Der Beruf der Notarin gilt noch immer als klassisch, konservativ und männlich geprägt. Annika Seebach zeigt, dass es auch anders geht. Unter dem Namen „fraunotarin“ spricht sie auf Social Media über ihren Berufsalltag, räumt mit Vorurteilen auf und macht juristische Themen verständlicher. Im Interview erzählt sie, warum ihr Sichtbarkeit wichtig ist, welche gesellschaftlichen Klischees ihr noch immer begegnen und weshalb Aufklärung für sie auch eine Form von Empowerment ist.
Marie Claire: Notariat steht für Seriosität, Diskretion und Tradition – warum hast du dich entschieden, gerade diesen Beruf auf Instagram sichtbar zu machen?
Annika Seebach: Für die meisten Menschen ist der Gang zum Notar nicht alltäglich. Wenn sie uns aufsuchen, handelt es sich meistens um sehr wichtige Themen in ihrem Leben: den Kauf des Eigenheims, die Gründung eines Unternehmens oder die Regelung ihres Nachlasses.
Dabei erlebe ich immer wieder, wie viel Respekt Menschen vor einer Beurkundung haben und wie viel Unsicherheit schon mit der ersten Kontaktaufnahme verbunden sein kann. Genau diese Hürde möchte ich nehmen, indem ich verständlich und leicht zugänglich über diese Themen aufkläre.
MC: War dein Account @fraunotarin von Anfang an als Statement gedacht?
AS: Der Name war bewusst gewählt, aber ich werde tatsächlich oft genau so mit einem Augenzwinkern angesprochen.
„Notar“ ist für viele immer noch ein sehr klassisches Bild. Viele denken zuerst an einen älteren Herrn im Anzug.
Mit „Frau Notarin“ wollte ich zeigen, dass dieser Beruf längst kein reiner Männerberuf mehr ist und dass auch Frauen diesen Weg gehen, Kanzleien gründen, Verantwortung tragen und alte Muster aufbrechen.
MC: Viele würden sagen: „Ein Notariat braucht doch kein Social Media.“ Was entgegnest du?
AS: Recht betrifft jeden. Es hat seinen Grund, warum bestimmte Verträge nur in notarieller Form wirksam sind. Oft prägen die dabei getroffenen Entscheidungen ganze Lebenswege.
Über Social Media kann ich für diese wichtigen Themen sensibilisieren. Nach manchen Beiträgen bekomme ich Nachrichten von Menschen, denen vorher gar nicht bewusst war, was man alles rechtlich regeln kann oder worüber man zumindest einmal nachdenken sollte.
Wenn dadurch jemand früher über Vorsorge, wichtige Entscheidungen für die eigene Familie oder andere Weichenstellungen im Leben nachdenkt, dann hat Social Media für mich seinen Zweck erfüllt.
MC: Welche Lücke wolltest du mit deiner Präsenz schließen – fachlich oder gesellschaftlich?
AS: Vor allem eine fachliche Lücke. Viele rechtliche Themen betreffen den Alltag von Menschen unmittelbar, werden aber oft so erklärt, dass sie außerhalb der juristischen Welt kaum verständlich sind.
Mir ist wichtig zu zeigen, dass Recht nicht nur aus Paragraphen besteht, sondern unglaublich nah am täglichen Leben ist.
Gleichzeitig entsteht dadurch vielleicht auch gesellschaftlich ein anderes Bild von Notaren. Ein Beruf, der traditionell wirkt, sich aber ebenso weiterentwickelt und neue Wege der Kommunikation nutzt.
MC: Noch immer gibt es deutlich weniger weibliche Notarinnen als männliche Kollegen. Woran liegt das aus deiner Sicht?
AS: Ich bin leider fest davon überzeugt, dass es noch immer viel mit dem Bild des Notars in der Gesellschaft zu tun hat und mit der damit verbundenen Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Bevor ich die notarielle Fachprüfung absolviert habe, hat mir ein männlicher Kollege einmal gesagt, dass ich als Frau keine Notarin werden könne, weil ich doch sehr wahrscheinlich irgendwann Kinder haben wolle. Das hat mich nur noch mehr angespornt.
Ich bin inzwischen seit vier Jahren Notarin und wurde vor zwei Jahren Mutter. Ich hatte weder Mutterschutz noch Elternzeit. Es war für mich keine Option, das Amt vorübergehend niederzulegen, auch wenn die Notarordnung diese Möglichkeit vorsieht. Ich trage meinen Mitarbeitenden gegenüber eine Verantwortung und habe mir mit meiner eigenen Kanzlei etwas aufgebaut.
Viele Frauen schreckt genau dieser Punkt ab. Deswegen ist es mir auch ein großes Anliegen, anderen Juristinnen (oder solchen, die es werden möchten) auf Social Media zu zeigen, dass beides zusammen funktioniert: das Notar-Dasein und die Rolle der Mutter.
MC: Hast du auf deinem eigenen Weg strukturelle Hürden erlebt, die Männer so vielleicht nicht erfahren?
AS: Wenn man gründet, gibt es immer Hürden. Das gehört dazu. Sicherlich hatten einzelne davon auch mit meinem Geschlecht zu tun und natürlich erinnere ich mich an den vorhin erwähnten Satz des Kollegen. Ich habe aber nie versucht, mich anzupassen oder besonders „unauffällig“ zu sein. Im Gegenteil – ich habe mein Auftreten als Frau immer als Teil meiner Stärke gesehen.
Und wenn mir eine Tür vor der Nase zugeschlagen wurde, habe ich nicht lange nach der Ursache gesucht, sondern eine andere Tür genommen. Entscheidend ist, dass man sein Ziel erreicht. Denn am Ende geht es nicht darum, ob Frauen dazugehören, sondern darum, dass sie ihren Platz selbstbewusst einnehmen.
MC: Autorität wird gesellschaftlich oft noch mit Männlichkeit assoziiert. Spürst du das in deinem Berufsalltag?
AS: Nein, das spüre ich nicht. Entscheidend ist aus meiner Sicht vielmehr, wie ich meinen Berufsalltag für die Beteiligten gestalte.
Man vergisst oft, was jemand gesagt hat, aber nicht, wie man sich in einem Gespräch gefühlt hat. Viele kommen zu einer Beurkundung mit einer gewissen Nervosität. Mir ist wichtig, diese Anspannung zu nehmen und daraus einen Termin zu machen, der sich klar, richtig und gut anfühlt.
Autorität entsteht für mich nicht durch Auftreten oder Geschlecht, sondern durch Vertrauen.
MC: Wie reagieren Mandant:innen, wenn sie einer jungen Frau gegenübersitzen, statt dem erwarteten älteren Herrn im Anzug?
AS: Die meisten Beteiligten informieren sich heute sehr genau und entscheiden bewusst, zu welchem Notar sie gehen. Deshalb wissen sie in der Regel auch, wer ihnen gegenübersitzen wird.
Nicht selten erlebe ich sogar, dass Menschen ganz gezielt eine Notarin für ihre Angelegenheit wählen.
MC: Siehst du deine Instagram-Präsenz auch als eine Form von Aufklärung oder sogar als feministische Arbeit?
AS: Ich sehe meine Präsenz vor allem als Aufklärung über einen Beruf, der für viele Menschen im Alltag eine große Rolle spielt und gleichzeitig erstaunlich wenig sichtbar ist.
Wenn dadurch zudem deutlich wird, dass auch Frauen diesen Beruf ganz selbstverständlich ausüben, freut mich das umso mehr.
MC: Welche Reaktionen bekommst du von Frauen?
AS: Unglaublich positive. Manche Frauen schreiben mir, dass sie sich nach meinen Beiträgen zur notariellen Fachprüfung angemeldet haben.
Einmal im Jahr lade ich außerdem am Weltfrauentag Juristinnen oder solche, die es werden möchten, in meine Kanzlei zu der Veranstaltung „give a girl a robe“ ein und erzähle von dem beruflichen Alltag. Mein Ziel ist es, mehr Frauen für diesen Beruf zu begeistern.
Besonders schön ist es, dass ich inzwischen auch schon von ehemaligen Teilnehmerinnen gehört habe, welchen Einfluss diese Veranstaltung auf ihren weiteren beruflichen Weg hatte.
MC: Glaubst du, dass Sichtbarkeit langfristig zu mehr Diversität im Notariat führen kann?
AS: Ja. Ja, und nochmals ja.
Sichtbarkeit verändert Bilder in den Köpfen. Wenn man über viele Jahre immer das gleiche Bild eines Berufs gesehen hat, dann braucht es neue Perspektiven, um zu zeigen, dass auch andere Wege möglich sind.
Je mehr Frauen diesen Beruf sichtbar ausüben, desto selbstverständlicher wird es für die nächste Generation, sich genau diesen Weg ebenfalls zuzutrauen.
MC: Was würdest du einer jungen Frau sagen, die Notarin werden möchte, sich aber fragt, ob sie „in diese Welt passt“?
AS: Dass sie sich diese Frage gar nicht erst stellen sollte. Viel interessanter ist doch die Frage, wie sich diese Welt verändert, wenn sie Teil davon wird.
Das Notariat braucht kluge, verantwortungsbewusste Menschen mit Haltung. Und diese Eigenschaften haben nichts mit Geschlecht zu tun.
MC: Wann hattest du zuletzt das Gefühl, dass genau deine Perspektive als Frau in diesem Beruf einen Unterschied gemacht hat?
AS: Neulich saß ein Ehepaar bei mir am Tisch. Es ging um eine notarielle Vereinbarung. Während wir über Details und Gestaltungsmöglichkeiten sprachen, hatte ich das Gefühl, dass die Frau immer unsicherer und stiller wurde.
Ich habe sie schließlich direkt darauf angesprochen und gefragt, ob sie das wirklich so möchte. Nach einem kurzen Zögern sagte sie sehr entschlossen, dass sie sich mit der Regelung nicht wohlfühlt.
Einige Zeit später rief sie mich noch einmal an, bedankte sich und sagte, dass sie ihre Bedenken nur deshalb offen äußern konnte, weil sie sich von mir als Frau verstanden fühlte.
Ich tue mich grundsätzlich schwer mit Klischees. Aber manchmal merkt man doch, dass es einen Unterschied machen kann, wer am Tisch sitzt.
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