesehen besonders von Armut gefährdet?
Miriam Davoudvandi: Frauen sind aus verschiedensten Gründen besonders gefährdet. Zum einen sind Frauen häufiger alleinerziehend als Männer – und Alleinerziehende gehören zu den Gruppen, die am meisten armutsgefährdet sind. Es gibt einfach sehr wenig Unterstützung für alleinerziehende Eltern. Außerdem ist es ein Problem, dass Frauen öfter in Altersarmut landen, weil sie zum Beispiel weniger oder in Teilzeit gearbeitet haben, um ihre Kinder zu versorgen, während die Männer gearbeitet haben. Und natürlich haben wir bis heute einen Gender Gap, was Gehälter in vielen Berufen angeht.
Marie Claire: Welchen Rat würden Sie insbesondere Frauen geben, wenn es darum geht, Armut zu entkommen oder sich langfristig vor sozialem Abstieg abzusichern?
Miriam Davoudvandi: Für die Beantwortung der Frage bin ich leider nicht die beste Person, weil ich wie gesagt einfach nicht weiß, wie man mit Geld umgeht und wie ich mich selbst absichere. Ich gehöre eher zu den Menschen, die sich panisch an Geld klammern, wenn es mal da ist. Es gilt natürlich, Entscheidungen wirtschaftlich zu fällen. Dabei muss klar sein, jeder Mensch ist nur eine Krankheit oder eine falsche Beziehung davon entfernt, selbst in Armut zu landen. Dieser Glaube, dass wir schneller aufsteigen als absteigen können, ist komplett falsch und auch widerlegt.
Deswegen ist es wichtig, sich klarzumachen, dass zum Beispiel eine Trennung als Frau in einer Beziehung wirtschaftlich das Ende bedeuten kann. Auch wenn man in einer Partnerschaft ist, sollte man darauf achten, sich selbst abzusichern und immer zu schauen, dass man seinen eigenen Teil an Geld hat. Meine Mutter hat das zum Beispiel immer so gemacht, dass sie Geld in verschiedenen Töpfen gebunkert hat, von denen mein Vater nichts wusste – auch wenn die Beziehung meiner Eltern bis heute völlig intakt ist.
Ich sage nicht, dass das die optimale wirtschaftliche Lösung ist, die man im Jahr 2026 anstreben sollte. Aber das war ihre Art, sich mit dem Wissen, das sie damals hatte, abzusichern – falls alle Stricke reißen. Und ich glaube, das ist super, super wichtig als Frau, einfach einen Geldtopf zu haben, der wirklich nur einem selbst gehört.
Marie Claire: Bildung gilt oft als Schlüssel zum sozialen Aufstieg und in Ihrem Fall hat dieser Weg auch funktioniert. Warum sorgt unser Bildungssystem dennoch nicht für echte Chancengleichheit?
Miriam Davoudvandi: Es kommt ja nicht nur darauf an, was in der Schule passiert, sondern auch darüber hinaus. Allein die Art und Weise, wie man zu Hause lernen kann, ist ungerecht. Ich kenne zum Beispiel Lehrer:innen, die sagen, sie geben keine Hausaufgaben, weil es ungerecht ist. Manche haben zu Hause die Ruhe, diese Hausaufgaben zu machen, und Eltern mit einem höheren Bildungsabschluss, die dabei helfen können. Und dann gibt es wiederum Kinder – dazu zähle ich mich beispielsweise auch – bei denen es immer Stress gab, wo es immer laut war, wo Leute herumgerannt sind, wo nebenbei gekocht wurde, weil die Räume einfach sehr eng waren. Und da fängt schon eine Ungerechtigkeit an. Auch bei der Frage, wie viel Ruhe man mental hat – unabhängig von Geräuschen um sich herum – um sich wirklich auf die Schule zu konzentrieren, gibt es Unterschiede.
Dazu kommen Kleinigkeiten, die sich summieren und über die Zeit zum Beispiel eine Note beeinflussen können. Zum Beispiel: Womit arbeitet man eigentlich? Hat man Geld, um auf Klassenfahrten mitzufahren? Kann man sich die ganzen Bücher, die Unterlagen, Stifte leisten? All das ist so, so teuer. Ich weiß noch, wie das bei uns jedes Jahr ein Riesenpolitikum war, welchen Wasserfarbkasten ich bekomme. Ob es wieder der billige sein muss, der nicht richtig Farbe abgibt.
Und natürlich kommt es auch darauf an, welches Bild die Eltern von Bildung haben. Bei armen Menschen gibt es da oft zwei Extreme. Bei uns war es zum Beispiel dieses extreme Gefühl: Ich bin die Hoffnung, ich muss uns da rausholen. Das ist auch ein ungesunder Druck für viele Kinder. Dann gibt es wiederum arme Menschen, die das ganz anders sehen. Für sie ist alles, was akademisch ist, total angsteinflößend. Sie sagen: Mach etwas Vernünftiges, mach eine Ausbildung, vielleicht etwas Handwerkliches. Die Freiheit, sich zu entfalten, ist ein Privileg, das nicht alle Kinder und Jugendlichen haben. Aber ich finde, das ist etwas, das Kinder haben sollten, vor allem in einem Land wie Deutschland.
Marie Claire: Sie beschreiben Armut als dauerhaften Stresszustand. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen finanzieller Unsicherheit und der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen?
Miriam Davoudvandi: Ja, auf jeden Fall. Ich finde auch, dass psychisch krank sein arm machen kann und arm sein psychisch krank machen kann. Das bedingt sich gegenseitig. So viele Menschen wissen einfach nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Natürlich macht das etwas mit der Psyche. Das ist ja ein Dauerstress. Da geht es wirklich an die Substanz, da geht es um die Basics des Überlebens: Habe ich genug zu essen? Kriege ich meine Kinder durch? Kann ich die Miete bezahlen? Jeder Mensch weiß ja heutzutage, was Stress mit Körper und Psyche macht.
Und dann ist es natürlich auch nicht günstig, wenn man einmal erkrankt. Sich die Zeit nehmen zu können, krank zu sein – egal ob psychisch oder physisch – das muss man sich in der heutigen Gesellschaft erlauben können. Wenn man sein Leben lang nur geackert und funktioniert hat, kommt man vielleicht gar nicht auf die Idee, dass man auch einmal schwach sein darf. Denn einmal schwach sein, kann bedeuten, dass die Familie vielleicht nicht mehr ernährt werden kann.
Und sich letztendlich Hilfe zu holen, hat auch etwas mit Geld zu tun. Wer Zugang zu einer guten Krankenversicherung und zu einer guten Krankenversorgung hat, für den ist das einfacher. Jemand, der zum Beispiel akut Hilfe braucht, bekommt sie sonst nicht unbedingt. Jeder weiß, wie lange man heutzutage auf Kassenplätze wartet, wenn es um eine Psychotherapie geht. Jemand, der da einen Shortcut braucht, der muss bezahlen. Deswegen würde ich schon sagen, dass gerade die psychische Gesundheit enorm mit Geld zusammenhängt.
Marie Claire: Sie stellen in Ihrem Buch das Narrativ infrage, jede:r sei seines Glückes Schmied. Warum ist diese Erzählung so problematisch?
Miriam Davoudvandi: Weil es einfach nicht stimmt. Vieles hat einfach mit Zufall zu tun. Vieles hat mit Privilegien zu tun, die sich teilweise über Jahre und Jahrzehnte aufbauen – und meistens einfach damit, in was für eine Familie man hineingeboren wird. Armut – aber auch Reichtum – wird in den allermeisten Fällen vererbt. So wie reiche Menschen oft reich sind, weil es davor schon jemanden in der Familie gab, der reich war, so ist es auch bei Armut der Fall. Einmal diesen Zyklus zu durchbrechen, ist extrem schwer.
Marie Claire: Sie mussten am Beispiel Ihrer Eltern selbst erleben, dass harte Arbeit sich nicht automatisch auszahlt. Was müsste sich ändern, damit Leistung gerechter honoriert wird?
Miriam Davoudvandi: Darüber reden wir ja schon sehr lange, und es tut sich nur langsam etwas. Zum Beispiel gab es in der Zeit, von der ich im Buch erzähle, noch keinen Mindestlohn. Das ist schon einmal eine Errungenschaft, die wir in der Zwischenzeit erreicht haben. Aber sicher reicht es noch nicht. Es gibt viele Formen, wie arme Menschen für ihre Armut sanktioniert werden, die wir abschaffen müssen. Zum Beispiel kann es nicht sein, dass Menschen, die nicht über die Runden kommen und dann zur Arbeit müssen, ihr Ticket nicht bezahlen können und dafür sanktioniert werden – bis hin zu Gefängnisstrafen. Auch Maßnahmen im Jobcenter gehören dazu. Dort werden Menschen teilweise dafür bestraft, dass sie bestimmte Sachen nicht machen können oder wollen, anstatt zu schauen, was eigentlich zu ihnen passt und worin sie aufgehen würden.
Über eine Kindergrundsicherung, die fehlt, wird auch seit Jahren gesprochen. Beim Rentensystem reden jetzt alle von privaten Renten. Aber wie funktioniert das überhaupt, ein Wissen dazu zu vermitteln, auf das jeder gleichermaßen zugreifen kann? Es gibt zum Beispiel keine barrierefreien Informationen darüber, wie man in seine private Altersvorsorge investieren kann. Auch ein flächendeckender Mietendeckel wäre notwendig. Mieten werden schließlich immer teurer. Es gibt wirklich keinen Lebensbereich, an dem die Politik nicht ansetzen könnte, um das Leben von armen Menschen zu erleichtern. Die Frage ist natürlich: Warum wird das nicht getan? Und wo wird stattdessen gespart?
Meine Aufgabe als Autorin ist es nicht, der Politik vorzuschreiben, was sie zu tun hat oder Lösungen zu finden. Meine Aufgabe ist es, zu erzählen und anzuprangern, was schiefläuft. Lösungen gibt es bereits. Es gibt Vorschläge und Ideen. Es gibt viele kluge Menschen, die diese Ideen immer wieder fordern. Aber was ich politisch gerade mitbekomme, sind vor allem Debatten über Kürzungen, Debatten darüber, dass wir zu wenig arbeiten, oder über Teilzeitstreichungen. Und ich finde, das geht in eine absolut falsche Richtung. Denn ich glaube, wenn es eine Sache gibt, die Menschen in Deutschland nicht tun, dann ist es, zu wenig zu arbeiten. Ich kenne niemanden, der in Deutschland nicht von morgens bis nachts darüber redet, wie gestresst er gerade von der Arbeit ist. Das ist die Lebensrealität, in der ich lebe. Und ich glaube, in der leben die meisten Menschen.
Marie Claire: Viele arme Menschen sind in Überarbeitung und dem Modus des „Funktionierens“ gefangen. Fehlt dadurch die Kraft für politische Teilhabe, Protest oder Widerstand, zum Beispiel gegen den fortschreitenden Abbau des Sozialstaats?
Miriam Davoudvandi: Ja, total! Wer den ganzen Tag mit Arbeit beschäftigt ist, hat einfach keine Energie mehr – weder dafür, sich um sich selbst zu kümmern noch für politische Teilhabe. Deswegen sage ich auch in dem Buch: Wenn sich ein Staat wirklich demokratisch nennt, dann muss er dafür sorgen, dass die Menschen so entlastet sind, dass sie überhaupt beurteilen können, ob sie das okay finden, was diejenigen machen, die von ihnen gewählt wurden.
Auch da sind meine Eltern, die teilweise in zwei oder drei Jobs gleichzeitig gearbeitet haben, das beste Beispiel. Mein Vater kam meistens erst um zehn Uhr von der Arbeit nach Hause. Dann haben wir zusammen die politischen Talkshows angemacht und uns gemeinsam darüber aufgeregt. Dann sitzt man da, es ist schon spät, man muss eigentlich schon schlafen, weil man in fünf Stunden wieder aufstehen muss. Wo soll da noch Zeit oder Energie bleiben, um zu sagen: Ich tue jetzt aktiv etwas dagegen?
Deswegen finde ich, ein gesunder Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit sollte auch Aufgabe der Menschen sein, die sagen, sie wollen eine Demokratie erhalten und schützen – also unserer Politik. Denn die allermeisten können daran gar nicht wirklich teilhaben. Sie können vielleicht noch eine Zeitung lesen, den Fernseher anschalten und sich aufregen oder etwas in eine Kommentarspalte schreiben. Aber damit ist es halt nicht getan.
Marie Claire: Für arme Menschen ist auch Zeit ein Luxusgut, wie aus Ihrem Buch deutlich wird. Welche gesellschaftlichen Folgen hat es, wenn sich manche Zeit „erkaufen“ können und andere nicht?
Miriam Davoudvandi: Im Extremfall geht es dabei wirklich um Lebenszeit. Man kauft sich ja nicht nur Zeit im Sinne von Freizeit oder Zeit, um sich politisch zu organisieren, sondern tatsächlich Lebenszeit. Wer sehr viel, sehr hart und sehr körperlich arbeitet, bei dem äußert sich das auch am Körper. Und wer das nicht tut, wer Erholungsphasen hat, wer vielleicht leichtere Arbeit macht und viel Zeit hat, um in Wellness oder Sport zu investieren, der lebt durchschnittlich länger.
Wir wissen alle, dass bestimmte Dinge gesund sind und andere ungesund. Zeit wirkt auf alles: Zeit, sich gesund zu ernähren, Zeit, Sport zu machen, Zeit, sich um seine Psyche zu kümmern, Zeit mit seiner Familie und mit Freundinnen zu verbringen. Das ist super wichtig für uns als Menschen, für unsere Psyche, für unseren Körper. Und am Ende sind diese Alltäglichkeiten, die man halt nicht machen kann, wenn man alleinerziehend ist mit zwei Jobs, auch alles lebenserhaltende Sachen.
Marie Claire: Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern – welches Umdenken braucht es, damit nicht immer mehr Menschen zu wenig zum Leben haben?
Miriam Davoudvandi: Ich würde auch da sagen, dass sich die meisten Menschen bewusst machen müssen, dass sie eigentlich näher an armen Menschen dran sind als an reichen. Auch wenn dieses Narrativ von „Jeder kann es schaffen“ omnipräsent ist – und das Narrativ, wie leicht man abstürzen kann, viel weniger.
Die meisten von uns sind nur eine falsche Entscheidung, eine falsche Beziehung, eine falsche Finanzentscheidung, eine Kündigung oder eine Krankheit davon entfernt, selbst arm werden zu können – außer natürlich, man gehört zu den wenigen, die extrem viele Rücklagen haben oder eine Familie, die superreich ist und einen auffängt. Aber die allermeisten Menschen, die ganz normal angestellt sind, betrifft das eben doch.
Ich glaube, dieses Bewusstsein, dass man eigentlich zu dieser Gruppe von Menschen gehört und dass das keine Außerirdischen sind, wie sie vielleicht medial dargestellt werden oder wie man sie aus dem sogenanntem Assi-TV kennt, ist wichtig.
Es geht außerdem darum, zu verstehen, dass man sich zusammentun muss. Dass man nicht nur Empathie haben sollte, sondern wirklich zusammen schaut, wie man Kritik äußern kann an einer, sagen wir mal „herrschenden Klasse“, die im Endeffekt Politik bestimmt und bestimmt, wie Geld umverteilt wird. Ein gutes oder zumindest ein okayes Leben für alle sollte kein Luxus sein, sondern eigentlich ein Mindestkonsens.
Marie Claire: Wenn Sie eine politische Maßnahme sofort umsetzen könnten, um Armut wirksam zu reduzieren, welche wäre das?
Miriam Davoudvandi: Ich glaube, dass die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens eine Rolle spielen könnte. Wie die konkrete Umsetzung aussieht, kann ich nicht sagen. Aber ich glaube, dass die Idee dahinter eine Grundruhe in das Leben vieler Menschen bringen würde. Zu wissen: Da ist eine Basis, und man kann sich damit die Basics leisten – also okay wohnen, okay essen – und alles andere erwirtschaftet man sich selbst. Ich glaube, das würde vielen Menschen eine Ruhe geben, die wir dringend brauchen.
Marie Claire: Was würden Sie den Leser:innen von Marie Claire zum Schluss gerne noch mit auf den Weg geben?
Miriam Davoudvandi: Ich würde hier wiederholen, was ich vorhin schon gesagt habe: sich bewusst zu machen, dass man selbst gar nicht so weit von Armut entfernt ist. Wer sich zum Beispiel die Zeit nehmen kann, diesen Artikel zu lesen, wird wahrscheinlich zumindest so viel Geld und Zeit haben, dass es ihr oder ihm einigermaßen okay geht. Deshalb ist es wichtig, dass die Person, die das liest, sich dessen bewusst wird, dass Armut gar nicht so fern und so „außerirdisch“ ist, wie sie immer dargestellt wird. Dementsprechend sollte man mit anderen Menschen umgehen – aber auch mit sich selbst. Und gerade, wenn es um Frauen geht, ist es natürlich wichtig, sich auch finanziell abzusichern.
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