Heute: Nina Heyd
Gründerin CAPULET Jewelry
Learning 1: „Lebe deinen Traum“, reicht nicht, um ein erfolgreiches Business aufzubauen! Es braucht einen 3-Jahres-Plan – Langfristigkeit, Risikobereitschaft und Puffer auf allen Ebenen.
Learning 2: Man muss Work und Life nicht unbedingt trennen – Work darf auch Life sein, wenn es Spaß macht!
Learning 3: Die Person hinter einer Marke ist wichtig – auch in der Außenwirkung. Auch wenn man das Risiko damit eingeht, von einigen nicht gemocht zu werden.
Jule Gölsdorf: Du hast dein Label 2010 gegründet, hast im vergangenen Jahr 15-jähriges Jubiläum gefeiert? Wie war das für dich?
Nina Heyd: Das war krass, wir haben sehr groß gefeiert – auch mit vielen Prominenten, als ich da aus der Location kam und die Fotowand gesehen habe mit dem Logo – da hatte ich tatsächlich einen Moment, in dem ich kurz richtig stolz war. Da dachte ich wirklich: Wow! Verrückt, was in den letzten 15 Jahren passiert ist.
JG: Welches Fazit ziehst du aus 15 Jahren Selbständigkeit?
NH: Viele! Mich selbständig zu machen war die beste Entscheidung meines Lebens – es macht mir jeden Tag Spaß! Was natürlich nicht bedeutet, dass es nicht stressig ist oder es keine Hindernisse gibt und ich mich nicht dauernd frage: Wie soll ich das alles schaffen?
JG: Hattest du gar keine Zweifel daran, zu gründen?
NH: Nein, ich bin natürlich heute eine komplett andere Nina, als noch vor 15 Jahren. Damals war ich wild, kreativ, hatte diese Idee von dieser ganz bestimmten Schmuckart im Kopf. Heute bin ich immer noch kreativ, aber total business-driven, die Zahlen sind wichtig, mir geht es um Wachstum, um Skalierung. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so viele Mitarbeiter haben werde. Damals wollte ich eigentlich nur Kunst machen und in Schönheit und Frieden sterben! Jetzt gehören wir zu den bekanntesten Schmuck-Labels in Deutschland – gerade, wenn es um Handwerk geht, fallen wir den Leuten mit als erstes ein.
JG: Es gab ja auch viele Prominente, die deinen Schmuck getragen haben, wer ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
NH: Um ehrlich zu sein, ich gehe mit den prominenten Namen nicht hausieren. Aber klar, Lagerfeld, Jonny Depp – die fand ich schon cool! Iris Berben, die war in meinem kleinen, ersten Store. Nena hatte ich auf dem Anrufbeantworter. Lagerfeld hat natürlich auch gleich die Verbindung zu Shakespeare und Romeo & Julia hergestellt – und hat die Kette dann viel getragen. Auch Lenny Kravitz ist dabei – natürlich klingt das toll. Aber für mich selber ist das nicht so wichtig, ich bin gerührt, wenn ich Nachrichten von ganz normalen Kunden bekomme, die mir schreiben, dass sie Monate auf das erste Capulet-Stück gespart haben. Oder wenn sie meinen Rat wollen, was die Gravur für ihre Eheringe angeht oder sie Krankheiten überstanden haben und sich mit Schmuck belohnen wollen. Da bekomme ich Gänsehaut – wir arbeiten ja sehr personalisiert – und in einem Schmuckstück steckt so viel Emotion! Ich liebe es, die Menschen mit Schmuck zu begleiten. Ich fühle dann selber, dass der Schmuck etwas Besonderes ist.
JG: Es gibt viele verschiedene Label, auch viel Konkurrenz – auch große. Warum funktioniert dein Label so besonders gut?
NH: Das Besondere ist die komplette Personalisierung, sowohl in der Beratung – auch per Video – bis hin zur Produktion. Jedes Stück wird ja individuell gefertigt. Wir haben kein Lager, auf das wir zurückgreifen. Wir schmieden deinen Ring, in deiner Größe, in deinem Gold, mit deiner Gravur. Auch wenn zwei Menschen den gleichen Ring wollen – der wird nie hundertprozentig gleich aussehen. Wir schreiben auch immer eine persönliche Karte, wir kennen unsere Kunden. Das ist natürlich Aufwand und wir haben dafür extra Personal – aber ich liebe das!
JG: Ein Thema bei einer Firma, die wächst, ist die Rolle der Führungskraft – da musstest du reinwachsen. Wie war das für dich?
NH: Ich bin ein Fan von Karma. Wie ich mich als Mensch verhalte, hat ja auch Einfluss auf eine Führungsposition. Ich war ja auch ein paar Jahre angestellt früher, habe als Redakteurin gearbeitet, das heißt, ich habe auch Erfahrung damit, wie es ist, da kleinste Rädchen im Getriebe zu sein – und habe gemerkt, wie es ist, wenn nicht besonders gut mit dir umgegangen wird. Natürlich braucht man diese Erfahrung nicht, um ein guter Chef zu sein, aber es hilft. Meinen Mitarbeitern soll es gut gehen, ich kontrolliere die auch nicht dauernd, Vertrauen ist eine gute Voraussetzung. Ich denke, ich habe ein gutes Händchen, Mitarbeiter miteinander zu kombinieren. Es kann nicht jeder gut mit Gold arbeiten, anderen sind nicht gut im Kundenkontakt – das muss man erkennen. Ich spreche auch im Einzelgespräch mit den Mitarbeitern, weil ich wissen will, wie es ihnen geht. Klar, ein Mitarbeiter soll kein bester Freund sein, er muss schon auch was leisten – das musste ich lernen. Ich habe wirklich ein tolles Team, mit wichtigen Kompetenzen – und ich stelle mich vor meine Leute wie eine Löwin! Ich spreche auch lieber von Kollegen, als von Mitarbeitern.
JG: Klar – so lange alle performen, ist es leichter – aber du hast den Hut auf – und musst auch unangenehme Gespräche führen?
NH: Man sollte sich Zeit nehmen – Mitarbeitergespräche in fünf Minuten funktionieren nicht. Und ganz wichtig: Zuhören. Ich versuche, meine Mitarbeiter erstmal reden zu lassen. Chefs neigen ja oft dazu, immer Ausrufezeichen setzen zu wollen. Ich würde jedem empfehlen, lieber mit Fragezeichen zu arbeiten – egal in welcher Branche!
JG: Als du gestartet bist, war Skalierung eher ein Fremdwort für dich, du musstest da reinwachsen. Welche Stolpersteine gab es konkret?
NH: Es gab einige – beispielsweise ist im letzten Jahr der Silberpreis um 100 Prozent gestiegen, kein Kunde versteht, wenn ich den Preis komplett auf ihn umlege. Was das Material angeht, gibt es viele Themen. Ich musste lernen, langfristig zu planen – dann bekommt man auch die besseren Budgets. Und es braucht eine Risikokalkulation. Auch was die Verpackung angeht – wir hatten mal sehr viele Bestellungen, aber die Schatullen wurden nicht geliefert. Ich bestelle jetzt nicht mehr 100, sondern 2000 – ist auch umweltbewusster. Es braucht Langfristigkeit, Risikobereitschaft und Puffer auf allen Ebenen – Budget, Ausfälle wegen Krankheiten, das muss man alles einkalkulieren.
JG: Spannend ist ja die Preisgestaltung – man muss bei der Firmengründung ja überlegen, in welchem Preissegment man unterwegs sein will – Materialwert, Marge ,Konkurrenz – das sind ja nicht ganz leichte Themen?
NH: Ich hab mich wenig an der Konkurrenz orientiert, ich habe meine eigenen Ideen – viel zu viele, um ehrlich zu sein! (lacht). Ich hab mir immer vorgestellt, dass es schön wäre, wenn jeder meiner Kunden ein großes Latinum hätte – weil ich ja viele lateinische Zitate nutze und eine große Affinität zu Literatur und Klassik habe. Bei den Materialkosten müsste ich eigentlich mehr verlangen, aber ich versuche lieber, Prozesse zu optimieren, weil ich nicht nur Superreiche als Kunden möchte. Ich bin so glücklich über unsere Community, wir haben Kunden, die haben eigene Capulet-Bücher, in denen sie ihre Ideen für das nächste Capulet-Schmuckstück sammeln. Das ist richtig schön zu sehen.
JG: Was ist für dich das Beste an der Selbständigkeit?
NH: Freiheit! Ich hatte noch nie ein Problem mit Disziplin – eher damit, runterzukommen. Das kennt sicher jeder, der eine eigene Firma hat, es gibt halt keinen Feierabend, keinen Urlaub, kein Wochenende. Aber ich würde das nicht machen, wenn ich es nicht gut finden würde. Und immerhin: In der Theorie habe ich keinen Wecker – natürlich auch nicht nach hinten raus. Ich sitze manchmal bis nach Mitternacht am Schreibtisch. Aber die gestalterische und kreative Freiheit ist toll! Alles ist meine Entscheidung!
JG: Wie achtest du darauf, dich selbst und deinen Körper nicht zu überfordern?
NH: Klar, das ist ein Problem, Menschen sagen mir manchmal: Du lebst ungesund. Und das stimmt – Red Bull und Knorr Pasta gehören bei mir zum Alltag. Aber ich feiere mich jetzt auch nicht dafür, was für ein krasser Leistungsträger der Gesellschaft ich bin – das wäre peinlich. Aber – diese Diskussion um Work-Life-Balance geht mir auf die Nerven! Wir haben doch so viel Freiheit, was die Auswahl und Gestaltung der Jobs angeht – das ist doch das größte Geschenk. Jeder kann wechseln, wenn er unglücklich ist. Wir leben ja nicht mehr so, wie die Generationen vorher – die 40 Jahre lang das gleiche gemacht haben. Ich muss nicht zwischen Work und Life trennen. Ich mag es, wenn Work auch Life ist – und das Spaß macht! Ich musste mit der Einstellung der Gen-Z erstmal klarkommen – die haben Forderungen, die wären mir mit 20 nicht eingefallen. Da habe ich zwei Herzen in der Brust, einerseits denke ich – sag mal geht´s noch? Andererseits denke ich – Respekt! Aber generell mag ich kein Gegeneinander – wir sollten uns die Hände reichen und miteinander klarkommen.
JG: Wie wichtig bist du als Person in der Außenwirkung für dein Label?
NH: Wahrscheinlich wichtiger, als ich es mir wünschen würde. Die ersten Jahre habe ich in Sachen Social Media wenig gemacht und mich persönlich zurückgehalten – da habe ich nur den Schmuck fotografiert und nicht mich selbst. Ich hatte auch ein bisschen Sorge, wie ich als Person ankommen würde – bzw. Angst vor Schubladen, in die ich gesteckt würde. Aber jetzt sind wir eine große Brand – und ich sage immer wir, es ist ja meine, aber ich muss mich selbst schon pushen – damit ich mir nicht doof vorkomme, wenn ich bei Social Media aktiv bin. Aber es ist wichtig – die Leute wollen den Menschen hinter der Marke kennenlernen – und da muss ich auch das Risiko eingehen, dass manche Menschen mich als Person vielleicht nicht mögen. Jetzt stehe ich für Capulet auch gerne mit meinem Gesicht.
JG: Dass Menschen dich in Schubladen stecken – wie häufig hast du das in deiner Karriere erlebt?
NH: Immer mal wieder – ich kenne es, ich hab auch manchmal meinen Freund zu Business-Meetings mitgenommen. Der hat zwar keine Ahnung von Diamanten, aber wenn es um sehr viele Nullen gehen, ist es besser, einen Mann für die Glaubwürdigkeit dabei zu haben. Mittlerweile ist es aber so, dass Capulet für sich steht, ich habe mir da etwas aufgebaut und werde jetzt ernst genommen. Aber da war eben nicht immer so. Aber ich wollte mich auch nicht verändern, mir die Haare abschneiden oder anders färben oder mich nicht mehr schminken, nur um einem Klischee zu entgehen.
JG: Welchen Rat würdest du jungen Frauen für ihre Karriere geben?
NH: Es ist ein Unterschied, ob man sich selbständig macht oder angestellt ist und zum Beispiel sein Gehalt besser verhandeln will. Bei letzterem würde ich immer empfehlen, sich in den Gesprächspartner hineinzuversetzen. Also die Dinge hervorheben, die dem Chef viel gebracht haben – darüber kann man seinen Wert definieren und seine Forderungen stellen. Und da ist es immer gut, konkret zu sein. Frauen ist es immer noch unangenehm, über eine Gehaltsforderungen zu sprechen. Selbständigen würde ich raten, sich nicht nur auf das Motto „Lass alles hinter dir und lebe deinen Traum“ zu setzen. Klar, ist es toll, einer Leidenschaft nachzugehen. Aber ein 3-Jahres-Business-Plan ist wichtig! Und wenn du das mit KI machst. Nur mit Leidenschaft kann man keine Miete bezahlen!
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
NH: Mein Geschenk kratzt gerade an der Tür! Mein Hundebaby! Der macht mich jede Sekunde glücklich! Ein Test war sicher der Umgang mit Mitarbeitern – da habe ich viel erlebt in den vergangenen Jahren. Das hat meine Geduld getestet und auch eine Faszination für Menschen hervorgebracht. Aber meine Mitarbeiter und die Community ist auch ein Geschenk. Das sind Menschen mit Hirn und Herz – da ist so viel Hingabe, meine Mitarbeiter gehen auch gerne mal die Extrameile. Eine Strafe wüsste ich nicht – klar sind mir auch schlimme Sachen im Leben passiert, die mich geprägt haben, aber ich würde das nicht als Strafe bezeichnen. Ich kenne keine Reue – überlege mir wichtige Entscheidungen vorher. Und meistens lernt man ja auch daraus! Wenn überhaupt sind meine Strafe die ständigen Strafzettel, wenn ich falsch parke.
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