Marie Claire: Woher nimmst du deine Energie und Inspiration?
Unter anderem von den Working Moms. Ich habe den Verein vor fast 20 Jahren mitgegründet. Ich hatte damals zwei kleine Kinder im Alter von drei und eins und hatte immer den Eindruck, ich bin die Einzige, die im Kindergarten nicht spontan um 15 Uhr Sankt-Martinslaternen basteln kann. Oder abends nicht spontan um 19 Uhr einen Kundencall machen kann. Irgendwann habe ich die Initiative ergriffen und die wenigen gleichgesinnten Mütter, die ich kannte, in Frankfurt zusammengetrommelt. Gemeinsam mit meiner Freundin Anke Nestler als Mitgründerin habe ich ein Treffen organisiert. Wir hatten einen sehr inspirierenden Abend mit knapp zehn Frauen, von denen heute fast alle noch mit dabei sind. Sie alle haben tolle Karrieren gemacht; einige sind bis in DAX-Vorstände aufgerückt. Der Abend hat uns allen viel Spaß gemacht, es war so inspirierend, dass wir beschlossen haben, uns regelmäßig zu treffen. Einen Verein haben wir eigentlich nur gegründet, um für die Raummiete und den Blumenstrauß für eine Referentin nicht immer mit dem Klingelbeutel herumgehen zu müssen. Nach und nach kamen die ersten, die gesagt haben: Meine Schwester in Düsseldorf, die ist auch so wie wir, und in Hamburg gibt es auch welche. Daher haben wir den überregionalen Verband gegründet und inzwischen gibt es 12 Lokalvereine mit mehr als 1.000 Mitgliedern. Alle zwei Jahre findet ein überregionales Treffen statt. Ich muss sagen, es ist für mich eines der wichtigsten Netzwerke geworden, sowohl beruflich als auch privat. Es ist meine erste Anlaufstelle für alles – egal ob ich einen Zugang zu einem bestimmten Unternehmen suche, eine Kardiologin oder eine Expertin für die Bewertung von Kunst.
Marie Claire: Welche Lebensregeln versuchst du deinen eigenen Kindern mitzugeben?
Meine Kinder sind heute junge Erwachsene. Eigenverantwortung ist sicher ein wesentlicher Punkt. Aber auch das Kümmern um andere, zum Beispiel in der erweiterten Familie oder in ihren Freundeskreisen. Ich denke, meine Kinder sind relativ früh selbstständig geworden und haben gelernt, Dinge selbst zu meistern – vom Radweg zum Fußballtraining bis zum Referat in der Schule. Und nicht zuletzt erleben sie bis heute, was alle Working Moms ihren Kindern vorleben, ein sehr gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Man kann reden, so viel man will, wenn man es selbst vorlebt, macht das was mit ihnen. Sowohl mit den Jungs als auch mit den Mädchen. Ich habe zwei Jungs und die haben von mir gelernt, wie man einen Fahrradreifen flickt, und von meinem Mann, wie man kocht. Das ist vielleicht etwas untypisch.
Marie Claire: Wie können die Working Moms einander helfen?
Als Working Moms machen wir einander Mut und zeigen durch unsere eigenen Wege, dass Familie und Karriere kein Widerspruch sein müssen. Diese Vorbildfunktion ist für viele Frauen enorm wichtig. Selbst heute höre ich von vielen Mittdreißigerinnen, die jetzt kleine Kinder haben, dass sie sich noch immer häufig als die Einzigen fühlen, wenn sie relativ schnell und vollzeitnah wieder in den Job zurückkehren wollen. Da kann so ein Netzwerk ungeheuer ermutigend sein. Und ich weiß von vielen, die sich zum Beispiel auch wegen der Vorbilder bei den Working Moms getraut haben, einen neuen Job anzunehmen. Manchmal sogar einen, bei dem sie Zweifel hatten, ob sie das schaffen. Oder zum Beispiel ein drittes oder viertes Kind zu bekommen, weil sie so viele Role Models kannten, dass sie gesagt haben, wenn sie das schaffen, dann schaffe ich das auch.
Marie Claire: Welche Herausforderungen haben dich rückblickend stärker gemacht?
Man hat als voll berufstätige Mutter immer wieder die Herausforderung, sehr stark improvisieren zu müssen. Und immer wieder bricht einem irgendwas weg. Die Kinderfrau kündigt, das Kind ist krank oder man muss auf einmal auf eine Geschäftsreise mit Übernachtung, aber der Partner ist auch unterwegs. Man möchte ja trotzdem für seine Kinder da sein und sie liebevoll aufziehen. Gerade am Anfang ist man von solchen Situationen jedes Mal überfordert und stellt womöglich sein ganzes Lebensmodell in Frage. Und je häufiger man diese Situation bewältigt hat, desto entspannter wird man. Man findet einen Weg und es gibt für alles eine Lösung. Es ist natürlich auch leichter geworden durch Homeoffice und Co. Aber auch, weil vieles inzwischen gesellschaftlich akzeptierter ist und auch Väter viel stärker involviert sind.
Marie Claire: Wie schaffst du es, den Überblick zu behalten, wenn beruflich und privat das Chaos ausbricht?
Ich glaube, die meisten Working Moms sind schon sehr gut organisiert. Anders wird man das kaum hinkriegen. Viele organisieren direkt noch ihre ganze Familie mit, das ist auch sehr anstrengend. Ich war irgendwann auch froh, als meine Sonntagabende nicht mehr nur daraus bestanden, den Google-Kalender für die ganze Familie, die Babysitterin und so weiter zu aktualisieren. Zusätzlich zu meinem beruflichen Kalender natürlich. Wir sollten das aber trotzdem nicht immer Doppelbelastung nennen. Es ist vor allem eine Doppel-Bereicherung und man lernt ganz viel auch aus der Familie, was man im Job ebenfalls nutzen kann. Auch ganz praktische Sachen. Zum Beispiel habe ich jahrelang mit meinen Kindern den Kicker gelesen und Fußballkarten sortiert, was mir bei Kunden und männlichen Kollegen in Gesprächen sehr geholfen hat.
Marie Claire: Was war die mutigste Entscheidung deines Lebens?
Die mutigste berufliche Entscheidung war wahrscheinlich, eine schon bestehende Führungsposition aufzugeben und damals in ein Startup namens Hering Schuppener Consulting zu gehen, wo ich die siebte Mitarbeiterin war. Und dann kurz danach in genau diese Firma mitten in der Finanzkrise zu investieren. Daraus ist heute die weltweit führende Kommunikationsberatung FGS Global mit rund 1.600 Mitarbeitern geworden, an der ich nach wie vor beteiligt bin und die ich auch mitprägen konnte. Das Risiko einzugehen, hat sich also gelohnt.
Marie Claire: Was wissen die meisten Menschen nicht über dich?
Dass ich gelegentlich im Pflegeheim meines Vaters Klavier spiele und Volkslieder singe. Gerade wenn die Kinder aus dem Haus sind, fängt es oft bei den eigenen Eltern an, dass sie Nähe und Betreuung brauchen. Viele von den Working Moms meiner Generation sind aktuell ebenfalls in dieser Lebensphase. Meine Mutter ist glücklicherweise sehr fit.
Marie Claire: Wann fühlst du dich wirklich frei?
Wenn ich in meinem Gemüsegarten Beete umgrabe, Unkraut jäte und am Ende Tomaten oder Himbeeren ernte: Das ist mein persönliches Kontrastprogramm zu Bildschirm und Konferenzraum.