Wer noch das ein oder andere Vintage-Schätzchen seines Opas besitzt, kann sich freuen, denn jetzt wollen wir genau so aussehen, als hätten wir uns im Kleiderschrank unseres Großvaters verirrt. Der einzige Unterschied: Dieses Jahr stylen wir den klassischen Look etwas anders.
Ein Blazer, der ein bisschen zu groß ist, ein Pullunder, der mehr nach Sonntagsspaziergang als nach Trend aussieht und Loafer mit hohen Socken – das, was wir früher kritisch beäugt haben, ist jetzt großer Trend. Seit geraumer Zeit ploppen immer mal wieder Stilrichtungen auf, in die wir uns vor Jahrzehnten schon einmal begeben haben, so auch der Grandpa Core. Alexander McQueen hat uns erst kürzlich gezeigt, dass dieser lässige Look wiederkommt, allerdings moderner und müheloser als je zuvor.
Seien wir mal ehrlich: Unser Großvater war nie so wirklich für Mode zuständig. Und genau darin liegt seine Eleganz. Wenn wir heute seinen Stil übernehmen, dann nicht aus Ironie, sondern aus Sehnsucht nach Beständigkeit. Auf den ersten Blick lebt der Trend von lockeren Silhouetten und Mustern, die wir gar nicht so wirklich auf dem Schirm haben. Die Hosen sind hoch geschnitten und Pullover sehr fein oder sehr grob gestrickt. Loafer runden das Gesamtbild ab, aber noch viel wichtiger: Nichts zwickt, sitzt unbequem oder formt seltsam. Und genau das macht den Style so stark. Der Grandpa Core steht für Langsamkeit in einer schnellen Modewelt. Für Kleidung, die nicht nach fünf Minuten unerträglich wird oder nach zweimal tragen den Reiz verliert. Für Outfits, die nicht altern, sondern bleiben wollen.
Foto: Launchmetrics
Damit der nostalgische Grandpa Style nicht einfach nur wiederkommt, wie er gegangen ist, braucht es einen klaren Gegenpol. Der moderne Twist entsteht 2026 durch bewusste Brüche: klassische Silhouetten treffen auf cropped Schnitte, alte Materialien auf neue Proportionen und das ein oder andere Muster wird gekonnt kombiniert. Baum und Pferdgarten setzt in ihrer Resort Kollektion für dieses Jahr auf klassische Kleidungsstücke wie die weite Bundfaltenhose. Für den modernen Dreh gesellt sich ein verkürztes Hemd in Lederoptik dazu. Die ebenfalls dänische Brand By Marlene Birger lockert den relativ steifen Look mit eleganten Schuhen wie Kitten Heels auf und Chanel setzt auf weite Low-Waist-Jeans zum Opa Pulli. Das japanische Modehaus Undercover stylt den Grandpa-Look sportlich und präsentiert eine weite Bomberjacke mit Faltendetails.
Dieses Jahr spielen wir mit Längen, Material-Kombis und prunkvollen Accessoires. Der Schmuck darf laut Alexander McQueen funkeln und groß sein, die Taschen freuen sich über Anhänger und Tücher jeglicher Art wie bei Stella McCartney und dass Sonnenbrillen ganz unverfroren da sein dürfen, zeigt Missoni. Auch Muster dürfen gemixt werden – aber bitte dezent. Ein karierter Oversized-Blazer wie der von Chanel trägt sich am besten über einem Strickpulli mit Print und das Hemd darunter darf einfarbig und nonchalant existieren. Die Farbpalette wird durch die ein oder andere knallige Farbe erweitert, denn nur auf Beige, Braun und Dunkelgrün setzen wir dieses Jahr nicht.
Dass vergangene Stile immer wieder auftauchen, ist kein Zufall. Mode funktioniert wie ein riesiges Archiv, in dem wir ab und zu stöbern. Sie bewegt sich in Zyklen, weil sie immer auch ein gesellschaftlicher Spiegel ist. In Zeiten von Unsicherheit, Beschleunigung und permanenter Reizüberflutung greifen wir bevorzugt auf bereits Bekanntes zurück. Vergangene Stile bieten Orientierung, weil sie historisch verankert sind und eine ganz eigene Persönlichkeit haben. Sie müssen nicht neu verhandelt werden. Besonders interessant ist dabei die Sehnsucht nach Epochen, die wir selbst nie erlebt haben, aber einmal erleben wollen – auf unsere Art und Weise. Vielleicht lieben wir Grandpa Core, Y2K oder die 80s genau deshalb so sehr: weil sie nach Vergangenheit aussehen, mit einem Hauch Gegenwart und ein bisschen Zukunft.
Fotos: Launchmetrics
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