Was die Working Moms verbindet, ist kein bestimmter Karriereweg oder ein gemeinsames Lebensmodell. Es ist die Überzeugung, dass Sichtbarkeit Veränderung schafft. Sie kennen die kleinen und großen Herausforderungen eines Alltags, in dem Familie, Beruf und persönliche Ziele ihren Platz finden müssen. Als Netzwerk schaffen sie gemeinsam einen Ort, an dem Erfolge gefeiert, Zweifel geteilt und neue Wege sichtbar werden. Im Gespräch erzählt Anke Lührs, weshalb Sichtbarkeit und Austausch für sie bis heute eine zentrale Rolle spielen und warum Gesundheit das größte Gut ist.
Zwischen dem ersten Kaffee am Morgen und dem Licht, das abends im Kinderzimmer ausgeht, liegen unzählige Entscheidungen. Große und kleine, berufliche und private, geplante und spontane. Viele Mütter bewegen sich täglich selbstverständlich und routiniert durch diese Alltagssituationen. Hinter dem Netzwerk „Working Moms“ stehen Frauen mit Haltung, Ideen und Visionen. Frauen, die führen, begleiten, erfinden, verändern und immer wieder neue Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden. Jedes einzelne Leben erzählt von Erfolgen und Umwegen, von Herausforderungen und Chancen, von dem, was antreibt und dem, was trägt. Vor allem aber zeigen sie die Menschen hinter den Rollen, denn keine Geschichte gleicht der anderen. Und doch verbindet alle Frauen der Wunsch, Familie und Beruf nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides als Teil ihres individuellen Lebenswegs zu gestalten.
Als die Working Moms im Frühjahr 2007 gegründet wurden, fehlten vielerorts sichtbare Vorbilder für Frauen, die Familie und ambitionierte Karriere miteinander verbinden wollten. Aus dieser Lücke entstand ein Verein, der bis heute wächst. Was mit wenigen Frauen in Frankfurt begann, ist mittlerweile ein Netzwerk von mehr als 1.000 engagiert berufstätigen Müttern in Deutschland und der Schweiz geworden, die beruflich wie privat Führungsverantwortung übernehmen – vereint durch den Wunsch, sich gegenseitig zu stärken und Sichtbarkeit zu schaffen.
Foto: Pauline Kamper
Bei Anke Lührs führte der Weg zu den Working Moms über ihren Mann und eine Arbeitskollegin, die bereits im Netzwerk aktiv war. Damals war Anke gerade Mutter eines fünfjährigen Kindes und eines Säuglings – mitten in einer Lebensphase, in der vieles gleichzeitig passierte und kaum etwas planbar war. Ihr beruflicher Alltag als Neurologin verlangte volle Präsenz, ihre Familie ebenso. Erst die ersten Treffen als Gästin öffneten plötzlich einen neuen Raum für Austausch, Verständnis und das Gefühl, nicht allein zu sein mit einem Alltag, der oft an Grenzen führt. Organisatorisch, emotional und vor allem körperlich. Heute, viele Jahre später, ist dieser Austausch geblieben. Im Porträt erzählt Anke Lührs, Inhaberin von LÜHRS BRAIN HEALTH in Düsseldorf, warum gerade in intensiven Lebensphasen Netzwerke entstehen, die tragen, weshalb es manchmal nur einen einzigen Impuls braucht, um sich weniger allein zu fühlen und warum gerade Gesundheit nicht unterschätzt werden sollte.
Marie Claire: Wie organisierst du den Alltag, der wahrscheinlich nie wirklich planbar ist, gerade auch als berufstätige Mutter?
Vieles ist heute einfacher geworden, weil unsere Kinder größer sind. Sie sind inzwischen acht und 14 Jahre alt. Als sie noch kleiner waren und ich regelmäßig Nacht- und Wochenenddienste gemacht habe, war die Organisation des Familienalltags deutlich anspruchsvoller. Wir haben im Laufe der Jahre nahezu jede Form der Kinderbetreuung genutzt – von Au-pairs über Kinderfrauen bis hin zu Vermittlungsagenturen. Oft fühlte es sich an wie ein großes Puzzle, das jeden Tag neu zusammengesetzt werden musste. In den vergangenen Jahren ist vieles entspannter geworden, vor allem weil die Kinder selbstständiger sind. Gleichzeitig habe ich durch meine Tätigkeit im Krankenhaus einen sehr klar vorgegebenen Tagesablauf. Medizin lässt sich in vielen Bereichen nicht ins Homeoffice verlagern. Mein Mann sagt deshalb manchmal scherzhaft, dass es bei uns morgens ein wenig wie beim Militär abläuft. Ganz so streng ist es natürlich nicht, aber feste Strukturen waren für uns immer unverzichtbar. Die Kinder wussten, wie der Morgen abläuft, und wir als Eltern haben einen klaren Rahmen vorgegeben. Das war schon so, als wir noch gleichzeitig ein Kindergarten- und ein Schulkind morgens aus dem Haus bringen mussten. In einer Klinik gibt es feste Abläufe. Der Tag beginnt mit der Frühbesprechung, und die wartet nicht darauf, dass jemand etwas später kommt. Spätestens als Chefärztin und Leiterin dieser Besprechungen konnte ich nicht sagen: „Ich komme dann irgendwann nach.“ Verlässlichkeit gehört in der Medizin einfach dazu. Rückblickend haben uns klare Strukturen, gegenseitige Unterstützung und eine gute Organisation durch viele herausfordernde Jahre getragen.
Marie Claire: Hast du gewisse Rituale, um abzuschalten, gerade nach einem stressigen, vollen Tag?
Ja, das ist ja genau mein Thema. Ich bin Neurologin und habe mich in den letzten Jahren immer mehr damit beschäftigt, wie wir unser Gehirn unterstützen und schützen können. Unser Gehirn braucht Pausen. Für mich ist ein klares Ritual, dass ich mich umziehe, wenn meine Arbeit zu Ende ist. Für uns Ärzte das automatisch drin, wir legen Kittel oder Funktionskleidung ab. Dieses ist ein klassisches Übergangsritual, das viele andere Berufe nicht haben. Zudem mache ich gerne Sport und gehe zum Beispiel draußen Laufen. Ich lese auch sehr gerne, am liebsten klassisch gedruckte Bücher. Ich habe da keinen Anspruch an die Bücher, die ich abends zum Runterkommen lese. Das muss jetzt keine hohe Literatur sein, sondern ich gucke, dass das etwas ist, was mein Gehirn nicht noch zusätzlich fordert. Und ich bin jemand, der sehr auf seinen Schlaf achtet. Gerade in den Tiefschlafphasen reinigt sich unser Gehirn. Abbaustoffe, die sich während des Tages angesammelt haben, werden ausgeschwemmt. Und wenn das nicht ordentlich passiert, dann bleiben eben diese Dinge da einfach liegen. Deswegen ist es mir sehr wichtig auf acht Stunden Schlaf zu kommen. Das ist ein spannendes Thema und auch sehr relevant im Kontext vom Longevity-Trend. Wir investieren enorme Summen in die Behandlung von Krankheiten, aber vergleichsweise wenig in ihre Vermeidung. Genau deshalb habe ich mich im Bereich Longevity weitergebildet und eine Privatpraxis für Prävention und Gehirngesundheit gegründet.
Marie Claire: Was würdest du an der Arbeitswelt für Mütter sofort ändern?
Wir sind in der Medizin in einer anderen Arbeitsstruktur als viele andere Berufe und können kaum von zuhause arbeiten. Was für mich in den letzten Jahren geworden ist, dass Familie immer vorgeht. Egal welcher Mitarbeiter oder welche Mitarbeiterin zu mir kommt, weil das Kind krank ist, war klar: Du gehst und wir kümmern uns. Und das ist das Schöne und kann auch das Entlastende vom Krankenhaus sein. Wenn ich gehe, ist jemand da, der sich kümmert. Ich lasse eigentlich kein offenes Ende. Wir können dann Verantwortung auch weitergeben und zwar ganz praktisch in die nächste Hand.
Marie Claire: Welche Vision treibt dich jeden Morgen an?
Das klingt ein bisschen abgedroschen, aber das Leben von Menschen besser zu machen. Nämlich gesünder, weil Gesundheit das Wichtigste ist, das wir haben. Wenn man das schöne Haus, das dritte Auto und die zehnte Handtasche hat ist das schön, aber wenn wir nicht gesund sind, dann wird das plötzlich alles wertlos. Ich begleite Patienten auch noch nach ihrer Behandlung weiter und sorge für sie. Wir sind in der Neurologie lange ein bisschen verschrien gewesen, weil wir angeblich nichts tun können, außer zu diagnostizieren. Das hat sich zum Glück massiv gewandelt. Wir haben gute Optionen am Beispiel der Multiplen Sklerose. Das ist ein Krankheitsbild, das tendenziell junge Menschen betrifft. Vor 20 Jahren hatten wir kaum wirksame Medikamente. Wir haben gesagt: Na gut, wir versuchen, die Zeit, bis jemand im Rollstuhl sitzt, möglichst lang hinauszuzögern. Unser Ziel ist heute nicht mehr nur, eine Erkrankung zu behandeln. Unser Ziel ist, dass sie im Alltag möglichst keine Rolle mehr spielt. Mit modernen Therapien können wir bei vielen Patientinnen und Patienten erreichen, dass weder im MRT noch klinisch oder kognitiv Krankheitsaktivität nachweisbar ist. Das nennen wir „No Evidence of Disease Activity“. Und trotzdem bleibt eines entscheidend: Menschen dürfen nicht auf ihre Diagnose reduziert werden. Eine Erkrankung ist nur ein Teil ihres Lebens – niemals ihre ganze Identität. Genau diese Perspektive sollte moderne Medizin vermitteln.
Marie Claire: Gab es auch mal Situationen, in denen du an allem gezweifelt hast?
Zweifel? Die gibt es wahrscheinlich spätestens im dritten Nachtdienst in Folge – morgens um drei Uhr. Natürlich gab es auch Situationen, in denen ich Patientinnen und Patienten begleitet habe, denen wir nicht mehr helfen konnten. Solche Momente gehen nicht spurlos an einem vorbei. Und das sollten sie auch nicht. Für mich gehört genau das zum Arztsein dazu. Ich unterscheide gerne zwischen dem Mediziner und dem Arzt. Der Mediziner analysiert, bewertet Daten und trifft wissenschaftlich fundierte Entscheidungen. Der Arzt begleitet Menschen, trägt mit ihnen Hoffnungen und Enttäuschungen und bleibt auch in schwierigen Situationen an ihrer Seite. Beides gehört untrennbar zusammen. Entscheidend ist, dass wir belastende Erlebnisse im Team besprechen und verarbeiten. Niemand sollte solche Erfahrungen allein mit sich herumtragen. Gleichzeitig bin ich jung in Führungsverantwortung gekommen. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass die Schuhe vielleicht noch etwas zu groß sind. Aber ich habe gelernt: Sobald man hineinschlüpft und losgeht, wachsen viele Aufgaben erstaunlich schnell in die eigene Größe hinein. Natürlich gab es Phasen, in denen in der Familie alles gleichzeitig passiert ist und ich das Gefühl hatte, sieben Bälle gleichzeitig jonglieren zu müssen. Und natürlich gab es auch Momente, in denen ich nicht beim Kindergartenfest oder einer Schulveranstaltung dabei sein konnte. Ich erinnere mich an Situationen, in denen mein Sohn gesagt hat: „Bei den anderen waren die Eltern da, aber du nicht.“ Solche Momente tun weh. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass meine Kinder mir das grundsätzlich vorwerfen. Sie wissen, dass ich immer für sie da bin habe, ohne Sie wäre ich heute nicht diejenige die ich bin. Aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht perfekt – und manchmal knirscht es eben doch.
Marie Claire: Was ist dir heute wichtiger als noch vor 10 Jahren?
Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal Chefärztin werde, hätte ich das kategorisch ausgeschlossen. Und wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich eine eigene Praxis gründen würde, hätte ich genauso reagiert. Im Laufe der Jahre haben sich jedoch meine Prioritäten verändert. Mir wurde Wirksamkeit immer wichtiger – nicht nur in der Behandlung einzelner Patientinnen und Patienten, sondern auch in der Gestaltung von Strukturen im Gesundheitswesen. Daraus haben sich neue Wege und Möglichkeiten ergeben, die ich früher nie für mich gesehen hätte. Deshalb halte ich die klassische Frage, wo man sich in fünf oder zehn Jahren sieht, für wenig aussagekräftig. Natürlich haben die meisten von uns darauf eine gut vorbereitete Antwort. Die Realität ist jedoch, dass das Leben oft andere Pläne hat. Und das ist etwas Positives. Wenn man meinen Lebenslauf betrachtet, wirkt vieles sehr geradlinig. Tatsächlich habe ich immer wieder Chancen ergriffen, die sich ergeben haben. Dabei hatte ich das Glück, von großartigen Mentoren begleitet zu werden – interessanterweise waren das beides Männer: mein erster Chefarzt und mein erster Oberarzt. Gleichzeitig waren viele Entscheidungen bewusst getroffen. Wenn ich jungen Menschen einen Rat geben dürfte, dann diesen: Habt den Mut, neue Wege auszuprobieren. Bleibt nicht an einem Ort stehen, nur weil er vertraut oder bequem ist. Persönliche und berufliche Entwicklung entstehen oft genau dort, wo man bereit ist, den nächsten Schritt zu wagen.
Marie Claire: Welche gesellschaftlichen Veränderungen wünschst du dir für die nächsten Generationen?
Ich wünsche mir, dass Gesundheitskompetenz einen viel größeren Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommt. Damit müssen wir früh beginnen – in Familien, Kindergärten und Schulen. Gleichzeitig dürfen wir nie vergessen: Es ist nie zu spät. Auch mit 85 Jahren kann man noch etwas für seine Gesundheit tun. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass Prävention im Gesundheitssystem endlich den Stellenwert erhält, den sie verdient. Die Effekte zeigen sich nicht immer sofort und sie füllen morgen nicht die Kassen. Aber langfristig wird es nicht ausreichen, Krankheiten immer besser zu behandeln. Wir müssen auch stärker verhindern, dass sie überhaupt entstehen. Prävention ist keine Ergänzung zur Medizin – sie ist eine ihrer wichtigsten Zukunftsaufgaben. Wenn wir es schaffen, Menschen zu einem gesünderen Leben zu befähigen, profitieren davon nicht nur die Einzelnen, sondern die gesamte Gesellschaft.
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