Heute: Nora Naisbitt
Gründerin und CEO Amatrius
Learning 1: Veränderungen sollte man annehmen, weil sie einem einen neuen Weg zeigen. Verliere nicht die Lust, sondern interpretiere es positiv!
Learning 2: Eine Marke braucht eine klare Branding-Struktur. Der eine Name muss im Fokus stehen – und nicht verschiedene Untermarken.
Learning 3 Unternehmer zu sein, ist nicht einfach, man wird immer mal wieder vor auf den ersten Blick unlösbaren Challenges stehen– da darf man nicht die Nerven verlieren.
Jule Gölsdorf: Ihr macht Düfte nicht nur, weil sie gut riechen, sondern weil sie Einfluss auf die Stimmung haben. Wie funktioniert das?
Nora Naisbitt: Wir Menschen verfügen ja über mehr als 350 Riechrezeptoren, die im gesamten Körper und unseren Organen verteilt sind. Dieser Vorgang funktioniert wie ein Schlüssel im Schloss und löst eine biochemische Reaktion aus die direkt in unserem Gehirn wirkt, in unserem Emotionszentrum. Weit bevor wir diese wissenschaftlichen Erkenntnisse hatten, kannten wir schon Aromatherapie, heute können wir für die Zusammensetzung unserer Düfte echte Erkenntnisse aus der Forschung, unter anderem von Hanns Hatt, verwenden – nicht nur in der Nase, und über die werden, je nach Duftnote, unterschiedliche Signale an das Gehirn gesendet. Wir nutzen Erkenntnisse aus der Forschung, die mit der Aromatherapie angefangen haben, für unsere Düfte.
JG: Und welche Wirkung ist dabei besonders erwünscht?
NN: Konzipiert wurden die Düfte so, dass sie alles erfüllen, was man an Unterstützung braucht. Morgens geht es einem vielleicht schlecht, weil man so viel vor sich hat, vielleicht geht man eher in die Depression als in die Freude, und durch „Enjoy Me“ regen wir uns an den Tag positiv und wach zu starten. Wenn man den ganzen Tag herumläuft, von Termin zu Termin hetzt, hilft „Unplug me“ – einfach kurz den Stecker ziehen, eine Pause machen. Wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt, da warten der Mann und die Kinder und es steht ein Abendessen an oder eine Party und eigentlich möchte man nur auf der Couch liegen, passt „Recharge me“, das lädt die Batterien auf und macht Lust auf Neues und auf Abenteuer. Bei „Love me“ geht es um die Nähe zu dir selbst, eine liebevolle Umarmung. Es gibt Menschen, die wechseln die Düfte ständig, andere bleiben bei einem. Oder auch bewusst einen Zustand wählen, den sie durch den Duft unterstützen wollen und so einen Erinnerungsanker schaffen der dabei als kleiner Helfer dient. Im therapeutischen Kontext sehen wir, dass die Leute die Präferenz unbewusst nach dem Gemütszustand richten.
JG: Wenn wir auf dein Unternehmen schauen. Du kommst ja von einer Wirtschaftsuni – was war damals dein Karriereziel?
NN: Mit 13 wollte ich in die Werbung oder den Tourismus. Und ich wusste auch, dass ich Kinder haben möchte – am liebsten zwei Mädchen. Das hätte mit dem Tourismus nicht so gut zusammengepasst und Werbung fand ich schon immer spannend. Ich wollte immer genau wissen was gesagt wird, mich hat die Werbung in diesem Medium fasziniert. Nach der Uni bin ich dann zum ersten Internetprovider Österreichs gegangen erst als Assistentin, dann wurde ich Werbeleiterin nach 2 Wochen deren Werbeleiterin. 6 Monate später wurde ich von einem Headhunter zu Mediacom, einer der größten Mediaagenturen der Welt, als Direktorin für Zentral und Osteuropa, geholt. Anfangs als so junge Frau eine große Herausforderung, aber in meinen 10 Jahren als Leiterin dieser Region habe ich mit meinen Kunden die tollsten Ziele erreicht.
JG: Du hast für viele tolle Marken gearbeitet, Mars, H & M, Nike – was hast du aus der Zeit für deine Selbstständigkeit mitgenommen?
NN: Ich habe gelernt, wie man Marken macht, also wirklich durch ganzheitliche Strategien – und vor allem auch, wie man es nicht macht! Stichwort Rebranding – da habe ich gesehen, was die Schwierigkeiten dabei sind, wie man auf die Marke achten muss, wenn man sie entwickelt.
JG: Gibt es ein No-Go beim Markenaufbau?
NN: Lieber auf Untermarken verzichten – es braucht eine klare Branding-Struktur. Natürlich machen wir mit Amatrius auch verschiedene Sachen, zum Beispiel Experiences oder Salons, also verschiedene Veranstaltungen. Aber der Markenname ist wichtig – ich kann nicht das eine Amatrius Experience nennen und das andere Nora Naisbitt Salon – das wäre schwierig. Man muss den Wert, den man aufbaut, bewusst wahrnehmen und pflegen. Aber die Teilbereiche sind spannend,denn wir bieten wir unseren Kunden mehr als nur Wirkduft oder Naturkosmetik. Wir geben ihnen Tools, mit denen sie in ihren Alltag integrieren können und bringen nach und nach holistische transformative Experiences mit ins Angebot.
JG: Uns interessiert die Rolle der Frau im Beruf. Wie war das für dich im Vergleich – als Frau im Konzern und als Unternehmerin?
NN: In der Agentur wollte damals niemand von Wien oder Deutschland aus Verantwortung für Osteuropa übernehmen oder gar ständig in diese Länder reisen. Da ich das Business dann von Beginn an profitabel aufgebaut habe, hatte ich große gestalterische Freiheiten. Es fühlte sich fast wie mein eigenes Unternehmen an. Der Konzern brachte für mich daher kaum Nachteile mit sich. Mit 24 Jahren als Frau Direktorin für die Region zu sein, war allerdings eine besondere Herausforderung. Vor allem bei den ersten Treffen nahmen mich manche Männer nicht sofort ernst, eine 24-jährige Frau in einer solchen Position entsprach offenbar nicht ihrem Weltbild. Da ich dann noch in High Heels und kurzem Kostüm auftrat, verstärkte das die Vorurteile zusätzlich. Es brauchte Zeit, mir den nötigen Respekt zu erarbeiten, einerseits durch klare Ergebnisse und Leistung, andererseits auch dadurch, dass ich mich weder fachlich noch bei einem gemeinsamen Abendessen „unter den Tisch trinken“ ließ.
JG: Was würdest du jungen Frauen diesbezüglich empfehlen?
NN: Sich nicht beeindrucken lassen, fachlich und kompetent weitermachen – wenn man da stark genug ist, kann einem nichts passieren. Sich nicht einschüchtern lassen! Und man sollte die Vorteile, die man als Frau hat, auch nutzen. Wenn man mit dem Charme spielen kann, warum nicht?!
JG: Irgendwann hattest du dann die Idee zu den Düften – und der Grundstein dazu lag in deinen Vorfahren?
NN: Ich habe sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits spannende Vorfahren. Mütterlicherseits war ein Ur-Großvater Magnetiseur – der wurde aus Österreich an den französischen Hof geholt – der hat mit den Händen geheilt. Ich habe damit auch schon früh angefangen – und meiner Mutter, als ich 7 Jahre alt war, zum Beispiel die Kopfschmerzen genommen. Ein anderer Großvater war der erste alternativmedizinische Arzt in Österreich, in Wien. Ich glaube, dass meine größte Tugend der Mut ist, den ich habe, sonst hätte ich mich nicht getraut, das alles zu machen. Den Mut habe ich als Urkraft von meiner Familie mitbekommen.
JG: Du hast ja wirklich viel gemacht, eine Ausbildung zur Trauma-Therapeutin, du hast TCM integriert, gab es einen Auslöser dafür, es gab ja kein Trauma, oder?
NN: Jeder hat irgendein Trauma, ich glaube, es gibt keinen Menschen, der frei von Trauma durch das Leben geht. Da wir mit Experten in verschiedenen Bereichen arbeiten, welche die Düfte in therapeutischer Hinsicht integrieren, wollte ich dieses Handwerk auch lernen. Nur wenn man sich selbst mit der Materie auskennt, kann man beurteilen, wie gut jemand anderer ist. Der Ursprungsgedanke war eigentlich ein Institut für innere Schönheit, das ich hätte in Hamburg eröffnen sollen – da wollte ich Düfte integrieren. Um zu wissen, wer dort arbeitet kann, brauchte ich die nötigen Kompetenzen. Ich habe da auch selbst viel ausprobiert, Psychotherapie aber auch Psychopharmaka – unter Anleitung eines Arztes. Es ging um mentale Gesundheit – aber die Düfte sollten helfen, die Abhängigkeit von einem Therapeuten zu verringern – als kleiner Therapeut in der Tasche.
JG: Gab es in deiner Karriere Stolpersteine – und wie hast du diese wahrgenommen?
NN: Ich habe die Idee ja erstmal nebenbei geboren – das Thema innere Schönheit, dann kamen die Düfte dazu – aber das war ein langer Weg! Irgendwann stand alles, ich hatte mein Institut in Hamburg und wollte starten, wir hatten Behandlungsräume, Kooperationen besprochen und dann kam die Pandemie und zerschießt alles! Das war ja nicht wie bei anderen Unternehmen, die das nur durchhalten mussten. Wir hatten ja noch keine Einnahmen, sondern nur Ausgaben. Da erstmal loszulassen und zu sagen: Irgendeinen Sinn wird das haben. Der Sinn war offenbar: Ich sollte nicht in Hamburg bleiben. Ich habe mich von einem Mann getrennt, Hamburg wäre nicht der richtige Ort gewesen. Ich brauche Wärme, ich brauche Berge. Der Ort, an dem ich jetzt wohne, gibt mir so viel mehr Kraft! Man muss Veränderungen positiv nehmen, die Lust nicht verlieren. In der Pandemie habe ich dann meine wirkliche Berufung entdeckt und auch den neuen Standort.
JG: Düfte sind für viele wichtig, viele lassen sich aber von einem großen Namen leiten. Wie habt ihr die Menschen davon überzeugt, dass es nicht die große Brand sein muss und dass Düfte eine Wirkung haben können?
NN: Heutzutage lieben die Leute, wenn man anders ist – wenn man etwas hat, was die anderen nicht haben. Das ist doch attraktiver, als einen großen Duft zu tragen, den jeder zweite ebenfalls nutzt. Wir hören oft, dass unsere Kunden angesprochen werden, dass sie so gut riechen.
JG: Ihr geht ja auch auf die Persönlichkeit ein – online kann man einen Test machen?
NN: Ja genau, in den Anfängen meiner mentalen Gesundheitsphase habe ich einen gerichtlich beeideten forensischen Psychologen kennengelernt. Er hat für uns einen wissenschaftlich basierten Fragebogen entwickelt. Dieser führt das Menschen zu dem Duft, den sie gerade brauchen.
JG: Was würdest du jungen Gründern mitgeben und wem würdest du raten, ein eigenes Unternehmen zu gründen?
NN: Da sind wir wieder beim Thema Mut. Unternehmer zu sein, ist nie einfach, es gibt immer wieder Momente, in denen man scheitert. Da darf man nicht die Nerven verlieren. Es ist auch eine finanzielle Herausforderung, da muss man sich drauf vorbereiten. Und es ist immer gut, einen Mentor zu haben – ich hatte meinen Stiefvater, ein Trendforscher, so ein Mentor gibt viel Kraft! Jede Inspiration, die in die Richtung geht, sollte man sich holen! Ich würde dazu raten, eine systemische Aufstellung zu machen zu dem Thema. Jede Unterstützung ist richtig! Es gibt auch tolle Frauennetzwerke, wo sich Frauen einander unterstützen, das hat sich positiv verändert. Ich glaube, die Zeit, in der sich Frauen nur mehr in den Rücken fallen ist vorbei. Viele Frauen erkennen, dass es eher was bringt, sich zu unterstützen. Auch ein Tipp: Themenspezifische Kongresse – auch da kann man viel lernen und networken.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
NN: Es war für mich eine echte Prüfung, mich nicht blenden zu lassen. Viele Menschen kommen mit wohlklingenden Versprechen und bieten ihre Unterstützung an – das hört sich gut an, kann einen aber auch vom eigenen Weg abbringen. Umso wichtiger ist es, sich selbst treu zu bleiben. Dabei habe ich Fehler gemacht und bin auch mal auf die Nase gefallen. Ein großes Geschenk sind meine Töchter – genauso habe ich sie mir gewünscht. Ich habe sie überallhin mitgenommen. Die Kehrseite davon war, dass sie abends oft nicht schlafen wollten. In den ersten vier Jahren habe ich daher kaum geschlafen. Doch das war keine wirkliche Strafe, sondern trotz aller Müdigkeit eine sehr schöne und intensive Zeit.
Heute schlafen wir alle bestens. Ich schlafe inzwischen so tief, dass ich sogar einmal einen Hotelalarm verschlafen habe. Urvertrauen, welches wir durch unsere Eltern in frühester Jugend erlernen, ist essenziell und verhilft uns zu gutem Schlaf. Den benötigen wir im Privaten, für unsere Gesundheit, ebenso wie für unsere Performance im Business. Genauso wichtig sind gesunde Ernährung und vor allem auch soziale Kontakte, um im Leben ganzheitlich glücklich zu sein.
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